Kapitel 41

Begleitet von Rauchschwaden surrt die Feuerpeitsche durch die Luft. Der Qualm setzt sich tief in die Atemwege fest und lässt Rebecca husten, dabei weicht sie der unterschätzten Bedrohung so gut es geht aus. Die gefährlichen Dämpfe versperren ihr die Sicht auf die wirkliche Gefahr, die dampfende Hexe. Luelas Bewegungen sind unüberlegt, der Zorn blendet ihren Verstand. Luela sieht rot und doch sollte sie nicht unterschätzt werden.

 

Unbewusst hat die Hexe dem Alchemisten die Arbeit abgenommen, das Kind von den Fesseln zu befreien. Ihre Feuerpeitsche hat den Baum gestreift und das Seil vielleicht sogar nur angehaucht. Dennoch reicht es für den Strick. Der Junge frei von Fesseln. Verdächtig still. Der Blick leer und trüb. Die Bewegungen steif und unnatürlich. Geisterbesessenheit. Jelko scheint erfolgreich das Kind übernommen zu haben. Doch die Verknüpfung zwischen Körper und Geist scheint nicht reibungslos zu verlaufen. Es erinnert ans Schlafwandeln. Das Kind entfernt sich langsam vom brennenden Baum. Wütet Luela weiter, dann wird von dem Wald und deren Bewohner nicht viel über bleiben. Clive graut der Gedanke an einem Waldbrand. Bedauerliche Weise erreicht ihre Feuerpeitsche eine beachtliche Reichweite. Als hätte die Dürre nicht bereits genug angerichtet, wird dieser Ort nun auch mit solch einer Krise konfrontiert.

 

Rettung naht. Baff beobachtet Clive, wie das Kind den brennenden Baum samt Wurzeln mit einem kräftigen Ruck aus dem Erdreich zieht und den gewaltigen Stamm leichtfertig wie eine Axt schwingt. Ein Wurf. Ein Treffer. Während Rebecca sich unter dem gewaltigen Holz hinweg duckt, reißt der brennende Baum Luela zu Boden. Geschrei und wildes Gezappel lassen die Hexe kurz hilflos wirken. Daraufhin nähert sich Rebecca.

Jelkos Stimme dringt aus der Kehle des Kindes, als er Clive informiert: „Das hält sie nur kurz auf, Alchemist. Lenke sie ab. Ich grabe hier das Loch und verlasse mich auf dich.“

Clive nickt ihm entschlossen zu. Jelko lässt die kleinen Fäuste zu Boden donnern, in einem zügigen Tempo versinkt er im Boden. Es mag primitiv wirken, dennoch spricht das Ergebnis für sich. In Windeseile entsteht ein dunkler Tunnel – ein Eingang in das Erdreich. Der Geruch von feuchter und nasser Erde steigt dem Alchemisten in die Nase, als er den Durchmesser des Tunnels inspiziert. Groß genug für den freien Fall und zu steil.



 

Vor seinem inneren Auge spielt sich Luelas Fall ab, ungehindert zieht die Schwerkraft an ihr. Das Tageslicht wird sich schnell verabschieden und diesen Horror durchlebt sie allein. So mächtig die Hexe auch sein mag, sie wird sich fürchten. Angst vor dem Ungewissen. Vor dem Fall. Vor der Möglichkeit, zu sterben. Allein zu sterben. Clive weiß, dass wenn sie Luela nicht aufhalten, der Schaden und die Verluste enorm sind. Die Zeit hängt ihnen im Nacken. Ein Blick zu Luela lässt den Alchemisten an den Plan zweifeln, auch wenn sich die Hexe wie eine wilde Bestie verhält, empfindet Clive Mitleid mit ihr.

Was hat Luela so geprägt, dass sie sich so menschenfeindlich verhält?

Dass sie solch schreckliche Taten vollbringt.

In diesem Moment wünscht sich der Alchemist, mehr über die Hexe zu wissen. Ihre Vergangenheit. Ihre schönsten und schrecklichsten Erlebnisse, die sie zu dem gemacht haben, was sie heutzutage ist.

War sie schon immer gegrämt?

Könnte Sina ebenfalls zu solch einer Abscheulichkeit werden?

Eine grauenvolle Vorstellung. Sina mag ihre Launen haben und wurde sie mit dieser wunderbaren Kraft gesegnet, wofür Clive sie beneidet. Aber dennoch schätzt der Alchemist sie als eine Pazifistin ein. Eine Person gegen Gewalt. Hoffentlich wird sich dies nicht ändern.

 

Ein ungutes Gefühl quält Clive, als der brennende Baum, der Luela auf dem Boden gefangen hält, sich vor seinen Augen in einen Haufen Asche verwandelt. Die Hexe setzt sich auf und gräbt ihre Finger in den matschigen Boden. Rebecca nimmt instinktiv Abstand, nachdem sämtliche Klingen in Luelas Nähe zerschmelzen. Die Hexe steckte einige Bomben ein, von ihr hätte nichts über bleiben dürfen. Aber Luelas Körper schluckt sämtlichen Schaden, zerfällt, doch am Ende baut sich ihr Konstrukt erneut auf, als sei nie etwas gewesen. Beschädigte Organe, Knochen und Körperschichten regenerieren sich im Sekundenbruchteil. Frust steigt in Rebecca auf, denn sie offen präsentiert und ihren Fuß gegen einen Baumstumpf tritt. Dabei sieht sie die Bedrohung nicht kommen. Der Alchemist läuft seiner Gefährtin entgegen, fühlt seine Finger kribbeln. Unter keinen Umständen möchte er, nur einen einzigen Wegbegleiter verlieren.



 

Eine Flut geschmolzenes Feuer dringt aus dem Boden und türmt sich zu einer gewaltig hohen Welle auf, die Rebecca zu verschlingen droht. Die glutheiße Macht verschlingt selbst den ältesten und höchsten Baum in diesen Wald. In ihr leuchten warme Farbelemente und lassen diesen Ort Temperaturen erleiden, die in einem Glutofen zu fühlen sind. Die Luft beginnt zu flirren, die Hitze treibt jeden einzelnen den Schweiß auf die Stirn. Die Luft trockenheiß, selbst in der Welt der Geister, dass Clive fürchtet, die heiße Luft nimmt Schaden an seinen Atemwegen.

 

Rebecca reißt die Augen weit auf, betrachtet die meterhohe Masse mit offenem Mund. Sie setzt sich kurz darauf in Bewegung und sucht das Weite. Cuno läuft ihr entgegen, schreit ihren Namen. Doch selbst in Rebeccas Tempo wird sie der heißen Bedrohung nicht entkommen. Clive hebt unbewusst den Arm und hofft darauf, zu helfen. Er erinnert sich an die beeindruckenden Mauern, die Großstädte vor Schaden bewahren sollen. Nun wünscht sich Clive solche Mauern, die seine Gefährten beschützen. Die feurige Monsterwelle droht alles zu verschlingen, als sie plötzlich abgebremst wird. Clive kann dabei nicht mit Gewissheit behaupten, ob er Einfluss auf die unsichtbare Wand hat. Denn für sein menschliches Auge ist nichts zu sehen und doch trifft die Welle mit Wucht gegen eine Barrikade und fällt in sich zusammen. Luela erhebt sich schwer atmend. Wie ein Wolf knurrt sie die Menschen an. Die feurige Masse kehrt zu ihr zurück, überschwemmt den Boden und reicht bis zu Luelas Knien. Das hitzige Element scheint ihr nicht zu schaden. Es dampft und glüht, trotz allem verzieht die Hexe keine Miene.

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