Mirja-Kapitel 11

~Mirja~

Ich fühlte mich unwohl, als wir durch den sanften Schnee liefen.

Cayne hatte sich um die notdürftige Beerdigung gekümmert und hatte dann darauf bestanden, sofort loszuziehen.

Ich verstand nicht warum. War es vielleicht noch gefährlich?

»Es tut mir leid, dass Ihr so etwas mit ansehen musstest«, sagte Cayne, der neben mir herlief.

»Es ist nicht deine Schuld«, erwiderte ich, konnte aber nicht verhindern durch die Worte erneut an Vorin zu denken.

In meiner Brust machte sich ein seltsamer Schmerz breit und gleichzeitig war das viel zu klare Bild vor meinen Augen, nicht so abstoßend, wie es sein sollte. Stattdessen regte sich etwas in mir.

Neugier. Faszination. Ich wusste es nicht genau.

Meine Gedanken wanderten über die fleischigen Verletzungen, analysierten die zerfetzte Kleidung, die Blutspuren und die abgetrennten Gliedmaßen.

»War es wirklich ein wildes Tier?«, fragte ich, um mich von diesen Gedanken loszureißen.

»Ja. Vermutlich sogar ein Rudel«, erklärte Cayne mit fester Stimme. »Darum ist es auch gut, dass wir weiter gereist sind.«

War das der Grund, warum er so schnell aufgebrochen war? Damit wir nicht die Aufmerksamkeit des Rudels auf uns zogen? Würden sie uns jagen? Aber …

Vorin war ein Werwolf. Er hatte sich zwar auf das Kochen spezialisiert, doch er war als Krieger ausgebildet. Er musste gut sein, wenn Vater zugelassen hatte, dass er uns begleitete.

Wie war es möglich gewesen, dass er dermaßen zugerichtet worden war? Hatte ihn ein Tier überrascht und nur Glück gehabt? Aber warum hatte ich nichts gehört?

»Ihr müsst Euch keine Gedanken machen«, erklärte Cayne, während ich in die weiße Landschaft hinausstarrte.

»Es wundert mich nur«, murmelte ich zu mir selbst. »Das letzte Mal hat der Schneesturm mich geweckt.«

»Oh. Habt ihr in der Nacht etwas bemerkt?«, fragte Cayne sofort.

Ich schüttelte den Kopf. »Ich habe tief und fest geschlafen«, erklärte ich. Das war es immerhin, was mir Sorgen machte.

Wenn es ein Tier gewesen wäre, hätte ich es dann nicht bemerken müssen?

»Ihr seid nicht erwacht?«, fragte Cayne und runzelte die Stirn. »Habt Ihr nichts gehört? Euer Iglu war am nächsten dran.«

»Sie hat geschlafen wie ein Stein«, fiel Xander uns ins Gespräch und grinste Cayne an. »Ich weiß das, weil sie mich im Schlaf mehrmals getreten hat.«



Hatte ich?

Seine Aussage sorgte dafür, dass ich rot anlief. Warum musste Xander das unbedingt jetzt erwähnen? Das war peinlich!

Cayne schnaubte. »Wenn du wach warst …«, setzte er an, doch Xander antwortete, ohne, dass er den Satz zu Ende bringen konnte.

»Es war ruhig. Nur der Schneesturm. Er muss sämtliche Geräusche verschluckt haben. Oder es ging so schnell.«

Ich runzelte die Stirn. Warum sagte er das so? Wollte er mich beruhigen oder reagierte er so, weil Caynes Frage doch etwas Anklagendes hatte? Verdächtigte er etwa Xander?

Beide Männer blickten sich einen Moment stumm an, bevor sich Cayne räusperte. »Niemand scheint es mitbekommen zu haben«, sagte er schließlich, als würde er das Thema beenden wollen.

Ich war dankbar dafür, dass je länger wir darüber sprachen, desto stärker wurde dieser seltsame Drang in mir. Dabei konnte ich nicht einmal genau sagen, was es war.

»Ruine in Sicht«, rief plötzlich Arvid.

Er war ein Stück nach vorn gerannt, um sich umzusehen, ob alles sicher war.

In seiner Wolfsform kam er mit dem Schnee gut klar und war durch sein dunkles Fell gut zu sehen.

»Ruine?«, fragte ich überrascht, denn damit hatte ich nicht gerechnet.

»Ja. Ab hier müssen wir uns anderweitig mit den Nachtlagern behelfen«, erklärte Cayne, gab mir aber keine ausführlichere Antwort.

Darum wandte ich mich fragend zu Xander, der nur die Schultern zuckte. »Soweit ich weiß, gibt es keine offiziellen Wege in diesem Gebiet. Das liegt daran, dass hier früher eine Stadt war, die genug Schutz bot. Also keine Iglus«, erklärte er.

Diese Bemerkung ließ meinen Kopf arbeiten und plötzlich kam mir ein Auszug aus einem Geschichtsbuch in den Sinn.

»Redet ihr von der alten Hauptstadt?«, fragte ich fasziniert. Ich konnte nicht verhindern, dass meine Stimme vor Aufregung in die Höhe schoss. Ich liebte die Geschichte meines Landes und die Ruinen mit eigenen Augen zu sehen … Es war wie ein Traum, der sich erfüllte, dabei hatte ich definitiv nicht damit gerechnet.

»Ja. Wir werden in der Ruine des Anwesens unterkommen«, erklärte Cayne angespannt.

»Ist es dort sicher?«, fragte Xander und kam mir damit zuvor.

»Ja und nein. Es ist sicher vor dem Wetter. Aber …«, setzte er an und schüttelte dann den Kopf. »Es ist eine Ruine.«



Diese Antwort ließ mich die Lippen verziehen. Das war nicht das, was ich hören wollte. Warum hatte er seinen Satz abgebrochen.

»Leben dort wilde Tiere?«, fragte Darion, der sich durch seinen Vollbart fuhr.

»Soweit wir wissen, nicht«, erwiderte Cayne, der angespannt nach vorn sah.

Ich folgte seinem Blick und riss die Augen auf, als kristallene, gläserne Gebilde in Sicht kamen.

Mein Herz klopfte heftig, während ich versuchte, die Überreste von Mauern zu verstehen.

Das war das alte Anwesen? Es sah aus wie ein aus Glas und Eis gebautes Meisterwerk. Selbst jetzt, wo die Hälfte davon im Schnee versunken oder eingebrochen war.

Trotzdem erkannte ich hohe Türme, die einmal wunderschön gewesen sein musste.

Das Licht der Sonne ließ die Wände leuchten. Sie reflektierten diese wie Spiegel und gleichzeitig hatten sie eine irisierende Farbe. Als würde das Licht auf der Wand tanzen.

Wie riesig war das Gebäude bitte?

Ich konnte meinen Blick nicht von dem wenden, was ich mir nicht einmal hatte erträumen lassen.

Es gab keine Bilder des alten Schlosses, die über Umrisse und grobe Skizzen hinausgingen, und jetzt verstand ich auch, warum. Dieses Schauspiel konnte man einfach nicht in ein Bild pressen. Nichts würde dem auch nur nahekommen.

Obwohl die Faszination mich fast nicht atmen ließ, schaffte ich es, die Grundrisse, die ich mir eingeprägt hatte und jetzt wieder ins Gedächtnis rief, mit den Mauern abzugleichen.

Vor meinem inneren Augen bauten sich die Mauern wieder auf, wurden die Türme wieder gerade und kehrten zu ihrer alten Schönheit zurück.

»Wie wunderschön«, hauchte ich, denn vor meinem inneren Auge strahlte das Schloss eine Schönheit aus, die ich kaum beschreiben konnte.

Xander schnaubte. »Sieht eher aus wie Klingen aus Eis«, bemerkte er. Offensichtlich sah er die Schönheit, die hier verborgen lag, nicht.

Ich verzog meinen Mund. »Ich finde eher, dass es etwas Einladendes hat«, bemerkte ich beleidigt.

Xander lachte. »Also, wenn du das einladend findest, müssen wir dringend über deine Vorlieben sprechen.«

Ich verdrehte die Augen und konzentrierte mich wieder auf das, was ich sah.

Es kribbelte mir in den Fingern, die Ruinen zu erforschen. Vielleicht konnte ich Cayne überreden, ein wenig länger zu bleiben. Wir kamen immerhin sehr gut voran und wir wurden nicht zu einer genauen Zeit erwartet. Immerhin konnte es auf reisen immer zu Verzögerungen kommen.



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