AdD2-Kapitel 20
Idris beobachtete, wie Ruonir den Dolch und schließlich seinen Kompass musterte. Sein Gesicht hatte etwas Trauriges, was Idris nicht ganz einordnen konnte.
Warum sah er so traurig aus?
»Ich kann nicht garantieren, dass der Kompass richtig funktioniert«, bemerkte Ruonir plötzlich.
Idris legte seinen Kopf schief und betrachtete den Kompass. Er strahlte Magie aus, wie es für Artefakte normal war. Warum also sollte er nicht funktionieren?
»Was bringt dich zu dem Gedanken?«, fragte Idris wirklich neugierig.
Es gelang ihn, seine Konzentration komplett auf Ruonir zu legen, sodass die Wut auf Lewin nur noch ein dumpfer Hall war, der jedoch drohte, jeden Moment zurückzukehren. Trotzdem war Idris über diese kurze Verschnaufpause dankbar.
»Ich habe vor einigen Tagen versucht, meine Schwester zu finden. Sie hat extra ihre Haare zurückgelassen, doch der Kompass reagierte nicht«, erklärte Ruonir, der hörbar damit zu kämpfen hatte. Seine Stimme brach leicht, doch alles in allem hielt er sich tapfer und zeigte nicht, wie sehr ihn diese Tatsache mitnahm.
Idris dachte über seine Worte nach.
Wenn Ruonir Rhanas Haare genutzt hatte, um sie zu finden, dann sollte das funktionieren. Aber durch die Wandlung zur Fee hatte sich ihr Körper verändert und damit auch seine Zusammensetzung. Sie war nicht mehr menschlich. Daher konnte es sein, dass der Kompass sie nicht erkannte.
Wäre das vielleicht mit Lewin ähnlich?
Darüber wollte sich Idris keine Gedanken machen. Er hoffte, dass noch genug von Lewin vorhanden war, um zumindest mit Blut auf die richtige Spur zu kommen.
Idris versuchte nicht daran zu denken, wie sich Ruonir fühlte.
Er hatte zahllose Briefe geschickt, auf die Rhana nie geantwortet hatte. Nicht einmal, nachdem sie erwacht war. Er musste glauben, dass sie tot war. Sicherlich kein schönes Gefühl, aber konnte Idris etwas dagegen tun, ohne aufzufallen?
Wenn er Ruonir von Rhanas Zustand berichtete, würde dieser sicher die Fakten zusammenzählen können. Konnte er das zulassen?
Während Idris noch in Gedanken versunken war, nahm Ruonir den Dolch, um seinen Kompass darauf zu fokussieren.
Wie er angekündigt hatte, deutete der Zeiger sofort auf Idris.
Die Reaktion des Kompass ließ Ruonir fast zusammenbrechen, als hätte er damit seine Annahme bestätigt.
Die ersten Tränen rannen über seine Wangen, sich er hielt sich tapfer, als er den Kompass mit Magie auf ein weiteres Ziel einstellte.
Zuerst drehte sich der Zeiger wild im Kreis, bis er sich schließlich einpendelte und hinaus in die Wüste zeigte.
Das war der Punkt, in dem Ruonir komplett in sich zusammensackte. Er hockte am Boden und blickte auf den Kompass, der im Sand lag, während er noch immer Richtung Wüste deutete und dabei ab und an flackerte.
Idris spürte Mitleid in sich aufsteigen.
Ruonir machte sich Sorgen, das konnte er sehen und spüren. Die Trauer, die er versuchte zu verstecken, blieb Idris nicht verborgen.
»Du musst dir keine Sorgen machen, Rhana lebt«, sagte er, ohne sich Gedanken darüber zu machen, dass er sich vielleicht erklären musste. Es gab genug Ausreden, die er nutzen konnte. Eigentlich musste er auch gar nichts sagen.
Ruonir blickte überrascht auf. Seine Augen waren tränennass und rot unterlaufen.
Idris hatte das Gefühl, sich selbst zu sehen. Er strahlte die selben Gefühle aus, die auch ihn innerlich zerrissen hatten, als er Rhana gefunden hatte. Eine Mischung aus Hoffnung und Verzweiflung.
»Wenn sie lebt … Warum zeigt der Kompass sie dann nicht«, brachte er hervor, wobei er das Schluchzen nicht unterdrücken konnte.
Idris war erleichtert, dass er nicht fragte, woher er das wusste. Diese Frage wäre schwerer zu erklären, ohne aufzufallen.
»Die Akademie wurde angegriffen«, erklärte er versucht vage. »Dabei geriet sie ins Visier und wurde verletzt. Ich wurde gerufen, um sie zu retten. Deshalb findet der Kompass sie nicht. Die Rhana, die du kennst, lebt nicht mehr.«
Idris sprach die Worte zwar aus, ärgerte sich aber gleichzeitig darüber. Er hätte vielleicht mehr Rücksicht auf die Gefühle seines Gegenübers nehmen und andere Worte finden können.
Jetzt war es jedoch zu spät.
Ruonir blickte ihm verwirrt und zweifelnd an. Er hatte definitiv nicht alles verstanden. »Aber … Sie lebt? Ihr geht es gut?«, fragte er, wobei seine Stimme vor Hoffnung überfloss.
»Das tut sie«, bestätigte Idris, der Ruonir genau musterte.
Er sah, wie seine Schultern vor Erleichterung herabsackten und er seine Tränen langsam wieder in den Griff bekam. Er war ein sehr starker Mann.
Schließlich wischte sich Ruonir die Tränen aus den Augen und stieß einen erleichterten Laut aus. »Ich bin erleichtert, dass er sein Versprechen wirklich gehalten hat«, murmelte er zu sich selbst.
Neugierig hob Idris eine Augenbraue. »Wer?«, fragte er auffordernd.
Es war nicht passend für einen Gott, sich derart dafür zu interessieren oder einzumischen, doch das war Idris gerade egal.
»Rhanas Freund. Ich mag ihn nicht, aber er ist viel besser für sie als dieser aufgeblasene Lewin«, murmelte Ruonir, plötzlich viel offener sprach.
Idris glaubte, dass das an seinen Gefühlen lag. Aber was auch immer Schuld war, es gab Idris einen Einblick in Ruonirs Gedanken.
Jetzt erinnerte er sich auch wieder an das Versprechen, auf Rhana aufzupassen, dass er Ruonir bei einem Besuch gegeben hatte. Ihn verwunderte aber, dass Ruonir ihn nicht mochte. Dami hatte er nicht gerechnet, doch wenn er seine Worte verglich schwang bei der Erwähnung Lewins viel mehr Wut mit. Ruonir mochte diesen definitiv nicht.
»Lewin hat den Drachenclan verraten«, eröffnete Idris, ohne großartig darüber nachzudenken.
Ruonir blinzelte und starrte den Drachen an, bis sein Gesicht plötzlich rot vor Zorn wurde. »Er war es, der Rhana verletzt hat, oder?«, fragte er knurrend.
Erneut war Idris über so viel Offenheit in seiner Gegenwart verwundert. Kein Mensch hatte je etwas Derartiges gewagt.
Selbst Rachel, Aaron und Luenara hatten in dieser Gestalt ihre Probleme, mit ihm umzugehen. Sie waren vorsichtig und sprachen nicht viel, weil sie nicht wollten, dass sich seine Kraft in ihre Richtung drehte.
So hatten sie es ihm zumindest erklärt. Es war keine Angst, sondern Respekt.
Idris hatte das immer gestört. Darum hatte er sogar so sehe geübt, dass er selbst in seiner Drachengestalt seine Macht verbergen konnte. Etwas, das nicht einmal seiner Mutter möglich war.
Während sich Idris in die Hülle eines normalen Drachen kleiden konnte, strahlte Nae ständig Macht aus, die man nicht ignorieren konnte.
»Ja«, erwiderte Idris schließlich, während er Ruonirs Reaktion genau beobachtete.
Dieser sah auf und straffte die Schultern, auch wenn sein Blick Idris nicht fixierte. Trotzdem erkannte er die Stärke darin.
War Ruonirs Blut vielleicht mehr mit den Göttern verbunden, als angenommen?
Rhana hatte nie gesagt, dass er von der Herrscherfamilie abstammte, doch das könnte einiges erklären. »Ist es Lewin, den Ihr sucht?«, fragte er frei heraus, wenn auch nicht ohne Angst.
»Was, wenn dem so wäre?«, fragte Idris und stieß dabei absichtlich seinen heißen Atem aus, der ihn in einer Wolke umhüllte.
Da die Nacht bereits anbrach und es kalt wurde, würde er Ruonir damit nicht verletzen, aber hoffentlich einen Schrecken einjagen.
Nur funktionierte es nicht, wie geplant.
Er zuckte nicht einmal.
Was für ein eigenartiger Kerl.
»Dann würde ich Euch gern begleiten. Ich bin sicher, es wäre für Euch einfacher, wenn ich Euch helfe, ihn zu finden.«
Überrascht über diese dreiste Bitte, wusste Idris nicht sofort, wie er reagieren sollte.
Ruonir hatte recht, dass es Idris leichter wäre, den Kompass zu nutzen.
Als Gott konnte er zwar die Artefakte verwenden, doch da seine Blutlinie besonders war, hatte er nicht gerade ein Talent dafür. Ruonir dabei zu haben, würde ihm also wirklich helfen.
Ihn jedoch auch in Gefahr bringen.
»Ein einfacher Mensch wie du will gegen einen aufgestiegenen Gott antreten? Warum?«, wollte Idris wissen, der ihn absichtlich klein redete. Dabei konnte er Ruonirs Stärke deutlich sehen. Schwach war eigentlich kein Wort, das er mit Ruonir in Verbindung bringen konnte.
»Er hat meine Schwester verletzt. Vielleicht werde ich im Kampf nicht hilfreich sein, aber das Mindeste, das ich tun kann, ist Euch zu ihm führen, damit er seine gerechte Strafe erhält.«


















































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