Kapitel 6

Der gewohnte Alltag meldet sich zurück. Erbarmungslos, als wäre nichts geschehen. Dankbar dafür, das Haus nach dem ereignisreichen Wochenende zu verlassen, denn die Freizeit vergiftet Skylas Gedanken. Ständig erwachen die schrecklichen Erinnerungen an den Tatort und an die Bestie, die sie mit ins Krankenhaus nahm. Noch immer findet Skyla wenig Schlaf. Ihre Augenringe haben sie bereits bei ihren Eltern verraten, sodass Skyla fürchtet, ihre Klassenkameraden werden aufgrund dessen Fragen stellen, die sie nicht bereit ist zu beantworten. Der Schrecken ist überstanden und die Narben frisch. Es muss schnell Ablenkung her. Das Leben geht weiter und ewig mag sie sich nicht in ihrem Zimmer verkriechen. Im Licht der Sonne und umgeben von Fußgängern fühlt sich Skyla sicher. Aber das vergangene Abenteuer hinterlässt Spuren, denn driften ihre Gedanken auch nur kurz ab, erscheinen schon die Bilder des Grauens vor ihrem inneren Auge. Der Sturz, die heranrollenden Autos und nicht zu vergessen die bizarre Gestalt über der Leiche.

 

Ein Stechen im Arm holt Skyla zurück in die Realität. Mit schmalen Augen entdeckt sie die Mücke, die sich ihre Tagträumerei zum Vorteil gemacht hat und sich mit einem geschickten Ausweichmanöver aus der Gefahrenzone begibt. Ein lästiger Stich, der sicherlich schon bald zu jucken beginnt, und doch als ein kleines Schlupfloch aus der dunklen Höhle dient, deren Tiefen sie noch immer verschlingen wollen. Zögernd setzt Skyla am Montagmorgen ihren Weg zur Berufsschule fort. Ein Blick in den Himmel bessert ihre Laune. Ein traumhafter Sonnenaufgang erfüllt ihr Herz mit Freude. Ein zartes Rosa und ein heller Orangeton verschmelzen miteinander zu einem prachtvollen Kunstwerk. Die Flugzeuge hinterlassen Kondensstreifen, die in einem Winkel fallen als wären es Sonnenstrahlen. Die Natur lindert Skylas Stresslevel mit einer einzigartigen Kulisse und den friedlichen Vogellauten.

 

Der schnellstmögliche Weg zur Berufsschule ist mit der U-Bahn verknüpft, danach wirkt der Fußweg nur noch wie ein Katzensprung. Daher geht es hinab in den Untergrund. An den Bahngleisen lässt das Rascheln einer Zeitung Skyla aufblicken. Einige Fetzen der vergangenen Nacht werden in ihrem wirren Kopf aufgerufen. Dem Schockzustand verschuldet war die Umgebung nach dem Leichenfund wie ausgeblendet und doch erkennt sie das Gesicht eines jungen Kerls wieder. Unter all den Schaulustigen stach er mit seiner auffälligen Haarfarbe aus der Menge heraus. Sie schätzt ihn nur ein paar Jahre älter. Ein Sidecut. Stylisch und mit kraftvollen Farben. Der obere Bereich fällt mit dem edlen Rubinrot besonders auf und fällt frech längst über die Stirn. Die gekürzten Seiten dagegen glänzen rabenschwarz mit einem bläulichen Stich, je nachdem, wie das Licht fällt. Wären die Umstände anders, dann hätte sie sich zu ihm gesetzt und ihn auf seine Frisur angesprochen. Das Farbenspiel gefällt ihr so gut, dass sich Skyla im Kopf bereits ausmalt, ob der Look ihr ebenfalls stehen könne. Damit würde sie mit großer Sicherheit für eine Schnappatmung bei ihren Eltern sorgen, die leider wenig offen für Neues sind.



 

Das Gefühl, beobachtet zu werden, rüttelt Skyla wach und tatsächlich mustern die grauen Augen des Fremden sie kritisch. Sie droht in einer unendlichen Tiefe aus flüssigem Silber zu versinken. Ein Ort voller Geheimnisse und sicherlich der einen oder anderen Überraschung.

Ob er mich wohl wiedererkennt?

Die Knitter auf dem weißen Hemd springen ihr sofort ins Auge. Auch der Staub auf der schwarzroten Weste schafft es nicht, sich vor ihr zu verstecken. Er kombiniert diese mit einer schwarzen Hose und Sportschuhen. Ein Ohrring mit goldener Fassung reflektiert das Licht, sodass Skylas Blick daran hängen bleibt. Der rote Stein hat die Form eines Tropfens und erinnert Skyla an einen Rubin. Allein das hochwertige Material des Verbindungsstückes zwischen dem Anhänger und dem Verschluss verrät ihr, dass es sich um keinen billigen Schmuck handelt. Damit wäre dieser junge Mann, der erste männliche Kandidat mit einem Ohrring, den sie sieht. Auf Skyla wirkt es wie ein kleiner Schatz. Ein persönlicher Gegenstand, der eine Geschichte zu erzählen hat und dem Besitzer nicht aufgrund des materiellen Werts wichtig ist. Denn ginge es hier ums Prunken müsste alles an dem Outfit stimmen. Das Hemd dürfte in diesem Fall nicht geknittert sein und all der Dreck auf der Kleidung wäre auch nicht erwünscht. Und doch ist das edle Schmuckstück auf Hochglanz poliert und so in Szene gesetzt, dass keine einzige Haarsträhne dieses verdeckt.

 

Obwohl sich die beiden Fremden schon einige Minuten gegenseitig mustern, fällt kein Wort zwischen ihnen. Für gewöhnlich würde jeder andere Mensch sich von ihr abwenden, wenn Skyla auf die Provokation eingeht und sich auf ein Blickduell einlässt, aber in diesem Fall ist es anders. Als versuche ihr Gegenüber, jeden noch so kleinen Winkel ihrer Seele zu erforschen. Die Ortschaft beginnt zu verblassen und die Geräusche werden zunehmend leiser, bis eine friedvolle Stille einkehrt. Es fühlt sich an, als sei Skyla in eine andere Welt getaucht – an einen hellen Ort ohne störende Faktoren. Dieser bedeutsame Moment gehört nur ihnen. Nonverbal sprechen ihre Augen miteinander. Ihre Einschüchterungstaktik verliert immer mehr an Bedeutung, als sich seine Pupillen vergrößern und ihm die Farbe aus dem Gesicht weicht.



 

Furcht oder törichte Neugier- Skyla kann es nicht richtig deuten, was von ihrem Gegenüber zu sehen bekommt. Aber ihre Anwesenheit löst etwas in dem jungen Mann aus. Seine Entrüstung dauert nicht lang genug an für wilde Spekulationen. Seine Seele wird dunkler und kälter, als habe Skyla ihn verärgert. Je mehr Sekunden verstreichen, umso unangenehmer wird der Augenkontakt. Skyla hält den Atem an, als sich der Gedanke meldet, dass dieser Mann sie verdächtigen könne. So wie es die Polizei sicher tut. Die Erinnerung an all das Blut kehrt heim, das ihr ins Gesicht klatschte und sich niemals abwaschen lässt.

Falscher Ort, falsche Zeit!

Wie ein Mantra rattert Skyla diesen Satz im Stillen rauf und runter. Ihre Beine tragen sie vorbei an dem Schaulustigen, der jede ihrer Bewegungen mit schmalen Augen beobachtet. Eine Tatsache, die Verdacht und Angst zu gleich in ihr keimen lässt. Denn vielleicht behält die Polizei sie bereits unter Beobachtung und wartet nur darauf, dass sie sich einen Fehler erlaubt. Damit erhöht sich der Druck auf ihren Schultern. Niemand wird ihr glauben und nachvollziehen können, welche Hölle sie durchgemacht hat.

 

Das Ticken einer Uhr macht Skyla ganz nervös und überstimmt die Geräuschkulisse um sie herum. Die Quelle befindet sich neben der Anzeigetafel.

Acht Minuten bis die U-Bahn eintrifft. Ich habe das Gefühl, dass ich die Zeit kaum überstehe!

Noch immer spürt sie den prüfenden Blick auf sich ruhen, während sich zwei Schüler neben ihr über eine Actionserie unterhalten und die letzte Folge ausdiskutieren. Ein Blick vorbei an den zwei Brillenträgern zu dem gutaussehenden Kerl auf der Bank zeigt Skyla sein bestehendes Interesse an ihr. Die Zeitung ist nichts mehr als eine Attrappe, denn ihr Beobachter betrachtet sie aus dem Augenwinkel heraus. Eilig kehrt sie ihm den Rücken und fixiert die Anzeigetafel mit den Augen an.

Noch stolze sechs Minuten!

 

„Argh! Wie kannst du es wagen? Du wirst…“, tönt es verärgert aus dem Hintergrund.

Dem hübschen Kerl bleibt der Rest im Halse stecken, als sich Skyla umdreht. Ihr Beobachter ist verärgert aufgestanden und blickt genau in ihre Richtung. Jetzt, wo er steht, fällt ihr sein athletischer Körperbau auf. Eine Tatsache, die sie einerseits in Verlegenheit bringt, da er so gut aussieht und ihr Interesse geweckt hat, die Tiefen seiner Welt zu erkunden. Aber anderseits wäre sie jemand wie ihm in der Not unterlegen. Eine Flucht aus jedem x beliebigen Gründen wirkt in Anbetracht seiner Muskeln vergebens. Noch kann Skyla nicht einschätzen, welche Absichten er hegt.



 

Kaum sehen sich die beiden Fremden in die Augen, nimmt ihr Beobachter wieder nervös Platz und scheint sich über etwas zu ärgern.

„Mama, was hat der Mann?“, flötet es von der Seite.

Überrascht blickt Skyla zur Seite und folgt dem Zeigefinger eines kleinen Jungen, nur um festzustellen, dass sie und der Kerl vom Tatort zu auffällig sind. Erschrocken hebt sie den Kopf, um den wachsamen Augen der Mutter ausgeliefert zu werden. Diese lächelt und glaubt zu wissen, was hier vor sich geht.

„Anscheinend kennen die beiden sich.“

Irrtum!

„Das Mädchen hat ihn vielleicht verärgert. Siehst du, auch andere streiten sich ab und zu mal. Aber ich bin mir sicher, die beiden vertragen sich schnell. Es ist wichtig, zu verzeihen.“ Die junge Mutter beugt sich an das Ohr ihres Kindes. „Und wer weiß, vielleicht haben sie sich ja sehr gern.“

Solch eine unverschämte Aussage löst Entsetzen in Skyla aus. All das sind reine Spekulationen. Nichts Handfestes!

 

Ein Mädchen wie Skyla kann und will bei so etwas nicht weghören und stellt eine Sache klar: „Nein, ich kenne ihn nicht und ich weiß nicht, was mit ihm nicht stimmt!“

Die junge Mutter lächelt amüsiert. „Sie haben ihn anscheinend sehr gern.“

Ich finde ihn vielleicht hot, aber das heißt noch nichts! Zumal er mich ansieht, als wäre ich eine Schwerverbrecherin.

„Ich schwöre, ich kenne ihn nicht“, bringt sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

Nicht persönlich.

Der Gedanke ist nicht mal zu Ende gedacht, da weiten sich ihre Augen mit der Erkenntnis.

Aber vielleicht handelt es sich hier um keinen Polizisten oder einem Detektiv. Die Tote starb jung und hübsch. Möglich wäre es, wenn die beiden sich kannten. Eine Liebschaft? Eine Schwester oder eine Freundin? Vieles könnte in Betracht gezogen werden.

 

Verärgert nimmt Skyla Abstand und ignoriert das Getuschel zwischen Mutter und Kind. Ihre Neugier ist geweckt und die Chance auf Antworten sind zum Greifen nah. Nur fürchtet sich Skyla vor einem Rückfall. Es hat sie schließlich unglaublich viel Überwindung Kraft gekostet, in ihren gewohnten Alltag zurückzukehren. Wenn Skyla jetzt die Schaufel in die Hand nimmt und anfängt zu graben, gibt es kein Zurück mehr.



Was, wenn der Boden unter ihren Füßen nachgibt und sie so tief fällt, dass der Aufstieg ein Ding des Unmöglichen bleibt?

Besser, sie lässt die Finger von der Büchse der Pandora.

 

Kaum hält sie inne, faltet der Fremde die Zeitung zusammen und erhebt sich. Er läuft in ihre Richtung, dabei behält er sie ununterbrochen im Auge. Eine gefühlte Ewigkeit, womit Skyla zu kämpfen hat, all die Fragen zu unterdrücken, die aus ihr herausbrechen zu versuchen. Nervös blickt sie auf.

Zwei Minuten! Fast geschafft!

 

Es fehlen nur noch wenige Schritte, dann hat er Skyla erreicht. Sie rechnet mit einer Konfrontation, die aber nicht stattfindet. Das Ziel ihres Beobachters ist der U-Bahn Plan, neben der er eine Textnachricht abschickt. Allein an seinem Gesichtsausdruck ist die schlechte Laune abzulesen. Skyla wird das Gefühl nicht los, dass sie eine gewisse Mitschuld trägt.

 

Der Zug kündigt sich bereits aus der Ferne an. Erleichtert atmet Skyla aus und streckt ihr Kreuz durch. Die Anspannung fällt zuerst von ihr ab, bis sie im Wagon feststellen muss, dass der hübsche Kerl sich an ihre Fersen heftet. Überall, wo sie sich aufhält, da befindet er sich auch. Die Schülerin steht unter ständiger Beobachtung. Wenn Skyla durch das Abteil wandert, dann nicht allein. Treffen sich ihre Blicke, fühlt sich ihr Verfolger ertappt und dreht seinen Kopf in eine andere Richtung. Viel zu auffällig. Jede Chance, die sich Skyla bietet, nutzt sie, um für etwas Abstand zu sorgen und vielleicht sogar aus seinem Sichtfeld zu verschwinden.

 

Die Überbrückung von sieben Haltestellen zieht sich eine gefühlte Ewigkeit in die Länge. Im Schutz der Menge steigt sie aus und taucht unter. Um ihre auffällige Haarfarbe zu verdecken, wirft sie die Kapuze ihres Hoodys über. Ein strategischer Schachzug, an den Skyla erst jetzt gedacht hat und sich darüber im Stillen ärgert. Eilig huscht sie durch die Meute und verlässt die U-Bahn-Station. Unter dem freien Himmel folgt eine kurze Verschnaufpause. In ihrem Blut rauscht der Rest des Adrenalins. Im Schutz eines Baumstammes beruhigen sich Skylas Nerven und auch ihr Herz. Unauffällig scannt ihr Blick die Umgebung. Auf der Suche nach ihrem Verfolger oder möglichen Verstecken. Auf einen gepflasterten Platz voller Parkbänke und kleinen Beeten gibt es viele Möglichkeiten, um unterzutauchen. Aber die Luft scheint rein zu sein. Weit und breit fehlt jede Spur von ihrem Verfolger. Vorsichtig wie ein junges Rehkitz huscht Skyla von einem Hindernis zum Nächsten, bis ihr selbst auffällt, wie verdächtig sie damit wirkt. Mit einem tiefen Atemzug geht es erneut unter die Leute, immer darauf bedacht, nicht aufzufallen und die Umgebung im Auge zu behalten.



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