Kapitel 51

Aus der Ferne hört Clive aufgeschreckte Krähen. Sein Atem geht stoßweise, der Schweiß perlt von seiner Stirn. Ein Sprint über eine längere Strecke fordert den Alchemisten bis aufs Äußerte. Die beiden Hexenjäger haben starke Lungen, ihre Laufgeschwindigkeit hinterlässt Eindruck. Clives Atemwege brennen bereits und jeder weitere Atemzug fühlt sich an wie Tausend Nadelstiche. Die Erkenntnis folgt schnell, denn er wird die beiden aus den Augen verlieren. Sie werden vor ihm eintreffen und bleibt nur ein Hinterhalt. In diesem Fall eignet sich das Bambusrohr hervorragend. Ob der erste Treffer sitzt oder verfehlt  wird entscheiden, wie viel Feinde nach ihm suchen. Was bedeutet, Clive muss schnell untertauchen. In seinem Kopf ruft er das Grundstück des Pferdebauers auf und sein Gedächtnis führt ihm viele Versteckmöglichkeiten vors Auge. Die überdachten Pferdeställe und die Scheune eigenen sich für diese Operation am besten. Wenn möglich, möchte Clive eine Evakuierung vermeiden. Katharinas geschwächter Körper wird nicht weit kommen und nebenbei ist der Keuchhusten hochansteckend.

 

Als Clives Beine protestieren und der Alchemist für eine kurze Atempause anhält, wird er von einer Bäuerin angesprochen. Doch ihren Worten schenkt er kein Gehör, schließlich geht es nach ein paar Atemzügen weiter. Das mag zwar unhöflich sein und doch geht es hier um Leben und Tod. Später wird sich sicherlich noch Zeit finden, um sich bei der guten Frau zu entschuldigen. Je näher Clive dem Hof des Pferdebauers kommt, umso mehr zügelt er sein Tempo. Einige Meter vor dem Ziel sucht sich Clive ein Versteck. Da kommt die Nachbarshecke gerade Recht. Ein Pflanzensichtschutz von gut einem Meter hoch. Die glänzenden Blätter haben einen rötlich schimmernden Jungaustrieb. Die weißen Blütenschirme schmücken die Hecke und duften leicht. Wenn sich Clive nicht irrt, dann müsste es sich hier um die Rotlaubige Glanzmispel handeln. Eine beliebte Heckenpflanze und ein wahrer Bienenmagnet. Die Pflanze verträgt selbst einen starken Rückschnitt und überzeugt mit ihren spektakulären rötlichen Blattaustrieb.

 

Mit angehaltenem Atem und bis zum Hals schlagendem Herzen nähert er sich Schritt für Schritt dem Grundstück des Pferdebauers. In gebückter Position, auf der Suche nach verdächtigen Geräuschquellen, die ihn verraten können. Wie zum Beispiel die trockenen Zweige, die unter seinen Fußsohlen knacken werden. Schnell sind die Hexenjäger gefunden, denn die schleichen über den Hof und begutachten das Gelände. Clive muss vorsichtig sein, denn Jeffs wachsame Augen behalten die Gegend im Auge. Erik hingegen hämmert gegen die Tür und kündigt die beiden Hexenjäger forsch an. Er pocht darauf, dass ihnen jemand die Tür öffnet. Dann folgt die Warnung, dass es ihnen als anerkannte Beschützer des Volkes bei Verdacht gestattet sei, jedes Haus zu betreten und es auf den Kopf zu stellen.



 

In dem Moment, als Jeffs Kopf in die andere Richtung schwenkt, hüpft Clive mit seinem Koffer über den ein Meter hohen Zaun, wo er im nächsten Augenblick in einem leeren Stall landet. Als ungeschickter Mann pendelt Clive in Hocke sein Gleichgewicht aus. Hinter dem Sichtschutz hört Clive den nachdenklichen Laut von Jeff. Hört sich an, als hätte der Hexenjäger ihn gehört und als könne er die Geräusche nicht richtig einschätzen. Zu Clives Glück. Mit gespitzten Ohren öffnet Clive seinen Koffer für die nächsten Vorbereitungen. Schließlich muss unter Zeitnot jeder Handgriff sitzen und jedes noch so kleine Zögern kann sein Todesurteil bedeuten.

 

Ganz leise lugt Clive durch ein Loch der Umzäunung. Katharinas Husten dringt bis an Clives Ohr. Der Keuchhusten erschwert noch immer das Leben des armen Mädchens. Clive wünscht sich für sie, eine schnelle Genesung. Er hat Mitleid mit dem Kind und muss kurz an Feline denken. Die besorgte Freundin, die darum fürchtet, jemanden zu verlieren, der ihr wichtig ist. Hellhörig wird Clive, als Erik einen Entschluss verkündet, das Haus einfach niederzubrennen. Den Grund dafür ist der Keuchhusten, der in den Augen der Jäger als eine hochgradig ansteckende Gefahr eingestuft wird und womit sie auch gar nicht Unrecht haben. Doch Katharina ist isoliert und hat Chancen, diese Krankheit zu überstehen. Es verärgert den Alchemisten, wie die beiden Hexenjäger denken und schnell eine Entscheidung treffen. Ein voreiliger Beschluss, der viel Leid und Trauer hervorrufen wird. Zu schade, dass Clive einen Funken Hoffnung sieht und sich daran festbeißt.

 

Ein Handgriff hinab zur Schnalle und schon hält Clive das Bambusrohr in der Hand, das er mit dem Nervengift befüllt. Das Gift der schwarzen Tollkirsche wird einen der beiden Hexenjäger einschränken und kampfunfähig machen, sofern Clive trifft. Ein Krieger ist auf seinen festen Stand angewiesen. Versagt ein Bein, dann ist der Alchemist ihm in Vorteil. So hofft Clive. Den Hexenjägern traut er jedoch zu, dass sie ihn anhand der Pfeilrichtung entlarven. Deshalb wird Clive auf die Nebelfackel zurückgreifen, für Sichtschutz sorgen und das Versteck wechseln, bevor er aus der sicheren Ferne erneut sein Glück herausfordert. Ein gewagter Plan. Die Angst zu scheitern schnürt ihm die Kehle zu. Wird Clive entdeckt, will er nicht an die Folgen denken. An das, was ihm blühen kann. Aber wegzusehen und Nichtstun ist keine Option.



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