Mirja-Kapitel 2

~Mirja~

 

Ich versuchte, meine Bewegungen langsam und bedacht zu halten. Mein Kinn gehoben und mein Blick geradeaus.

Ich war die Tochter des Alphas. Es war wichtig, eine gute Figur zu machen!

Langsam stieg ich die Stufen des Haupttores hinab. Hinter mir baute sich das Anwesen auf und warf einen beschützenden Schatten auf mich. Es gab mir ein Gefühl von Sicherheit, die ich jetzt verließ.

Trotzdem sah ich nicht zurück. Ich blickte nur auf den großen Schlitten, die man für mich fertig gemacht hatte.

Gezogen wurde sie von Eistigern. Sie waren kaum vom Schnee zu unterscheiden, konnten diese aber viel leichter durchqueren, als die eher schwerfälligen Eisbären, die hier auch heimisch waren.

Mit den Tigern war ich zudem vertrauter. Ich kannte ihre Stärken und Schwäche. Notfalls könnte ich also auch auf ihnen reiten. Dabei wollte ich den Schutz des Schlitten nur ungern verlassen.

Mein Blick wanderte zu Xander. Er stand hocherhobenem Hauptes neben den Schlitten. Seine Aufgabe war es, diese zu fahren und mir auf den Weg zu dienen.

eine Aufgabe, die wesentlich angenehmer sein musste, als die der anderen.

Fünf Männer mit breiten Schultern, wettergegerbten Gesichtern und schwieligen Händen bildeten meine Leibgarde. Sie würden neben den Schlitten herlaufen und mich vor den Gefahren des Eises schützen.

Zwei von ihnen kannte ich. Vorin und Arvid dienten im Schloss als Wachen. Vertraute Gesichter, die mich sofort erleichterten.

Außerdem erkannte ich einen jungen Mann, der in Xanders Nähe stand. Sie rührten sich alle nicht, als sie auf mich warteten, doch da Xander entspannt aussah, glaubte ich, dass sich beide kennen mussten.

Hinter mir traten meine Eltern aus dem Haupttor und folgten mir. Ich spürte Vaters Blick auf mir, während ich ihren Schritten lauschte.

Mutters waren schwer, fast genervt. Als würde sie das hier nur so schnell wie möglich hinter sich bringen wollen.

Aber was hatte ich auch anderes erwartet? Vermutlich war sie froh, mich aus dem Schloss zu haben.

Schließlich blieb ich am unteren Ende der Treppe stehen und wartete.

Vater, der Mutter den Arm gereicht hatte, blieb schließlich neben mir stehen.

Vorsichtig legte er mir eine Hand auf den Rücken. So, dass es vermutlich niemand sah.



Eine Geste, die mich zwar beruhigte, doch nicht gegen die Anspannung ankam. »Du schaffst das«, flüsterte er, bevor er seine Stimme erhob und an die Wartenden richtete.

»Diese Aufgabe ist überaus wichtig«, sagte er mit fester Stimme, die mich schon immer fasziniert hatte. Er war ein starke Anführer, der geschätzt wurde. Ich wünschte mir nur, dass er manchmal öfter zuhause wäre. »Eure Aufgabe ist es, Mirja in das neue Gebiet zu bringen. Passt gut auf sie auf und bringt sie mir heil wieder.«

Er sagte ihnen nicht, was meine Aufgabe dort war. Das hatte ich auch nicht erwartet. Immerhin hatte er es mir auch nur privat erzählt.

Meine Finger zuckten, als ich dem Drang nachgab, in meine Tasche zu greifen, wo ein Brief lag, den Vater mir gegeben hatte. Ich sollte ihn unbedingt an Mirani Nebelweiss übergeben. Sie war die Luna des Alphas, der über das neue Gebiet herrschte. Außerdem wollte er, dass ich diplomatische Beziehungen mit ihnen aufnehme. Friedliche Beziehungen.

Etwas, das mich besonders nervös machte, weil ich genau wusste, dass Mutter das nicht guthieß.

Ich schielte zu ihr, doch ihr Gesicht war gelangweilt, als wüsste sie nichts davon. Das war gut.

Als sich die Männer ehrfürchtig verneigten, spürte ich nur noch mehr Last auf meinen Schultern. Sie waren vielleicht für meine Sicherheit verantwortlich, doch sie gehörten zu unserem Rudel. Während der Reise war ich diejenige, die das Sagen hatte. Ich war also auch für sie verantwortlich.

Der Mann neben Xander trat vor und verneigte sich noch einmal. »Mein Alpha. Ich, Cayne, werde diese Reise anführen«, sagte er mit fester Stimme.

»Cayne. Deine Stärke hast du im Kampf schon oft gezeigt. Ich vertraue dir meine Tochter an.«

Es war eine reine Formalität. Vater hatte einen Teil der Truppen ausgewählt, so wie auch Mutter einen Teil erwählt hatte. Es war also von Anfang an klar gewesen, dass Vater ihn genug vertraute, um mit mir zu reisen.

Trotzdem brauchte es diese öffentliche Bestätigung vor Zeugen.

Cayne erhob sich, was dazu führte, dass sich Xander in Bewegung setzte und schließlich die Tür zumr Schlitten öffnete.

Diese war mit magischen Runen versehen, sodass es darin warm genug war, dass ich keinen Mantel brauchen würde. Zudem war sie schön geräumig. Die Bänke konnten auch als Bett genutzt werden.



Ich machte einen Schritt auf den Schlitten zu, bevor ich mich zu meinen Eltern umdrehte und einen Knicks vollführte.

Heute Morgen hatte Vater mir die Möglichkeit gegeben, mich von ihm und meinen Brüdern zu verabschieden. Das hier war nur reine Formalität, die besonders den alten Clans der Nordhauch-Tundra wichtig waren. »Ich werde mich jetzt meiner Aufgabe widmen«, sagte ich, wie es Tradition war. »Erwartet meine Rückkehr mit hoffentlich positiven Ergebnissen.«

Ich erhob mich wieder und wandte mich zum Schlitten um. Mein Herz schlug heftig, während ich dagegen ankämpfte, Vater noch einmal in den Arm zu nehmen. Das hier war wichtig. Ich musste mich an die Regeln und Traditionen halten, um nicht für Gerede zu sorgen. Vaters Position war zwar  unumstritten, doch das hieß nicht, dass andere Adlige es mochten. Diese durften auf keinen Fall glauben, ich wäre eine Schwäche.

Als ich mich in den Schlitten setzte und Xander dir Tür schloss, hatte ich plötzlich das ganz seltsame Gefühl, meine Vergangenheit hinter mir zu lassen.

Aufregung ließ meinen Bauch kribbeln, während sich sogar Vorfreude in mir breit machte.

Was würde mich auf der Reise erwarten? Was würde ich am Ende sehen?

Wie waren die Luna und der Alpha des neuen Rudels so? Würden sie unser Friedensangebot annehmen?

Ich spürte die Unruhe in mir aufsteigen, zwang mich aber, nicht hinauszusehen, während der Schlitten langsam anfuhr und über das Pflaster des Hofes holperte.

Lange würde ich es hier drin nicht aushalten, aber das musste ich auch nicht. Immerhin war ich keine verwöhnte Prinzessin, auch wenn viele das gern glaubten.

Mein Körper war vielleicht schwach, aber ich hatte mich damit arrangiert. Wissen war immerhin auch eine Form von Macht, die ich seit vielen Jahren kultivierte.

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