Mirja-Kapitel 20

~Mirani~
Der Nebel vibrierte leicht und sorgte dafür, dass sich meine Sinne noch mehr schärften.
Irgendwas hatte unser Reich betreten, das ich nicht einordnen konnte.
Es waren keine Rakshasa, doch wie Werwölfe fühlten sie sich auch nicht an.
Schnell griff ich meinen Mantel. »Asher, ich muss mir das ansehen«, sagte ich aufgeregt und unruhig.
Was auch immer meinen Nebel kurz betreten hatte, hatte die Gefahr erkannt und war zurückgewichen. Das war noch nie passiert. Nicht einmal Werwölfe erkannten, zu was der Nebel da war. Zumindest nicht so, dass sie sich zurückzogen.
Mein Ehemann erhob sich von seinem Schreibtisch und streckte sich kurz. »Ich begleite dich«, entschied er.
Zuerst wollte ich protestieren, doch als er auf mich zutrat und eine Hand auf meinen runden Bauch legte, musste ich lächeln. »Du bist nicht gerade in einem Zustand, indem ich dich in einem Kampf wissen will«, erklärte er und schloss meinen Mantel.
Dafür hatten wir jedoch keine Zeit, denn wenn ich herausfinden wollte, was es damit auf sich hatte, mussten wir schnell handeln.
Als wir das Arbeitszimmer verließen, erwartete uns bereits Khali. »Geht Ihr aus?«, fragte sie überrascht.
Ich schüttelte meinen Kopf. »Sag Samir bescheid. An den Grenzen gibt es Probleme«, wies ich sie an.
Sofort wurden ihre Augen groß, bevor sie, ohne etwas zu sagen, davon lief.
Elythar war noch ein neues Land und als Luna über dieses Gebiet, war es meine Aufgabe, für Schutz zu sorgen. Dieser Aufgabe ging ich gewissenhaft nach, auch wenn meine Gabe im Moment nicht hilfreich war.
Mit meinem Mann zusammen machte ich mich auf den Weg zu den Grenzen.
Der grüne Gürtel, wie mein Reich auch bezeichnet wurde, war nicht sonderlich groß und lag umgeben von Meer, der Nordhauch-Tundra Marathril und der Dämmerwüste Th’Sharik.
Während wir mit Raksaha, die aus der Dämmerwüste kamen, Erfahrung hatten, war eine derartige Reaktion aus dem Gebiet Marathrils ungewöhnlich.
Ich wusste jedoch auch, dass der Alpha der Tundra Gesandte schicken wollte. Darum machte ich mir auch Sorgen. Nicht, dass die Gesandten auf diese Wesen getroffen waren.
Das könnte politische Probleme hervorrufen, auf die ich keine Lust hatte.
Unser Reich war noch keine zehn Jahre alt und nur dank der Unterstützung der Dämmerwüste kein Ziel von Angriffen. Erst in acht Jahren ging der Besitz wirklich an uns. Bis dahin mussten wir mit allem rechnen.




Bevor ich auf meinen Greifen zusteuern konnte, sprang Asher neben mir ein Stück zur Seite und hüllte seinen Körper in sandiges Fell. »Steig auf«, knurrte er in seiner Wolfsgestalt, was ich mir nicht zweimal sagen ließ.
Ein Greif konnte fliegen und war dadurch schnell, doch nichts im Vergleich zu einem Werwolf-Alpha.
Ich hielt mich fest und dann sprang Asher los.
So schnell, dass die Umgebung um mich herum zu einem verschwommenen Mix aus Farben wurde. Bis er plötzlich, direkt an der eisigen Grenze in die Tundra, anhielt.
Es war, als wäre da eine unsichtbare Wand. Das Eis grenzte direkt an fruchtbares, grünes Gras und aus Kälte wurde schlagartig Wärme.
Jeder wusste, dass dieses Gebiet nicht natürlich entstanden sein konnte und es breitete sich immer weiter aus, doch niemand wusste genau wieso.
Es war gefährlich gewesen, dass wir uns hier niedergelassen hatten. Gleichzeitig spürte ich aber auch, dass die Magie dieses Landes nicht gefährlich war.
Asher sprang aus den Nebel und landete im Schnee, der aufwirbelte.
Sofort ließ ich meinen Nebel über die Grenzen wandern. Ich hatte zwar versprochen, mich aus diesem Gebiet fernzuhalten, doch das hier war eine problematische Situation. Eirik würde es mir vergeben.
In den ersten paar Metern bemerkte ich nichts, doch dann entdeckte ich etwas, das hier definitiv nicht hingehörte. »Richtung Wasser«, befahl ich Asher, der sofort losrannte, ohne es zu hinterfragen.
Sein Vertrauen wärmte mir wieder einmal das Herz.
»Ich rieche Blut«, knurrte Asher, bevor er erneut innehielt.
Ich entdeckte in der Nähe des Wassers eine Gestalt.
Sofort rutschte ich von Ashers Rücken, der sich wieder zurückverwandelte. »Da liegt wer«, sagte ich das Offensichtliche, trat aber nicht zu schnell auf ihn zu.
War das eine von den Wesen, die ich gespürt hatte?
Als mein Nebel sanft über ihn strich und ihn kontrollierte, atmete ich erleichtert durch. »Er ist nicht gefährlich«, erklärte ich und machte ein paar mehr Schritte darauf zu, bevor ich erstarrte.
Diese Rüstung.
Dieses Symbol auf dem Mantel.
»Das ist einer von Eiriks Männern«, brachte ich hervor.
Asher hockte sich zu ihm und drehte ihn vorsichtig um. »Er ist unterkühlt, lebt aber noch«, bemerkte er nachdenklich.




Ich konnte nicht anders, als mit klopfenden Herzen sein Gesicht zu betrachten. Warum kam er mir bekannt vor?
Hatte ich ihn schon einmal gesehen?
Das kurze, braune Haar und das markante Kinn … »Ich glaube, ich kenne ihn«, brachte ich hervor.
Oder kannte ich einen seiner Vorfahren?
Bilder tauchten vor meinem inneren Auge auf.
Ein Mann, der neben Eirik stand und mich neugierig musterte, während ich die kleinen Hände um einen Axtgriff geschlungen hatte und versuchte, diese auf ein Ziel zu werfen.
Nein. Es war nicht der gleiche Mann. Aber es war die gleiche Rüstung.
Hinter uns erklangen Schritte im Schnee und als ich mich herumdrehte, kam Samir auf uns zu. Auf seinem Rücken saß Khali, die ihren Mantel eng um sich hielt. »Ihr könnt nicht einfach wegrennen und erwarten, dass wir hinterherkommen«, tadelte sie und schwang sich dann von Samir.
Ich wandte mich wieder dem Mann zu. »Wir bringen ihn ins Warme«, entschied ich und blickte dann auffordernd zu Samir.
Dieser verdrehte die Augen. Ich hörte ihn frustriert murmeln, dass er sich nicht hätte zurückverwandeln müssen, wenn er das gewusst hätte. Allerdings nahm er erneut seine Werwolfsgestalt an, bevor Asher den Mann hochhob.
Ich blieb auf Distanz, um niemanden zu beunruhigen. Asher war schon immer sehr impulsiv gewesen, doch seitdem ich schwanger war, konnte seine Laune von jetzt auf gleich umschlagen. Ich wollte ihm keine Sorgen machen.
Seine bernsteinfarbenen Augen beobachteten genau, wie Samira auf den Mann zuging und ihn beschnupperte. Erst dann trat er zu seinem Freund und hob den Mann auf seinen Rücken.
»Du Wunden sind schlimm«, bemerkte Khali atemlos. »Ich gebe sofort Alise bescheid.« Ich brachte ihr nur zunicken, da war sie auch schon wieder im Nebel verschwunden, um die Heilerin zu informieren.
Diese hatte im Moment eine Menge zu tun, denn es waren Abenteurer gekommen, die sich bei uns niederlassen wollte. Dazu mussten sie aber zuerst auf ansteckende Krankheiten untersucht werden. Unser Gesundheitssystem war nicht gut genug, um eine größere Welle an Krankheiten zu überstehen.
Trotzdem würde sie hier sein, wenn ich sie brauchte. Dieser Mann musste umgehend versorgt werden. Nur er konnte mir sagen, was hier geschehen war.



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