Kapitel 23

Ein langer Garprozess führt zu einem butterzarten Ergebnis. So muss sich Skylas Gehirn anfühlen. Naomi beweist sich als ein Monster! Heißer Dampf steigt aus Skylas Körpers auf, während die Schmerzen verebben. Schweißperlen tropfen von den Haaren. Der Kopf fühlt sich schwer an. Die Stirn glüht wie ein heißer Ofen. Der Körper zeigt sich schwach und müde. Kaum nimmt die Hexe ihre polierten Nägel von ihr, kippt das Medium zur Seite. Vom Stuhl und zum Glück in Milans Arme.
„Bist du des Wahnsinns? Das war total rücksichtslos!“, schimpft er mit Naomi.
Sein Blick vorwurfsvoll und die Zornesröte färbt seinen Kopf. Skyla kann es nicht leugnen, denn sie findet es unheimlich süß, dass er sich Sorgen um sie macht.
Aber die Hexe nimmt sein Bellen stumm hin und reagiert erst, als Justin sie fragt: „Wie sieht es aus?“
„Grund für das Ungleichgewicht ihrer Macht wäre ein typisches Muster. Völlig unspektakulär. Nichts anderes als innere Unruhe. Der Geist steckt bis zum Rand in einer Flasche voll Probleme. Labilität ist ein bekanntes Problem, das wir in unserer Branche allzu gut kennen und wissen, was es anrichten kann. Das Kind mutet sich zu viel zu. Auch der Körper bekommt nicht genug Ruhe. Mein Atem ist sicherlich verschwendet, denn ich gehe davon aus, dass ihr zum Abbruch der Ausbildung geraten habt. Sie muss von zuhause weg und ihr neues Leben akzeptieren. Zum Schutz aller. Der psychische Druck bleibt kaum stemmbar. Anders als du wird sie nicht an der Situation wachsen, sondern ertrinken. Das Problem sind ihre Schutzgeister. Dämonen und böse Geister, die es vielleicht nicht zeigen, aber sich an ihrem Zustand laben. Die Sterne für dieses Mädchen stehen schlecht. Wenn ihr die Verantwortung nicht abgegeben wollt, dann greift durch und zerrt sie aus ihrem Umfeld weg.“
Justin nickt, als habe er dies vermutet. Hoffnungsvoll blickt er seiner Freundin in die Augen. „Kannst du etwas machen?“
„Ich kann. Meine Magie mag zwar nur eine vorübergehende Lösung sein, aber ich kann das große Übel hinauszögern, jedoch nicht an der Wurzel packen. Eine Blockade wird helfen. Das mindert jedoch ihre Kraft.“

Das Gefühl in den Händen kehrt zurück, woraufhin Skyla Milans Pullover knittert. Etwas, dass der Feenbesitzer nicht mitbekommt, da er vor Wut zittert. Dabei will sie zu ihm sprechen, doch er kommt ihr zu vor.




„Das große Übel? Du siehst wohl noch immer eine tickende Zeitbombe in Skyla! Aber du irrst dich, Naomi! Ich werde es verhindern!“
Die Hexe winkt genervt ab und blickt stattdessen seinem Partner in die Augen. „Sag, können wir uns allein unterhalten. Die kleinen Gören sind laut und nervig.“
„Miststück!“, platzt der Zorn aus Milan.
Überrascht blickt Justin zu ihm. „Nimm das zurück! Naomi ist hier um zu helfen!“
„Naomi ist wegen dir hier! Skylas Lage interessiert sie kein Stück!“
Sein sogenannter Teufel schnaubt und deutet auf ihn. „Kann man ihn abstellen, Justin?“
„Ich fürchte nicht!“
Zwar gilt die Antwort ihr, aber der enttäuschte Blick Milan.

„Wisst ihr was? Ich bringe Skyla hoch auf mein Zimmer! Redet ruhig miteinander!“
Ohne auf ihre Reaktion zu warten, erhebt sich Milan. Skyla ist dabei nicht wohl, halb in der Luft zu baumeln. Dabei gibt ihr der Geisterjäger Halt. Er trägt sie behutsam fort. Stumm und im Zorn verloren. Bis sie ihn sanft beim Namen nennt und er im Foyer an den Treppen stoppt. Als sein Blick auf sie hinabfällt, blitzt Reue hervor.
„Entschuldige, dass ich nicht vorher eingegriffen habe. Naomi ist gemein und gnadenlos. Wir werden dir helfen, aber nicht so.“
Ihr Lächeln ruft Verwunderung hervor. Dabei findet sie ihn einfach nur niedlich. Zu schnell schwindet ihre gute Laune, denn Sorge macht sich bei ihr breit.
„Ich darf nicht von zuhause weg. Versprich mir, nicht gegen meinen Willen zu handeln und mich aus meiner vertrauten Umgebung zu entführen.“
Ein Seufzen und dann das Unbehagen, das ihn quält. Am Ende schüttelt er den Kopf.
„Ich muss dich enttäuschen, Skyla. Lange sehe ich mir deinen Zustand nicht an. Du gehst an all dem kaputt und egal, wie wütend du sein wirst, hole ich dich da raus, bevor die Bombe hochgeht.“
Das Pflichtgefühl spricht jedoch aus ihr: „Ich werde dort gebraucht.“
„Falsch! Jeder, dich liebt und wertschätzt, wird verstehen, dass dein Verschwinden angebracht ist. Nur kennen sie nicht die ganze Geschichte und das erschwert die Problematik. Ich weiß, du fühlst dich für Emilie schuldig, aber das bist du nicht. Es ist der Orden, der gehandelt hat!“
Eine naive Denkweise mit fatalen Folgen.
„Wenn ich gehe, dann bleibt es nicht bei Emilie oder? Es könnte Lukas oder vielleicht meine Eltern treffen!“




Er meidet den Blickkontakt und stiert an ihr vorbei. Sein ignorantes Verhalten zeigt ihr, dass diese Unterhaltung endet. Sicherlich verzweifelt er an ihr und seine Laune ist nicht die Beste.

Zu still verhält sich Milan. Dieser Mann ist jemand, der nur dann schweigt, wenn er genießt oder jagt. Ein Mensch voller Sonnenschein. Trotz der dunklen Vergangenheit. Diesen grimmigen Blick bekam sie nur selten zu Gesicht. Einmal, als er glaubte, sie habe Emilie auf ihn angesetzt und als die Sirenen das Gespräch zu ihr suchten. Seine Toleranzgrenze ist beeindruckend groß, nun aber wurde diese überschritten. Das erkennt auch Mia, die schweigsam neben ihnen fliegt. Ein Blick zur Seite und Kai springt Skyla ins Auge. Der Dämon balanciert auf dem Treppengeländer und hält mit dem Tempo locker mit.
Als ihr Schutzgeist bemerkt, dass er angestarrt wird, hinterfragt er: „Wie ergeht es Euch? Schmerzt Euer Kopf?“
Zur Antwort nickt Skyla. Kai musste vorher versprechen, nicht einzugreifen. Denn das hätte sein Vertrag mit ihr gefordert.
„Dann rate ich zur Ruhe“, folgt sein Ratschlag.
Allein von Milan umsorgt zu werden lindert das Stresslevel. Auch wenn sie seine schlechte Laune nicht gutheißen mag, aber dafür hat sie bereits eine Lösung.

Milans neues Zimmer mag noch immer schlicht gehalten sein, dennoch verbesserte sich der Komfort. Statt einer Matratze schläft der Geisterjäger in einem richtigen Doppelbett. Es wundert Skyla jedoch, dass Justin die Unordnung gut heißt. Neben der Ansammlung Dosen befindet sich einiges an leeren Verpackungen von diversen Süßigkeiten in den Ecken verteilt. Es zeigt sich erneut, wie ungesund sich die beiden ernähren. Mit Bedacht legt Milan sie in sein Bett und deckt sie liebevoll zu. Seine Lippen berühren kurz ihre Stirn, bevor er sich von ihr abwendet. Wie sich herausstellt, befindet sich ein Minikühlschrank in seinem Zimmer. Aus diesem wird eine Dose Limonade geangelt und schon kehrt der Geisterjäger zurück.
„Exotische Früchte.“ Sein Sonnenscheinlächeln kehrt zurück, als er zu ihr spricht. Ein ehrliches Lächeln. „Glaub mir, Süße, das ist so lecker. Die ist für dich. Soll ich dir aufhelfen? Du wirkst blass.“
Sein Grinsen steckt sie an und scheint ihn zu überraschen, denn erneut zeigt sich der Geisterjäger wie erstarrt. Daher hievt sich Skyla auf und lehnt sich zu ihm vor.




„Danke für deine herzallerliebste Fürsorge“, haucht sie ihm die Worte zu und revanchiert sich mit einem Kuss.
Es sollte ein kurzer Dank sein, aber Milan überschüttet sie mit weiteren. Seine Zunge dringt in ihren Mund und sie schmeckt seinem Atem. Seine Hände fangen sie ein und halten sie wie seine Beute gefangen. Ehe sie sich versieht, stößt er sie auf die Matratze und klettert über ihr. Kaum wird ihr Hals liebkost, entdecken ihre Augen ein vertrautes Foto. Ein Andenken aus Thailand. Das Yi Peng Lichterfest mit den vielen Papierlaternen und mitten drinnen stecken die beiden. Skyla erinnert sich an den kleinen Überfall. An den Fotoblitz und Mia mit der Kamera.

Das freudige Glucksen lässt Milan innehalten und aufblicken. Er folgt ihrem Blick zu dem Bild.
„Fängst du jetzt schon an, wie ich? Inspiriert durch die Fotowand in meinem Zimmer.“
Sein Lächeln wird breit. „Das ist erst der Anfang. Du hast eine ordentliche Sammlung an Erinnerungen mit deinem besten Freund. Nun wird es Zeit, dass wir unsere gemeinsamen Momente festhalten. Das Bild hilft mir, die Einsamkeit zu verdrängen, wenn du nicht hier bist.“
Misstrauisch hält Skyla Ausschau nach Anzeichen eines Scherzes. Es klingt nicht nach Milan. Ihn hält sie für einen Kerl, der seine Freizeit in einer Bar genießt oder sich anderweitig amüsiert. Dieser Mann wirkte immer so lebensfroh und von enthusiastischer Natur. Aber ihr Gegenüber scheint sein Herz auszuschütten. Der Gedanke, sie verändert ihn, bringt sie erneut zum Lächeln. Es ist schön zu wissen, dass er sie vermisst und ihm wirklich nicht egal ist.

„Wir wollten gemeinsam um die Welt verreisen“, wirft er das gemeinsame Vorhaben in den Raum.
Es klingt kindlich, fast absurd, in der momentanen Lage. Aber so denkt Milan nun mal.
„Das werden wir“, flüstert sie ihm zu.
Milan scheint dennoch seine Zweifel zu haben. Denn seine Laune ist plötzlich getrübt. „Aber?“
„Aber erst, wenn wir Emilie gefunden haben.“
„Daran arbeiten wir“, erinnert er sie sanft, um das fortzufahren, was er begann. Nicht bereit, die Thematik weiter zu vertiefen.

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