DBdD-Kapitel 55

Yelir nahm die Umgebung und die Personen in sich auf.
Es gab viele Felder, die gerade bearbeitet wurden. Sie wurden jedoch weniger, als sie sich den ersten Ansammlungen von Häusern näherten. Yelir erkannte jedoch keine Mauern, was ihn verwunderte. Stattdessen wurden die Häuser immer dichter. Sie waren viel größer als die, die er aus den Nordlanden kannte. Unten gab es kleinere Geschäfte und in den Etagen darüber, wohnten Leute.
Es war überraschend überfüllt, sodass Yelir sich unwohl fühlte, als er die Kutsche die Straße weiter entlang fuhr.
Zunae hatte ihm gesagt, dass er rechts bleiben sollte. Die dunklen Pflaster waren für die Kutschen, die hellen rechts und links für Fußgänger oder Handwagen.
Erst hatte er sich gefragt warum, doch nun verstand er es. Sonst würde er gar nicht durch die Menge an Menschen kommen.
»Ist Markttag?«, fragte er leise an Zunae, da er sich nicht vorstellen konnte, dass so viele Menschen unterwegs waren. Allerdings schüttelte diese den Kopf, denn es war immer so viel los in Naytan.
Yelir beobachtete die Menschen, konnte aber nur schwer einschätzen, ob sie einfache Handwerker, Bauern oder Händler waren.
Schließlich entdeckte er das Schloss und hätte die Kutsche fast angehalten.
Das Gebäude war riesig, doch nicht so wie bei ihnen. Es hatte eine klare Struktur, wunderschöne, runde Türme und silbern schimmernde Kuppeln.
Zunae setzte sich aufrecht hin und lächelte, während ihre Hand auf Yelirs Bein lag. »Du kannst mit der Kutsche direkt vorfahren«, erklärte sie, denn auch um das Schloss herum gab es keine Mauer. Lediglich einen weiten Garten, der teilweise sogar von Bewohnern der Stadt genutzt wurde.
Yelir fühlte sich etwas unwohl, während er den Weg folgte, der sie nun durch eine Allee direkt auf den Haupteingang zuführte.
Die Menge an Menschen nahm immer weiter ab, bis nur noch diejenigen unterwegs waren, die recht einheitliche, beige Kleidung trugen. Nur wenige von ihnen trugen Schmuck oder auffällige Verzierungen. Außerdem kümmerten sie sich um die Pflanzen. Es waren die Bediensteten des Schlosses, die stolz präsentierten, wo sie arbeiteten. Es galt in den Südlanden als große Ehre, im Schloss arbeiten zu dürfen, denn das sicherte oft der ganzen Familie ein angenehmes Leben. Außerdem konnte man in engen Kontakt mit der Königsfamilie kommen.




Sie waren es auch, die regelmäßig kontrollierten, ob die Besucher der königlichen Gärten, die Regeln einhielten und sich nicht zu weit an das Schloss heranwagten.
Alles fußte auf gegenseitigem Vertrauen, doch es gab auch Schutzmaßnahmen, die man auf den ersten Blick nicht direkt sehen konnte. Nicht jeder Gärtner war auch ein solcher. Unter ihnen versteckten sich Wachen, die alles genau im Blick hatten.
Schließlich wurde das Gras zu einem kleinen Hof, auf dem Yelir die Kutsche, am Fuß einer weißen Treppe hielt.
»Hinter dem Haupteingang gibt es einen ummauerten Innenhof«, erklärte Zunae, die wartete, bis Yelir abgestiegen war und sich dann vom Kutschbock helfen ließ. »Die Gemächer meiner Familie befinden sich auf der anderen Seite«, fügte sie hinzu, während sie versuchte, ihre Beine dazu zu bringen, nicht mehr so sehr zu zittern. Sie waren während der Fahrt eingeschlafen, was ihr das Stehen nun schwer machte.
Yelir blickte sich um, wusste aber nicht, was er dazu sagen sollte. Er war einfach zu überfordert von diesem Anblick, der ihn sprachlos machte.
Schließlich trat ein älterer Herr auf sie zu. Seine Augen musterten die beiden Besucher, bevor er sich tief verneigte. »Willkommen zuhause, Lady Zunae. Herzlich willkommen, Lord Yelir«, grüßte er, weil man ihm die Aufgabe erteilt hatte, nach ihnen Ausschau zu halten. Nur hatte er nicht damit gerechnet, dass sie allein hier ankommen würden.
Belen war schon seit Jahren der Butler der Familie Naytas und machte seine Sache sehr gut. Er hatte Zunae und ihre Schwestern aufwachsen sehen und wusste daher sehr gut um die Eigenheiten der einzelnen Schwestern. »Man erwartet Euch erst in einigen Stunden«, erklärte er höflich, doch auch ein wenig unsicher. Er wusste nicht so recht, wie er mit dem Besuch umgehen sollte. Seine Instinkte sagte ihm, er solle sich an Zunae wanden, doch in den Nordlanden war der Mann derjenige, der das Sagen hatte.
»Bitte folgt mir, ich werde Königin Nuya sofort kontaktieren«, erklärte Belen, der sich dann entschied, sie einfach wie andere Adlige aus seinem Reich zu behandeln. »Ihr müsst nach der langen Reise sicher erschöpft sein.« Mit diesen Worten führte er sich hinein in das Gebäude. Durch Gänge, die Zunae nur zu gut kannte, die jedoch Yelir in schwindeliges Staunen versetzten. Er wusste, dass die Südlande durch ihren Handel mit den anderen Reichen nicht gerade arm waren, doch man konnte diese Pracht einfach nicht mit den Nordlanden vergleichen. Kein Wunder, dass Nordländer bei ihnen als barbarisch galten. Er kam sich selbst in seiner besten Kleidung, der heute trug, viel zu schlicht vor.




Schließlich kamen sie in ein gemütliches Gästezimmer. Es hatte große Fenster, durch die viel Licht hineinfiel, gemütliche, gepolsterte Bänke und einen Tisch, den Diener gerade eifrig mit Leckereien füllten.
Yelir nahm den herben Geruch von Kaffee wahr, den er hier nicht erwartet hatte. Er vermischte sich mit dem süßen Duft von Früchtetee.
Ohne groß darüber nachzudenken, führte er Zunae zu der gepolsterten Bank, damit sie sich setzen konnte.
Die Diener zogen sich sofort zurück und auch Belen verabschiedete sich, da er davon ausging, dass Zunae die Führung übernehmen würde, sollte etwas sein.
»Wie fühlst du dich?«, fragte Yelir. Er konnte zwar ihr Lächeln sehen, doch ihr Körper sprach von Erschöpfung, was ihn besorgte. Darum reichte er ihr auch den Tee.
Zunae klopfte neben sich auf die Bank, damit sich Yelir zu ihr setzte. Dieser bekam das Bedürfnis sich umzuziehen, um die Kissen nicht schmutzig zu machen, doch am Ende ließ er sich nieder. Es war nicht gut, wenn er sich zu viele Gedanken machte.
»Ich bin müde«, gestand Zunae, die einen Schluck Tee nahm. »Und ich hab Hunger. Sonst geht es mir gut«, sagte sie, denn sie wusste sehr genau, dass sich Yelir aufgrund ihrer Schwangerschaft bei ihr erkundigte.
Erleichtert stieß Yelir die Luft aus. »Die Reise war lang«, murmelte er und strich Zunae sanft über den Rücken. Er fühlte sich unwohl, weil er draußen die Diener hin- und hergehen hörte. Manche flüsterten, doch er verstand die Worte nicht genau.
Das Geräusch der Tür erklang, als jemand sie öffnete. Sofort wirbelte Yelir in diese Richtung, denn er erwartete die neue Königin, Zunaes Schwester, doch als er den Mann mit den langen, blonden Haaren entdeckte, war seine Überraschung groß.
Sofort sprang er auf.
Misha breitete seine Arme aus. »Yelir«, grüßte er mit einem strahlenden Lächeln. Er trug elegante Kleider, die zu den Südlanden passte und an Misha nicht einmal schlecht aussahen.
»Misha«, stieß Yelir aus, bevor er zu seinem Bruder ging, um ihn zu begrüßen. Er nahm seine Hand und dann schlugen sie leicht ihre Schultern zusammen, wie es bei ihnen schon immer Brauch gewesen war. »Es ist so gut, dich zu sehen«, stieß Yelir hervor, der bis jetzt gar nicht gemerkt hatte, wie viele Sorgen er sich eigentlich um dessen Wohlbefinden gemacht hatte. Jetzt aber, wo er ihn sah, war es, als würde sich eine Last von seinen Schultern lösen.




»Ich freu mich auch«, erwiderte Misha, der Yelir freundschaftlich auf den Rücken klopfte.
Er war ein bisschen größer und muskulöser als Yelir, doch auf Zunae, die sich etwas in seine Richtung gedreht hatte, wirkte er sehr freundlich und nicht sonderlich angsteinflößend.
Misha blickte an Yelir vorbei und schenkte Zunae ein Lächeln. »Und das muss deine wundervolle Frau sein«, sagte er begierig darauf, sie kennenzulernen. Zunae sah das neugierige Funkeln in seinen blauen Augen, die sie an Degoni erinnerten. Außerdem kam er ganz nach seinem Vater Lacrew.
Yelir räusperte sich und schob Misha in Zunaes Richtung. »Zunae ist schwanger, also bring sie nicht dazu, aufzustehen«, bemerkte er, was Misha lachen ließ, bevor er sich vor Zunae verbeugte.
»Es freut mich, Euch kennenzulernen«, sagte er mit einem charmanten Lächeln, nahm ihre Hand und küsste sanft ihren Handrücken, was Yelir murren ließ. Wäre Misha nicht sein Bruder, hätte er ganz anders reagiert, doch so ließ er es zu.
»Ich bin ebenfalls erfreut«, erwiderte Zunae, die nicht damit gerechnet hatte, dass Yelirs Bruder so sein würde. Er erinnerte sie etwas an Arcas, doch auf eine positivere Art. Während sie Arcas oftmals als aufdringlich und aalglatt bezeichnet hätte, war Misha eher charmant. In seiner Gegenwart fühlte sie sich nicht unwohl, weshalb sie sich schon darauf freute, sich mit Misha zu unterhalten, um die Zeit zu überbrücken, bis ihre Schwestern sie begrüßten.
Die Königinnen der Südlande hatten immer viel zu tun und waren daher oft außerhalb des Schlosses unterwegs. So wie Nuya und Kali im Moment. Aidina war gerade auf dem Rückweg, doch es würde noch dauern, bis sie die Gäste begrüßen konnten.

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