Ascardia-Kapitel 4

~Ascardia~

   Ich versuchte, meine Kraft zusammenzunehmen und mich umzusehen, doch ich schaffte es einfach nicht, mir den Weg zu merken.
   Zuhause gab es kaum etwas, das auch nur an die Beschreibung Gebäude herankam. Diese ganzen Gänge, Fenster und Türen verwirrten mich. War dieses Haus so groß wie der Gluthain? Wieso sollte man so etwas bauen?
   Der Boden unter meinen Füßen fühlte sich teilweise seltsam weich an, was vermutlich an den ganzen fellartigen Gebilden lag, die darauf verteilt waren. Ich verstand ihren Zweck nicht. Alles hier verwirrte mich zutiefst.
   »Das hier ist das Bad«, sagte Ayden, der mich geschoben hatte irgendwann und öffnete eine Tür.
   Dahinter kam ein Raum zum Vorschein, der seltsam aussah. Die Wände und der Boden waren glatt und glänzend. Die Mitte des Raumes wurde dominiert durch ein Gebilde aus geschliffenem Stein? Ich wusste nicht, was es war, doch darin befand sich Wasser. Dampfendes, wohlduftendes Wasser.
   Dieses Mal war der Geruch nicht süß, aber auch nicht herb. Eher blumig? Wobei ich das nicht ganz sagen konnte, kannte ich Blumen doch nur aus den Erzählungen meines Meisters.
   »Was soll ich hier?«, schaffte ich es zu fragen. Ich wollte mich einfach nur zu Boden fallen lassen und die Kühle der Steine genießen. Mein Körper ächzte bei jedem weiteren Schritt und mein Magen stach so sehr, dass mir immer wieder kurz schwummrig wurde.
Lange würde ich das nicht mehr aushalten.
   »Die Damen werden dich waschen«, erklärte Ayden unumwunden und schob mich weiter in den Raum hinein, bevor er sich an die Wand lehnte. »Versuch gar nicht, dich zu wehren. Wenn du brav bist, erhältst du eine Belohnung«, versprach er, wobei er mir ein zufriedenes Lächeln schenkte, während seine Augen mich fixierten. Keine meiner Bewegungen würde ihm entgehen, das war mir klar.
   Bevor ich fragen konnte, was er mit Belohnung meinte, kamen erneut die beiden Frauen auf mich zugelaufen.
   Dieses Mal schienen sie keine Angst vor mir zu haben, als ich knurrte. Ich wollte erneut nach ihnen schlagen, um meinen Standpunkt deutlich zu machen, doch meine Arme wollten sich nicht bewegen.
   Irritiert versuchte ich, zu Ayden zu blicken. Hatte er damit etwas zu tun?




   Ich konnte nicht fragen, da rissen die Frauen mir schon die letzten Fetzen meiner Kleider vom Leib.
   Es ärgerte mich, war es doch nicht leicht, überhaupt etwas zu finden, das Schutz vor der Hitze bot.
   Noch mehr ärgerten mich jedoch ihre musternden Blicke. Sie starrten mich mit einer Mischung aus Abscheu und Mitleid an.
   Wie ich das hasste.
   So wie sie aussehen, kannten sie das raue Leben nicht. Wussten nicht, was es hieß Tag ein und Tag aus ums Überleben zu kämpfen.
   Dafür hasste ich sie und beneidete sie zutiefst.
   Was sie wohl für ein Leben hatten? So gut genährt wie sie waren, musste es ein sorgenloses sein.
   »Los ab in die Wanne«, sagte eine der Frauen.
   Sie trug weniger Schmuck, hatte ihre Haare in einem Knoten hochgebunden und krempelte sich die Ärmel ihres Kleides hoch, während sie mich packte und mit sich zog.
   Obwohl ich mich dagegen stemmen wollte, bewegte sich mein Körper doch von selbst.
   Ich richtete mich schon darauf ein, das kalte, stechende Wasser zu spüren, doch als ich meinen Fuß hineinsetzte, war da eine angenehme Wärme. Keine Hitze und keine Schmerzen.
   Zumindest glaubte ich das, doch als ich weiter ins Wasser glitt, zogen stechende Schmerzen über meinen Körper und ließen mich zischen.
   Alle meine Kratzer brannten unangenehm, doch nicht so schlimm wie sonst, wenn ich mich im Meer wusch. Außerdem ließ der Schmerz langsam nach.
   »Kümmert euch um sie«, wies Ayden an und dann ging plötzlich alles ganz schnell.
   Die beiden Damen stürzten sich förmlich auf mich.
   Eine riss an meinen Haaren und tat damit etwas, das ich nicht sehen konnte. Es schmerzte, doch ich konnte mich nicht wehren.
   Die andere begann damit, mich mit etwas zu schrubben, das anfangs weich und angenehm war, doch je mehr sie mich damit nervte, desto schlimmer wurde es.
   Ein Knurren verließ meine Lippen, doch ich konnte mich einfach nicht wehren.
   In diesem Moment kamen mir die Tränen, ohne dass ich es verhindern konnte. Verflucht! Wieso musste ich mich auf solch unwürdige Weise geschlagen geben? Wenn ich mich doch wenigstens wehren könnte. Es war besser einen Kampf zu verlieren, als gar nicht die Möglichkeit zu bekommen, zu kämpfen.




   Dann war es plötzlich alles vorbei.
   Die beiden ließen von mir ab und trockneten sich, während ich die Möglichkeit bekam, durchzuatmen.
   Trotzdem war ich mir des ständiges Blickes von Ayden bewusst. Als würde er sichergehen wollen, dass ich nicht wegrannte. Dabei konnte ich das sowieso nicht.
   »Das reicht, komm raus«, befahl mir Ayden.
   Verärgert wandte ich mich zu ihm um. Er hatte mich aus seinem Griff befreit, doch ich wollte mich noch eine Weile ausruhen. Mein ganzer Körper schmerzte noch immer.
   Allerdings hatte ich auch Angst, dass er mich erneut zwang. Darum setzte ich mich langsam auf und versuchte, aus diesem seltsamen Becken zu steigen.
   Es gestaltete sich als schwieriger als erwartet. Immer wieder rutschten meine Füße weg und die Kälte, die außerhalb des Wassers herrschte, ließ mich zittern.
   Als ich schließlich stand, schlang ich meine Arme fest um mich.
   Das Wasser, das von meinen Haaren über meinen Rücken lief, fühlte sich seltsam an und ließ mich nur noch mehr schaudern.
   Plötzlich waren die beiden Frauen wieder da und rubbelten mich trocken.
   Auch meine Haare blieben nicht verschont und erneut wurde daran herumgerissen.
   »Das tut weh«, knurrte ich, zwang mich aber dazu, nicht erneut nach ihnen zu schlagen. Es fühlte sich zumindest ein klein wenig befreiender an, die Entscheidung zu haben.
   »Hab dich nicht so, es ist gleich vorbei«, lachte Ayden, der uns die ganze Zeit beobachtete.
   Ich konnte nur die Augen schließen und warten, bis es zu Ende war.
   Plötzlich spürte ich, wie etwas über meinen Kopf gezogen wurde.
   Dann wurde ich gepackt und vor etwas gezerrt, das mich an die spiegelnde Oberfläche eines Sees erinnerte.
   Ich erkannte eine Person, die ich noch nie zuvor gesehen hatte.
   War ich das?
   Vorsichtig streckte ich meine Hand nach meinem Spiegelbild aus und berührte es. Das war wirklich ich.
   Es war das erste Mal, das ich aussah wie ein halbwegs normaler Mensch. Selbst mein Mentor hatte mich immer mit einem wilden Tier verglichen. Ich erkannte mich gar nicht wieder.
   Und was war das für ein warmes, kuscheliges Ding, das ich an hatte?
   Es sah nicht aus wie ein Fetzen, glich aber auch nicht den Dingen, welche die Frauen trugen.




   »Endlich siehst du nicht mehr aus wie ein wildes Tier«, neckte Ayden, der mich noch immer anstarrte.
   Ich wandte mich zu ihm um. Was erwartete er jetzt von mir? Ich war doch kein Streuner, dem man einen Knochen hinwarf und dann Loyalität erwartete.
   Mein verzogenes Gesicht sagte vermutlich alles, denn er lachte. »Das Kleid steht dir gut.«
   Ein Kleid.
   Ihr ließ meine Hände über den kuscheligen Stoff fahren. Das Weiß war wirklich schön und das Material warm und kuschelig.
   »So bist du vorzeigbar«, sagte Ayden noch einmal, als würde er keine Möglichkeit auslassen, mich mit seinen Worten zu ärgern, ohne unhöflich zu sein.
   Er streckte mir sogar seine Hand entgegen.
   Zögerlich tapste ich auf ihn zu, doch als ich seine Hand greifen wollte, zog er sie zurück und blickte zu meinen Füßen. »Das geht so nicht. Bringt warme Socken«, befahl er den beiden Frauen, die sofort losrannten.
   Socken? Was war das denn schon wieder?

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