Kapitel 23

Getränkt von Hass und Abscheu blickt Luela auf die Menschheit nieder. Mit ihrem täuschenden Engelslächeln macht sie den Leuten Hoffnung, sie verspricht Besserung. Dabei wissen nur die Wenigsten, dass die katastrophalen Zustände von dieser abgrundtiefbösen Hexe ausgelöst werden. Den Gerüchten zufolge widmet sich die Hexe einem neuen Zweig ihrer Macht. Nekromantie, der wohl schwierigste Pfad unter der Hexenmagie – aber auch der Gefährlichste.

 

Selbst den besten Nekromantenhexen gelingt es nur für wenige Stunden, totes Fleisch und müde Knochen zu bewegen. Es soll einem Teufelsweib viel Energie kosten. Auch wenn der Zauber die bösartige Frau schwächt, werden ihre Beschützer umso stärker. Für den Einsatz von Nekromantie werden die Knochen eines bereits über Jahre Verrottenden benötigt. Je länger die Leiche unter der Erde liegt, desto mächtiger sollen die Gebeine sein.

 

Luela zeigt sich als ein Gewohnheitstier, sie besitzt ein Muster. Cuno nennt sie Vorboten. Der größte Feind einer Hexe sei die Kirche und die beschützenden Schwerter des Volkes. Priester, Päpste, Mönche, Soldaten, Paladine – alle müssen dran glauben. Nachdem Luela ein künstliches Problem erschaffen hat, geht es um die Säuberung. Nur selten macht sie ihre Hände schmutzig. Denn Hexen haben eine widerliche Eigenschaft. Ihre Manipulationszauber sind sehr überzeugend. Doch kaum steht das Urteil und der Zauber verfliegt, kommt die Wahrheit ans Licht. Trotz Opfer der Manipulation folgt selten Milde. Einmal unter der Kontrolle einer Hexe lässt andere  fürchten, dass diese Personen rückfällig werden. Der Tod soll jene nicht verdammen, sondern erlösen. Eine schwierige Thematik, die in Cuno viel auslöst. Clive hört Unverständnis heraus, sowohl Ärgernis und auch Zweifel am System.

 

Diesem Dorf steht das Schlimmste noch bevor. Sobald es vollständig unterworfen wird, die Hexe königlich thront, speist und sich an ihren Untertanen erfreut, dann endet ihr Besuch mit einem gewaltigen Blutbad. Erst wenn die Erde mit dem Blut der Bewohner getränkt wurde, wird das Monster weiterziehen. Ein bekanntes Muster, das in aller Munde sei. Luelas Reise begann in weiter Ferne und sie rückte immer näher an das Reich des Grafen. Cuno hatte Hoffnung, sie ziehe an seiner Heimat vorbei. Denn ihre Route wich ab. Nun aber legte sie einen riesen Umweg hinter sich. Vielleicht um einer Falle zu entkommen. Luela wurde zu einem Staatsfeind. Bislang mied sie Städte und konzentrierte sich auf kleine Ortschaften. Mit Luelas Erwähnung gerät die Entschlossenheit des Paladins ins Wanken. Sicherlich aufgrund seines Pflichtgefühls für den Schutz seiner Heimat.



 

Was aus dem Munde des Paladins stammt, klingt wie eine Gruselgeschichte. Auf Clives Frage, warum Luela nicht im ganzen Land bekannt ist, bekommt der Alchemist zu hören, dass der gewöhnliche Bürger unwissend bleiben soll. Die Namen der Hexen kennen nur die hohen Tiere und wenige Gefolgsleute. Graf Bylom war schon eine ganze Weile krank vor Sorge, dass Luela sein Reich betreten könne. Jede noch so gute Vorbereitung auf einen möglichen Überfall einer Hexe wirkt wie eine Maus, die sich einer Katze entgegenstellen möchte. Was Clive zu Ohren gekommen ist, sind die plötzlich verlassenen Dörfer und Kleinstädte. Den Grund dafür kannte niemand, so glaubte der Alchemist bislang. Nun weiß es er es besser, die Gerüchteküche brodelt selbst heute noch und die betroffenen Ortschaften werden mit einem großen Bogen gemieden. Selbst Clive soll vom Magisterturm keinen Fuß in solche Gebiete setzen.

 

Während der gesamten Unterhaltung zeigte Rebecca keinerlei Gefühlsregung. In aller Seelenruhe schärft sie ihre Dolche, was zu Beginn als störend empfunden wurde. Doch während der Erzählung gänzlich unterging. Trotz Pflichtgefühl hält Cuno eine Konfrontation mit Luela als tödlich und rät zur schnellen Abreise. Etwas, dem Sina zustimmt. Die Tierwelt warnt sie vor der Hexe. So viel Tod und Leid sollen an diesem Ort hausen. Sina fühlt sich unwohl und behält die Umgebung ängstlich im Auge. Nur Rebeccas Sicht zum Stand der Dinge blieb Clive bislang verborgen. Er muss nur ihren Namen erwähnen und schon blickt die Diebin, als wäre sie bei einem Taschendiebstahl ertappt worden.

Nachdem sich ihr Herzschlag beruhigt hat und ihre großen Rehaugen schrumpfen, fragt er sie: „Wie denkst du hierüber?“

Verdattert legt sie den Kopf schief. „Worüber?“

„Sollen wir weiterziehen oder bleiben?“

Rebecca belächelt ihn, als wäre die Frage albern. Schulterzuckend antwortet sie: „Was fragst du mich? Du bist der Boss.“

„Dann ist die Sache ja klar“, findet Cuno. Er atmet erleichtert auf, als glaube er fest, Clive würde die Warnung ernst nehmen und der Abreise zustimmen. Welch ein  Irrtum.

 

Doch Clive gibt sich mit Rebeccas Antwort nicht zufrieden und konfrontiert sie weiter: „Wie denkst du hier rüber, Rebecca? Kannst du mit deinem Gewissen vereinbaren, wenn wir die Leute im Stich lassen?“



Ein Funken Neugier macht sich in Rebeccas Augen breit, geschickt lässt sie die Dolche spielerisch verschwinden. Den Friedhof haben sie bereits hinter sich und nun steht die kleine Gruppe am Eingang der Kapelle.

„Du willst bleiben? Selbst nachdem du dein Grab zu Gesicht bekommen hast? Du willst kämpfen? Gegen eine böse Hexe? Oder schiebst du das Problem auf Cuno und mich weiter?“

Sie schnattert ganz aufgeregt. Neugierig fixieren Rebeccas Augen ihn, ein bösartiges Grinsen macht sich in ihrem Gesicht breit.

Clive wollte zuerst empört reagieren, doch dann hört er die Herausforderung heraus. Rebecca testet ihn.

„Du unterschätzt mich, Rebecca. Mit der Alchemie weiß ich mich ebenfalls zu wehren.“

„Auch gegen eine böse Hexe?“

Rebecca pfeift und tritt näher heran. Ihr Lächeln zieht sich beachtlich in die Länge.

„Ja, Hexen sind nicht unsterblich. Aber vielleicht …“

„NEIN!“, unterbricht Cuno ihn erbost und bekommt nun sämtliche Aufmerksamkeit. Der Paladin wirkt aufgewühlt und beweist seine gute Menschenkenntnis. Denn wie sich zeigt, weiß er genau, worauf Clive hinaus will. „Du glaubst doch nicht wirklich, dass du mit einem Gespräch, den Zorn einer Hexe ersticken kannst! Sei nicht so blind und naiv, Clive!“

„…aber vielleicht gibt es noch Hoffnung“, setzt Clive in aller Ruhe an.

„Ob Hexe oder nicht, Luela wurde zu einer Mörderin! An ihren Händen klebt fremdes Blut!“, widerspricht der Paladin ihm.

 

„Hexenmörder.“

Rebeccas Einmischung verschlägt beiden Männern kurz die Sprache. Sie steckt viel Dramatik in einen Titel und klingt ganz aufgeregt. Doch ein  Kopfschütteln und sie überlegt erneut laut.

„Hexenjäger.“

Voller Vorfreude klatscht sie die Hände zusammen. „Das klingt gar nicht mal so schlecht! Cuno, gehen wir auf die Hexenjagd?“

Cunos Augen werden augenblicklich dunkler und sein Kiefer spannt sich an.

„Bist du völlig übergeschnappt?“

In seinem Ausruf steckt so viel Zorn, dass sich dabei Mina erschreckt. Die Vogeldame flattert von seiner Schulter und landet sicher in Sinas Händen.

 

Rebecca mag Luelas Tod wollen. Dabei hofft Clive auf Rettung für die Hexe. Doch durch Rebecca bleibt es bei einem Unentschieden. Nun gilt es, Spuren zu sichern. Er mag sich selbst von der Herangehensweise einer Hexe überzeugen und steuert daher entschlossen die Tore der Kapelle an. Cunos Ruf wird dabei gekonnt ignoriert. Knarrend öffnen sich die schweren Holztüren zu einem Spalt und Clive betritt den geweihten Boden.



 

Das Tageslicht bahnt sich einen Weg durch die Bogenfenster hinein in eine gemütliche Halle. Die Wände bestehend aus hellem Stein und eine Raumgestaltung mit nur wenig Farbelementen. Ein minimalistischer Stil, der mit seiner Klarheit überzeugt. Vierzehn Bänke finden in dem kleinen Häuschen Platz. Ganz vorne befindet sich der Altar aus weißem Stein. Dort, wo auch die Blutspuren zu finden sind. Clives Schritte schallen durch die kleine Halle, als er sich dem grauenvollen Tatort nähert. Die Blutlache ist bereits getrocknet. Seine Wegbegleiter leisten ihm Gesellschaft, Cuno ruft ihn erzürnt aus der Ferne. Doch Clive geht vor dem geronnenen Teppich in die Hock. Der Geruch von Eisen steigt ihm in die Nase. Nahe ihm befinden sich Schleifspuren, die zu einer Nebentür führen. Ein Ausgang, der womöglich zum Friedhof führen könnte. Die Unordnung vor seinen Füßen deutet auf einen Kampf hin. Gesplittertes Glas und einige Kerzen liegen um ihn herum. Etwas entfernt ein Kerzenständer, als sei dieser geworfen worden.

 

Kaum erhebt sich Clive fallen ihm im Hintergrund die zwei Männer aus der Herberge auf, die durch den Türspalt schlüpfen. Zum Glück entgeht Rebecca der Besuch ebenfalls nicht.

Bevor Cuno mit dem Alchemisten schimpfen kann, konfrontiert sie die Fremden: „Stimmt etwas nicht?“

„Ihr seid hier unerwünscht“, beginnt der eine.

„Verschwindet von hier!“, fordert der andere.

Cuno presst die Hand zu einer Faust. Er atmet laut aus, als passe ihm die Einmischung überhaupt nicht. Nur kurz fixiert er die Spuren, bevor er herumfährt und seinen Rücken durchstreckt.

„Sagt, seid ihr hierfür verantwortlich?“, konfrontiert er die beiden Fremden.

Das Verhaltensmuster der beiden Männer ruft tatsächlich Verdacht herauf. Keiner der beiden wirkt überrascht oder schockiert über all das Blut. Clive befürchtet, sie wussten davon und als sie in der Herberge vernahmen, dass der Besuch den Friedhof ansteuert, wurden die beiden unruhig.

 

Statt Ausreden oder Beschimpfungen wird es still. Die Atmosphäre wirkt geladen und Clive fürchtet einen Kampf. Worte werden hier sicherlich nicht weiterhelfen. Nur ist die Frage, wer den ersten Schritt machen wird. Die Tür nahe Clive wird jedoch kräftig aufgestoßen. Vielleicht der Wind, vielleicht ein Streich. Doch es reicht, um Clive schreckhaft zusammen zucken zu lassen. Mit klopfenden Herzen schwenkt er den Kopf zur Seite und tatsächlich führt der Ausgang zum Friedhof. Leise Schmerzenslaute erreichen sein Ohr. Unheilvolles Klagen außerhalb der Kapelle. Vielleicht eine hilfsbedürftige Person, die Clive dank seiner Kenntnisse retten kann. Ohne zu Zögern nähert sich Clive der offenen Tür. Ganz vorsichtig. Die akute Gefahrenlage behält er weiterhin im Hinterkopf.



„Clive, warte!“, ruft Cuno nun sichtlich besorgter.

Doch wie könnte der Alchemist Ruhe finden, wenn womöglich ein schwerverwundeter Mensch dort draußen steckt und einen Todeskampf führt.

 

Clive betritt einen kleinen Hof voller Kräuter und Blumen, die der Alchemist nur allzu gut kennt. Doch auch hier geriet die Fauna aufgrund der Dürre in Mitleidenschaft. Die Pflanzen wirken durstig. Viele sind sogar schon vertrocknet. Das Gewimmer wird lauter und es klingt, als käme es von mehr wie nur einer Person. Clive umgeht ein mit Steinen eingegrenztes Beet. Die hohen Büsche verbergen leider den hinteren Teil des Hofes, somit lässt sich die Lage nur schwer einschätzen. Kaum umgegangen findet Clive einen Mann vor Ort. Sein Zustand wirkt kritisch und fragwürdig. Gekrümmt und mit dem Rücken zu dem Alchemisten gekehrt steht die bleiche Gestalt dort. Der Kleidung zu urteilen, handelt es sich hier um einen Bauern. Das starke Zittern und die auffälligen, hastigen Bewegungen, wie der Betroffene seinen Kopf schüttelt, zeigen Clive, dass er die Situation besser nicht unterschätzen sollte.

 

Besorgt hält der Alchemist Ausschau nach der Tollkirsche. Eine Giftpflanze, dessen Nebenwirkungen verheerend sind. Abhängig von der Dosierung kann diese zu körperlicher Unruhe, euphorischen Zuständen bis hin zu starker Verwirrtheit, Krämpfen und Tobsuchtsanfällen führen.

 

Leise stellt Clive seinen Koffer ab und bereitet sich entsprechend vor, denn er möchte den Betroffenen nicht schaden und erst handeln, wenn er sich seine Vermutung bestätigt. Sollte er Recht haben, muss er aufgrund des Zustandes schnell handeln. Daher beträufelt er einen Lumpen mit Tee aus Alraunenwurzel, Maulbeersaft, Mohnextrakt, Bildsenkraut und Schierling. Ein Betäubungsmittel, das den Betroffenen umhauen wird. Leider notwendig. Zum Wohl des Patienten und zum Eigenschutz. Schleichend nähert sich Clive dem Mann und überwältigt den Leidträger von hinten. Wie zu erwarten ist der Mann nicht ganz bei Sinnen. Der Bauer verhält sich mehr wie ein tollwütiges Tier, das sich befreien und zubeißen möchte. Eine ganze Weile kämpft Clive damit, dem Betroffenen das Tuch ins Gesicht zu drücken und auf die erhoffte Wirkung zu warten.



 

Die Schweißperlen glänzen auf seiner Stirn, als er den Bewusstlosen vorsichtig zu Boden legt und nun die klaffende Wunde im Bauchbereich zu Gesicht bekommt. Ungläubig blinzelt Clive und beginnt zu staunen. Dieser Mann hätte tot sein müssen, für den Alchemisten bleibt es unerklärlich, wie der Bauer solch eine Wunde überlebt haben muss. Beim genaueren Betrachten ist die Haut auffällig bleich und Körpertemperatur war viel zu niedrig. Clive muss schlucken, schlagartig erinnert er sich an Cunos Worte. An die Macht der Hexen, der Pfad der Nekromantie.

 

Ein Rascheln weckt seine Aufmerksamkeit. Beunruhigt begibt sich Clive schnellen Schrittes zu seinem Koffer. Zu seinem Bedauern bekommt er Besuch von einer jungen Dame und einer weiteren Person. Der Kleidung zu urteilen dem verschwundenen Priester. Auf wackeligen Beinen erreichen ihn die zwei Gestalten, ihre Augen sind farblos und leer. Jegliche Spur einer Seele fehlt. Auffällig bleiche Haut und klaffende Wunden sprechen für Nekromantie. Die Spuren von einem Kampf bleiben Clive nicht verborgen. Als hätte der Täter die beiden mit einem stumpfen Gegenstand behandelt und totgeprügelt. Der Gestank der Verwesung steigt dem Alchemisten in die Nase. Nun wird er ebenfalls Zeuge dunkler Magie. Neben der Furcht und dem Fluchtinstinkt verspürt er einen riesigen Wissendurst. Er staunt über das Ergebnis und hinterfragt die Technik dahinter. Zu vieles geht Clive durch den Kopf, womit die Bedrohung gefährlich näherrückt.

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