Mirja-Kapitel 12

~Mirja~

Als wir schließlich ankamen, konnte ich mich kaum noch auf Azrel halten. Ich sprang ab und wollte schon losrennen, um die Umgebung in mich aufzunehmen und wirken zu lassen, doch Xander packte meinen Arm, bevor ich das tun konnte.

Sein Griff war fest und unnachgiebig, doch er tat mir nicht weh. »Was hast du vor?«, fragte er, wobei seine Stimme etwas Lauerndes hatte.

Er wusste, was ich vor hatte.

Unschuldig blickte ich zu ihm. »Ich dachte, ich kann mich ein bisschen umsehen«, bemerkte ich hoffnungsvoll.

»Nicht allein«, warf Cayne ein, der den Männern gerade noch Anweisungen gegeben hatte, wo sie sich zu stationieren hatten.

Er musste die Gegend kennen, sonst hätte er nicht so schnell eine Entscheidung treffen können.

Ob er wohl vorher hier gewesen war, um alles abzusichern?

»Keine Sorge«, mischte sich Arvid ein und legte Xander einen Arm um die Schulter. »Xander und ich werden auf sie aufpassen«, bot er mit einem Grinsen an, als könnte er es gar nicht erwarten, ebenfalls die Ruinen zu erkunden.

Cayne stieß ein Seufzen aus. »Na gut, aber nicht so lange. Wir machen alles fertig, damit wir hier übernachten können.«

Freute packte mich und ließ mich strahlen. »Wir sind zum Essen wieder da«, stimmte ich zu.

Cayne schnaubte. »Will ich hoffen, Xander muss kochen.«

»Muss ich?«, fragte dieser unschuldig, aber mit einem leichten Lächeln.

Ohne noch mehr zu sagen, wandte sich Cayne mit einer wegwerfenden Handbewegung ab.

Ich verstand nicht, was da zwischen ihnen vorging, doch ich nahm es so hin. »Gehen wir, wir haben nicht viel Zeit«, drängte ich und hakte mich bei Xander unter, um leicht an ihm zu ziehen.

»Bleib aber bei mir«, sagte er ernst, dann gingen wir endlich los.

Xander führte mich durch die Überreste einer Mauer und hinein in das, was wohl einmal die Eingangshalle gewesen war. Hier lag überall Schnee. Die Figuren, die einmal wunderschön gewesen sein mussten, waren zerstört und begraben. An den kaputten Wänden erkannte ich Überreste an gefrorenen Wandteppichen.

Als hätte das Eis den Moment für die Nachwelt konserviert.

Während die Gruppe sich in einen Raum begaben, der noch halbwegs intakt war, zog ich Xander auf die Treppe zu.



Sie führte nach oben aber auch nach unten und war teilweise kaputt. Allerdings bestand sie aus Stein, weshalb ich davon ausging, dass sie nicht unter uns zerbrechen würde.

»Du bist ganz schön mutig«, bemerkte Arvid, als ich direkt auf den Keller zuhielt.

»Oben hat ja kaum was überlebt«, bemerkte ich aufgeregt. Vielleicht sah es im Keller anders aus.

Dort war vermutlich nicht mehr als Gewölbe für die Lagerung von Nahrung, vielleicht ein Weinkeller oder Ähnliches. Zimmer würde ich nicht finden, doch sie hatten mich schon immer fasziniert. Das waren die einzigen Zimmer, zu denen es keine Informationen gab.

Während die Zimmer der Familie, die der Diener und die öffentlichen Räume in den ersten zwei Geschossen gut dokumentiert waren, gab es im Keller nur einen einzigen Eintrag. Keller. Dabei waren dort sehr viele verschiedene Räume, die alle abgetrennt waren.

Als ich am Ende der Treppe ankam, spürte ich ein wenig Enttäuschung. Es war dunkel, doch ich sah trotzdem genug.

Die Tür war zerstört und der Raum dahinter von hölzernen Überresten dominiert.

Waren das einmal Fässer gewesen? Ein Lagerraum für Alkohol vielleicht? Lebensmittel?

Ich trat langsam ein, wobei ich über die Reste der Tür stieg.

Sie knirschte unter meinen Füßen und ich musste aufpassen, dass ich nicht ausrutschte.

Das Eis, das sich über die Wände gezogen hatte, war überraschend rutschig.

Kaum hatte ich die Tür bewältigt, rutschte mein Fuß auf den Boden weg.

Ich schnappte nach Luft und versuchte etwas zu fassen zu bekommen, doch da war nichts.

Der Boden kam näher und ich richtete mich auf einen Aufprall ein, als sich plötzlich ein Arm um meinen Baich schlang.

Kurz drauf fand ich mich an einer Brust wieder und hörte es leide fluchen.

Xander versuchte, mich zu halten, rutschte jedoch ebenfalls und landete schließlich auf seinem Hintern. Ich verwirrt blinzelnd auf seinem Schoß.

»Also, wenn ihr einfach nur kuscheln wollt, hättet ihr das sagen können«, bemerkte Arvid plötzlich grinsend.

Er hatte sich noch nicht die Mühe gemacht, ganz einzutreten und stand hinter den Resten der Tür, von wo er uns beobachtete.

Ich spürte, wie mein Gesicht rot anlief und war froh, beide in meinem Rücken zu haben.



»Pass auf«, murmelte Xander, der mir dabei half, aufzustehen. Fast so, als hätte er Arvids Worte gar nicht gehört.

Ich entschied mich ebenfalls dazu, sie zu ignorieren. Was sollte ich auch darauf sagen? 

»Ist das hier ein Weinkeller?«, fragte ich, obwohl ixh die Antwort kannte.

Ja, es war einer. Die ganzen Flaschen am Boden, von denen keine einzige mehr intakt war, verrieten mir alles.

»Scheint so. Sieht nach mutwilliger Zerstörung aus«, bemerkte Xander, der mich noch immer hielt, wodurch ich langsam sicherer auf den Beinen wurde. Trotzdem rutsche ich mehr über den Boden als zu laufen.

»Es ist zu rutschig. Lasst uns lieber jmkehren. Hier gibt es sowieso nichts Interessantes«, rief Avid, als wir uns weiter entfernten.

»Ich will mich umsehen«, rief ich zurück. Zuerst hallte meine Stimme seltsam im Raum, bevor sie plötzlich verschluckt wurde.

Was war das für ein Gefühl?

»Was ist?«, fragte Xander, weil ich angehalten war.

»Ich weiß nicht, der Weinkeller wirkt komisch«, bemerkte ich.

Obwohl der Geruch von kräftigem Wein noch immer in der Luft lag, als hätte das Eis auch ihn konserviert, war da ein metallenen Geruch, der so gar nicht hierher passen wollte.

Zuerst glaubte ich, der Geruch von Blut war neu und irgendwo hatte ein Tier seine Beute gerissen, doch dann müsste er den Weingeruch überlagern und das tat er nicht. Stattdessen fühlte es sich so an, als wäre es genau anders herum. Als hätte jemand eine ganze Menge Wein ausgekippt, um den Blutgeruch zu verstecken.

Waren hier vielleicht Bedienstete umgekommen, bevor der Keller zerstört wurde?

Es war schade, dass es nur so wenig geschichtliche Aufzeichnungen über diesen Ort gab. Auch die letzten Tage waren mehr Erzählungen und Hören-Sagen als wirkliche historische Daten.

Ob Vater vielleicht mehr wusste?

»Ist das da eine Tür?«, fragte ich, weil etwas an einem kaputten Gestell seltsam wirkte.

Dieses stand noch an der Wand, war aber nur noch halb. Bretter waren eingebrochen und Flaschen sammelten sich davor als wären sie herausgefallen.

»Vermutlich führt sie in den Nebenraum«, meinte Xander desinteressiert, folgte mir aber trotzdem langsam.

»Ich will schauen«, beharrte ich.



Mir kam gar nicht in den Sinn, dass etwas passieren könnte. Nur der glatte Boden war ein Problem. Alles andere wirkte stabil.

Wie falsch ich damit lag, wurde mir erst klar, als es unter meinen Füßen knackte.

Als wäre ich zu schwer, für die Eisschicht, die über dem Boden lag.

Ich ignorierte es, bis Xander plötzlich leise fluchte.

Er griff nach meinem Arm, doch da war es schon zu spät.

Unter meinen Füßen bewegte sich plötzlich der Boden und bevor ich reagieren konnte, stieg ein Kribbeln in meinem Magen auf und wir sausen zusammen mit dem Geräusch von fallenden Steinen nach unten.

In meinen Ohren dröhnte es, während der Fallwind und die Steine um uns herum in meine Haut schnitten.

Xander packte mich und zog mich an sich, bevor wir hart aufschlugen.

Mir wurde die Luft aus den Lungen gepresst und ich rang schmerzhaft um Atem.

Xander stöhnte leise, hielt mich aber eisern in seinem Griff.

»Scheiße«, murmelte ich, während ich versuchte, mich wieder zu fangen. Das Rauschen meines eigenen Blutes und mein heftig klopfendes Herz machten es mir fast unmöglich, etwas zu hören. »Geht es dir gut?«, brachte ich hervor, während mich die Panik packte. Was, wenn er auf spitzen Felsen aufgeschlagen war? War er verletzt? Hatte er sich etwas gebrochen?

»Muss gehen«, knurrte er, bevor er seinen Griff etwas lockerte und mich zur Seite schob.

Das klang gar nicht gut.

Während ich versuchte, mit zittrigen Beinen irgendwie Halt in den Trümmern zu finden, bewerte sich Xander auch.

Ich schnupperte in der Luft, konnte den Geruch von Blut aber nicht so stark wahrnehmen, dass er wirklich von einer frischen Wunde kommen konnte. Das beruhigte mich etwas.

»Ist auch nichts gebrochen?«, fragte ich, ließ meinen Blick aber nicht zu lange auf Xander verharren, sondern sah mich um.

Es war nicht gut, wenn uns gleich das nächste Problem entgegenfiel. Allerdings schien der Raum ruhig und nicht so, als würde er gleich über uns einstürzen.

Es rieselte zwar noch etwas Gestein nach unten, doch das Poltern und Knistern war vorbei.

Wo waren wir hier? Der Keller hatte auf den Plänen keine zweite Etage.

»Na großartig«, stöhnte Xander.

Ich blickte zu ihm und sah dann nach oben. Dort war ein großes Loch, durch das wir gefallen waren. Es war viel höher als ich gedacht hatte. Keine normale Deckenhöhe. Fast eine doppelte.



»Da kommen wir nicht hoch«, stellte ich das Offensichtliche fest.

Xander fuhr sich durch die Haare. »Nein. Kommen wir nicht. Aber irgendwie muss man hier runter kommen. Es muss also auch wieder hoch gehen«, sagte er, bevor er sich durch die Trümmer kämpfte, um sich neben mich zu stellen. »Hast du dich verletzt? Ich rieche dein Blut.«

Ich blinzelte überrascht, spürte aber keine Schmerzen. »Mir geht es gut«, bemerkte ich, was mich selbst überraschte. Als ich auf meine Arme blickte, entdeckte ich dort mehrere Kratzer, die jedoch nicht brannten.

»Wir sollten trotzdem so schnell wie möglich her raus und es auswaschen, bevor es sich entzündet«, entschied Xander, der einige Schritte in den dunklen Gang machte.

Hier unten war noch weniger Licht und so war es selbst für mich schwierig, etwas zu erkennen.

Als Xander jedoch an mir vorbeilief, bemerkte ich, dass er ein wenig humpelte.

Hatte er sich am Bein verletzt? Wollte er es mir nicht sagen, um mir keine Sorgen zu machen?

»Was denkst du, wo wir hier sind?«, fragte ich und folgte ihm ein Stück, bevor ich überrascht stehenblieb.

Ich kniff meine Augen zusammen und musterte das leichte Schimmern. Was war das? Eis?

Ich hob meine Hand und berührte etwas Kaltes. Es fühlte sich jedoch nicht an wie Eis. »Metall«, murmelte ich zu mir selbst.

Waren das Gitterstäbe?

»Wenn ich das richtig sehe, sind wir in einem Verließ.«

Das ergab Sinn. Bauten dieser Art hatten immer einen Gefängnistrakt. Nur verstand ich nicht, warum er auf der Karte nicht eingezeichnet war.

»Suchen wir die Treppe nach oben«, schlug ich vor und setzte mich in Bewegung. Es war nicht gut, einfach stehenzubleiben. Erst recht nicht, weil ich das seltsame, unbestimmte Gefühl hatte, beobachtet zu werden.

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