Kapitel 16

Jenaras Steckbrief gibt Clive ein Gesicht von einer Person, die eine entscheidende Funktion für die Pläne spielt. Die Skizze erinnert an einer Puppe. Eine junge Frau, die zerbrechlich wirkt. Sagenhaft schön. Der Blick unfassbar klar und die Gesichtszüge zu freundlich für eine Dame auf der Flucht. Sicherlich eine Maske. Eine Schutzreaktion zur Verdrängung möglicher Traumata. Kaum zieht Jelko den Steckbrief hervor, nimmt Clive diesen entgegen und streicht über das Papier. Herzog Lysander wirkt besessen von dieser Frau, doch die Gefahr zur Manipulation besteht. Zudem sollte die Gefahr durch ihre tödliche Magie nicht unterschätzt werden. Jenara scheint die Nähe der Menschen zu vermeiden, was die Verhandlung verkompliziert. Zwar wirkt Herzog Lysander zuversichtlich, aber vielleicht unterschätzt er die Gefahr.

„Du erwähntest einen entscheidenden Punkt, Jelko. Als Geist standen dir alle Türen vom Lager offen. Lysanders Gemächer wurden sicherlich nicht ohne Grund angesprochen. Was hast du dort gefunden?“
Clive meint etwas wie Stolz in den Augen seines Gegenübers auszumachen. Untermauert durch ein kurzes Lächeln seitens Jelko.
„Herzog Lysander versteckt seine künstlerische Ader. Ein Atelier voll von Gemälde und Porträts der Hexe Jenara. Seine Vernarrtheit kennt keine Grenzen. Seine Tagebüchereinträge erwähnen jeden Tag aufs Neue seine Träume von ihr. Aber auch seinen Alltag und seine Eindrücke. Daher kann ich dir versichern, dass der Herzog deine Anwesenheit schätzt und dich nicht beabsichtigt zu verärgern, sondern dich als einen Freund und Vertrauten gewinnen will.“
Zu getrübt bleibt der Geist vom Verrat und anderen Emotionen, um die Angelegenheit rational anzugehen. Daher nickt Clive resigniert ab und konzentriert sich auf ein anderes Detail.
„Eigentlich würde mich die Sache nicht betreffen, doch mit der Behandlung von Lazarus ändert sich die Lage. Was weißt du von dem Familiendrama? Und was weißt du über Lysanders Vater?“

Gedrillt auf Ordnung sortiert Jelko die ausgelegten Steckbriefe zurück in den Stapel. Alphabetisch sortiert. Jemand mit System. Wie Clive. Beruhigend, denn Clive hatte so viele Professoren und Lehrlinge angetroffen, die im Chaos versinken. Die Mehrheit würde er sogar als wahre Genies bezeichnen. Mit ihrem ganz besonderen Ordnungssystem, wo sich niemand sonst zurechtfindet. Eine Drehung zum Bücherregal und Jelko schnappt sich ein Notizbuch. Gefüllt mit einer sauberen Schrift. Der letzte Eintrag befasst sich wie der Zufall will mit der gewünschten Thematik. Es zeigt sich, dass Jelko nicht untätig war. In der Zwischenzeit betrieb er umfassende Nachforschungen.



„Haus Kenzarn“, beginnt Jelko ehrfürchtig, „Seit Generationen im Amt der Kriegsberatung und fürs Militäramt zuständig. Gefürchtet aufgrund von Macht, Reichtum und einer teuflischen Strategie, die selbst die anderen Reiche fürchten. Oft übernimmt Haus Kenzarn die Ausbildung der Armee. Selbst die weiblichen Nachkommen gehen in die Grundausbildung und zerfleischen ihre Feinde. Für gewöhnlich sind ehrenvolle Krieger. Doch in Anbetracht der Lage griff Herzog Zyran auf die Gilde der Attentäter zurück, um seine Bastarde aus dem Gefecht zu ziehen. Herzog Zyran gehört zu den wenigen Nachkommen, die Schande über das Haus gebracht haben. Bastarde werden ungern gesehen. Sie stehen für Schwäche und Versagen. Leider kann ich bestätigen, dass sich Lysander als der Nachkomme einer Hexe herausstellt. Die Hexe Nara gehörte zu Herzogs Zyrans Beuteschema. Beschrieben als Engel. Zu schön für diese Welt. So wie auch ihre Magie. Eine Weißhexe, darauf konzentriert die Dunkelheit mit Licht zu erhellen. Auch Krankheiten und Wunden konnte sie heilen. Herzog Zyran schnappte zu und statt sie zu an Ort und Stelle zu verbrennen, verbrachte er viel Zeit mit ihr. Gefangenschaft und Folter. Bis Lysander geboren wurde und sie nach der Entbindung gerichtet wurde. Herzog Zyran erhoffte sich von der Hexe einen mächtigen Nachkommen. Einen Trumpf für die Familie. Ähnlich wie mit Lazarus und seiner Schwester Clementina. Beides Kinder einer Gefangenen aus dem benachbarten Norden. Laut Lysanders Einträgen stammen die Namen der Kinder aus dem Munde der Mütter. Ein letzter Akt der Gnade, wie Herzog Zyran es immer betitelt hatte.“

Aufgewühlt von den Informationen tritt Clive vom Schreibtisch fern und steuert das Fenster an, um sich von dem Ausblick aufs Meer und der Hafenstadt beruhigen zu lassen. Jelko gibt ihm dabei all die Zeit, die er braucht.
Doch Clive kann seine Gedanken nicht mehr für sich behalten und ärgert sich laut: „Ich gebe zu, viele Hexen bringen Leid über die Leute. Doch wir sollten uns auch die andere Version anhören. Eigentlich darf ich dem Magisterturm keine Schande bereiten, aber…“
Die Wahrheit auszusprechen fällt Clive schwer. Sein Herz kennt die Antwort, doch der Verstand ermahnt ihn an die Folgen. Doch Jelko nickt verständnisvoll.




„Mein Vater würde mich grün und blau schlagen, wenn ich nur daran denke, einer Hexe zu helfen. Ich verdanke meinem Vater alles. Die Grundausbildung, meine Position und eine gute Erziehung. Doch ich bin mit dem Glauben an Gerechtigkeit aufgewachsen und ich sehe die Korruption in diesem Land“, spricht Jelkos Herz.
Clive seufzt erschüttert. Er war sich so sicher. Er mag die Prüfung zum Alchemisten in der Theorie bestanden haben und nur aufgrund dessen als einer praktizieren, doch erst nach einem Jahr Berufserfahrung würde er das offizielle Zertifikat erhalten. Nie hat er daran gezweifelt. Nie hätte er geglaubt, die Reise könne ihn vom Ziel abbringen. Wie er sich doch irrte. Sein Traum liegt in Scherben. Bezug zu der Familie hat er keine. Seine Eltern verkauften ihn in jungen Jahren an den Magisterturm und brachen den Kontakt ab. Die Wissenschaft zog ihn in den Bann und das Studium war eine der schönsten Lebensabschnitte. Die Professoren halten große Stücke auf ihn, sehen einen aufsteigenden Stern in Clive. Was mögen sie von ihm enttäuscht sein, weil er seinem Herzen folgen wird. Doch ein Freund befindet sich in Not und eine Menge Entscheidungen wurden getätigt, um die Verbannung vom Magisterturm abzusegnen. Herzog Lysander sprach die Wahrheit bereits aus. Clive klammert an einem Lügengerüst.

„Ich habe eine Bitte.“ Clive kehrt zurück. Nicht bereit, jemanden länger auszuschließen. „Wenn möglich, dann wäre ich dankbar, wenn du Cuno einladen könntest. Er sollte an dieser Unterhaltung teilnehmen. Du standest in einer ähnlichen Position wie er und deine Denkweise könnte ihn positiv beeinflussen.“
Jelko seufzt entkräftet und Clive fürchtet, sein Freund zweifle den Plan an. Doch stattdessen gesteht der Geist ihm: „Ich kann es versuchen, doch die Illusion aufrecht zu erhalten und die Zeit zu manipulieren zerren an meinem Fokus. Ich fürchte, das Gespräch könnte sich in die Länge ziehen und sollte ich wegtreten, zerplatzt die Blase. Ich kann nichts garantieren. Noch kann ich dich freigeben, doch ich fürchte, du könntest hier festsitzen, wenn ich wegtrete.“
Leider ein Gebiet, auf dem Clive nicht bewandert ist. Vielleicht könnte Gerta Lösungen anbieten, aber auch Sinas Kultur beschäftigt sich mit dem Kontakt zu Geistern. So oder so muss Clive akzeptieren, dass Jelko an seine Grenzen stößt. Sein Freund erkannte eine Chance für eine Einmischung. Seine Sicht gibt Clive interessante Denkanstöße mit. Gelegenheiten, die hätten verstrichen werden können. Hinzukommt, dass Clive nun mehr über Herzog Lysander in Erfahrung bringen konnte.



„Ich verstehe. Allein diese Unterhaltung hat mir sehr geholfen. Ich danke dir von Herzen, Jelko. Und bitte mach dir keine Umstände. Deine Gesundheit hat Vorrang. Daher lass uns dieses Treffen vorerst beenden und sobald du dich erholt hast, können wir die Unterhaltung fortsetzen.“
Einen Entschluss, den Jelko akzeptiert und mit einem Nicken absegnet.
„So sei es. Ich bringe dich zurück auf deine Ebene, aber zuerst mag ich eine Bitte aussprechen.“
Damit weckt er Clives Neugier. „Nur zu.“
„Lazarus wurde nicht eingeladen und doch wandelt er in meiner Illusion. Ich werde darauf achten, dass er ebenfalls den Weg hinaus findet. Doch seine Anwesenheit bereitet mir Sorge. Wärest du so lieb, den Rat der Traumforscherin aufzusuchen. Vielleicht entgeht mir etwas und die alte Dame kennt die Antwort.“
Wie passend. Das passt mit Clives Plänen zusammen.
„Selbstverständlich, ich hatte ebenfalls vor, Gerta aufzusuchen.“
„Gut.“ Jelko nickt zufrieden. „Sei wachsam, Clive. Ich hoffe, du kannst deinen Mitstreiter überzeugen und bist dem Unterfangen gewachsen. Bevor ihr den Stützpunkt der Hexenjäger erreicht werde ich mich noch mal bei dir melden.“

Kaum hebt Jelko die Hand, springen die Türen des Büros auf und offenbaren einen Durchgang hell erleuchtet. Ein Bogen gefüllt mit warmen Licht.
„Der Ausgang, er bringt dich zurück zu deinem Freund Cuno“, verspricht Jelko ihm, „Lazarus wird in wenigen Minuten von mir ausfindig gemacht und ebenfalls erwachen.“
Mit einem dankbaren Nicken und blinden Vertrauen schreitet Clive zum gleißenden Licht. Ohne zu Zögern tritt er über die Türschwelle. Die Lichtstrahlen erfassen ihn und zwingen ihn, die Augen zu schließen, um wenige Sekunden später in einer Schräglage zu erwachen. Zwei Arme halten ihn dabei aufrecht. Clives Augen erfassen den wolkenlosen Himmel und Cunos sorgenvolles Gesicht.
Der Paladin hilft ihm zum sicheren Stand und spricht mit zittriger Stimme zu ihm: „Du bist plötzlich weggetreten und warst nicht ansprechbar. Sicherlich die Erschöpfung, weil du Idiot dich überarbeitest!“
„Ist er wach?“
Eine hektische Stimme, die Clive unter Tausenden wiedererkennen würde. Tatsächlich stürmt Sina mit einem Korb herbei. Cuno handelt und führt Clive zu einer der Kisten, um ihn hinunterzudrücken. Sina nimmt ebenfalls Platz und stellt den Korb zwischen sie. Kaum schlägt sie das Tuch fort, erblickt Clive eine große Auswahl reifer Früchte und einem Krug. Sina kramt nach einem Becher und befüllt diesen mit Wasser. Der Becher wird ihm einfach in die Hand gedrückt, doch statt diesem Beachtung zu schenken, macht Clive Lazarus aus, der bewusstlos auf der anderen Kiste liegt. Lysander kniet neben seinen Bruder und verdeckt sein Gesicht, als fehle ihm die Kraft für die Prüfungen.



Trotz der lieben Geste stellt Clive den Becher ab und kämpft sich auf die zittrigen Beine. Cuno schimpft ihn beim Namen, doch Clive blendet seinen Freund und nähert sich Lysander.
„Seid unbesorgt, Euer Bruder kommt gleich zu sich.“
Tatsächlich blickt der Herzog auf und atmet tief aus, als müsste er sich für weitere Gespräche motivieren.
„Wie kannst du dir so sicher sein, Clive?“
Jelkos Präsenz will Clive vorerst verschleiern, daher beugt er sich hinab und tastet nach einem Puls.
„Wie ich vermute, gibt es keinen Grund zur Sorge. Euer Bruder hat mich heute mehrmals überrascht. Ist er überhaupt ein Mensch?“
Lysander entweicht ein Lachen. Eins voller Unglaube und Verzweiflung.
„Das haben mich schon viele gefragt und ich selbst staune über die Vitalität meines Bruders. Seine Mutter stammt aus dem Norden. Von einem barbarischen Volk, bekannt für starke Krieger und Raubzüge. Wir haben unsere Mütter nie kennen gelernt, aber ich hörte vom Norden. Ein Volk, das unser Königreich nicht ohne Grund gut im Auge behält, denn unser Land Magnolde mag eine starke Armee aufweisen, aber der Norden kämpft ohne Furcht vor dem Tod und Verlusten. Wie Lysander. Wenn das Nordvolk ebenso gut einstecken kann, dann sind wir bei einem Angriff geliefert.“
Dem kann Clive nur zustimmen.

Es folgt eine Einmischung, denn Sina mag sich nicht abschütteln lassen und drängt sich auf. Ein Überfall, wo sie den Becher an seine Lippen ansetzt und ihn zwingt, zu trinken. Vielleicht lieb gemeint, doch Clive verschluckt sich am Ende und hustet. Als Sina ihn auf den Rücken klopft, zeigt sich, dass Clive sie unterschätzte. So viel Kraft hätte er ihr gar nicht zugetraut.
„Du bist zu stürmisch, Sina!“, schimpft Cuno mit ihr.
„Ich wollte nur helfen!“, verteidigt sie sich bissig.
„Das war mehr ein Mordversuch“, kontert Cuno kühl.
Sina mag den Mund zum Konter öffnen, doch ein jeder zuckt schreckhaft zusammen, als Lazarus mit einem tiefen Atemzug erwacht. Mit weit aufgerissenen Augen blickt sich Lysanders Bruder um, um laut zu lachen.
„Dieser Grünschnabel! Hätte nicht gedacht, dass er seine Drohung umsetzt“, bellt Lazarus erheitert.
Sicherlich spricht er von Jelko. Clive könnte nicht stolzer auf den jungen Kommandanten sein, denn selbst nach dem Tod bewies Jelko seinen Mut. Immer aufs Neue. Eine Tatsache, die ihn zum Lächeln bringt. Denn Tapferkeit gehört dazu, sich mit einem Monster wie Lazarus zu messen.



Lazarus‘ Verhalten und Kommentare sorgen selbstverständlich für Verwirrung. Daher sucht Lysanders Bruder den Augenkontakt zu Clive.
„Du hast einen interessanten Freund, Alchemist. Aber sieh mal, was ich mitgehen lassen habe“, spricht er Clive an und hebt eine Flasche Rum hoch.
Eine mit dem Wappen der Sternenburg. Dem goldenen, strahlenden Stern über der Burg. Clive schüttelt ungläubig den Kopf.
„Unmöglich!“
„Ha! Das höre ich oft“, versichert Lazarus ihm, „Wer ist dein Freund und warum können wir die Sternenburg besuchen zu Zeiten, wo diese noch nicht gefallen ist?“
Seine Neugier mag Clive gutheißen, doch gleichzeitig bringen die Fragen eine Menge Ärger. Allein der Blick zu Cuno, zeigt das Misstrauen vom Paladin. Zu leugnen wäre vielleicht nicht ratsam, daher wählt Clive die Möglichkeit, Sina um Rat zu fragen.
„Sina, in deiner Heimat befasst ihr euch mit Geistern. Interaktionen scheinen den Geistern viel Energie zu kosten, wie können wir dagegen wirken?“
Die Angesprochene betrachtet ihn einen langen Moment verunsichert, während Cuno sich seufzend abwendet.
„Na toll! Erneut lässt du dich wieder mit Mächten ein, wo mein Schwert versagt!“, murmelt er brummig.

Sina hingegen klatscht erfreut in die Hände und erkennt: „Jelko hat Kontakt zu dir aufgenommen?“
Ein Nicken und sie macht einen Freudensprung. „Wie aufregend! Du musst mir alles erzählen! Ich bin ja so neidisch, ich will auch mit Geistern reden!“
„Die Nächste, die die Gefahr ausblendet!“, ärgert sich Cuno laut.
Doch Sina blendet ihn aus und schnappt sich Clives Hand, um ihn zurück zum Obstkorb zu entführen. Ihre Neugier ist geweckt und sie überfordert ihn mit einer Menge Fragen. Nur haben sie Zuhörer und Clive tut sich schwer mit den Antworten. Zumal Lysander ebenfalls großes Interesse an der Thematik zeigt. Das zeigen sein intensiver Blick und sein Verhalten als stiller Beobachter.

Wie gut gefällt dir dieses Buch?

Klicke auf einen Stern zum bewerten.

Durchschnitt 5 / 5. Anzahl: 1

Bisher keine Bewertungen

Kommentare