Kapitel 38

Die kleinen Stöcke geben unter Cunos Stiefeln nach. Knacken, sodass ihre Ankunft  unüberhörbar ist. Als hätte ein Sturm ins Haus geweht und all das Geäst hineingeweht. So wie es in der Bude aussieht, wird diese kaum gepflegt. Daher wunder die ganze Unordnung und der hohe Staub keinen der beiden Freunde. Die paar Stufen der Treppe haben sie bereits hinter sich gelassen und folgen einem Tunnel tiefer ins Erdreich. Der Boden unter ihren Füßen besteht aus festgetretener Erde. Aus den Wänden ragen immer wieder gerne mal Wurzeln heraus. Die Luft ist feucht, sodass es sicher nur eine Frage der Zeit ist, bis hier Pilze wachsen.

 

Mit der brennenden Fackel voran und einem Messer in der freien Hand folgt ein Fuß nach dem anderen. Der Tunnel wirkt endlos und verdächtig still. Nur das Knistern der Flamme, Cunos Atem und die Schritte der beiden Freunde sind die einzigen Geräusche weit und breit. Rebeccas Augen wollen ihr einen Streich spielen, denn sie hat das Gefühl immer wieder Umrisse in der Dunkelheit zu erkennen. Dinge, die an ihnen vorbeihuschen und ihr Herz lauter schlagen lassen. In Häuser bei Nacht einzubrechen ist das eine, aber dieser Ort ist nicht nur von der Kälte eingenommen, sondern unheimlicher als die dunkelste Nacht.

 

Die Stille wird von einem bösen Lachen gestört, die beiden Freunde halten schlagartig inne und sehen sich bleich um. Luelas Stimme klingt nah. Zum Glück scheint das Ende des Tunnels schon bald erreicht zu sein.

„Anscheinend haben wir unerwünschten Besuch. Eine dreckige Diebin und ein Mann der Gerechtigkeit“, hallt es laut in der Tunnelanlage.

„Da!“, spricht Cuno seine Kindheitsfreundin an.

Er deutet auf ein Schattenbild im Schein der Flamme. Eine gekrümmte Gestalt mit Hörnern, die an ihnen vorbeihuscht. Rebecca hält schlagartig Ausschau nach dem Wesen, das diesen Schattenwirft. Vergebens. Wie sollen sie so etwas bezwingen?

 

In Moment wie diesen wünscht sich Rebecca den Alchemisten zur Hilfe. Clive wäre sicherlich eine größere Hilfe als Cuno. Denn die Diebin bezweifelt, dass Stahl hier etwas bezwecken wird.

„Ignoriere diese Schatten, weiche den Bedrohungen einfach aus. Wir wissen, die Hexe ist aus Fleisch und Blut. Mit ihr wird der Spuk enden“, motiviert ihr Kindheitsfreund sie.



Er hat Recht. Kaum zu glauben, dass Rebecca so etwas jemals denken würde. Aber es stimmt, die Hexe kann bluten. Sie sollten Luela besser schnell ausfindig machen.

Kaum liegen die Bomben in Rebeccas Finger, greift Cuno grob zu. Kopfschüttelnd blickt er ihr in die Augen.

„Viel zu gefährlich! Willst du uns begraben? Und auch hier wissen wir nicht, ob Unschuldige in die Sache gezogen werden.“

Zwar spricht der Paladin weiter, doch Rebeccas Augen ruhen auf die Silhouetten von Schlangen, die sich ihren Schattenbildern nähern.

„Schön! Neuer Plan! Ich gehe da jetzt rein, lege überall ein Feuer und wenn sich dort etwas befindet, das in deinen Augen gerettet werden soll, dann nur zu!“, beschließt sie auf die Schnelle. Pampiger als beabsichtigt. Doch seine Einstellung erschwert die Arbeit ungemein! Denn auch ihr fehlt die Konzentration bei all dem Spuk. Besser, sie handeln schnell, bevor die Hexe sich vollständig erholt. Seine Einwände kann er sich dabei sonst wo hinstecken, Rebecca stürmt voran. Mit einem Sprung befindet sie sich im Keller und duckt sich unter den plötzlich schnellen Bewegungen hinweg. Dabei spürt Rebecca einen kalten Atem, der ihre Nackenhaare zum Sträuben bringt, und richtet sich langsam auf. Es folgt ein schriller Schrei. Keiner, den sie Luela zuordnen würde. Es klingt wie eine gequälte Seele eines alten Weibs.

 

Fluchend stößt Rebecca im Dunklen gegen einen Stapel Bücher, stolpert und bekommt Halt durch Cunos festen Griff. Dankbar blickt sie ihm in die Augen. Er mag manchmal ein Idiot sein und doch packt er an, wenn Hilfe gebraucht wird. Eine Eigenschaft, die sie an ihm schätzt. Doch genug Zeit vergeudet. In all der Kälte kommt ihr ein Feuer gelegen. Der Bücherstapel bietet genug Nahrung. Daher wird dieser mit der Fackel angezündet. Die neue Feuerquelle offenbart das erboste Gesicht von Luela, die Hexe befindet sich im Hintergrund und breitet ihre Arme aus, als wolle sie ihre Gäste willkommen heißen. Cuno lässt von Rebecca ab und schreitet der Hexe entschlossen entgegen, dabei weicht er gehörnten Schattenkreaturen aus, die so schnell sie erscheinen auch verschwinden. Wesen aus Rauch. Trug oder ernstzunehmende Gefahr, das wird sich noch zeigen.



 

Ein Wirrwarr an Stimmen prasselt auf Rebecca nieder. Schemenhafte, leuchtende Gestalten laufen an ihr vorbei, sollen sie bestimmt verunsichern. Die Temperatur sinkt schalartig. Der Boden gefriert und verwandelt sich in eine rutschige Fläche. Mit der Fackel bekommt Rebecca die Geister verscheucht. Fürs Erste. Die Schemen tauchen wenige Meter von ihr entfernt auf, lachen über ihre Gefuchtel. Nach und nach legt Rebecca ein neues Feuer, sie gibt genug Freiraum zwischen den Feuerstellen, sodass den beiden Freunden mehr Zeit für die Flucht bleibt. Genug Möbel und Bücherstapel sorgen für ausreichend Futterstellen. Je heller der feuchte Raum leuchtet, desto besser kann sie die vielen Schattengestalten im Auge behalten. Die armen Seelen versuchen, die Feuerquellen zu löschen, indem sie sich auf die Flammen werfen und sich somit opfern. Tatsächlich wird das Feuer zurückgedrängt und gelöscht. Nichts, was Rebecca verärgert, denn die Räumlichkeit ist voll mit Zeug, das sich anzünden lässt. So wie viel anderer Krempel. Darunter Flaschen, Bücher, Kisten und Gläser. Im Zentrum der Höhle befinden sich ein ganz großer Kessel, ein große, runde Holzbadewanne und ein Schaukelstuhl. Sicherlich der Ort, wo sich die Hexe am meisten aufhält. Ein Blick in die Wanne sollte alarmierend genug sein, denn das Innenleben hat eine rötliche Schicht. Getrocknetes Blut wie Rebecca vermutet. Würde zu den Gebeinen am Boden passen. Als habe die Hexe Menschen dort ausbluten lassen und die Leiche verweste schließlich im Dreck.

 

Die Höhle wird von acht Säulen aus Knochen gestützt. Die Gebeine liegen auf einander und wirken wie festgeklebt. Dreckige Schlafmatten, knochentrockenes Brot und Krüge mit Wasser lassen Rebecca daraus schließen, dass sie den Schlafplatz der Kinder gefunden hat. Skandalös in Anbetracht des protzige Bettes, das eines Königs gleicht. Ein Ort der Ruhe. Gekleidet mit Samtvorhängen. Auch die detailreichen Schnitzereien beeindrucken. Eines ist klar, die Kinder leben nur, weil sie ihren Zweck erfüllen. Die Hexe handelt nicht aus Nächstenliebe, ihr sind die Kinder völlig egal. Eine Tatsache, die Rebecca erzürnt. Ein persönlicher Groll taucht auf. Auch sie war den Erwachsenen egal. In kalten Wintertagen schlief sie im Freien. Fror bitterlich. Ein jeder Passant wandte sich von ihr ab. Bevor sie Cuno traf kannte sie keinen Zusammenhalt. Keine Herzlichkeit. Ohne Cuno und seiner liebevollen Familie hätte sie den Kampf gegen die Erkältung verloren. Doch bei ihm wurde sie gesund gepflegt und wie ein Kind des Hauses behandelt. Ungeachtet ihrer Herkunft. Ungeachtet, dass sie nicht blutsverwandt sind.



 

Ein Blick zum Paladin zeigt, dass er sich gut im Kampf gegen die Hexe schlägt. Er weicht ihrer Magie problemlos aus. Luela arbeitet mit vertrauten Elementen. Sie schleudert schwarze Feuerbällen und Blitze aus ihren Händen. Luela atmet noch immer schwer, die Wunden sind zwar verschwunden, als wäre nie etwas passiert, und doch schwächelt die Hexe. Luela wirkt unkonzentriert, ihre müden Augen kann sie kaum aufhalten und außerdem schwankt die Hexe verdächtig. Daher wirft Rebecca ein Messer los. Zähneknirschend beobachtet sie, wie dieses von einer dieser Schattengestalten gefangen wird. Mit dem Fehlschlag wird Luela auf Rebecca aufmerksam. Bislang scheint sie diese nicht als Bedrohung wahrgenommen zu haben. Dies ändert sich in dem Moment, als sie eine Schockwelle nach Rebecca steuert. Eine unsichtbare Macht mit einer geballten Zugkraft. Wie eine Welle rollt diese an und dank guter Instinkte duckt sich Rebecca nur knapp unter der magischen Bedrohung hinweg. Die Magie des Teufelsweibs donnert gegen die Wand, bringt den Bau gefährlich zum Wackeln und frisst ein kugelartiges Loch in den Erdwall. Ein Schaden, der auf Rebeccas Größe angepasst wurde.

 

Ein Aufschrei reißt Rebecca aus der Starre. Cunos Schwert erwischt die Hexe und schneidet ihr das Fleisch an dem linken Unterarm auf. Mit einem wutverzerrten Blick schlägt Luela ihre Faust nieder zu Boden und lässt den Boden wellen. Die beiden Freunde taumeln durch die Höhle, weichen herabfallenden Deckenstücken und den Schemen aus. Die Wand hinter Rebecca bereitet ihr besonders Sorge, schließlich graben sich dort totenbleiche Arme aus dem Erdreich. Die Bedrohung versucht nach ihnen zu greifen und es fehlen nur wenige Zentimeter. Fast hätte Rebecca den Kampf verloren, doch zum Glück wird der Boden geglättet. Rebecca plumpst auf ihren Hintern und blickt angsterfüllt auf die bleichen Arme. Es sind zu viele, um sie zu zählen.

 

Cunos Ruf rettet ihr jedoch das Leben, denn Luela hat sich angeschlichen und wollte ihre Magie auf sie niederdonnern. Wie ein böses Monster beugt sie sich über Rebecca und streckt ihre Klauen aus, aus Reflex handelt Rebecca. Ein Wurf und die Klinge bohrt sich in das rechte Auge der Hexe. Luela schreit schmerzerfüllt, blutet und taumelt. Mit einem Tritt befördert Rebecca die Hexe zu Boden, schnappt sich das nächste Messer und hofft, den Spuk zu beenden. Sie wollte sich auf Luela stürzen, ihr das Herz herausschneiden, aber die nächste Schockwelle erwischt sie und reißt sie brutal fort.



 

Die Wucht der Druckwelle ist groß, Rebecca wird gnadenlos hinauf gegen die Decke gerissen. Ihre Atemwege leiden bei der Kollision. Für einen Moment ringt Rebecca nach Luft, bevor sie wie eine heiße Kartoffel von der Decke fällt und unsanft auf dem Boden landet. Keuchend blickt Rebecca auf und verfolgt, wie Cunos Schwert ins Leere trifft, da Luela rechtzeitig zur Seite krabbelt. Mit dem unverständlichen Gemurmel beschwört die Hexe den nächsten Zauber herauf. Bei einer Knochensäule lösen sich die Gebeine. Nach und nach fügen sich Knochengerüste zusammen und die Hexe erhält eine Hand voll untoter Krieger zur Unterstützung, wofür der Paladin sie laut verflucht.

 

Mühsam erhebt sich Rebecca und eilt ihrem Freund zur Hilfe. Das Feuer hat sich bereits bedrohlich ausgebreitet. Die Hitze erreicht unerträgliche Temperaturen. Die wilde Mähne klebt ihr bereits durch den Schweiß im Gesicht. Der Rauch füllt ihre Lungen und lässt sie husten. Noch besteht die Möglichkeit zu Entkommen. Raus aus dieser Höhle. Die Zeit hängt ihnen jedoch im Nacken, das erkennt selbst die Hexe wie ihr teuflisches Grinsen verrät.

 

Luela ergreift zuerst die Flucht. Rebecca läuft ihr entgegen, springt rechtzeitig los und donnert mit dem Feind zu Boden. Dabei überschlagen sich die beiden Frauen mehrere Male, bevor sie benommen gegen einen Stapel Kisten krachen. Die oberste Kiste wackelt verdächtig und stürzt tatsächlich hinab. Rebecca holt mit ihren Beinen Schwung und tritt Luela von sich. Schnell rollt sie sich zur Seite, dabei entkommt sie nicht allen hinab donnern Gläsern. Einige der Behälter zerspringen. Flüssigkeiten mit starkem Geruch nach allerlei Alkohol und Kräutern steigt ihr in die Nase. Eine wilde Mischung. In Kombination bestialisch.

 

Ganz vorsichtig und mit Bedacht erhebt sich Rebecca. In der Hoffnung, in keine Scherben zu greifen oder zu treten. Luela ist ebenfalls auf ihren Beinen und stürmt nun aus dem Keller, Rebecca eilt daher hinaus in den Tunnel. Fast erwischt sie die Hexe an den Haaren, würden ihre Untoten nicht dazwischenfunken. Mitten im Lauf umfasst etwas Rebeccas Bein und lässt sie unsanft zu Boden fallen. Den Kopf schützen! – So lautet die oberste Regel. Und die rettet ihr das Leben. Denn ansonsten wäre sie auf den Kopf gefallen und hätte eventuell das Bewusstsein verloren. Die Luft entweicht zischend durch die gepressten Zähne, als Rebecca wütend der Hexe bei der Flucht zuschaut. Um sich dann das Ding anzusehen, was ihr den Erfolg vermasselt hat. Geekelt blickt Rebecca hinab auf einen blassen Arm, der aus dem Boden ragt und ihr Bein gefangen hält. Es folgt eine schnelle Bewegung von der Seite, zu ihrem Glück handelt es sich um Cuno, der Luelas Diener zerstückelt. Rebecca hebt den Arm und schützt sich vor Fleischresten. Ungeduldig greift Cuno nach ihr und zieht sie hinauf. Seine Hand bleibt verkrampft auf ihr liegen, denn er übernimmt die Führung und treibt die Flucht voran. Seine Schritte beschleunigen sich. So wie die von Rebecca, als die Erde bebt und der Tunnel neben dem Rauch einzustürzen droht. Wie durch ein Wunder schaffen sie es aus dem Keller und im Haus hältst sich zum Glück keine Seele mehr auf, denn die Dorfbewohner haben sich draußen vor der Hütte versammelt. Sie unterstützen die beiden, indem sie die Hexe mit Steinen bewerfen und ihr keine Chance geben, um durchzuatmen.



 

Ein ungutes Gefühl plagt Rebecca, als die Hexe anfängt zu dampfen. Ihre Fußabdrücke glühen noch Minuten später wie in einem Brennofen. Einige Dorfbewohner wittern ebenfalls die Gefahr und ergreifen die Flucht. Cunos Blick genügt, um zu verdeutlichen, dass er all dem ein Ende setzen will. Doch Rebecca hält ihn zurück, denn sie wird das Gefühl nicht los, dass er in seinen sicheren Tod laufen würde. Ihrer Meinung nach sollten sie jeden Schritt nun dreimal überdenken und mit äußerster Vorsicht handeln.

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