Kapitel 25
Kaum befindet sich Alberts Hof in Sichtnähe begrüßen unzählige Gänse die neuen Besucher. Schnatternd scharren sie um die Gruppe. Getrieben von großer Neugier. Sinas Wunder versetzen den Alchemisten noch immer ins Staunen. Die Fee braucht nur den Ärmel zu schütteln und schon fallen ganz viele Beeren und Nüsse aus dem hinab. Glücklich begibt sich Sina in die Kniebeuge und füttert einzelne Tiere aus der Hand. Während Rebecca spielerisch austestet, ob die Tiere ihren Finger schneller mit dem Schnabel gepackt bekommen, als sie ihre Hand zurückziehen kann. Zu ihrem Glück hat sie bislang Erfolg, dabei rechnet der Alchemist jederzeit mit einem Schmerzenslaut von ihrer Seite.
Der Bauernhof ist groß und die Familie des Dorfvorstehers scheint auch nicht klein zu sein. Anders als die anderen Häuser im Dorf befinden sich die Holzhütten in einem guten Zustand. Auf dem gesamten Hof laufen die Hühner herum, vorbei an den vielen Beeten. Die Bäuerin mittleren Alters beobachtet sie bereits aus der Ferne. Sorgefalten prangen auf der Stirn der armen Frau hervor und die Müdigkeit zeigt sich durch die Augenringe. Auch den Dutt band sie sich halbherzig zusammen.
„Wisst ihr, ich hätte vielleicht eine Idee, wie wir uns vor der Schwarzmagie der Hexe schützen könnten“, spricht Sina unbekümmert.
„Sei noch lauter! Könntest du deine Idee bitte für später aufbewahren? Wir werden bereits beobachtet!“, beschwert sich Cuno leise bei ihr.
„Schön! Wie du willst!“
Kaum ausgesprochen blickt die Fee beleidigt zur Seite.
„Na, wer von euch möchte gebraten werden?“, ärgert Rebecca die Gänse.
Cuno wedelt auffällig mit den Armen, als wolle er eine Herde Schafe vorantreiben. „Kommt jetzt ihr beiden. Wir wollen weiter!“
Rebecca rollt mit den Augen und beugt sich hinab zu den Tieren. „Er ist so ein Miesepeter.“
„Das habe ich gehört!“
Sina verteilt das Nüsse und Beeren auf dem Boden, bevor sie erhebt. Vorangetrieben von Sorge und Ungeduld tritt die Bäuerin zu ihnen. Misstrauisch beäugt sie das Futter auf dem Boden.
„Was soll das hier werden?“, fragt sie griesgrämig nach.
„Sie wirken hungrig auf mich, ich habe sie gefüttert.“
Damit antwortet Sina schneller als Clive.
„Gefüttert? Womit denn?“
„Beeren aus dem Wald. Wollen sie auch welche?“
Trotz strengen Ton lässt sich Sina die gute Laune nicht nehmen und hält ihre Hand voll Beeren zu der fremden Frau, die skeptisch zurückweicht.
„Gute Frau, wir suchen den Dorfvorsteher“, spricht Clive sie an.
Die Bäuerin beäugt ihn entsetzt und zischt: „Alchemist!“
„Dein Koffer ist total auffällig, Clive“, meldet sich Rebecca aus dem Hintergrund.
„Verschwinden Sie! Kein Alchemist ist hier willkommen!“
Mit erhobenen Haupt und durchgestreckten Rücken bildet Cuno eine schützende Mauer vor Clive. Seine Erscheinung lässt die Bäuerin zurückschrecken. Langsam gleitet ihr Blick über ihn und bleibt am Ende an dem Schwert hängen. Zufrieden grinst Cuno und doch richtet das Wort an die Dame.
„Wollt Ihr etwa auch einen Paladin vertreiben?“
Es folgt ein langes Zögern, bis die Frau den Kopf einsenkt und sie überrascht hineinbittet.
Am Tor wartet ihr ältester Sohn. Grimmig betrachtet er Cuno. Es zeigt sich, dass er ihrer Unterhaltung gelauscht hat, denn er hinterfragt: „Was verschlägt einen Paladin hierher?“
„Ich bin im Auftrag meines Grafen unterwegs.“
„Welchem Grafen?“
Der junge Mann klingt misstrauisch, woraufhin seine Mutter ihn finster anfunkelt.
„Mehr Respekt vor einem Paladin, Thomas!“
Ein Kommentar den ihr Sohn belächelt. „Warum sollte ich?“
Im schroffen Ton schickt seine Mutter ihn fort und entschuldigt sich aufrichtig bei Cuno, der das Schweigen bevorzugt. Sein Augenmerk gilt mehr der Umgebung. Wachsam behält er die Gegend im Auge und registriert sämtliche Bewegungen.
Clive betrachtet eher mit großer Sorge, welch starke Anziehungskraft die vielen Tieren auf Sina haben. Sie ist ein wahrer Tiermagnet. Von überall trotten die unterschiedlichsten Tiere herbei und nehmen die Verfolgung auf. Ein großer Bauernhof wie der von Albert hat viel zu bieten. Sinas Entdeckerherz schlägt höher. Die Fee droht ständig, abhanden zu kommen. Ihr Drang, sämtliche Tiere zu streicheln und zu betrachten bekommt sie kaum unterdrückt. Ab und zu muss Clive nach ihr schnappen, um sie zur Gruppe zurückzuziehen. Die Ansammlung der Tiere bleibt nicht unbemerkt. Einige Minuten vergehen, bis die Bäuerin auch das letzte Tier verscheucht bekommt.
Zu dieser Tageszeit befindet sich Albert noch auf den Feldern. Auf Wunsch führt seine Frau die Gruppe zu ihm. Schon aus der Ferne fallen dem Alchemisten die hängenden Schultern auf. Der alte Mann sticht die Spatengabel in die staubtrockene Erde und mustert die Gäste neugierig. Obwohl dem Mann der Schweißfilm auf der Stirn glänzt, fehlt in seinem Gesicht jegliches Zeichen der Erschöpfung. Für einen alten Mann macht er einen fitten Eindruck und im Gegensatz zum Rest der Dorfbewohner wirkt der Dorfvorsteher fröhlich.
„Ein Paladin, Albert. Er hat nach dir gesucht“, berichtet ihm seine Frau leise.
„Danke, mein Schatz.“
Mit einem Nicken entlässt er seine Frau, die nun zum Hof zurückkehrt und wieder damit beschäftigt ist, die neugierigen Tiere zurück an ihren Platz zu scheuchen.
„Es war nicht leicht, Euch zu finden“, teilt Cuno dem Dorfvorsteher mit.
Mit den haselnussbraunen Augen mustert Albert die Gruppe und spricht das Wort überrascht aus: „Blut.“
Clive folgt seinem Blick, in der Tat befinden sich Blutspritzer an Cunos Kleidung.
Der Paladin blickt ebenfalls kurz zu sich hinunter, bevor er die Karten offen auf den Tisch legt: „Zwei Leute haben uns in der Kapelle angegriffen, nachdem wir die Blutlache dort entdeckten.“
Erschrocken sieht Albert auf, angespannt wartet Clive auf eine Reaktion.
Wird der Bauer mit seiner Spatengabel nach ihnen ausholen oder lässt er mit sich vernünftig reden?
Der verrückte Kauz fängt jedoch plötzlich an zu lachen, als hätte Cuno ihm einen lustigen Witz erzählt.
„Er ist verrückt geworden!“, platzen die Worte aus Rebecca.
Als Cuno einen Schritt auf den alten Mann zu macht, verstummt dieser. Stattdessen lächelt er den Paladin spitzbübisch an, bevor er plötzlich wie ein Jungspund davon läuft. Zu schnell für Rebecca, die den Arm ausstreckt, aber in die Leere greift, während alle anderen ungläubig starren.
Hoffnungsvoll spricht Cuno Rebeccas Namen aus, doch seine Kindheitsfreundin weigert sich: „Ne, Cuno. Suche dir einen anderen Narren. Ich renne diesem Kerl sicherlich nicht hinterher. Eines ist klar, er ist schnell. Schneller und fitter, als er sein sollte. Habt ihr es bemerkt? Er hatte so seltsame Flecken am Hals, sah aus wie Symbole.“
Erneut beweist Rebecca ihre Scharfsinnigkeit. Clive verärgert die Tatsache, dass ihm dies entgangen ist. Gleichzeitig wurden sie Zeugen eines Wunders. Eine beeindruckende Leistung. Die eines Athleten. Ziemlich ungewöhnlich in Anbetracht des hohen Alters.
„Ist eine Hexe dazu in der Lage?“, grübelt der Alchemist laut.
„Natürlich“, antwortet Cuno, als wäre es das Selbstverständlichste auf der ganzen Welt.
Frech wie eh und je stupst Rebecca den Alchemisten an.
„Tja, weg ist er. Und nun?“
Cuno steuert den Bauernhof an und schlägt vor: „Reden wir mit seiner Familie.“
„Oh ja, weil die auch so viel Respekt vor dir haben“, wirft Rebecca stöhnend ein. „Mann, Cuno! Das ist Zeitverschwendung!“
„Cunos Idee ist gar nicht so schlecht, gehen wir zurück und danach bin ich Feline noch einen Gefallen schuldig“, erinnert Clive seine Gruppe.
Ratlos blickt Rebecca zu ihrem Kindheitsfreund, der laut seufzt und berichtet: „Ein Arztbesuch.“
„Muss ich dabei sein?“, nörgelt Rebecca wie ein kleines, quengeliges Kind.
„Musst du nicht“, beruhigt Clive sie lächelnd.
Statt der Gruppe zu folge beugt sich Sina hinab zum ausgetrockneten Ackerboden. Mit einem sorgenvollen Blick. Das Leuchten in ihrer Hand kündigt das Unheil an, aber dann ist es auch schon zu spät. Die Erde unter ihnen vibriert. Immer stärker, das Clive ein Erdbeben fürchtet. Doch von überall sprießen in Sekundenschnelle sämtliche Pflanzen hervor. In Windeseile und einem rasanten Tempo, sodass sich Clive erschreckt, als um ihn herum Buschbohnen wachsen. Auch Sina erhebt sich schreckhaft, als sie in Maispflanzen verschwindet.
„Alles gut, Sina?“, erkundigt er sich nach ihrem Wohlergehen.
„Ähm schon… oh entschuldigt. Ich wollte nicht …oh je“, hört er die Fee nur sagen.
Sie klingt ganz schön verzweifelt. Ein hilfloser Blick zurück, der der Gruppe gelten soll, lässt ihn einen ungewöhnlichen Fund ausmachen. Denn Sinas Spuren über den Acker sind sichtbar. Anders als bei Menschen handelt es sich nicht um eingesunkene Erde. Sondern saftiges Gras und Blumen in ihrer Fußform.
„Das ist nicht gut“, keucht er.
Denn so liefert Sina den Leuten genug belastendes Beweismittel für die Hexenjagd. Ungeachtet der Schönheit ihrer Macht.
„Wovon redest du?“, hinterfrag Rebecca.
„Sina muss das im Griff kriegen“, ärgert sich Cuno. Er wendet sich kopfschüttelnd von ihnen ab und sie hören ihn noch sagen: „Wie gut, dass dieses Dorf anders über Hexen denkt. Woanders würden sie uns mit Fackeln und Heugabeln jagen.“
„Ein lustiger Gedanke“, kommentiert Rebecca.
Naja, ganz so lustig fände Clive diese Vorstellung nicht. Aber es wäre nicht das erste Mal, dass ein Bauer ihn mit einer Heugabel vom Grundstück vertreiben wolle.
Vorbei an den grünen Bohnen, die ihn an den wässrigen Eintopf im Magisterturm erinnern, begibt sich der Alchemist in die Richtung, wo sich die Fee verstecken sollte.
Er streckt seine Hand aus und bietet ihr nun seine Hilfe an.
„Hier, Sina. Nimm meine Hand.“
„Ist es Diebstahl, wenn ich mir einen Maiskolben nehme, der zwar auf dem Feld des Bauern wächst, aber durch unseren Verdienst gedeiht?“, richtet Rebecca die Frage an ihre Mitstreiter.
„Kannst du den ohne Bedenken überhaupt verzehren?“, spricht Clive seine Sorge aus.
„Ja, keine Sorge. Kann sie“, versichert Sina ihm.
„Nein! Lass die Finger davon! Der Acker gehört dem irren Alten! Das ist Diebstahl!“, lässt Cuno den Paladin heraushängen.
„Gut. Drehe dich mal weg, Cuno. Dann musst du nicht mit mir schimpfen?“, spaßt die Diebin mit ihm.
Mit hochrotem Kopf wendet sich Cuno auf ihren Wunsch ab. „Unfassbar!“
Währenddessen ergreift Sina Clives Hand und lässt die meterhohen Pflanzen hinter sich.
„Kriegst du das in den Griff?“, spricht der Alchemist sie besorgt an und deutet auf die Fußspuren.
Völlig konfus von der Gesamtsituation sortiert Sina kurz ihrem Geist, bis sie das Beweismittel ausfindig macht und laut seufzt.
„Ja, ich denke schon. Ich war nur unaufmerksam.“
Sie klingt aufgelöst. Noch immer. Und er kann es ihr nicht verübeln, denn der Tag verspricht einfach keine Besserung.





































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