Kapitel 4

Der sanfte Klang eines Windspieles lässt Clive aus einer anderen Welt erwachen. Es mag sein Traum gewesen sein und doch gehört die Welt zu Jelko. Die beiden Freunde haben sich noch eine lange Zeit unterhalten. Alles wurde gut durchgeplant und besprochen. Die ruhelose Seele machte sich viele Gedanken über die Zukunft und über die aktuelle Lage. Clive wurde immer wieder aufs Neue positiv überrascht, denn Jelko zeigt sich als Realist und erkennt die Gefahren seines Daseins. Er strebt die ewige Ruhe zwar an, aber er fürchtet, dass sein Handeln im Kampf gegen Luela ihm diesen Weg erschwert. Er betitelt seinen Zustand als einen Fluch. Vielleicht aufgelastet von Luela oder verschuldet durch seine eigene Entscheidungen. Möglichkeiten, die Clive in Betracht ziehen kann. Doch vielleicht will Jelko tief im Inneren nicht akzeptieren, dass seine berufliche Karriere so früh endete. Als Sohn eines Hauptmannes, steckte Jelko sicherlich halstief in großen Erwartungen anderer Leute. Seine Kindheit war sicherlich geprägt von Disziplin und Lehre. Wenig Freizeit. All der Fleiß, um am Ende früh mit einer Stadt unterzugehen. Ein Gedankengang den Clive vorerst für sich behielt. Aus Sorge, er könne mit seiner Vermutung seinem Freund damit schaden. Jelko vielleicht in eine trübe Stimmung zu versetzen und damit zurücklassen, könnte ihn womöglich negativ verändern. Ein Risiko, das Clive nicht eingehen mag.

 

Aber nun befindet sich der Alchemist zurück in seiner Welt. Umgeben von vertrauten Gesichtern. Neugierige Blicke, die gespannt auf seine Version warten. Dabei braucht Clive einen Moment, um sich zu sammeln. Obwohl das Treffen mit Jelko keine Stunde zurückliegt, fühlt es sich wie eine halbe Ewigkeit an. Der Alchemist hat Zweifel an seiner Erinnerungen und hofft, nichts vergessen zu haben, was von Bedeutung sein könne. Der Wunsch nach seinem Notizbuch wächst. Alles niederzuschreiben hat Clive schon immer geholfen, die Informationen besser zu verinnerlichen und richtig zu sortieren.

 

Sein Freund und Begleiter Cuno bietet ihm die helfende Hand an. Er zieht Clive mit Leichtigkeit auf die Beine. Ein Paladin in Graf Byloms Diensten. Ein kluger Mann, der seinem Titel als Held des Volkes gerecht wird. Die jadegrünen Augen liegen wachsam auf Clive und als sich eine schwarzschimmernde Strähne aus seinem Knoten löst, streicht Cuno diese schnell hinters Ohr. Sein Freund mag grimmig reinblicken und sicherlich viele Leute verschrecken, doch während der Reise lernte Clive seine sanfte und fürsorgliche Seite kennen. Allein die Zeit, die Cuno für die Ausbildung der verwahrlosten Königskinder nimmt, zeigt ehrliche Fürsorge. Noch schwummrig von der Wirkung der Traumwurzel orientiert sich der Alchemist in dem leergeräumten Haus. Eine kleine, aber feine Hütte, wo sich eine Legende niedergelassen hat und nun in ihrem hohen Alter einen Umzug bevorzugt. Die alte Dame Gerta betrachtet ihn bereits erwartungsvoll von ihrem Schaukelstuhl aus. Ihr Körper mag alt und zerbrechlich wirken, doch durch die grauen Augen blickt ein wacher und scharfsinniger Geist. Trotz hohem Alter legt die Dame viel Wert auf Ihr Äußeres. Gepflegt und herausgeputzt wird sie dank einer Dame namens Violante. Ein Haushaltshilfe, die sich fürsorglich und gewissenhaft um Gerta kümmert. Dank des Sohnes trägt Gerta die feinsten Kleider und sticht mit einer noblen Einrichtung in dem Dorf Sankt Sanapee hervor. Die alte Frau mag ebenfalls Freude an der Wissenschaft gefunden haben, doch der Magisterturm gewährt Frauen keinen Zutritt. Daher fand Gerta andere Wege, sich ihrem Studium zu widmen.



 

„Konntest du Kontakt zu ihm aufnehmen?“, macht die Traumforscherin den Anfang.

„Ich konnte.“ Clive seufzt. „Nur bin ich mir nicht sicher, welche Bürde ich mir aufgehalst habe.“

„Na toll!“, brummt Cuno schlechtgelaunt.

Der arme Paladin hat mit ihm nur Ärger. Clive versteht den Frust seines Beschützers zu gut. Selbst ein Paladin ist mit solchen fremden Mächten überfordert. Anders als bei Cuno weckt Clives Aussage das Interesse eines weiteren Gefährten. Sina strahlt hell und versprüht mit ihrem sonnigen Gemüt Wärme im Raum. Wie bedauerlich, dass sie gezwungen ist, ihr violettes Haar in der Öffentlichkeit zu verstecken. Die ungewöhnliche Haarfarbe und die aufwendig dick geflochtenen Strähnen lassen sie leider negativ auffallen. Ihre Arme sind auffällig tätowiert und ihre Ohren spitz. Alles Details, die Clive an ihr liebt, aber die sie vor der Welt verstecken muss, um nicht aufzufallen. Geheimnisvoll wie die See erinnern ihre Augen auf farblich an Strände mit klaren Wasser. Sina vollbringt ebenfalls Wunder. Allein ihre Anwesenheit heilt die Natur und verwandelt die Ortschaft in ein wahres Paradies. Die Tierwelt fühlt sich bei ihr wohl und besucht Sina regelmäßig. Jeden Morgen findet Sina kleine Geschenke von ihren tierischen Freunden vor der Haustür. Darunter Nüsse, Beeren und die schönsten Federn. Clive kann sich an ihren strahlenden Charakter kaum satt sehen und bereut seinen Verrat an die Krone keineswegs. Immer wieder würde er Sina zur Hilfe eilen. Frei erblüht sie zu der schönsten Blume, gefangen würde sie verkümmern. Obwohl Sina Wunder bewirkt, bezeichnet sie sich als Fee. Sobald sie als Hexe beschimpft wird, folgt ihr nachtragender Zorn. Der Kontakt zu Geistern reizt die junge Dame sehr. Allein durch ihre Kultur. Gierig wie ein Schwamm saugt sie neues Wissen auf und vertieft sich gerne in Gesprächen mit der Traumforscherin Gerta.

„Sag, Clive. Wird er weiter Kontakt zu uns aufnehmen?“, fragt Sina ihn ganz aufgeregt.

Ein Nicken des Alchemisten reicht aus, um ihr einen Jubelschrei zu entlocken. Es scheint die Fee nicht zu stören, dass ihre Freude niemanden ansteckt und sie die Einzige im Raum sein mag, die sich über das Ergebnis freut.



 

Clive muss seiner neuen Lehrmeisterin nur in die Augen sehen und schon sind die beiden Alchemisten einer Meinung.

„Die Gefahren sind mir bewusst und ich wünschte, Jelko hätte mit Luelas Tod Frieden gefunden.“

Gerta beugt sich vor und rät zur Vorsicht: „Geister sind launisch. Du musst ihn ständig im Auge behalten. Mache dir besser nach jedem Gespräch Notizen, wie du seinen Zustand einschätzt.“

Eine Ansicht, die Clive teilt und sicherlich helfen wird, um Jelkos geistigen Zustand besser einzuschätzen. Und doch hält er Verstärkung für sinnvoll.

„Ich brauche professionelle Hilfe. Jemand, der sich mit Geistern auskennt.“

Die Traumforscherin nickt zustimmend. „Mit der Traumwurzel kannst du vorerst Kontakt aufnehmen, auch wenn ich zum häufigen Gebrauch abrate.“

Clive runzelt die Stirn. Er wird stutzig, denn er hat sich über mögliche Nebenwirkungen bislang keinen Kopf zerbrochen. Warum auch? Gerta genießt sein vollstes Vertrauen. Er habe sich darauf verlassen, dass sie ihn vor Gefahren warnt. Erneut wird dem Alchemisten bewusst, wie naiv er doch sein kann.

„Mit welcher Begründung?“, braucht Clive Gewissheit.

Gerta beugt sich vor und ihre Augen weiten sich, als sei sie Zeuge aus vergangenen Misserfolgen. „Es kann zu einer Sucht werden, junger Mann. Dabei spielt es keine Rolle, ob du einem Toten hinterher trauerst oder dich auf die Unterstützung anderer Mächte verlässt. Macht kann einen verändern. Sag mir, Clive, warum lässt du dich auf dem Geist ein?“

„Aus Sorge um die Seele.“

Einen langen Moment starren sich die beiden Wissenschaftler an. Ein Blickduell, indem seine Lehrmeisterin prüft, ob er und sein Herz aufrichtig sprechen. Als sich die Züge der alten Dame entspannen, kann Clive aufatmen. Er zittert vor Anspannung. Solch prüfende, fast tadelnde, Blicke bringen seine Nerven zum Flattern und haben etwas Unheimliches an sich.

 

Cuno räuspert sich, woraufhin der Alchemist zu seinem Begleiter blickt. Mit einem Nicken Richtung Tür fordert der Paladin ein Vier-Augen-Gespräch. Etwas, was Clive sofort in Angriff nehmen möchte. Hauptsache weg aus dem Sichtfeld der wachsamen Augen seiner Lehrmeisterin. Frische Luft wird helfen, um auf andere Gedanken zu kommen.



„Entschuldigt uns bitte.“

Kaum spricht Clive zu Ende, begibt er sich auf wackeligen Beinen zum Ausgang. Die Traumwurzel schränkt seine Bewegungen ein. Sein Körper reagiert verzögert und wirkt noch nicht vollständig einsatzbereit und so entsteht ein beachtlicher Abstand zwischen dem Alchemisten und dem Paladin. Sein Beschützer entfernt sich weit genug von dem Haus, sodass niemand ihr Gespräch mitbekommen kann. Dabei läuft er durch die Wiesen und trampelt alles nieder, was sich ihm in den Weg stellt. Clive kann die Schneise der Verwüstung kaum betrachten. So viele Schönheiten und kräftige Pflanzen werden achtlos niedergetrampelt, dass es dem Alchemisten im Herzen weh tut.

 

Cuno bleibt so abrupt stehen, dass es fast zu einem Zusammenstoß kommt. Die plötzliche Nähe zwischen den beiden Gefährten scheint dem Paladin nicht geheuer zu sein. Sein grimmiger Blick verschreckt Clive, sodass der Alchemist sich schnell ein paar Schritte von ihm entfernt. Als der Paladin mit der Faust ausholt und diese gegen den Baum neben ihn donnert, muss Clive schlucken.

„Rebecca verspätet sich.“ Kaum spricht Cuno zu Ende, knirscht er verärgert mit den Zähnen. „Das ist nicht gut.“

Clive belächelt den Gedanken jedoch. „Du vergisst, welche Strecke sie zurücklegen muss.“

„Und du vergisst, dass Hexenjäger jederzeit auftauchen können. Besser wir verschwinden, bevor wir nicht mehr heil aus der Sache rauskommen!“

Clive betrachtet ihn verwundert. „Und Rebecca?“

Er erahnt Cunos Antwort und doch mag er nicht ohne sie abreisen. Rebecca könnte in Schwierigkeiten geraten, wenn sie verspätet zurückkehrt. Wenn möglich, mag er verhindern, dass sie in die Fängen von Hexenjägern gerät. Doch jeder weitere Tag an Luelas Grabstätte birgt Gefahren. Nicht nur die Hexe schlummert an jenen Ort, sondern auch zwei Hexenjäger, die ihnen Ärger bereitet haben. Im Kampf sind die beiden gegen Cuno gefallen. Selbst sein Status als Paladin wird ihn vor den Ärger nicht retten können. Denn Hexenjäger genießen einen hohen Stellenwert in diesem Königreich und werden wie Paladine als Helden des Volkes angesehen.

 

Es ist der Baum, dem Cunos Aufmerksamkeit gehört. Als der Paladin einen Dolch zuckt und in die Rinde zu ritzen beginnt, legt Clive den Kopf schief. Es dauert einen Moment, bis sein Begleiter zufrieden vom Baum tritt. Clive hingegen kann den Blick von dem Grauen dort kaum abwenden. Aus Cuno sollte bloß kein Künstler werden. Was auch immer er dort versucht hat, zu ritzen, bietet viel Freiraum für Spekulationen. Der Kopf dort scheint zu schreien, als litt er unter grausamen Schmerzen. Die Wellen unter dem Kopf lassen den Alchemisten vermuten, dass dort jemand ertrinkt. Vielleicht, weil er in einen Strudel gezogen wird. Aber das würde nicht mit dem schrecklichen Gesichtsausdruck zusammenpassen. Neben dem Gesicht befindet sich der Buchstabe B und eine II. Angestrengt gibt Clive sein Bestes, um dahinter zu kommen und Cuno gibt ihm einen Moment Zeit. Der Paladin wirkt amüsiert darüber, dass der Alchemist die Botschaft nicht versteht.



 

„Wirst du es mir erklären?“

„Sieh an“, beginnt Cuno spöttisch. „Du kommst also nicht dahinter. Das ist gut.“

„Ertrinkt der Mensch gerade? Unter Folter?“

„Was? Nein! Das ist doch wohl das Offensichtliche! Also ertrinken ist vielleicht nicht ganz so falsch, denn er wird ersticken, wenn ihm niemand hilft. Aber dieses arme Schwein versinkt im Moor, was Rebecca sagen soll, dass wir uns auf zu den Sümpfen machen. Für die Himmelsrichtungen haben wir uns andere Namen gegeben. Wenn ich ein S für den Süden dort hinmalen würde, würde ich uns verraten. Deshalb haben Rebecca und ich die Himmelsrichtungen in Farben umbenannt und Blau steht für Süden. Die Zwei bedeutet, dass wir nahe der zweiten Stadt pausieren oder besser gesagt, das Dorf, wie die Karte zeigt. Dort werden wir ihr eine Chance geben, uns zu finden. Einen Tag. Länger nicht. Ansonsten gehe ich in das Dorf und lege die nächste Botschaft an. Rebecca wird hiernach suchen, da wir bei Gerta untergekommen sind. Glaube mir, sie wird dahinter kommen uns finden.“

Cuno wirkt überzeugt von der Schnitzerei, dass er ausnahmsweise mal lächelt. Clive hingegen hegt seine Zweifel. Aber er ist auch seit Kindertagen nicht mit Rebecca befreundet und viel Zeit bleibt ihnen nicht. Hoffentlich kommt Rebecca dahinter.

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