Mirja-Kapitel 18
~Mirja~
Die restliche Reise verging überraschend ruhig.
Jedes Mal, wenn wir Pause machten oder übernachteten, fühlte ich mich angespannt. Meine Sinne schärften sich und jedes Geräusch, das nicht hierherpasste, wurde von mir analysiert.
Doch es blieb ruhig.
Xander kam das zugute, denn er erholte sich immer mehr. Mittlerweile konnte er schon wieder laufen und die Wunde war so weit geschlossen, das sich mir keine Sorgen mehr um eine Infektion machte.
Das alles erleichterte mich, fühlte sich aber surreal an. Als würde unter der Oberfläche etwas lauern, das bald schon Wellen schlagen würde.
Nur verstand ich nicht, woher dieser Gedanke kam.
Ich beobachtete Cayne, Amirak und Darion. Sie verhielten sich normal.
Manchmal stritten sie noch über die geänderte Route, doch die beiden mussten zugeben, dass Caynes Entscheidung richtig gewesen war. Immerhin war nichts mehr geschehen.
Die Nächte waren überraschend ruhig, was aber auch daran lag, dass keiner mehr allein verschwand. Nicht einmal, wenn er sich erleichtern musste.
Es war unangenehm und peinlich, doch ich verstand die Notwendigkeit. Also ließ ich es über mich ergehen. Ich musste immerhin einen Auftrag erfüllen.
Ich lehnte gerade an Xanders Schulder und döste ein bisschen, als die Kutsche plötzlich ruckelte und zum Stehen kam.
Draußen hörte ich einen lauten Schrei und das Brüllen der Tiger, bis das Geräusch von Metall, das auf Metall schlug, die Luft durchschnitt.
Panik machte sich in mir breit, doch ich verstand nicht sofort, was los war.
Instinktgetrieben wollte ich zur Tür stürzen, doch Xander hielt mich fest. »Wir werden angegriffen«, flüsterte er angespannt.
Mein Herz drohte aus meiner Brust zu springen, als seine Worte zu mir duechdrangen.
Angegriffen? Aber von was?
Es klang, als würden Waffen aufeinanderprallen und in mir machte sich die Befürchtung breit, dass es sich um einen Hinterhalt handelte.
»Sollten wir nicht in der Nähe der Grenzen sein?«, fragte ich. Cayne hatte immerhin gesagt, dass wir heute Abend ankommen würden. Das hieß wir mussten die Grenzen bald überqueren, wenn wir bis zum Abend die Hauptstadt erreichen wollte.
Xander verspannte sich und fluchte dann.
»Du bleibst hier«, befahl er angespannt, bevor er die Tür öffnete und nach draußen sprang.
Ich stieß ein Quietschen aus und versuchte ihn zu packen, doch ich war zu langsam. Meine Finger stießen nur gehen die Tür.
Warum verließ er die sichere Kutsche? Die anderen würden sich schon darum kümmern. Ich musste Vertauen haben.
Plötzlich öffnete sich die Tür wieder. Bevor ich Xander fragen konnte, was los war, ergriff er meine Hand und zog mich mit sich. »Wir müssen hier sofort weg«, knurrte er ungehalten.
Ich blinzelte und stolperte ihm mehr schlecht als recht aus der Kutsche in den Schnee entgegen.
Das Geräusch der Waffen wurde stärker, vermischte sich mit Schreien und Knurren.
Als ich mich umsah, entdeckte ich Cayne, der den Angriff von Amirak blickte, während Darion zu einem weiteren ansetzte.
Bevor ich das Bild ganz verstand, zog mich Xander weiter in den Schnee. Weg vom dem sanften Grün und dem Nebel, welcher die Grenze zu meinem Ziel bildete.
»Xander, wir müssen …«, setzte ich an, wurde aber von ihm unterbrochen.
»Hier weg«, knurrte er und zog mich mit solcher Kraft mit sich, dass ich nicht anders konnte, als zu folgen.
Hinter mir hörte ich die Geräusche des Kampfes, die sich in mein Gedächtnis brannten. Schmerzensschreie klingelten in meinen Ohren, während mich der Geruch von Blut erreichte.
Er ließ mich würgen und an Vorin und Arvid denken.
Hatte Cayne oder einer der anderen sie getötet?
Wie musste es sein, von denen verraten zu werden, denen man vertraute?
Ich blickte zu Xander, der meine Hand hielt und mich unaufhaltsam mit sich zog.
Sein Gesicht war so ernst, wie ich es noch nie gesehen hatte. Sofort hatte ich ein ganz mulmiges Gefühl und hörte auf, ihn zu widersprechen. Wenn er mich von hier wegzerrte, musste es dafür einen Grund geben.
»Was ist hier los«, flüsterte ich über das laute Schlagen meines Herzens hinweg.
Ich war mir fast sicher, Xander hörte mich nicht, doch es war nur meine Wahrnehmung. Mein Herz schlug nur in meinen Ohren so laut und schnell.
»Ich weiß es nicht, aber ich möchte es auch nicht herausfinden«, knurrte Xander angespannt. »Sonst wirst du noch verletzt.«
»Aber … wir müssen ihnen helfen«, sagte ich unsicher, ob ich meine Gruppe einfach allein lassen sollte.
»Wen von ihnen?«, herrschte mich Xander an. Die Anspannung war förmlich greifbar, weshalb ich meinen Kopf einzog.
»Ich weiß nicht«, quietschte ich eingeschüchtert von der Situation.
Ich hatte keine Ahnung, was ich tun sollte. Mein Wissen aus den Büchern half mir nicht weiter und die Gefahr im Rücken zu haben, war erschreckend.
So erdrückend, dass mein Körper begann zu zittern und ich Mühe hatte, hinter Xander herzukommen.
Ich musste ihm vertrauen. Er würde mir helfen. Sicherlich wusste er, was zu tun war.
»Bevor wir etwas tun, müssen wir uns in Sicherheit bringen«, erklärte er und zog mich plötzlich in die Richtung des Nebels.
Mir wurde ganz mulmig. Hatte er vor, sich mit mir im Nebel zu verstecken?
Als sich dieser jedoch sanft auf meine Haut legte, blieb Xander plötzlich wie erstarrt stehen.
Ich spürte ein sanftes Streicheln. Wie Seide auf meiner Haut. Gleichzeitig wie Finger, die mich berührten, als würden sie testen, ob ich echt war.
Mein Atem ging schneller, doch ich spürte keine Gefahr.
Xander fluchte, bevor er mich erneut mit sich zog. Raus aus den Nebel und in Richtung der Eisberge. Diese trennten die Nordhauch-Tundra mit dem neuen Gebiet und es gab nur einen kleinen Pass, die mir genommen hätten.
Warum wollte er dort hin? Es gab in dieser Richtung nichts außer das Meer.
»Xander«, setzte ich leise flüsternd an, doch als er sich zu mir umdrehte, hatte er ein Lächeln auf den Lippen. Es wirkte gehetzt, aber nicht falsch.
»Vertrau mir. Ich habe für alles vorgesorgt«, versicherte er.
Diese Reaktion überforderte mich. Er hatte vorgesorgt? Warum? Hatte er geglaubt, dass etwas schiefging? Dass wir verraten wurden?
Ich dachte an die drei Krieger, die sich gerade bekämpften. Wusste er, dass einer von ihnen ein Verräter war? Aber warum hatte er dann nichts gesagt?
Xander war schon immer gut gewesen, Informationen zu sammeln, ohne dabei entdeckt zu werden. Von ihm wusste ich viel, was im Schloss vor sich ging. Aber ging sein Netzwerk wirklich so weiter?
Hatte er vielleicht sogar mit Vater über einen Notfallplan gesprochen?

























































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