Kapitel 32

Clive bemüht sich seine Aufmerksamkeit auf das Gesamtgeschehen zu richten, doch Sinas Trauer geht nicht spurlos an ihm vorbei. Die hitzige Diskussion zwischen Rebecca und Cuno dringt nur gedämpft an sein Ohr. Auch die Schaulustigen Leute blendet der Alchemist einfach aus. Stattdessen nähert er sich der Fee, Sina wimmert und sitzt im Dreck. Vor ihr liegt Clives regungsloser Körper. Ein befremdlicher Anblick, mit dem sich der Alchemist gleich erst beschäftigen möchte.

 

Wenn Clive nur könnte, dann würde er ihre Tränen auffangen. Es ehrt ihn, dass Sina um ihn trauert. Oft wusste er nicht, wie die Fee wirklich zu ihm steht. Ihr schönes Gewand wird seinetwegen ganz dreckig, ihre Augen sind von den vielen Tränen geschwollen. Auch bei Sina gefriert der Atem. Sein Umfeld reagiert auf ihn. Wie in den Schauergeschichten, dass Präsenzen Kälte mit sich bringen. Doch die Fee blendet ihr Umfeld ebenfalls aus. Die Kälte wird von ihrer Seite nicht registriert. Daher mag sich Clive mit dem Zustand seiner fleischlichen Hülle befassen. Auf Anhieb zeigt sich eine ungesunde Blässe. Wie bei einem Toten. Seine Muskulatur erschlaffte bereits. Wären seine Augen offen, könnte er eine fehlende Pupillenreaktion feststellen. Viele würden ihn damit als Toten abstempeln, doch Clive vermisst die Totenflecken. Nach einer halben Stunde des Todeszeitpunktes sollte eigentlich eine violettrote bis zur blaugrauen Verfärbung der Haut auftreten. In den nächsten Stunden wird sich dann erst zeigen, ob die Totenstarre eintritt und darauf folgt die Fäulnis. Aber soweit möchte Clive es gar nicht kommen lassen.

 

Jelko nähert sich ihm interessiert. „Wie fühlt es sich an, deinen eigenen Körper dort zu sehen?“

Clive blickt auf und antwortet gefasst: „Wie ein schlechter Traum. Aber hier stimmt etwas nicht, denn ich vermisse die Totenflecken.“

„Die was?“

„Dieser Zustand ähnelt mehr einem Tier, das sich für den Winterschlaf zurückzieht“, grübelt der Alchemist.

Jelko wendet sich kurz kopfschüttelnd ab, bevor er ihm vor Augen hält: „Sie werden dich begraben.“

„Du sagtest, du könntest Sina auf uns aufmerksam machen.“

Somit käme Clive auf den Plan zurück.

Der Kommandant seufzt laut und spricht seine Zweifel aus: „Ich kann es versuchen, die Frage ist nur, ob sie es mitbekommt.“



Wie befürchtet, Sina ist viel zu sehr mit ihren Gedanken beschäftigt und der Trauer verfallen. Also handelt er aus Instinkt und versucht, seine Hand auf ihre Wange zu legen. Als seine Finger jedoch in ihrem Mund verschwinden, nimmt er die Hand erschrocken von ihr. Zu seiner Verwunderung hat der Alchemist ihre warme Temperatur gespürt und auch ihre Nähe dient ihm in dieser kalten Welt kurz als Wärmequelle.

 

Sinas steife Finger lockern sich, schniefend bewegt die Fee ihren Kopf in seine Richtung. Als er ihren Namen sanft ausspricht, weiten sich ihre Augen. Der Schrecken steht ihr ins geschrieben, schnürt ihr die Atemwege zu. Die Farbe weicht der Fee aus dem Gesicht, als seine Gefährtin plötzlich von Clive wegrutscht.

„Du sollst sie nicht verängstigen!“, beschwert sich Jelko bei ihm.

Beschämt schlägt er die Augen nieder. „Ich bitte inständig um Verzeihung.“

„Sina?“, wird die Fee von Cuno angesprochen. „Was ist los?“

„Da war dieser Atem, direkt an meiner Wange und ich meine, meinen Namen gehört zu haben“, antwortet die Fee bibbernd.

„Was sagst du da?“

Der Paladin wird laut und tritt ehrfürchtig näher. Gestresst von ihrer Aussage. Eine typische Cuno-Reaktion. Cuno klingt, als wolle man ihn auf den Arm nehmen.

„Ein fremder Atem? Eine Kälte? Hab ich auch gespürt, du wirst nicht verrückt“, versichert Rebecca ihr trocken.

Doch Cuno nimmt kopfschüttelnd Abstand. „Was? Ihr spinnt doch!“

 

„Ein Geist? Etwa Clive?“, spricht Sina ihren Gedanken verängstigt aus.

Rebecca blickt nachdenklich umher. „Oder ein Warnsignal, wenn die Hexe ihre Macht freilässt. Wie gesagt, ich habe da eine Spur und…“

„Wie oft noch? Nein! Bleib gefälligst hier! Reicht ja schon, dass Clive tot ist!“, fällt Cuno ihr ins Wort.

Der Langfinger rollt die Augen und kehrt ihnen stumm den Rücken.

„Eine Spur?“, wiederholt Sina überrascht.

„So ein komisches Pulver“, meldet sich Rebecca, ohne sich umzudrehen.

„Schwefel“, erinnert sich Clive.

„Dämonisches Zeug“, gibt Jelko verärgert sein Senf dazu.

Der Alchemist blickt auf und korrigiert: „Schwefel ist nicht dämonisch.“

„Überall, wo die dunkle Macht wütet, ist dieses gelbe Pulver zu sehen!“



Einen interessanten Punkt hält sein Geisterkumpane ihm vor Augen.

Clive atmet genervt aus. „Das mag ich nicht abstreiten, aber Schwefel wird auch in der Alchemie eingesetzt. Damit lässt sich ein guter Pflanzenschutz herstellen oder es wird zum Reinigen von Weinfässern benutzt. Bei der Benutzung werden Schimmelpilze abgetötet. Die Schwefelleber ist auch ganz interessant, sie kommt bei medizinischen Bädern zum Einsatz. Die Schwefelbäder sind ein wahrer Schatz, ob Gelenkschmerzen, Stoffwechselerkrankungen…“

„Hab verstanden!“, unterbricht Jelko ihn überfordert und lässt die Informationen kurz sacken, bevor er doch noch mal nachfragt. „Schwefelleber? Was soll das sein?“

„Ein Stoffgemisch aus Kaliumsulfid, Kaliumpolysulfiden, Kaliumthiosulfat und Kaliumsulfat.“

Das war nicht die Antwort, die der Kommandant hören wollte. Es offensichtlich, dass er kein bisschen schlauer wurde als vorher.

„Alchemisten! Unfassbar!“

 

Die Erfahrung hielt Clive zwar immer wieder vor Augen, dass jetzt der Zeitpunkt wäre, das Thema zu begraben, doch er kann nicht anders, als sein Gebiet zu vertiefen. In der Hoffnung, er könne mit einfachen Worten sein Wissen weitergeben. „Weißt, um die Zusammensetzung zu gewinnen…“

„Genug, Alchemist! Weißt du, was? Behalte es für dich! Konzentrieren wir uns doch auf die Weißhexe!“

„Sina“, beginnt Clive und muss nun feststellen, dass sie nicht mehr dort ruht, wo sie zuletzt war. „Nanu! Sie ging fort.“

„Dort drüben, du Pappnase!“

Clive folgt Jelkos Blick, Sina stand bereits auf und befindet sich im Gespräch mit Cuno.

Der Alchemist kratzt sich verwundert am Kopf. „Wann lief sie davon?“

„In deiner einschläfernden Rede von Schwefel!“

Wie sehr Clive doch die Gespräche mit den anderen Alchemisten vermisst. Wie so oft und auch in diesem Fall werden seine Kenntnisse nicht geschätzt.

 

Jelko begibt sich als Erster zu Sina und Cuno. Er betrachtet die beiden nachdenklich, bevor sich der Kommandant hinunterbeugt und im Dreck mit seinem Finger zu malen beginnt. Kaum fertig erhebt sich Jelko und wedelt ungeduldig vor Sina herum, die überrascht zurückweicht.

„Was ist denn jetzt schon wieder?“

Cunos Stimme klingt verdächtig schrill.



Unwohlsein bei so vielen Interaktionen mit Geistern vertragen sicherlich nur die wenigsten Leute. Sinas Blässe gefällt Clive überhaupt nicht. Er fürchtet einen Ohnmachtsanfall. Ihr Blick huscht auffällig umher. Bis Cuno an sie herantritt.

„Hat es dir die Sprache verschlagen?“

Er giftet sie unnötig an. Ein Verhalten, das Clive nicht gutheißen mag. Doch zu seiner Verwunderung fasst sich Sina. Ein tiefer Atemzug und sie wirkt innerlich ruhiger.

„Mein Stamm sucht den Kontakt zu Geistern. Wir unterhalten uns mit Verstorbenen und leben im Einklang. Wir können so viel von der anderen Seite in Erfahrung bringen. Wissen, was uns nur nach dem Tod zustehen würde. Doch nicht jede Präsenz kommt in Frieden. Ein Spuk suchte mich bislang nie unangefordert heim. Nicht ohne die Rituale. Nun aber kann ich mit Gewissheit sagen, wir sind nicht allein. Ein Geist sucht das Gespräch zu uns.“

Cuno steht der Mund offen. Unfähig, sich dazu zu äußern, beobachtet er, wie sie sich umblickt und Jelkos Nachricht ausfindig macht.

„Hier! Schau mal, Cuno. Die Präsenz hat einen Weg der Kommunikation gefunden.“

 

Cuno blickt nur kurz auf den Boden, schließlich wandert sein Blick umher.

Als er ein Kind beschuldigt, beschwert sich Jelko über ihn: „Nicht der hellste Schwertkämpfer oder? Übrigens, weiß er, dass ein Vogel auf seiner Schulter sitzt?“

Clive hingegen zeigt mehr Verständnis für Cunos Lage und verteidigt ihn sogar: „Geistererscheinungen sind eine Seltenheit. Für viele sind sie nur ein Aberglaube. Ich glaube, der Paladin sucht nach einer anderen logischen Erklärung, als an das Offensichtliche zu glauben.“

„Verstehe, dein Freund braucht mehr Hokuspokus!“, hört der Kommandant daraus.

Bevor Clive sich dazu äußern kann, macht Jelko eine Wurfbewegung und nun landet vor Cunos Füßen eine schwarze, aufgeschreckte Katze.

 

Kaum blickt die Katze mit ihren gelben Augen auf, macht sie einen Rückwärtssprung, wobei sie fast gegen Sina springt. Als die Katze nun auch noch die Fee entdeckt, sucht das arme Tier das Weite. Auch Cuno läuft rückwärts und schüttelt ungläubig den Kopf.

Lang genug hat Clive geschwiegen. Er kann die Tierquälerei nicht länger befürworten. „Bitte wirf keine lebenden Tiere, auch keine toten Tiere …überhaupt keine Tiere.“



„Sie war einfach da“, rechtfertigt sich Jelko dazu. „Was hätte ich denn sonst nehmen sollen? Das Kind?“

„Du weißt schon, dass schwarze Katzen mit Hexen in Verbindung gebracht werden“, erwähnt Clive erschöpft.

Jelkos Augen weiten sich vor Überraschung.

„Oh“, gibt der Geist von sich.

Die Erkenntnis folgt leider zu spät.

 

Da Sina sich der Botschaft widmet, bittet der Alchemist ihn nun: „Könntest du ihr noch etwas ausrichten?“

„Versuche es doch selbst! Du bist der Gelehrte! Ich bin nicht gut im Schreiben!“

Clive erkennt, dass eine Diskussion zu nichts führen wird. Also begibt er sich zu Sina und liest die dramatische Botschaft: „Er lebt!“

Vielleicht wäre es doch besser, wenn Clive sich anstrengt und lernt, als Geist Nachrichten zu hinterlassen. Also geht er auf die Knie und beginnt damit zu üben, Spuren zu hinterlassen. Am Anfang wirkt sein Vorhaben zum Scheitern verurteilt, er greift schließlich immer wieder in den Boden hinein, sodass Jelko ihn tadelt, sich besser zu konzentrieren. Als der Alchemist dann aufgeben wollte, entdeckt er seinen Handabdruck im Dreck. Also setzt er einen erneuten Versuch an.

 

„Liebe Sina,

ich melde mich als Geist bei dir. Durch Luela erlebe ich ein Abenteuer mit außerkörperlichen Erfahrungen. Ich bin nicht tot, denn ich sehe keine Totenflecken. Nur kann ich nicht garantieren, wie lange mein Körper diesen Zustand unterstützt. Siehe dir meinen rechten Arm, dort stehen die Namen von einigen Weißhexen und ihren Standorten. Sollte ich dies hier nicht überleben, hast du ein Anhaltspunkt. Hoffentlich kehrst du heil zurück zu deiner Familie.

 

Hochachtungsvoll Clive“, liest Jelko die Nachricht vor. „Kitschig, Alchemist.“

Clive sieht besorgt auf, hoffentlich kann Sina lesen. Aber zur Not kann sie sich an Cuno wenden.

 

Die freudigen Laute der Dorfbewohner wecken seine Aufmerksamkeit, zuerst tropfen einzelne Regentropfen hinunter, bevor es urplötzlich wie aus Eimern schüttet und seine Nachricht verschwimmt. Ein Blick zur Seite und der Alchemist blickt in das teuflische Gesicht von Luela, die mit einem breiten Lächeln und einer Hand voll Blumen umherwandert.

 

Sina hingegen wischt die Tränen tapfer aus dem Gesicht. Die Fee dreht sich zur Seite und begibt sich zu Clives Körper. Hoffnungsvoll folgt der Alchemist ihr und als Sina seinen Ärmel hochkrempelt, ist die Sache glasklar. Die Fee beherrscht die Kunst des Lesens. Im Nu macht sie die Namen der Weißhexen ausfündig und verharrt einige Zeit in Position, bis sie ihren Kopf zur Seite dreht.



„Ich habe verstanden, Clive. Aber zuerst suchen wir nach einer Möglichkeit, dir zu helfen.“

Ein Gefühl von Dankbarkeit wallt in Clive. Sinas Hilfsbereitschaft ist ein seltenes Gut, was er zu schätzen weiß und was es zu schützen gilt.

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