Kapitel 53

Solch schnelle Reflexe, wie Cuno im entscheidenden Moment zur Schau bringt, sind nur zu beneiden. Mit angehaltem Atem beobachtet Clive, wie der Paladin sich zur Seite rollt und mit einer geschmeidigen Bewegung erhebt. Statt sich aufzurichten, verharrt er in geduckter Haltung. So entkommt er Jeffs Wirbelschlag, der den Paladin sonst in zwei Hälften gespaltet hätte. Während Jeff sich dreht, erhebt sich Cuno und sorgt für etwas Abstand. Nun legt Clives Gefährte viel Wert auf eine lückenlose Verteidigung. Mit Geduld lässt er den Hexenjäger angreifen und pariert jeden seiner Schläge. Clive hat keinen Zweifel, denn bei Cunos scharfer Beobachtungsgabe wird ihm Jeffs noch leicht betäubtes Bein aufgefallen sein. Der Paladin studiert das Angriffsmuster des Hexenjägers, die Schlagabfolge und die Beinarbeit.

 

Jeffs Spott und seine Provokationen stoßen auf taube Ohren, denn Cuno lässt sich nicht aus dem Konzept bringen. Der Paladin wartet geduldig auf den richtigen Moment, womit er jedoch nicht rechnet ist, dass Jeff zurücktritt und aus seinem Mantel einen dunklen Flaschenbeutel aus Leder hervorholt. Mit den Zähnen öffnet er diesen und kippt den Inhalt über sein Schwert. Clive ahnt, worum es sich hier handelt.

„Vorsicht, Cuno! Das ist Öl!“

„Wie erwartet.“

Sein Beschützer klingt nicht sonderlich überrascht und greift zu Boden. Mit seiner Hand kehrt er schnellstmöglich ein wenig staubige Erde auf, die er seinem Gegenüber entgegen pfeffert, bevor das Öl seine gewünschte Wirkung entfacht. Cuno schlägt aus, sein Gegner tanzt leichtfüßig an ihm vorbei, um im nächsten Moment auszuholen. Cuno bremst den edlen Stahl mit seiner Waffe ab und kracht zu Boden. Dem Alchemisten juckt es in den Fingern. Er kann und will nicht mehr den stillen Zuschauer spielen.

Ehre hin und her!

Es ist Cuno, der sein Leben aufs Spiel setzt!

 

Als Zielscheibe dient der Lederbeutel mit dem Öl. Ein Leck kann für den Hexenjäger gefährlich werden und so mag Clive verhindern, dass Jeff sein Schwert anzündet. Daher setzt er das Bambusrohr an die Lippen und pustet das nächste Geschoss los. Jeff blickt auf und startet ein Ausweichmanöver, das der Alchemist mit eingeplant hat. Fast glaubt Clive, sein Ziel um eine Haaresbreite zu verfehlen. So wie sein Feind sicherlich ebenfalls davon ausgeht. Schließlich grinst er bereits dreckig und entblößt seine hübschen Zähne. Zu Clives Glück bohrt sich die Nadel durch die Lederhaut des Beutels und beschädigt neben der Vorderseite auch den Beutelrücken. Öl tropft vom beschädigten Beutel auf die Kleidung des Hexenjägers, der den Schaden noch nicht bemerkt hat. Der Alchemist sieht das Unglück kommen, als Jeff ein spitzzulaufendes Holzstäbchen hervorholt. Das Ende ist mit Schwefel beschichtet und vereinfacht den Vorgang, Feuer zu entfesseln. Der Schwefel hat eine niedrige Zündtemperatur und dient somit als Zwischenbrennstoff, da der Holzstab sonst nur verkohlen würde. Die passende Reibungsfläche trägt der Hexenjäger an seinem Gürtel, ein handlicher Stein.



„Nicht!“, ruft Clive seine Warnung zu spät aus.

Denn Jeff entzündet die Feuerhilfe und setzt die Schwertklinge in Brand. Clive kann kaum hinsehen, als das Feuer auf die Kleidung des Hexenjägers übergeht. Statt sich von dem brennenden Mantel zu befreien, versucht Jeff das Feuer mit seiner freien Hand auszuklopfen. Obwohl der Hexenjäger erkennt, wie aussichtslos sein Vorhaben ist, konzentriert er sich weiterhin auf seinen verzweifelten Versuch, das Feuer zu ersticken. Die Todesangst steht dem Mann ins Gesicht geschrieben, der Angstschweiß trieft aus seinen Poren und doch schreit er nicht. Als wolle er mit Würde abtreten.

 

In nur wenigen Augenblicken wird aus dem Jäger eine brennende Fackel und dank Cunos Güte, folgt ein kurzer und schmerzfreier Tod. Denn der Paladin macht kurzen Prozess und enthauptet Jeff. Die Blutfontäne trifft ihn dabei mitten ins Gesicht, bevor der kopflose Leichnam dumpf zu Boden schlägt. Angewidert von dem warmen Lebenssaft, startet Cuno einen Versuch, sich dieses aus dem Gesicht zu wischen. Bei dem ganzen Geschmiere wirkt es auf Clive schon fast als Kriegsbemalung. Im hohen Bogen läuft sein Gefährte an Jeff vorbei und blickt hinüber zu Erik, der zwar atmet und die Welt um sich herum kaum mitbekommt. Anders als der dritte Hexenjäger namens Felix, der an der Wunde am Oberschenkel verblutete. Obwohl er versuchte, die Blutung zu stoppen. Das Bewusstsein muss weggebrochen sein, als er Druck auf die Wunde ausübte. Erst jetzt findet Clive Zeit, den Mann zu mustern, der Clives Strategie vereiltet hat. Ein kurzhaariger Mann mit strengen Zügen, durchtrainiert und großgewachsen. Jemand mit einer ordentlichen Rasur und ein Auge für Details. Die hochwertige Kleidung der Hexenjäger verschönerte er mit einem Schal, mit einer blauen Brosche, die an ein trübes Gewässer erinnert. So wie seine Augen.

 

„Hast du wirklich geglaubt, du kannst es mit Hexenjägern aufnehmen?“

Cunos Vorwurf lässt sich nicht überhören.

Entrüstet betrachtet der Alchemist seinen Freund, bis er sich verteidigt: „Sie hatten vor, die Tochter des Pferdebauers zu töten.“

Cuno schüttelt grimmig den Kopf und fordert: „Dann spitze Mal deine Lauscher und sag mir, was du hörst?“



Mit einem überraschten Ausdruck konzentriert sich Clive auf die Geräuschkulisse. Es ist verdächtig still und zuerst weiß der Alchemist nicht, worauf der Paladin hinaus möchte, bis Clive von einem Geistesblitz erschüttert wird. Wie von Bienen gestochen stürmt der Alchemist zum Haus des Pferdebauers. Es bleibt keine Zeit, um die Tür zu verschonen, schließlich geht es um Leben und Tod. So startet er den Versuch, die Tür einzutreten. Doch die Barrikade hält dem Gewaltakt unbeschadet stand und selbst als der Alchemist scheitert, diese einzurammen, wirkt sie unverändert. Cuno schiebt ihn brummend zur Seite, dabei nuschelt er leise etwas, das klingt wie: „Geh zur Seite, bevor du dich noch verletzt.“

Beschämt von der fehlenden Kraft in seinen Muskeln schlägt der Alchemist die Augen nieder. Cuno muss nur einmal feste zutreten und schon gibt das Monster von Tür nach. Staub wirbelt auf, als das lange Brett ins Heim fällt. Ein Startsignal für Clive, der trotz der eingeschränkten Sicht ins Haus schreitet.

 

Auf Anhieb lässt Katharina finden. Wie in ihrem Zustand empfohlen hütet sie das Bett, aber trotz des Thymians ist die Atemnot eingetreten. Mit Wut in Bauch steht Clive da, blickt in das blaurote Gesicht. Zögernd lässt er seinen Koffer fallen und fühlt nach dem fehlenden Puls. Ein Blick auf die Leiche hält ihm vor Auge, dass der Tod schon etwas länger eingetreten ist. In diesem Fall sind ihn die Hände gebunden, denn die Toten kann er nicht auferstehen lassen. Der Zorn gilt ihm selbst. Nur ihm allein. Seinem Scheitern! Sein Kiefer spannt sich an und der Alchemist nimmt eine verkrampfte Haltung ein.

Wie soll er Feline nun in die Augen schauen?

Hätten ihn die Hexenjäger nicht aufgehalten, dann hätte die Möglichkeit bestanden, Katharina zu retten.

Vielleicht hätte Clive aber auch öfter nach seiner Patientin sehen müssen.

Der bittere Geschmack der Enttäuschung liegt wie ein pelziger Belag schwer auf seiner Zunge. Der Verlust dieses jungen Mädchens bringt, wie ein einzelner Tropfen Wellen schlagen kann. Seine Selbstsicherheit als Alchemist gerät ins Schwanken. Dieser Misserfolg stellt für diesen Augenblick seine Berufung und seine Fähigkeiten in Frage.



Hätte er vielleicht doch ein anderes Handwerk in Betracht ziehen sollen?

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