Kapitel 5
Die Himmelsdecke nimmt bereits zarte Lilatöne an, während sich die Sonne langsam verabschiedet. Eindrucksvoll erleuchten die letzten Sonnenstrahlen den Horizont. Ein Bild, das sich viele Leute nicht entgehen und genießen. So kommt es, dass Clive auf der Straße wiedererkannt wird. Die Kutschen sind einsatzbereit. Einige davon werden bereits zur Gertas Haus gezogen. Dort, wo sich alle versammeln und im Schutz der Nacht aufbrechen wollen. So der Plan. Aber erneut lässt sich Sina nicht auffinden. Auf der Suche nach ihr erweist sich Cuno als keine große Hilfe. Aufgrund der vergangenen Ereignisse zweifelt er als Schwarzmaler ihre Loyalität an.
Unter den Leuten schnappt Clive zum Glück einzelne Gesprächsfetzen auf, die ihm vielleicht verraten können, wohin es die Fee getrieben hat. Sina wurde gesichtet und alle Hinweise bringen ihn ins Dorfzentrum. Auch wenn es nicht Clives Art ist, unterbricht er rührende Abschiedsszenen, um sich nach seiner verlorenen Freundin zu erkunden. Ohne Sina mag er nicht aufbrechen, auch wenn Cuno anderer Meinung sei.
Vom Dorf führen die Hinweise in die umherliegenden Wälder. Rebecca hätte sie sicherlich schon gefunden. Anders als sie ist Clive kein guter Spurenleser. Seine Fähigkeiten konzentrieren sich auf andere Gebiete und doch hält er nach Schuhabdrücken Ausschau. Der Paladin scheint sich köstlich zu amüsieren. Er lächelt verdächtig, als spiele Clive einen Narren.
„Im Gegensatz zu mir hast du eine Fährte oder?“
Das Grinsen des Paladins wird breiter, während der Schalk hervorblitzt. „Dabei trägst du doch schon so ein seltsames Glas auf der Nase.“
Eine Drehung um die eigene Achse und trotz voller Konzentration sieht Clive nur viele Schätze in der Pflanzenwelt. Nichts, was ihm weiterhilft.
Rechts von ihnen wäre die Sommerlinde. Die Blüten lassen sich fantastisch zu einem Tee kochen und helfen zur Reizlinderung bei Halsschmerzen und Husten. Selbst bei Schlafproblemen. Die Holzkohle der Linde ist eine effektive Methode gegen nässende und eitrige Wunden. Auch gegen Hautflechte und Ekzeme wirkt die Kohle hervorragend. Quendel gehört selben Gattung wie echter Thymian. Er hat antibakterielle, antivirale und entzündungshemmende Eigenschaften. Clive hat sogar die Erfahrung gemacht, dass diese Pflanze sich gegen Sodbrennen bewährt. Das Blattwerk unterscheidet sich zum Thymian. Statt einem satten Grün hat dieser einen silbernen Schimmer. Auch die Blüten sind filigraner. Quendel ist ein kriechender Pflanzenteppich, der eine Wuchshöhe von gerade Mal 15 cm erreicht. Eine weitere wohltuende Pflanze ist der Steinklee. Ein Mittel gegen Venenschwäche, Nasenbluten, Migräne oder Schwellungen. Das Einsatzgebiet ist riesig. Dadurch dass die Pflanze von Bienen ebenfalls so geliebt wird, trägt sie den Namen Honigklee.
Es kribbelt dem Alchemisten bereits in den Fingern, zu ernten. Auch wenn die eiserne Faustregel lautet: Ernte zur Mittagssonne! Denn dann sind die Pflanzen besonders frisch und reif. Cuno folgt seinem Blick und kann nicht anders, als mit den Augen zu rollen.
„Wenn dir die Blümchen mehr bedeuten als Sina, dann lass sie besser gehen.“
Empört hebt Clive den Kopf. Zu einem beruht sein Interesse nicht einfach auf hübsche Blümchen, so wie Cuno es betitelt, sondern Pflanzen mit heilwirksamen Stoffen, die Krankheitsverläufe mindern und Leben retten. Zum anderen findet er die Aussage anmaßend, denn Sina ergatterte einen ganz besonderen Platz in seinem Herzen. Noch immer will er dafür sorgen, dass die Fee heil in ihre Welt kehrt. Aus Sorge, was diese grausame Welt mit ihr sonst machen könne. Und noch immer schmerzt ihn Luelas Schicksal. So darf es Sina unter keinen Umständen ergehen.
„Bitte sag mir, dass du ein Indiz gefunden hast, wo Sina sein könnte.“
Vielleicht klingt Clive zu schnippisch. Aber Cunos Pessimismus und die Tatsache, dass ihre Freundin erneut verschwunden ist, bringen seine innere Ruhe gefährlich ins Schwanken. Sein Begleiter schlägt gelassen eine Richtung ein und wählt ein gemäßigtes Tempo.
„Vorweg solltest du wissen, dass Sina es nicht eilig hatte. Dennoch ist sie ein kleiner Tollpatsch und so hat sich ihr Umhang an den Dornen verhangen.“
Als die beiden an einem Himbeerstrauch anhalten, finden sie tatsächlich einzelne Fäden am Gestrüpp. Sina ist eine Naschkatze. Sie liebt den Geschmack von Beeren und kann nicht einfach vorbeigehen, ohne sich eine Hand voll gepflückt zu haben. Cunos Laune sinkt schlagartig, als er die Vogeldame Mina ausfindig macht. Das Tier betrachtet seinen Schwarm erwartungsvoll mit einer Himbeere im Schnabel. Sicherlich kommen dem Paladin alte Erinnerungen hoch, denn so haben Minas Versuche angefangen, ihn zu umgarnen. Nur hat Cuno nicht viel übrig für die Tierwelt. Seine grimmige Art wirkt jedoch nicht abschreckend auf seinen gefiederten Freund. Ganz im Gegenteil. Die Meise himmelt ihn noch immer an wie am ersten Tag. Ein warnender Blick, der genau das Gegenteil bewirkt und schon landet das Tier auf der Schulter des Paladins. Cuno hat aufgegeben mit seinen Fangversuchen. Für Mina ein Spiel und für den Paladin reine Verzweiflung. Also akzeptiert Clives Begleiter die Tatsache, als Transportmittel missbraucht zu werden. Nur schiebt er Mina immer wieder von sich fort, wenn seine Verehrerin sich an seine Wange anschmiegen will. Die vielen gescheiterten Versuche spornen das Tier jedoch weiter an.
Cunos Hand schnellt hinauf, als es in den Bäumen zu Rascheln beginnt. Noch ehe der kleine Kater Amon auf der Schulter des Paladins landen kann, fängt Cuno diesen im Flug ab.
„Da zur Hölle steckst du also. Lauerst der Fee auf oder?“, spricht Cuno im spöttischen Ton zu dem schwarzen Fellknäuel. „Schade, ich hatte Hoffnung, dass wir dich hier vergessen.“
Würde Amon nicht so beleidigt blicken, dass Clive zum Lachen zu Mute wäre, hätte der Alchemist mit seinem Beschützer geschimpft. Denn hier wird niemand vergessen.
„Das war reines Glück“, spielt Amon den schlechten Verlierer.
Noch immer mag sich Clive nicht daran gewöhnen, dass das Tier sich der menschlichen Sprache bedient hat.
„Natürlich!“
Kaum ist es ausgesprochen, lässt Cuno ihn fallen. Besorgt begibt sich Clive zu dem jungen Tier und nimmt ihn hoch auf die Arme.
„Hey“, beginnt Clive sanft und streichelt den Kater hinter dem Ohr. „Geht es dir gut?“
Amon drückt seinen Kopf an ihn und findet Trost bei dem Alchemisten.
„Er ist so gemein“, jault der Kleine.
„Er meint es nicht so.“
„Doch das tue ich! Das Tier war in Kontakt mit einer Hexe! Es kann mir getrost fern bleiben!“
Es folgt ein Fauchen. Die Krallen fahren aus und das Fell sträubt sich. Besänftigt bekommt Clive Amon schnell mit ein paar Streicheleinheiten, während Cuno nur den Kopf schütteln kann.
„Sag mal, was machst du hier draußen?“, interessiert es Clive.
„Spürst du das nicht?“ Amon hebt verwundert den Kopf. „Es liegt Magie in der Luft. Starke Magie.“
Cuno erbleicht. Noch immer fürchtet er Mächte, die er mit dem Schwert nicht bezwingen oder abwehren kann.
„Eine weitere Hexe?“, erkundigt sich der Paladin.
Aber Amon dreht beleidigt seinen Kopf weg und bevorzugt das Schweigen. Also versucht es Clive: „Steckt Sina dahinter?“
Der Kater zögert mit der Antwort. Zuerst folgt ein unsicheres Nicken, aber dann berichtet er: „Die Weißhexe hält ein magisches Hilfsmittel in ihren Händen. Es sieht aus wie eine kleinere Version des Mondes.“
Der Alchemist und der Paladin blicken sich beunruhigt in die Augen. Die beiden wissen, wovon das Tier spricht und auf Clives Wunsch führt der Kater sie zu Sina.























































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