Kapitel 28
Das Knistern des Feuers und der Tanz der Flammen zieht Clive in den Bann. Schlafgetrunken hebt er den Kopf und blickt auf die einzige Lichtquelle in einer erkalteten Räumlichkeit. Sein Atem zeigt sich in Form von Kältenebel. Die Kehle wie ausgedorrt. Kein Wunder. Clive mag seinen Patienten immer predigen, genug zu trinken, doch er selbst wäre kein gutes Vorbild. Der schneidende Schmerz a den Handgelenke mag unangenehm sein, aber ertragbar. Das Taubheitsgefühl ist fort. Clive hat seine Verbindung zu seinem Körper zurück. Er mag an etwas festgebunden sein und seine Glieder wurden ganz steif vom langen Sitzen, doch erinnern ihn sämtliche Gefühle daran, dass er lebt. Durch den Schein des Feuers erblickt der Alchemist seine Beine und kann aufatmen, denn sein Körper besteht nicht mehr länger aus Stroh. Welch eine Erleichterung. Somit endet sein hilfloser Zustand. Noch mag er gefesselt sein und doch wird er sich nicht mit der Situation abfinden.
In der Dunkelheit entgehen ihm selbst ohne seine Sehhilfe die schnellen Bewegungen nicht. Bei jeder nahen Schwingung macht sein Herz einen kurzen Aussetzer und als dann himmelblauen Augen aus der Dunkelheit stechen, zuckt der Alchemist vor Schreck zusammen. Leuchtende Augen, die ihn fixieren und Clive eine ganze Weile anstarren.
Erst als sich sein Herz beruhigt, nähern sich ihm die Augen und aus der Dunkelheit tritt der schwarze Kater von Alberts Hof hervor. Das süße Fellknäuel setzt sich neben Clive ans Bein, drückt seinen warmen, pelzigen Körper an den Alchemisten und mauzt kurz.
„Er ist wach, Luela“, gibt der Kater preis.
Clives Blick schweift umher. Gefasst darauf, dass jeden Moment die Hexe ins Licht tritt. Aber eine lange Zeit passiert einfach nichts und doch entgehen ihm die fernen Bewegungen nicht. Der Kater Amon gähnt bereits und legt sich auf alle viere zu Boden. Dann als Clive bereits das Warten leid ist, tritt die wunderschöne Hexe aus dem Dunklen hervor. Dreist setzt sie sich auf seinen Schoss und schon im nächsten Augenblick liegen ihre Lippen auf seine. Clive wollte protestieren, doch Luela spült ihm eine kühle und geschmacklose Flüssigkeit in den Mund, während sie ihn küsst. Also lässt der Alchemist den Kuss gewähren und sein Körper nimmt die kühle Flüssigkeit dankbar entgegen.
Kaum zieht sie den Kopf von ihm fern, werden die Gedanken klar und die Reue fällt gnadenlos über Clive her.
Denn wer garantiert Clive, dass es sich hier nicht um Gift handelt?
Als könnte Luela seine Gedanken lesen, haucht sie ihm ein Versprechen ins Ohr: „Keine Angst, Alchemist. Es ist wirklich nur Wasser gewesen, ich werde dich nicht töten.“
Das Wasser hat seine Kehle benetzt und doch folgt nur ein Krächzen und ein Husten, als er sich dazu äußern wollte. Daraufhin setzt die Hexe einen Flaschenbeutel an ihren Mund und der nächste Schluck Wasser folgt über einen weiteren Kuss. Auch wenn es Clive anwidert, lässt er es zu. Denn wann hat er schon die Chance, sich mit einer Hexe zu unterhalten.
Luela betrachtet ihn freudig und erst jetzt fällt dem Alchemisten eine Blumenkette um ihren Hals auf, die aus vielen starken Duftblumen besteht. Clive ist sich sicher, dass sie den Gestank von schwarzer Magie verbergen möchte, aber selbst die Blumen können nicht alles überdecken. Die Hexe folgt seinem Blick und ihr Grinsen wird breiter.
Sie geht jedoch vom Falschen aus: „Gefalle ich dir, Alchemist?“
Clive sieht ihr schlagartig in die Augen und erkennt: „Die schwarze Magie hat ihren Preis.“
Damit überrascht er sie und nun tätschelt sie ihn respektvoll über den Kopf.
„Du vertraust also einer Weißhexe“, kaum ist es ausgesprochen, hört Clive die Verbitterung aus Luela.
„Weißhexe?“
„Oh, sie hat es dir nicht gesagt. Es gibt tatsächlich Hexen, die ihre Macht dafür einsetzen, um den Menschen etwas Gutes zu tun. Ihre Kräfte sind nicht mal annähernd so stark als die einer Schwarzhexe und doch sind sie Hexen. Die Menschen würden sie trotz ihrer guten Absichten hinrichten. Ihretwegen erholen sich die Felder, der Boden und das Wetter schlägt um. Eines ist klar, sie ist mächtig. Mächtiger, als ich annahm.“
„Ich hörte, dir sei Schreckliches widerfahren“, beginnt Clive.
Er wird jedoch unterbrochen, Luela legt ihren zittrigen Finger auf seine Lippen und schüttelt mahnend ihren Kopf.
„Zerstöre die Stimmung nicht, Alchemist.“
„Clive.“
„Willkommen in meinem Versteck, Clive. Meinen Namen kennst du ja bereits schon.“
Die ersten Strategien für ein Gespräch sind entwickelt und doch wecken leise Schritte seine Aufmerksamkeit, sie klingen ganz nah. Luela bemerkt dies und ihr Grinsen wird teuflischer.
„Ignoriere die Adelskinder, sie tun dir nichts. Sie folgen nur meinen Anweisungen und kümmern sich um mein Heim.“
„Adelskinder? Du entführst Kinder?“
„Kinder vom königlichen Blut, ja. Ihr Blut macht meine Zauber mächtiger und was soll ich sagen, ich habe ein viel zu gutes Herz. Ich konnte sie nicht töten, als ich in ihre süßen Fratzen blickte, als sie vor Angst wimmerten.“
Diese Hexe ist wirklich grausamer, als Clive bereits annahm. Und doch darf er sich nicht mit ihr verscherzen. Als er ihren Namen ausspricht, blitzt die Neugier in den bösen Augen hervor.
„Weißt du, wo sich eine Weißhexe befindet, Luela?“
„Du meinst eine andere als deine kleine Freundin? Hört sich an, als wären dir die Weißhexen sehr wichtig, Clive.“
Er hört daraus: „Du weißt also, wo sich eine Weißhexe aufhält?“
„Eine? Ich kenne viele“, gesteht sie ihm. „Ich jage diese Biester.“
„Und doch ist das Grab für mich gedacht“, erinnert er sich.
Luela wirkt beeindruckt.
„Nicht ich werde es sein, die dich tötet, Clive. Sondern deine Freunde.“
„Weil du sie verzauberst?“
„Nein, ich schwöre dir, dass sie von ganz allein handeln werden. Wärest du mal lieber gegangen, Clive. Denn ich habe nichts gegen dich, aber gegen deine Weißhexe. Sie wird nun in den nächsten Stunden furchtbar leiden, denn ich werde sie verderben.“
Clive belächelt diesen Gedanken, denn an Sinas Seite befinden sich immer noch Cuno und Rebecca und die Hexe muss dumm sein, wenn sie die beiden unterschätzt.
„Gut, Luela. Wenn ich so oder so ein toter Mann in deinen Augen bin, dann kannst du mir ja verraten, wo ich eine Weißhexe finden werde.“
Entschlossen blickt er in das schmale Gesicht vor ihm. Die Hexe kichert amüsiert. Sie erhebt sich wenige Augenblicke später und taucht in die Dunkelheit ein.
Verärgert über den Ausgang des Gesprächs blickt Clive genervt zur Seite, solange, bis die Hexe ans Feuer tritt. In ihren Händen hält sie einen Totenschädel mit einem Loch auf der oberen Kopfplatte. Clive macht große Augen, als sie diesen über der Flamme loslässt. Statt zu fallen, schwebt dieser über dem Feuer. Von überall dringen schmutzige Hände aus der Dunkelheit und reichen Luela allerhand seltsamer Zutaten, die von der Hexe mit einem leisen Gemurmel in den Schädel gelegt werden.
Ein recht flotter Prozess, der damit endet, als eine Schale von Kinderhänden über dem Feuer ausgeschüttet wird. Der Inhalt rieselt langsam hinab und färbt die Flammen. Ein Vorgang, der Clive bekannt ist. Der Alchemist erkennt drei Farben im Feuer und auf Anhieb fallen ihn drei Zutaten ein, die hierfür verantwortlich sind. Blau durch Kupferchlorid, ein Kupfersalz der Salzsäure. Grün durch Kupfersulfat, das Kupfersalz der Schwefelsäure und rot aufgrund von Calcium. Die Salze nutzen die Wärmeenergie, um diese zu färben, dabei wird die Hitze in Licht umgewandelt. Der Totenschädel wird von den Flammen in Beschlag genommen, zerschmilzt und formt nun eine kleine herzförmige Flasche, die Luela begeistert ergreift. Dunkle Magie ist die einzige Erklärung für den Alchemisten, dieser Vorgang hat mit der Wissenschaft nichts mehr zu tun. Ehrfürchtig beobachtet er, wie sich die Hexe ihm erwartungsvoll mit dem Gebräu nähert.
„Ich hätte dir nichts antun können, nicht vor unserem Kuss, Clive. Das ist der Nachteil von diesem Zauber, nicht umsonst habe ich dich so lange austrocknen lassen. Jetzt schicke ich dich auf eine Reise. Ein vielleicht sehr einsames Abenteuer. Genieße die letzten Atemzüge in deinem Körper, Alchemist. Du wirst hilflos zusehen müssen, was aus deinem Körper wird und was deinen Freunden den nächsten Stunden blüht. Deine Beerdigung naht und du wirst sie als Geist miterleben. Denn ich reiße deine Seele hiermit aus deinem Körper und verweigere dir den Zutritt in deine fleischliche Hülle. Du hattest mich um etwas gebeten und ich kann nicht anders, denn ich bin einfach zu gutmütig. Ich nenne dir vier Namen. Vier weiße Hexen, die sich nicht weit von hier befinden. Spitz deine Ohren, Todgeweihter.“
Beabsichtig setzt Luela zur Pause an und lässt ihn die Schreckensbotschaft verarbeiten. Es geht dem Alchemisten einfach zu viel durch den Kopf, vor seinem inneren Auge sieht er das Grab auf dem Friedhof dieses Dorfes. Seine gutgelaunten Kameraden, denen eine Konfrontation mit dieser Hexe blüht. Der schiefe Magisterturm, wo seine Lehre als Alchemist angefangen hat. Die vielen Unterrichtsstunden mit seinem besten Kumpel, ein zielstrebiger, junger Mann namens Firion, der sich ebenfalls auf Reisen befindet. Die beiden haben sich ein Versprechen gegeben, während der große Feier nach der Ernennung zu einem richtigen Alchemisten sich gegenseitig die Abenteuergeschichten zu erzählen, die sie erlebt haben. Clive muss an den verdammten Kuss denken mit dieser widerwärtigen Hexe, die genervten Dorfbewohner und die geweckten Toten im Kräutergarten der Kapelle.
Als er angsterfüllt vor dem Ungewissen aufblickt und nicht akzeptieren möchte, dass hier seine Reise endet, erkennt er Luelas Vorhaben. Sina zuliebe wird er sich die Namen der Weißhexen ins Gedächtnis brennen. In der Hoffnung, ihr noch einmal zu begegnen und die Namen weitergeben.
„Die Grafentochter Nisha aus dem Hause Tonnmond. Die Tochter der Weberin Isra im Dorfe Grausturm. Almina, die Tochter des Waffenschmieds in der Stadt Golddock und die Königstochter Lumiel, wo die zu finden ist, muss ich dir ja nicht sagen.“
Vier Frauen. Unterschiedlicher Herkunft. Clive fürchtet einen Scherz, denn die Königstochter als Hexe zu bezichtigen wäre ein schwerer Vorwurf. Doch Luela blickt zu überzeugt. Wenn dies ans Licht käme, wäre ein Skandal garantiert. Er hörte von Lumiel. Eine sagenhafte Schönheit. Eine zarte und sanfte Seele. Geliebt vom Volk. Wohlbehütet in einem Reich voll von Wohlstand. Das Königreich sei mit nährstoffreichem Boden und mit Bodenschätzen gesegnet. Es betreibe viel Handel und das Königshaus würde mit äußerstem Respekt behandelt werden. Der König sei ein kluger und wohlwollender Mann. Jemand, der den Sorgen seines Reiches Gehör schenkt. Ein Mann der Vernunft mit dem Wunsch nach Frieden. Aber auch ein strategisches Genie. Sich ihm und seiner Tochter zu nähern wäre ein Ding des Unmöglichen. Clive besitzt nicht genug Einfluss in der Welt, um den König um einen Besuch zu bitten. Nur durch ein Geständnis. Zu behaupten, er kenne das Geheimnis seiner Tochter, würde ihn höchstwahrscheinlich seinen Kopf kosten. Auch dann wäre er ein Totgeglaubter. Ein Schicksal, das ihm anscheinend auch jetzt blüht. Welch ein Dilemma!
































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