Kapitel 30

Luelas weinrote Lippen öffnen sich zu einem Spalt, schwarze Rauchschwaden dringen aus ihrem Mund. Formen einen Totenschädel, der um sie herum fliegt und einen Himmelskörper abfängt. Etwas, was mit Wucht auf die Hexe eingeschlagen hätte. Clive kann genau beobachten, wie die Fluggeschwindigkeit des Objektes abgebremst wird. Das Geschoss entpuppt sich als ein gewöhnlicher Stein in der Größe eines Eichhörnchens. Gefangen im Rauch schwebt und dreht sich das Geschoss, während die Hexe unbeeindruckt zur Seite blickt.

 

Hastige Schritte nähern sich von hinten, sodass der Alchemist zurückblickt. Ein junger Mann in einer auffälligen, glänzenden Rüstung kommt zum Stand. Poliertes Silber und aufwendige goldene Blumenverzierungen. Zwischen der edlen Rüstung ruht feinster mitternachtsblauer Stoff. Ein Meistwerk eines Schmiedes. Sein honigblondes Haar fällt dem jungen Kerl ins Gesicht und die himmelblauen Augen ziehen Clive sofort in den Bann. Dieser Mann wirkt wie kein gewöhnlicher Soldat. Die Rüstung könnte aus der Königsstadt stammen oder vielleicht aus einer anderen florierenden Stadt. In einem kleinen Dorf, das sich solch einen Krieger niemals leisten könne.

 

„Geh nicht mit ihr, Alchemist! Bleib der Hexe fern! Sie weiß, wie sie mit dir spielt und dich innerlich zerstört!“

Stirnrunzelnd mustert Clive ihn, dabei lässt er Luela ziehen. Obwohl er nur zu gern wissen möchte, wohin die Hexe ihn führen wollte. Aber schon vorher hatte er seinen Verdacht und nun möchte der Alchemist erst mal andere Dinge in Erfahrung bringen.

Der Bauer und die Kinder haben ihn nicht wahrgenommen, aber der Soldat hingegen spricht ihn sogar an.

„Hast du dich nicht verlaufen? Ich glaube nicht, dass du zu diesem Dorf gehörst.“

Der Junge blinzelt ihn überrascht an und bewegt sich kein Stück, als wäre er vom Blitz getroffen.

„Wunderst du dich nicht, dass nur ich dich sehen kann und kein anderer? Naja in Ausnahme von dem Hexenbiest. Sobald du verstirbst, kann sie dich aber auch nicht mehr sehen.“

Clive schließt daraus: „Du hast das Gleiche wie ich durchgestanden.“

Der Fremde kratzt sich verwundert am Kopf, lächelt auffällig und seufzt laut.

„Du bist anders, als die anderen. Du bist ruhiger und fokussiert, das ist vielleicht gut. Die anderen Kerle sind mit der Zeit durchgedreht. Ich konnte nichts für sie tun und musste sie zurücklassen.“



„Und jetzt verfolgst du Luela?“

Der Blick des jungen Kerls verändert sich. Zorn und Entschlossenheit flammen auf.

„Luela wird ihre Taten noch bereuen, denn ich werde stärker! Ich mag noch ein Geist sein, aber meine Kräfte wachsen. Leider nur in kleinen Schritten. Noch kann ich ihr nichts anhaben. Dieses Biest zaubert zu schnell! Sie lokalisiert die Gefahr zu schnell.“

 

„Deine Kräfte?“, wiederholt der Alchemist verwundert und erinnert sich an das Geschoss.

„Ja.“

Ein freudiger Ausdruck macht sich auf dem Gesicht des Fremden breit, er nähert sich Clive und blickt konzentriert umher. Clive bemerkt, wie der junge Mann eine Schaufel zum Schweben bringt und Luelas Katze entdeckt. Amon läuft sorglos über einem Strohdach. Die Schaufel gehorcht dem Willen des Soldaten, ganz nach den Erzählungen und Niederschriften über Geister. Schwebend wirbelt der Gegenstand durch die Luft und mit einer Wurfbewegung sendet der Soldat den Gegenstand los. Verwandelt die Schaufel in ein Geschoss. Die Katze schreckt auf und mit einem Sprung zurück entkommt sie der Bedrohung. Ein Verhalten, das Clive nicht gutheißen kann.

„Ich würde es doch sehr begrüßen, wenn keine unschuldigen Tiere als Versuchsobjekt genutzt werden!“

Statt Reue stiert der Soldat mit glühendem Blick den Kater an. „Täusche dich nicht, Alchemist! Dieses Vieh ist hinterhältig und ein kleines Monster!“

Clive kann über diesen Jähzorn nur den Kopf schütteln, denn genau das macht einen furchteinflößenden Geist aus. Böse Geister werden zornig, vergessen ihre Menschlichkeit und werden zu Monstern. Doch eine Diskussion könnte sich negativ auf den Informationsaustausch auswirken. Ein Risiko, das Clive nicht bereit ist, einzugehen. Daher schluckt er seine Meinung hinab und konzentriert sich auf ein souveränes Auftreten.

 

„Clive, Novize der Alchemie und auf Reise im Auftrag des Magisterturms.“

„Jelko, Sohn des Hauptmanns von Sternenburg.“

„Sternenburg?“, wiederholt Clive überrascht.

Eine weit entfernte Grenzstadt. Ferner als der Magisterturm. Eine wohlhabende Stadt an der Meeresküste, bekannt für so einige legendäre Kapitäne und Söldner. Eine Stadt voller Helden und den besten Tavernen. Aufsteigende Sterne sollen dort unter den Künstlern aller Art hervorstechen. Einmal im Munde blüht eine rosige Zukunft. Doch keine vier Monate her folgte die Schreckensbotschaft. Sternenburg ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Eine rauchende Ruine. In der schicksalhaften Nacht soll das Inferno kilometerweit bis zum nächsten Morgen gesehen worden sein. Nur wenige entkamen den Flammen und fast niemand mag über diese Nacht sprechen.



 

„Die Schneise der Vernichtung durch Luela ist groß, Alchemist.“

„Du sollst mich doch bitte Clive nennen.“

„Entschuldigt.“

Jelko senkt sein Haupt reuevoll, woraus Clive schließt: „Du hast in der Armee gedient.“

Der Junge geht tatsächlich vor ihn auf die Knie. Wie vor einen König. Mit der geballten Hand vor der Brust senkt er sein Haupt.

In einem ernsten Ton stellt sich Jelko nun anders vor: „Kommandant von Sternenburg, zu Diensten.“

„Kommandant? Bist du nicht etwas jung?“

„Dank meines Vaters und meines Lehrmeisters stehe ich nun in der Position eines Kommandanten.“ Jelko gerät ins Stocken. Ein tiefer Atemzug und sein Geist schweift kurz ab, als schwelge er in Erinnerung. Doch dann folgt seine Verbesserung. „Nun ja. Das war einmal und das verdanke ich alles diesem hinterlistigen Biest von Hexe.“

 

Die Zeit hängt dem Alchemisten im Nacken. Zeit, die für eine Geschichte nicht reicht. Clive steckt voller Tatendrang. Luela hat sich weit genug entfernt, daher möchte er gerne später auf die Story zurückkommen und wechselt das Thema: „Also gut, Jelko. Wie gehen wir vor?“

„Die Weißhexe an Eurer Seite, sie scheint mächtig zu sein. Luela fürchtet sie, wenden wir uns eure Gefährtin.“

„Sina ist keine Hexe.“

Jelkos strahlendweiße Zähne kommen hervor, als er über Clives Worte lächelt, als wäre es dies der lustige Scherz, den der junge Mann je gehört hat.

„Natürlich nicht, Herr Alchemist!“

Clive verschränkt genervt seine Arme und geduldet sich, bis der Junge sich gefangen hat.

 

„Wie gesagt ist Sina keine Hexe sondern eine Fee.“

„Eine Fee ja?“ Noch lächelt Jelko, bis Clive ihn mahnend anfunkelt. „Was zum Henker ist eine Fee?“

„Schwer zu erklären, ich bin mir auch noch nicht sicher. Vielleicht ein Naturgeist?“, grübelt der Alchemist.

„Ein Geist ist sie nicht, dann hätte mich die Hexe bemerkt“, versichert Jelko ihm.

Clive ist diese Unterhaltung leid und fragt erschöpft nach: „Weißt du, wo sich Sina aufhält?“

Der Kommandant betrachtet ihn stirnrunzelnd, bevor er spöttisch antwortet: „In der Herberge. Wo sonst? Ich glaube nicht, dass Eure Gefährten unter freien Himmel an diesem stinkenden Ort im Matsch übernachtet haben.“



Jelko scheint dem Adel anzugehören. Clive hätte es sich denken können. Es gab einfach zu viele Hinweise, die der Alchemist aufgrund seiner Lage einfach ignoriert hat. Dennoch hätte es ja sein können, dass seine Gefährten herumwandern. Nach ihm suchen, schließlich ist es Cunos Aufgabe, ihn zu beschützen. Aber wie der Paladin schon verzweifelt angekündigt hatte, sei er machtlos gegen das Werk einer Hexe.

„Dann los, vertrödeln wir keine Zeit“, schlägt Clive vor.

In der Hoffnung, Sina sei der Schlüssel zur Lösung.

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