Ascardia-Kapitel 10

~Ayden~
Als ich die Tür zum Thronsaal hinter mir schloss, fragte ich mich, was mich heute an Cayden so verwunderte. Es war nicht seine übliche Reaktion. Er hatte mir tatsächlich Antworten auf meine Fragen gegeben, statt sie wie die letzten Male zu ignorieren.
Es waren keine befriedigenden Antworten, doch zumindest konnte ich langsam verstehen, wie er über die Sache dachte.
Warum tat er immer so, als ginge ihn das alles nichts an? War es ihm wirklich so egal?
Ich fuhr mir durch meine schwarzen Locken, während ich durch die Flure schlenderte. Eigentlich hatte ich kein direktes Ziel, fand mich aber bald vor der Tür zu einem Zimmer wieder, das erst seit heute genutzt wurde.
Das Zimmer dieser Werwölfin.
Was fand mein Bruder nur an ihr, dass er ausgerechnet sie behalten hatte? Unter den Frauen waren zwei oder drei gewesen, die durchaus robust genug schienen, als Mutter von Fae Kindern zu taugen. Wenn nicht für Cayden, dann wenigstens für mich. Es war lange her, dass ich mir diese Art von Spaß gegönnt hatte.
Aber diese Omega …
Sie strahlte keinerlei nennenswerte Macht aus und ihr Körper war so schwach wie ein Grashalm. Eine falsche Bewegung und er brach.
Was wollte Cayden mit ihr?
Ich starrte die Tür an und stieß dann ein Seufzen aus. Wenn ich schonmal hier war, konnte ich auch nach ihr sehen. Nicht, dass sie schon auf halben Weg nach draußen war.
Veylenreach war nicht gerade eine ungefährliche Gegend. Wenn sie hier auf die falschen Leute traf, wäre ihr Leben verwirkt und dann würde ich den Ärger von meinem Bruder bekommen.
Leise öffnete ich die Tür, bevor ich eintrat und meinen Blick schweifen ließ.
Als ich das unberührte Bett vorfand, versteifte ich mich. Sie hatte tatsächlich schon wieder Dummheiten angestellt!
Sofort streckte ich meine Sinne aus, um nach ihr zu suchen, nur um am Kamin fündig zu werden.
Stirnrunzelnd betrachtete ich die junge Frau.
Sie lag zusammengerollt vor der flackernden Wärmequelle, zitterte dabei aber.
Das weiße Strickkleid, das ihr überraschend gut stand, auch wenn es viel zu groß war, hüllte ihren Körper ein, wärmte ihn aber anscheinend nicht genug.
Warum hatte sie sich nicht wenigstens eine Decke genommen?
Das Bett selbst war mit einem wärmenden Zauber belegt und dort hätte sie gar nicht erst gefroren. Aber so, wie sie bisher reagiert hatte, konnte es durchaus sein, dass sie nicht einmal etwas so einfaches, wie ein Bett kannte.
Sie war hier, ich konnte mich also wieder meinen Aufgaben widmen.
Als ich mich umdrehte, um das Zimmer zu verlassen, vernahm ich ein ganz leichtes Wimmern.
Das konnte doch nicht wahr sein.
Ich verdrehte meine Augen, bevor ich wieder zu ihr blickte.
Noch immer zitterte sie am ganzen Körper, obwohl das Zimmer angenehm warm war.
Sie kam aus dem Gluthain. Dort war es vermutlich viel wärmer als hier.
Leise vor mich hin grummelnd, schritt ich zum Bett und nahm eine Decke. Wir konnten es uns nicht leisten, dass sie krank wurde. Darauf hatte ich wirklich keine Lust.
Als ich schließlich wieder vor ihr stand, betrachtete ich sie noch einmal.
Sie hatte sich so fest zusammengerollt, wie es möglich war. Eine Schutzhaltung.
Ihre Verletzlichkeit berührte einen Teil in mir, den ich eigentlich schon vergessen geglaubt hatte.
Vorsichtig hockte ich mich zu ihr, um ihr die Decke über den Körper auszubreiten.
Sie schlief so fest, dass sie nicht einmal zuckte, doch das Zittern wurde nur bedingt weniger.
Erneut fuhr ich mir durch die Locken, bevor ich mich zu ihr setzte.
Noch während ich das tat, strömte die Magie durch meinen Körper. Es fühlte sich so natürlich an wie atmen und ohne auch nur eine richtige Veränderung zu spüren, berührten meine schwarzen Pfoten den Boden.
Langsam, um sie nicht zu wegen, tapste ich um sie herum, bevor ich mich zu ihr legte.
Meine Pathergestalt und die Magie, die ich damit ausstrahlte, würde sie wärmen und von Albträumen abschirmen.
Das war im Moment alles, was ich für sie tun konnte.
Kaum lag ich an sie gekuschelt, spürte ich, wie sie ruhiger wurde.
Ich verstand selbst nicht, warum ich mich so um sie sorgte. Eigentlich war sie nutzlos.
Während die anderen Inseln die geopferten Frauen nutzen, um sich fortzupflanzen, wurde auf unserer Insel schon seit vielen Jahrhunderten kein Fae mit richtiger Magie mehr geboren.
Selbst mein Bruder, der als Fürst der Fae an erster Stelle bei der Auswahl an Frauen stand, weigerte sich. Dabei war es gerade seine Aufgabe, für die Erhaltung seiner Art zu sorgen.
Aber nein. Stattdessen verschwendet er seine Zeit mit einem so zerbrechlichen Spielzeug.
Als Mutter seiner Kinder kam sie auf keinen Fall in Frage. Nicht nur, weil sie die Geburt nicht überleben würde. Ein Kind von ihr konnte nur schwach sein. Eines Fürsten nicht würdig. Und trotzdem …
So in Gedanken versunken, bemerkte ich nicht sofort, dass sich die Bewegungen der Frau verändert hatten.
Ihr Atem hatte einen anderen Rhythmus angenommen und hätte mich warnen sollen. Doch jetzt war es zu spät.
Innerlich ärgerte ich mich, denn sobald sie mich erblickte, würde ihr Körper einem Schock ausgesetzt sein, von dem sich nicht viele erholten. Ich hätte sofort gehen sollen, als die Gefahr bestand, dass sie aufwachte.
Innerlich fluchend öffnete ich meine Augen, nur um in neugierige bernsteinfarbene Iris zu blicken. Ein ganz feiner, roter Ring um die Pupille ließ mich einen Moment die Luft anhalten.
»Gehörst du zu dem Tiger?«, fragte sie ohne Scheu in der Stimme. Es gab kein Anzeichen darauf, dass meine Magie, die sie umhüllte, ihr schadete. Stattdessen sah es so aus, als würde sie diese tragen wie einen warmen Mantel.
Ich blinzelte. Unfähig auf die Situation zu reagieren.
Das war noch nie passiert. Das war … surreal. Konnte nicht sein. Durfte nicht sein.
Kein Lebewesen sollte der göttlichen Gestalt eines Fae-Fürsten derart unbefangen gegenüberstehen können.
Auch, wenn ich nicht so mächtig war wie mein Bruder, durfte das hier nicht sein.
Es war wider jeder Natur.





































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