DBdD-Kapitel 64

»Also wirklich, du kannst mir doch nicht so eine Angst einjagen«, tadelte Yelir sanft, während er seine Kleider soweit trocknete, wie es möglich war.
Zusammen mit Zunae saß er am Rand des kleinen Sees und versuchte erst einmal zu verstehen, was da eigentlich vorgefallen war.
»Das musst du gerade sagen«, erwiderte Zunae, die ihn tadelnd und mürrisch anblickte.
Yelir schmunzelte. Mürrisch war gut. Besser als weggetreten und traurig.
Für einen Moment hielten sie beide Blickkontakt, bis Zunae den Kopf senkte. »Tut mir leid. Ich … weiß auch nicht, was mit mir los war«, brachte sie hervor, was Yelir dazu brachte, sie in eine Umarmung zu ziehen. Eine recht kalte, weil sie beide noch nass waren.
»Du hast nicht so ausgesehen, als hätte eine Vision dich in ihrem Griff, aber Magie habe ich trotzdem gespürt«, erklärte Yelir besorgt, der ihr sanft den Rücken streichelte, während sich Zunae schwer gegen ihn lehnte und ihre Augen schloss.
»Nein. Keine Vision«, murmelte sie, während sie sich ebenfalls fragte, warum Yelir Magie gespürt hatte. »Meine Emotionen … Ich glaube, sie haben die Magie ausgelöst.«
Yelir löste sich etwas von Zunae und strich ihr die Haare aus dem Gesicht. »Wie fühlst du dich?«, fragte er mit zärtlicher Stimme und einem Blick, der Zunae in die Seele zu sehen schien.
Zunae schmiegte sich sofort wieder an Yelir und schluchzte leise. Aus der Ferne beobachtet von Ilan, der einfach nicht auf die Zärtlichkeiten klarkam, die beide miteinander austauschten. Selbst als Freund war er ihr nie so nah gekommen. Sie hatte keine Umarmungen, oder tröstenden Berührungen zugelassen und nun warf sie sich in seine Arme? Wieso? Was war so besonders an ihm, dass er all das bekam, was er sich wünschte? Er wollte es sein, der Zunae tröstend in den Armen hielt und ihr half zu vergessen, was auch immer sie so unglücklich machte.
»Kann ich etwas für dich tun?«, fragte Yelir. Ihm fiel es leichter, die Fehlgeburt zu verkraften, denn Zunae hatte überlebt und erholte sich. Das Kind, obwohl es Zunaes war, bedeutete ihm nichts. Erst recht nicht, nachdem er gesehen hatte, wie es zerfiel. Aber für Zunae war es ihr Kind. Eine Tatsache, die Yelir nicht herunterspielen wollte. Sie hatte ein Kind verloren. Auf eine Art und Weise, die Narben hinterlassen musste.




Zunaes Blick glitt zu Ilan. Er war abschätzend und nachdenklich. Wie viel sollte er hören? Was wollte sie ihm sagen?
»Wir sind beide nass. Lass uns ein Bad nehmen«, schlug sie vor. Sie wollte Yelirs Nähe und etwas Privatsphäre. Es war überraschend, wie sehr sie sich daran gewöhnt hatte, nicht ständig von Dienern umgeben zu sein. In diesem Schloss fühlte sie sich permanent beobachtet, auch wenn sie nicht immer jemanden sehen konnte.
Yelir fuhr sich durch die nassen Haare. Die leichten Augenringe waren ein Zeichen seiner Erschöpfung und eigentlich wollte er nur schlafen. Aber ein Bad mit Zunae konnte er unmöglich ausschlagen. Es klang sogar noch verlockender, als sich einfach mit ihr ins Bett zu kuscheln.
»Hier ist es zwar wärmer, aber du fängst dir noch eine Erkältung ein«, bemerkte Yelir, der ihr am liebsten einen Mantel übergehängt hätte. Nur hatte er keinen dabei. Trocken wäre er dann vermutlich auch nicht.
Zunae blickte hinauf in die Himmel. Die Sonne trocknete ihre Kleidung zwar recht schnell, doch der Wind, der sie immer wieder leicht frösteln ließ, konnte durchaus für eine Erkältung sorgen.
Als sie wieder zu Yelir blickte, streifte sie kurz Ilans Blick. Seine Lippen waren auf eine herablassende Art verzogen.
Er hatte Yelirs Worte gehört und fand sie einfach lächerlich. Zunae und eine Erkältung konnte er einfach nicht in Verbindung bringen. Er verstand die Beziehung der beiden nicht und wollte es eigentlich auch nicht.
Mit fest geballter Faust wandte er sich abrupt um, bevor er davonstapfte. Ihnen noch länger zuzuhören, würde seine Geduld nur noch weiter auf die Probe stellen.
Yelir sah ihm verwirrt hinterher, doch es interessierte ihn nicht genug. Stattdessen wandte er sich wieder Zunae zu und half ihr dabei, aufzustehen. Sie hatte sich von den Strapazen der Geburt überraschend schnell erholt, doch er hatte auch nichts anderes erwartet. Zumindest ihrem Körper ging es gut. Dieser war dabei, zu heilen. Schön wäre es, wenn er das gleiche über ihren Geist sagen könnte.
Yelir legte ihr den Arm um und führte sie langsam wieder zurück zu dem Ausgang, den er genommen hatte.
Es hatte ihn nicht überrascht, dass sie nach seiner Rückkehr aus den Nordlanden nicht im Zimmer gewesen war. Immerhin hatte er lange genug gebraucht, damit sie aufwachen und sein Fehlen bemerken konnte. Da der Ring, den er ihr geschenkt hatte, durch seine Gabe ihre Position offenbart hatte, war er nach ihr sehen gegangen. Nur hatte er nicht erwartet, sie in diesem schockierendem Zustand vorzufinden. Was wäre passiert, wenn er nicht rechtzeitig reagiert hätte? »War das eine deiner alten Wachen?«, fragte Yelir neugierig, da er Ilan nicht kannte. Er trug die Uniform der Südländer, weshalb er ihn nicht als Gefahr für Zunae wahrgenommen hatte. Allerdings hatte sein Gesicht vor Überforderung geschrien.




»Ilan ist ein Kindheitsfreund und war meine Leibwache«, nickte Zunae, die hinter dieser Frage keine versteckte Botschaft erahnte.
Yelir spürte jedoch den Stich der Eifersucht.
Ein Kindheitsfreund. Sie kannten sich also schon lange, was erklären würde, warum Zunae seine Nähe so weit zugelassen hatte.
Was dieser Ilan wohl alles von Zunae wusste? Jedenfalls nicht, wie er mit ihr umgehen sollte, wenn es ihr nicht gut ging. Wobei Yelir auch das erste Mal in einer solchen Situation gewesen war. Er hatte auf sein Bauchgefühl gehört und es war richtig gewesen. Zum Glück.
»Sollte er nicht wissen, was er tun muss, wenn du in deinen Visionen gefangen bist?«, fragte er leise, falls es doch so war, dass niemand sie hören sollte, weil nicht jeder hier von Zunaes Gabe wusste.
»Normalerweise berührt mich in dieser Zeit niemand«, erwiderte Zunae, die ihren Blick senkte und das Brennen auf ihren Wangen versteckte. Yelir war der Einzige, der diese Regel brechen durfte.
Dieser runzelte die Stirn. »Dann … haben sie dir auch nie geholfen?«, fragte er unschlüssig, was er davon halten sollte. Ihn hatte schon schockiert, dass sie nicht einmal wussten, dass Zunaes Visionen rund um ihren eigenen Tod aufgebaut waren.
Zunae runzelte die Stirn. »Du bist der erste, der sich … näher damit auseinandersetzt und der mir durch seine Gabe überhaupt helfen kann. Früher waren die Visionen nur in meinen Träumen, bis sie irgendwann mehr wurden und ich angefangen habe, in die Gegend zu starren. Es kam eher selten vor, dass ich dabei herumlief wie damals im Wald. Da war mein Geist einfach zu unruhig.«
Yelir verzog etwas die Lippen, als er sich an diese Begebenheit erinnerte. Damals hatte er das Bild, in das er gezogen worden war, nicht verstanden. Nun tat er es.
»Das heißt, deine Gabe ist schon immer gewachsen?«, fragte Yelir, während er die Tür zum Bad öffnete. Dampf kam ihnen entgegen, der den Geruch von Kräutern mit sich trug. Minze und Lavendel.
Yelir atmete tief ein und seine Schultern entspannten sich etwas, während die Müdigkeit sich wie ein Schleier um ihn legte. Die Wärme und der Geruch luden ihn dazu ein, sich einfach nur zu entspannen.
»Könnte man so sagen«, erwiderte Zunae, die stirnrunzelnd das vorbereitete Bad betrachtete. Wann hatten die Diener gehört, was sie vorhatte und wann hatten sie sich darum gekümmert?




Ihr lief ein Schauer über den Rücken. Es fühlte sich irgendwie unheimlich an. Als würden unsichtbare Augen sie ständig im Blick haben. Wie hatte sie das damals so genießen können?
Yelir spürte einen Schauer über seinen Rücken laufen, während er ins Bad trat. Er war froh, sich nicht darum kümmern zu müssen, doch es fühlte sich auch falsch an. »Läuft das hier immer so ab?«, fragte er vorsichtig. Diener, die ihnen die Wünsche von den Augen ablasen, klang besser, als es sich anfühlte.
Zunae versuchte ihre Lippen zu einem Lächeln zu bewegen, doch lediglich ihre Mundwinkel zuckten leicht. »Ja. Irgendwie schon«, stieß sie hervor, bevor sie sich die nasse Kleidung auszog. Sie wollte lieber nicht daran denken, dass sie vielleicht sogar jetzt beobachtet wurde. Warum war ihr das vorher nie aufgefallen?
Yelir entschied sich dazu, noch einen Moment zu warten, um Zunae zu beobachten.
Ihre Bewegungen waren elegant und flüssig wie immer. Nichts an ihr ließ an die vergangenen Tage denken. Etwas, das ihn beruhigen sollte, doch das tat es nicht. Er spürte ein ziehen im Magen.
Als sie sich schließlich ausgezogen hatte, wandte sie sich zu Yelir um und zeigte sich in ihrer ganzen Pracht.
Yelir senkte seine Lider. »Womit habe ich eine so schöne, schlaue und starke Frau verdient?«, fragte er, während er ihren Anblick genoss.
Er erkannte sogar die leichte Röte, die sich auf ihre Wangen legte. Es war zu süß, wie sie ihren Blick abwandte und verlegen auf ihrer Lippe herumbiss.
»Du schmeichelst mir viel zu sehr«, bemerkte Zunae, die nicht wusste, was sie darauf sagen sollte.
Sie war nicht gut darin, Komplimente zu bekommen und erst recht nicht, welche zu geben. Darum fühlte sie sich auch schlecht, weil sie nichts zu erwidern wusste, was ihre eigenen Gefühle Yelir gegenüber in Worte fasste.
Wie konnte es sein, dass sie in politischen Dingen eine so gute Rednerin war und immer, wenn es um ihre eigenen Gefühle ging, sie den Mund nicht auf bekam?
»Ich habe das Gefühl, dass du nicht sonderlich viel Erfahrung mit Schmeicheleien hast«, bemerkte Yelir mit einem Schmunzeln. Sie war so unbeholfen, dass es ihm in den Fingern kribbelte, sie noch ein bisschen mehr zu reizen.
»Nicht diese Art«, sagte sie, während sie sich daran erinnerte, dass die meisten Schmeicheleien sie als Königin und ihren Status betroffen hatten. Allerdings niemals wirklich sie als Frau.




Zunae fühlte sich etwas unwohl, weshalb sie sich über die Arme fuhr. »Du warst … in den Nordlanden, oder?«, fragte sie schließlich, denn das war es, weshalb sie sich mit Yelir zurückziehen wollte.
Yelir, der sich gerade umziehen wollte, hielt in seiner Bewegung inne.
Ihm hätte klar sein müssen, dass sie wusste, was er getan hatte.
Yelir streifte die Weste ab und stieß den Atem aus. »Ich habe das alles ganz falsch eingeschätzt. Ich wollte zurück sein, wenn du aufwachst«, erklärte er und verzog die Lippen. Es ärgerte ihn noch immer, dass er so lange gebraucht hatte.
»Diese Strecke war sicherlich schwierig«, meinte Zunae besorgt und machte einen Schritt auf ihn zu. Langsam ließ sie ihre Hände unter Yelirs Hemd wandern und zog es ihm über den Kopf. »Selbst ich, mit meiner Magie, muss sicherlich mehrere Pause machen«, erklärte sie, während sie Yelirs Gegenwart genoss.
Dieser beobachtete Zunae stirnrunzelnd. Er hatte auf dem Rückweg zwei Pausen eingelegt, aber das eigentliche Problem war gewesen, dass er sich am Anfang verschätzt hatte und einige Zeit lang nicht wirklich bewegen konnte.
»An sich war es gar nicht so schwer. Ich gewöhne mich daran«, erwiderte Yelir, der sich geduldig ausziehen ließ.
Zunae schwieg, bis sie ihn seiner Kleider entledigt hatte und ihn dann langsam zum Becken führte. Es war im Boden eingelassen und so ganz anders als die freistehenden Zuber, die in den Nordlanden genutzt wurden.
»Gab es Probleme?«, fragte Zunae vorsichtig, denn sie machte sich wirklich Sorgen.
Yelir überlegte sich seine Worte sehr genau. »Nein«, erwiderte er zögernd, denn er wollte, dass sich Zunae noch etwas ausruhe. »Ich hatte … private Dinge zu regeln«, sagte er schließlich. Es war noch zu früh, um Zuname zu sagen, dass er an einem Artefakt arbeitete. Er wollte ihr keine falsche Hoffnung machen.
Zunae musterte Yelir von oben bis unten mit zusammengekniffenen Augen. Private Dinge? Was meinte er damit? Vielleicht ein Familienproblem? »Wenn du das sagst. Aber wenn es wichtig ist, kehren wir sofort zurück«, sagte sie, denn eigentlich gab es keinen Grund mehr für sie, hier zu sein. Die Nordlande brauchten sie.
Der Gedanke ließ sie erneut blass werden und ihr Blick glitt an die Wand, während sie in ihrer Bewegung innehielt.




»Mach dir keine Sorgen«, sagte Yelir sanft, der Zunae eine Hand auf den Rücken legte, um sie vorsichtig weiter zu schieben, damit sie ins Wasser gehen konnten. »Ich werde mich um alles kümmern«, versprach er und küsste ihre Stirn.
Auch, wenn es anstrengend werden würde, er würde sein bestmöglichstes geben, um ein Artefakt für sie herzustellen, das dafür sorgte, dass sie nicht mehr in der Zeit sprang. Nur würde das bedeuten, dass er sie oft allein lassen musste und das machte ihm Angst. Was, wenn sie genau in dieser Zeit erneut eine Vision hatte?

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