Kapitel 44

Mit langsamen Bewegungen graben sich Rebeccas Finger in die Erde und lockern den Boden. Vorbereitungen, die ihre Lebenschancen erhöhen. Das Wolfsrudel behält sie dabei knurrend im Auge. Die zweite Wolfsbegegnung in Folge. Rebecca verflucht ihr Schicksal. Für gewöhnlich gehen die Menschen hierbei drauf. Die Ohren einiger Wölfe stellen sich auf, auch Rebecca nimmt die Schritte wahr. Ein Schwert wird aus der Hülle gezogen und mit einem Kampfschrei bekommt sie Verstärkung von ihrem Kindheitsfreund. Kaum stürzt sich Cuno ins Getümmel, erhebt sich Rebecca mit einer Wurfbewegung. Die Erde trifft zwei Wölfe, die zurückschrecken. Eins ihrer Messer ist auf das Tier gerichtet, das ihr am nächsten ist. Zu Rebeccas Verwunderung greift der Wolf nicht an, sondern bleibt knurrend auf Abstand.

 

Ein Pfiff und die Tiere laufen davon, verwundert betrachtet Rebecca das Schauspiel, bis sie Cuno fluchen hört. Der Paladin kämpft damit, seine feststeckende Klinge aus dem stacheligen Busch Kletterrosen zu befreien. Die Äste haben sich um das Schwert geschlungen und geben es nicht frei. Rebecca könnte schwören, dass die Pflanze vor wenigen Sekunden noch nicht dort war. Erstaunt beobachtet sie, wie sich ein Zweig in Bewegung setzt und Cuno auf die Finger schlägt. Der Paladin tritt mit einem schockierten Gesicht von der Pflanze.

„Hast du das gesehen?“, fragt er sie.

„Mach dir besser Gedanken um die Wölfe, die kommen sicher wieder!“, glaubt Rebecca felsenfest.

„Aber mein Schwert!“

„Vergiss es und kauf dir einfach ein Neues!“

„Kauf dir ein Neues?“, wiederholt er empört.

„Gut, du hast mich verstanden!“

 

„Die Wölfe tun euch nichts“, werden die beiden Freunde angesprochen.

Rebecca erkennt die Stimme wieder und dreht sich zu Sina, die erschöpft auf sie zuschreitet.

„Was machst du hier?“, fordert sie Antworten. „Wolltest du nicht bei Clive sein?“

„Clive braucht Ruhe und ist in guten Händen“, versichert Sina ihnen.

Nichts, was Cuno beruhigt. Entschlossenen Schrittes stampf er zu Sina und hinterfragt streng: „Wo ist er?“

Nur kurz blickt Sina zu ihm, schließlich wendet sie sich ab und schenkt ihre Aufmerksamkeit dem Rosenbusch.

„Du bist verletzt“, spricht Sina zur Pflanze und streicht vorsichtig mit ihren Fingern am Stamm entlang.



Die Pflanze reagiert auf die Berührung und wächst in einer beachtlichen Höhe. Rund um Sina erheben sich neue Sprossen. Unzählige. Das meiste Grünzeug ist Rebecca gar nicht geläufig und doch beobachtet sie mit Erstaunen, wie die Kletterpflanzen einen Thron formen. Die Kletterrose beugt sich dabei über Sinas Kopf und formt ein Dach. Ihre kräftigen, rosafarbenen Blüten geben zwischen all dem Grün ein wenig mehr Farbe. Ein Zweig wächst zu Cuno und bringt ihm das Schwert, dabei löst sich die Verknotung zwischen der Pflanze und dem Stahl. Zögernd greift der Paladin nach seiner Waffe und beobachtet misstrauisch, wie sich die Pflanze schwungvoll von dem Schwert löst und verschwindet, um sich im nächsten Augenblick ins Rosendach einzuflechten.

 

Müde lässt sich Sina auf den Thorn nieder und reckt den Kopf, sodass die wenigen Sonnenstrahlen, die es durch die Baumkronen schaffen, ihr Gesicht streicheln.

Sinas Augen fallen gerade zu, als Cuno sie anspricht: „Ich frage dich erneut, wo ist Clive?“

„Bei einer Frau namens Gerta.“

Gerta – eine alte Dame dessen wacher Geist in einer bereits schwachen Hülle haust. Nur selten überkommt Rebecca ein Gänseschauer, aber als sie abseits auf die alleinstehende Dame traf, wusste sie, dieser Mensch ist etwas Besonders. Nur wenige Leute können lesen und ihr Haus war voller Bücher, voller fremdartigen Zeichen und seltsamen Gegenständen. Freudig wartet Rebecca auf den Tag, wo sie die alte Dame erneut besuchen kann, um ihrer Geschichte zu lauschen.

 

„Und warum bist du nicht bei ihm?“, konfrontiert Cuno sie vorwurfsvoll.

„Ich hörte den Wald schreien, es war so schrecklich. Selbst, als ich mir die Ohren zuhielt. Ich musste das Leiden beenden und ihn heilen. Jetzt kann ich zur Ruhe kommen.“ Es folgt ein kurzes Gähnen, wobei sich Sina freundlich die Hand vor den Mund hält. „Entschuldigt bitte, aber können wir dieses Gespräch verschieben. Ich würde gerne etwas zur Ruhe kommen.“

„In der Herberge, Sina. Nicht hier“, folgt Cunos Einwand.

„Ich bin zu müde, um von hier zu verschwinden.“

„Dann trage ich dich“, beschließt der Paladin entschlossen.

Kaum ist es ausgesprochen, prustet Rebecca los, woraufhin sie einen bösen Blick von ihm erntet.



„Damit machst du Mina nur unnötig eifersüchtig“, hält Sina ihn vor Augen.

„Es ist ein Vogel!“, bringt Cuno zwischen den Zähnen hervor.

„Eine Vogeldame“, verbessert Sina ihn und beugt sich mit einem müden Lächeln hervor. „Und du bist ihretwegen in den Wald gegangen.“

„Pah! Zufall!“, bestreitet Cuno.

„Es ist die Wahrheit“, fällt Rebecca ihm in den Rücken.

Er fährt schockiert herum und betrachtet sie entsetzt für ihren Verrat.

„Danke für deine Unterstützung!“

Sie zuckt gleichgültig mit den Schultern. „Kennst du mich anders?“

Mit schmalen Augen wendet er sich von ihr ab. „Leider nein!“

 

Wie befürchtet kehren die Tiere zurück. Diesmal hingegen lassen sich die Wölfe um Sina herum nieder. Ihr gegenüber verhalten sie sich zahm und treu. Eine Wolfsmutter trappelt sogar herbei, mit einem Welpen in ihrem Maul, dem sie Sina in den Schoss legt. Freudig nimmt die Fee das Junge entgegen. Zuerst wird das Muttertier am Ohr gekrault, bevor Sina das Jungtier mit Streicheleinheiten verwöhnt.

„Ich bin in guten Händen“, spricht Sina zu ihnen, ohne den Blick vom Welpen zu nehmen. „Geht zu Clive und kümmert euch um ihn.“

 

„Rebecca, du hast Sina zu der alten Frau gelotst. Du weißt, wo sich Clive aufhält. Geh und bleibe bei ihm. Ich werde über Sina wachen.“

„Was?!“, fühlt sich Rebecca erschlagen

„Geh schon!“

Mit einer affigen Handbewegung will er sie anscheinend verscheuchen. Dieser Wichtigtuer! Glaubt er wirklich, sie stehe unter seinem Kommando?

„Einer dieser flohverseuchten Köter hat meinen Geldbeutel“, erinnert Rebecca ihn grimmig daran.

Vorwurfsvoll blickt Sina auf. Nicht um das Verhalten des betroffenen Wolfes zu hinterfragen, sondern um Rebecca zornig anzufunkeln. Obwohl sie doch bestohlen wurde. Herausfordernd verschränk Rebecca ihre Arme und hebt provokant das Kinn.

„Wie bitte? Höre ich schlecht?“, ärgert Cuno sie. „Die meisterhafte Diebin konnte sich ihre entwendete Geldbörse von einem Tier nicht zurückholen?“

Rebecca fletscht mit den Zähnen, blickt zu ihm rüber, als plötzlich ein dumpfes Geräusch vor ihren Füßen ihr Interesse weckt. Der verspielte Wolf wedelt freudig mit dem Schwanz, als hoffe er, belohnt zu werden. Misstrauisch beugt sich Rebecca hinab und nimmt den von Speichel vollgeschmierten Geldbeutel.



„Hast wohl eingesehen, dass du dich besser nicht mit mir anlegen möchtest“, spricht sie zu dem Tier.

Als Antwort erhält sie erneut eine schlabbrige Zunge durchs Gesicht. Rebecca macht einen geekelten Laut und ignoriert Cunos Gelächter.

 

„Eklig!“, ärgert sich Rebecca laut. „Einfach nur eklig!“

„Er hat dich gern“, behauptet Sina.

„Zum Fressen gern.“

„Du irrst dich.“ Sina schüttelt ihren Kopf. „Er sieht in dir einen Spielkameraden.“

„Wusstet ihr, dass Wölfe die Köpfe von toten Menschen abtrennen und diesen als Spielball verwenden?“

Welch schaurige Vorstellung! Cuno serviert gern solche Fakten trocken und in unpassenden Momenten. Für gewöhnlich schätzt Rebecca ihn für solch eine Eigenschaft. Nur nicht diesmal.

Entgeistert betrachten Sina und Rebecca ihn, woraufhin der Paladin unschuldig lächelt.

„Ich wiederhole. Eklig!“

Sina hingegen sucht das Positive an der Sache. „Nun ja, das gehört zum Kreislauf des Lebens. Sie verwerten den Kadaver so gut sie können.“

Dank den beiden muss sich Rebecca an den ersten Überfall des Wolfsrudels erinnern, wenn Sina nicht zweimal eingegriffen hätte, dann wäre es ihr Kopf, den die Wölfe zum Spielen benutzen würden. Eine grausige Vorstellung.

 

„Deine Geldbörse befindet sich wieder in deinem Besitz, also kann ich dich getrost zu Clive schicken“, holt Cuno sie aus den Gedanken.

„Klingt ja, als könntest du es kaum erwarten, dass ich verschwinde“, spricht Rebecca ihren Gedanken laut aus.

„Du nimmst richtig an.“

Mit gespielter Empörung starrt Rebecca ihn mit offenem Mund an, bevor sie nun wissend zu Sina blickt.

„Ah. Ich verstehe“, ärgert sie ihren Freund.

Cuno belächelt dies und weiß genau, woraufhin sie anspielen möchte. „Nicht mal in deinen Träumen.“

„Ich wusste doch, du hast eine Schwäche für Sina“, spricht Rebecca bewusst lauter, sodass die Fee erschrocken aufsieht.

Genervt atmet Cuno die Luft zischend zwischen seinen Zähnen aus. „Oh ich kann es kaum erwarten, bis ich ein wenig Auszeit von deiner lästigen Stimme erhalte, Rebecca.“

„Du wirst meine Stimme vermissen“, behauptet Rebecca und marschiert los. „Viel Spaß euch beiden.“

Sie hält jedoch wenige Schritte inne, da der junge Wolf ihr folgt.



Auch Sina erkennt: „Er möchte dich begleiten.“

„Nein!“, weigert sich Rebecca.

„Er wird dir keine Wahl lassen.“

„Ich habe nein gesagt!“, richten sich Rebeccas Worte an den Wolf.

Doch dieser betrachtet sie mit seinem treudoofen Blick, hechelnd und in Spiellaune. Also nimmt sie sich vor, ihn unterwegs abzuschütteln. Ohne großen Abschied stürmt sie voran und lauscht, wie der Wolf ihr dicht auf den Fersen ist. Also wählt Rebecca einige Hindernisse, in der Hoffnung, das Tier unterwegs abzuwimmeln.

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