Kapitel 17
Ein künstlich erzeugter Nebel begrüßt jene Gäste des Geisterhauses. Eine Pforte getaucht in rotes Licht. Verkleidetes Personal huscht an Skyla vorbei und springt ihr teilweise vor die Füße. Überwiegend gefasst schreitet Skyla entschlossen ihres Weges, bis auf wenige Male. In unvorbereiteten Momenten, wo ihre Aufmerksamkeit mehr der Suche des kleinen Mädchens bedarf. Obwohl ihre Eltern sie häufig pranken, erschreckt sie sich zwischendurch. Ein beruhigender Atemzug und sie bestaunt die kunstvollen Details der Masken und Kostüme. Ähnlich wie die ihrer Eltern, die besonders darauf achten, dass der Streich so schnell nicht auffliegt.
Es ist jedoch zum Verzweifeln. In den beengten Gängen zwischen Nebel, Spiegeln, Särgen und nachgestellten Wohnwänden aus vergangen Jahrhunderten wird Skyla nicht fündig. Das Mädchen ist wie vom Erdboden verschluckt. Die Besucher des Geisterhauses und die verkleideten Mitarbeiter lenken sie auf der Suche immer aufs Neue ab. Ihr Explosionslevel steigt rapide an. Viel schlimmer ist die Tatsache, dass sich Lukas draußen aufhält. Der Junge, der ihren Zorn immer besänftigt bekommt. Die vielen Einflüsse wirken sich zu extrem auf Skyla aus. Es folgt eine kleine Pause angelehnt an der hölzernen Wand. Die Leute schreiten amüsiert an ihr vorbei, während Skyla sich auf ihre Atmung konzentriert und Kraft für die bestehende Aufgabe tankt. Denn ein Wutausbruch bringt sie nicht weiter.
Wo mag sich das Gör und dieser Plüschbär verstecken?
Ganz langsam schleicht sich der Gedanke ans Aufgeben in ihren Kopf. Skyla hat die Hoffnung fast aufgegeben, da bemerkt sie schwarzen Rauch, der aus den Wänden quillt und spielerisch durch die Luft wirbelt. Die Neugier in ihr wächst und eine Untersuchung hält sie für sinnvoll, schließlich wäre dies bislang der einzige Hinweis. Mit nur einem Schritt nach vorne, stürzt die Schülerin plötzlich hinab. In ein dunkles Loch, das von jetzt auf gleich vor ihr entsteht und nur darauf wartete, Skyla zu verschlingen.
Die tiefe Dunkelheit im Schlund wirkt endlos. Es bietet sich keine Möglichkeit, den Fall zu bremsen. Die Kehle ist trocken und wie zugeschnürt. Der Puls schnellt bedrohlich in die Höhe. Die Bewusstlosigkeit kündigt sich an. Der Kampf um die Kontrolle ihres Körpers erweist sich als kein leichtes Unterfangen. Ständig wollen die Augen zufallen und der Kopf fühlt sich bleischwer an. Der tiefe Sturz entkräftet sie ungemein und doch wäre Skyla ein gefundenes Fressen für das, was dort unten auf sie lauern könne, wenn ihr Bewusstsein verloren geht.
Schwaches Licht durchbricht die Finsternis. Dielen sind in Sicht. Mit den Armen schützend vor dem Kopf kracht Skyla zu Boden. Staub wirbelt auf und reizt ihre Lungen, sodass sie zu husten beginnt. Ein Blick hinauf sorgt für Verwirrung, denn der Ort unterschiedet sich kaum von dem Flur des Geisterhauses. Anders als vorher schwirren schwarze Partikel in der Luft und dunkler Rauch tanzt wie Flammen am Boden. Nach und nach löst sich dieser, um davon zu schweben. Ein leicht rötliches Licht vergibt der Räumlichkeit eine schaurige Atmosphäre.
Ob ein Traum Skyla heimgesucht hat? Oder vielleicht befindet sich irgendein Mittel in dem Rauch. Etwas, was sie halluzinieren lässt. Mit einem mulmigen Gefühl erhebt sich Skyla. Weit und breit befindet sich keine Menschenseele. Vorsichtig setzt sie einen Fuß nach vorne, damit wirbelt sie den Nebel auf. Ihre Schritte schallen beunruhigend laut durch den Raum und für einen langen Moment übertönt der eigene Herzschlag die komplette Geräuschkulisse.
Wie aus dem Kanonenrohr fliegt etwas auf Skyla mit rasender Geschwindigkeit zu. Es ist ein Reflex, der sie vor großen Schaden bewahrt. Denn wie durch ein Wunder schafft sie es, den dämonischen Teddy abzufangen. Angewidert von dem Ausdruck einer wilden Bestie starrt sie in die leuchtend roten Augen. Das Ding fletscht die Zähne und sabbert, als habe es Tollwut. Das Raubtiergebiss lässt den Teddybären nicht gerade freundlicher wirken. Skyla kann nicht wahrhaben, wie ein Kind an solch einer Kreatur festhängen kann. Das Monster aus Watte und Bosheit windet sich in ihrem Griff und schafft es, näher an sie heraufzuklettern. Der Geruch von Schwefel liegt dabei in der Luft.
Die Bärenpfote streicht zuerst sacht über das Gesicht, bevor die Klaue zupackt und frech in Skylas Wange kneift.
Das Wesen drängt sich ihr auf und grinst sie böse an. „So leicht bekommst du mich von Collin nicht getrennt! Willst du dich wirklich mit mir anlegen?“
„Bist du dumm?“ Skyla fasst Mut und lächelt triumphierend. „Jetzt habe ich dich!“
Kaum spricht Skyla zu Ende, wird sie von der Seite umgestoßen und donnert gegen eine Wand. Der Bär löst sich aus ihrem Griff und springt fort. Verärgert blickt Skyla der frechen Kreatur hinterher. Begleitet von dem Kind, das eisern mit dem Plüschbären zusammen arbeitet. Skyla brummt und erhebt sich. Schnell wird die Verfolgung aufgenommen, bevor die beiden über alle Berge sind.
Unfassbar, aber dieser paranormale Besucher hat dieses Kind ebenfalls an diesen düsteren Ort verschleppt. Nur mit dem Unterschied, dass das Mädchen vertrauter mit dieser Welt wirkt. Ihr Vorteil in diesem stillen Loch. Skyla versucht, mit nichts in Berührung zu kommen, was sie nicht kennt. Als ob das kleine Monster dies erkannt hat, setzen sich Gegenstände in Bewegung und sausen ihr um die Ohren. Bislang verdankt sie ihren guten Reflexen, heil davon gekommen zu sein. Bis auf eine Vase, die sich hinter einer Wanduhr versteckte. Das Tongefäß rammt sie wie ein Stier und bringt sie zum Fall. Dumpf landet Skyla auf dem Boden und sieht Lichterpunkte vor ihren Augen tanzen. Benommen liegt sie da und verflucht diese schreckliche Welt. Sie spürt, wie ihr die betroffene Stelle an der Seite anschwillt und mächtig pocht.
„Das gibt eine Beule!“, ruft die kleine Watte ihr zu und bringt Collin damit zum Lachen.
Skyla hievt sich zornig auf die Beine. Ihr Stand ist nicht sicher, denn sie schwankt dabei. Der Versuch, so böse hineinzublicken, wie sie nur kann, zeigt Wirkung. Die Kreatur schluckt und erkennt den Ernst der Lage. Um bedrohlicher zu wirken, krempelt Skyla provokativ die Ärmel ihrer Jacke hoch.
Na warte, dir wird das Lachen noch vergehen!
Anders als das bösartige Geschöpf, verhöhnt die kleine Göre sie mit Gelächter.
„Du lachst, obwohl ich dich nur vor dem bösen Geist befreien will?“, richten sich Skylas Worte an die kleine Brünette.
Collin streckt ihr frech die Zunge heraus und ist der Meinung: „Kai ist nicht böse! Ich sehe nur eine böse Person und das bist du!“
„Kai? Du hast den Bär Kai genannt?“
Skyla macht sich absichtlich über den Namen lustig, schließlich bleibt Collin wieder stehen.
„Oh verdammt!“, hören sie den Plüschteddy rufen.
Denn Kai weicht schockiert Milan aus, der das Monster von hinten überwältigen versucht. Verstärkung – Skyla kann aufatmen. Eine helfende Hand kommt ihr gelegen, denn allein ist sie mit dieser Aufgabe überfordert. Außerdem wird der Geisterjäger sicherlich einen Weg kennen, wie sie diese bizarre Welt verlassen.
Aber der Bär springt auf eine Wand zu, wo er sich abfedert und mit Schwung auf Milan zusteuert. So schnell kann der Geisterexperte nicht handeln und wird in den Bauch gekickt. Daraufhin krümmt sich Milan keuchend. Die Luft weicht aus seinen Lungen. Das mag zwar keine Glanzleistung zu sein, aber Skyla muss zugeben, dass der Bär flink ist. Auch sie hat die Plüschwatte unterschätzt.
Ein weiterer ungewöhnlicher Anblick bietet sich Skyla. Sie glaubt zu träumen, als eine kleine weißhaarige Fee den Teddybären gegen die Wand kickt. Ein weiterer Verbündeter, der wie Milan plötzlich aus dem Schatten heraustritt. Das Haar hat das kleine Fabelwesen zu einem Knoten zusammengebunden. In der Mähne sind einige pinken Strähnen zu finden. Das zerbrechlich wirkende Wesen hat wunderschöne Flügel in einem Farbenspiel aus einem strahlenden Weißton, gemischt mit einem Zartrosa und einem Sonnengelb. Die Ohren sind lang und spitz. Ohrringen in Form von Blumen schmücken diese. Das ärmellose Kleid ist ein Traum aus hochwertiger Seide und betont die beneidenswerte Figur. Während das Oberteil ihrer Haarfarbe gleicht und mit blauen und pinkfarbenen Sternen verziert ist, beginnt der Rock mit einem lachsfarbenen Ton und wird zum Ende hin himmelblau. Auch der untere Bereich ist mit einem Sternendruck übersehen. Ein Paar pinke Ballerinas runden das Outfit ab. Die Feenaugen leuchten pinkweiß. Diese glühen vor Entschlossenheit und Tapferkeit.
Das kleine Wesen mit Flügeln lässt sich nur deshalb mustern, da es sich im Stillstand befindet und Zeit nimmt, um die Situation zu überschauen. Ihr Blick wirkt wachsam und konzentriert. Skyla blinzelt und fühlt sich im falschen Film. Zuerst böse Geister und nun solch eine hübsche Fee. Überfordert fasst sie sich an die Stirn und der Schwindel kickt. Der Kopf der Fee hingegen schaltet schnell und kaum befindet sie sich in Bewegung, kann Skyla das Fabelwesen kaum mit den Augen verfolgen. Bei der Geschwindigkeit sieht sie nur Farbstreifen durch die Luft gleiten. Zu schnell für das menschliche Auge und auch der Bär steckt von überall Tritte ein, bis er keuchend zu Boden geht. Die Fee dreht sich daraufhin zu der geschockten Collin, statt ihren Sieg zu genießen. Auffallend dreht sie ihren Finger und wirbelt weiße, glitzernde Leuchtelemente auf. In der Form eines Strudels, der zu wachsen beginnt und Collin in Beschlag nimmt. Milan nutzt den Moment und holt den neuen Stoffbären hervor, den er dem Mädchen sanft in die Hand drückt. Tatsächlich hat er einen in Kais Farbe gefunden. Auch wenn das neue Stofftier viel freundlicher und knuffiger reinblickt.
Ein liebevoller Kuss auf Collins Stirn und schon folgt ein Versprechen von der kleinen Fee: „Hier hast du einen neuen Freund. Er wird dich vor bösen Geistern beschützen. Wir nehmen das Ungetüm an uns und sperren es für immer fort.“
Apathisch nickt das Mädchen. Kaum schwindet die Magie um ihr, schreitet Collin wie in Trance mit ihrem Ersatzbären davon. Skyla traut ihren Augen kaum, als das Kind vor ihren Augen verblasst und ein Gefühl zurücklässt, als wäre das Kind nie hier gewesen. Suchend blickt sich Skyla um, blinzelt perplex und muss sich fragen, ob ihre Augen sie täuschen.
Milan kassiert sich den bösen Bären stattdessen ein. Anders als Skyla scheint Collins Verschwinden ihn nicht zu beschäftigen. Er lächelt charmant und zwinkert ihr frech zu, als wolle er das Geheimnis einfach nicht lüften.
So packt er die Gelegenheit beim Schopf und stellt die kleine Fee vor: „Das ist übrigens Mia. Du hattest sie im Park bemerkt und mit einer Fliege verwechselt.“
Skyla betrachtet verwundert, wie die kleine Fee mit schmalen Augen um sie schwirrt.
„Unfassbar“, staunt Skyla laut über ihre Existenz.
Um sich die Fee genauer anzusehen, streckt sie ihre Hand aus. Aber Mia weicht ihr mit ausgestreckter Zunge aus. Die so mutige Kriegerfee scheint nicht gut auf Skyla zu sprechen sein und verhält sich wie ein beleidigtes Kind. Alles nur wegen einer Reihe dummer Missverständnisse.
Zum Glück spricht Milan etwas an, was Skyla für einen Moment verdrängt hat: „Dieser Ort ist gefährlich. Wir sollten besser von hier verschwinden. Unsere Fluchtchancen stehen schlecht, wenn wir noch von anderen Bewohnern entdeckt werden.“
Gezielt sucht Skyla den Blickkontakt zu ihm, denn sie ist neugierig geworden. „Was ist das hier eigentlich für ein Ort?“
„Eine Schneise zur Geisterwelt. Ein Ort zwischen dem Hier und Jetzt. Wir befinden uns auf einer Ebene, die zum Glück nah genug an die Welt der Sterblichen grenzt. Je tiefer du gehst, desto größer ist die Gefahr, dass du diesen Ort nie mehr verlässt“, erklärt er ihr, während sein wachsamer Blick der Umgebung gilt.
„Wie können wir diesen Ort verlassen? Und was ist mit dem Mädchen?“
Fragen über Fragen von Skylas Seite.
Ihr Gegenüber lächelt milde und scheint sich über ihr Interesse zu freuen. „Sei unbesorgt, das Mädchen hat diesen schrecklichen Ort bereits verlassen. Mia wird uns ebenfalls rausbringen.“
Eine Lichtquelle meldet sich am Ende seines Versprechens vor ihren Füßen. Es handelt sich um einen goldenen Lichterball, der sich verformt. Es ist, als drücke etwas das Objekt am Boden platt und rollt dieses wie einen Pizzateig aus. Zum Schluss liegt vor ihnen eine leuchtende, kreisrunde Scheibe.
„Wow“, staunt Skyla laut darüber.
Milan nähert sich seiner Fee. „Bringst du den Dämon bitte zu Justin, Mia.“
„Kommst du auch ohne mich klar?“, entgegnet die Fee frech.
Während der Unterhaltung hofft Skyla, dass die Fee unachtsam wird, denn sie will das kleine Geschöpf unbedingt einmal einfangen. Doch selbst, als die Fee ihr den Rücken zugekehrt hat, entkommt sie problemlos Skylas Fangversuchen.
„Zur Not habe ich noch Boro“, beruhigt Milan die Fee.
Während er nebenbei plaudert, schnappt er nach Skyla und reißt sie an sich, sodass der Blödsinn endet. Frech wie seine Fee legt er seinen Armen um Skyla und lächelt charmant, als erhoffe er sich, sie auf andere Gedanken zu bringen. Aber solch eine Masche kann sie zum Verrecken nicht ab und so angelt sie sich schnell aus seinem Arm.
„Boro?“, wiederholt sie dennoch überrascht. „Etwa noch eine Fee?“
„Pah! Noch eine Fee? Ist klar!“, brummt Mia und wendet sich beleidigt von ihnen ab.
Statt einer Antwort zu erhalten bleibt sie im Unklaren. Denn die beiden führen ihr Gespräch einfach fort und blenden Skyla völlig aus. Wie lästig…

































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