04. Bahnschiene

Hartmann und ich – die erste Begegnung vor der Haustür lag noch nicht lange zurück, da trafen wir uns wieder jeden Nachmittag. Manchmal kam auch Piet mit. Es war ein bisschen wie früher, zu Grundschulzeiten: Wir streiften durchs Viertel, besuchten die verschiedenen Cliquen, hingen mit den Leuten ab.

Aber am liebsten gingen wir runter zur „Bahnschiene“. So hieß in der Nordstadt die Strecke der Hafenbahn, die hinter dem Viertel verlief. Vormittags kam hier ein Zug nach dem anderen und brachte Kohlen runter zum Kraftwerk am Kanal. Nachmittags hörte das auf, dann war die Schiene unser Reich. Hier konnten wir machen, worauf wir Bock hatten, egal ob rauchen, saufen oder kiffen. Keiner stresste deswegen rum, rief die Bullen oder sonst was. Auf die Schiene verirrte sich niemals ein Erwachsener.

Zuerst latschten wir immer ein Stückchen. Der Trippelschritt über die Holzschwellen war uns längst in Fleisch und Blut übergegangen. Schließlich setzten wir uns irgendwo hin, zogen eine Tüte durch, machten uns ein Bier auf. Es war total entspannt. Oft trafen wir Leute, die ebenfalls hier draußen herumstreunten.

Wenn wir Lust hatten, erkundeten wir das alte Militärgelände hinter der Schiene. Es war nach dem Krieg aufgegeben worden, und längst hatte sich die Natur das Gebiet zurückerobert. Zwischen den gesprengten und halb verfallenen Bunkern gab es diverse wilde Müllkippen. Die Leute schleppten ihr altes Zeugs anscheinend lieber hierher, als es ordnungsgemäß zu entsorgen. Uns sollte das nur recht sein: Wir schichteten regelrechte Gebirge aus Sperrmüll, Plastik, Kartons auf und zündeten sie an. Wenn die Flammen am höchsten loderten, warfen wir alte Spraydosen hinein, gingen in Deckung und warteten gespannt, dass sie explodierten.

Manchmal schlugen wir uns bis zum Kanalufer durch. An einem ehemaligen Hafen standen noch immer ein paar rostige Wracks herum, irgendwelche alten Tank- und Versorgungsschiffe. Wir kletterten in die stählernen Schiffsrümpfe und Steuerhäuser und suchten nach verwertbaren Gegenständen. Natürlich immer erfolglos, weil längst alles ausgeschlachtet war.

Das Gelände hinter der Bahnschiene war auch der ideale Platz für unsere Schießübungen. Wir hatten mittlerweile eine eigene Knarre, eine Walther TPH. Hartmann hatte sie besorgt, über irgendwelche Kanäle, die nur ihm bekannt waren. Für die Munition hatten wir zusammengelegt. Wir zielten auf Dosen und Flaschen, Hartmann und Piet manchmal auch auf Ratten und Kaninchen. Aber die verfehlten sie meistens. Überhaupt blieben wir alle ziemlich miserable Schützen.



Eines Tages fanden wir inmitten des Schienengeländes einen Platz, der uns gefiel. Wir schleppten zwei Sofas und einen Couchtisch von der nächsten Müllkippe heran, stellten die Sachen zusammen und hatten ein Wohnzimmer unter freiem Himmel. Sogar einen alten Kanonenofen trieben wir auf, für die Abende, die immer noch ziemlich frisch waren. Aus Mangel an Kohlen heizten wir ihn mit Pappe und Müll. Leider war immer alles fix heruntergebrannt und die heimelige Wärme, die sich einen Moment lang ausgebreitet hatte, wieder verflogen.

Aber bald brauchten wir keinen Ofen mehr. Der Sommer kam, und er wurde bombastisch: wochenlang nur blauer Himmel und Affenhitze. Wer konnte, flüchtete aus der Nordstadt und kam hierher, ins Gelände hinter der Bahnschiene. Unsere Sitzecke entwickelte sich mehr und mehr zu einer zentralen Anlaufstelle. Bald versammelte sich die halbe Nordstadt bei uns. Selbst diejenigen, die man sonst nur selten traf, die total ihr eigenes Ding machten, kamen plötzlich angelatscht.

Zum Beispiel die Leute aus der Bunker-Clique. Der Name spielte auf ihren Treffpunkt an: Sie hatten sich einen der alten Bunker hergerichtet, von denen es hinter der Bahnschiene so endlos viele gab. Ihrer sollte angeblich besonders gut erhalten sein. Aber Genaueres ließ sich nur schwer in Erfahrung bringen, denn bisher war kaum jemand dort gewesen. Die Bunker-Leute achteten peinlich genau darauf, wer bei ihnen ein- und ausging.

Aus gutem Grund: Alles Dauerhafte wurde in der Nordstadt früher oder später plattgemacht, von Chaoten und anderen Leuten, die Dampf ablassen wollten. Das AWO-Jugendheim war das beste Beispiel, immer wieder schlugen irgendwelche Psychos dort alles kurz und klein. Eigentlich gab es bei uns überhaupt keine offiziellen Gruppen oder Versammlungsorte. Cliquen bildeten sich zufällig und verschwanden ebenso schnell wieder. Treffen tat man sich, wo es gerade passte. Etwas Festes aufzubauen machte schlicht keinen Sinn.

Die Leute aus der Bunker-Clique waren die Einzigen, die diese Regel ignorierten. Sie hatten einen festen Treff, und man musste Mitglied bei ihnen werden. „Der Bunker“ – jeder im Viertel sprach diese Worte mit Respekt aus. Etwas Legendenumwobenes, geradezu Mystisches haftete ihnen an. Als wäre damit ein geheimer Zirkel gemeint, dessen Angehörige nur ihren eigenen Gesetzen gehorchten. Und irgendwie stimmte es ja auch.



Wir waren natürlich stolz wie Oskar, dass solche Stars sich jetzt ausgerechnet bei uns trafen. Klar, es lag es vor allem am Wetter. Aber statt sich eine eigene Sitzecke einzurichten zogen sie unsere vor – es war wirklich der Hammer!

Im Herbst, als Sonne und Wärme sich allmählich rar machten, folgte die nächste Überraschung: Die Bunkerleute boten uns Asyl an, als Gegenleistung. Wir waren erst mal uneins über das Angebot. Hartmann wollte nicht, er meinte, da drinnen würde unsere Dreierfreundschaft den Bach runtergehen. Mich dagegen lockte die Aussicht auf Wärme und ein Dach über dem Kopf. Die Regentage häuften sich, abends wurde es mittlerweile wieder arschkalt. Außerdem war es eine Ehre, von der Bunker-Clique aufgenommen zu werden. Alle in der Nordstadt wollten das, aber kaum jemand schaffte es – so eine Chance musste man einfach nutzen, fand ich. Piet hatte keine Meinung, aber am Ende konnte ich ihn auf meine Seite ziehen.

Und so kam der Tag, da wir zum ersten Mal den berühmten Bunker betraten. Der Eingang lag hinter einem Labyrinth aus Trümmern und war selbst aus unmittelbarer Nähe kaum auszumachen. Drinnen sah es ein bisschen wie in einer Höhle aus. Durch die Sprengung war eine Art Tunnel entstanden, ungefähr zwei Meter breit und acht Meter tief. Die Bunkerleute hatten den Boden mit Holzpaletten ausgelegt und diese wiederum mit alten Teppichen abgedeckt. Am Rand lagen überall Matratzen. Und in jeder Ecke stand ein Ofen. Der Rauch wurde durch ein abenteuerliches Geflecht aus Rohren abgeleitet. Fenster gab es natürlich keine. Petroleumfunzeln sorgten für Licht, die auch tagsüber angezündet werden mussten. Im Sommer konnte man sich Schöneres vorstellen, als hier drinnen zu hocken. Aber jetzt, im Herbst, wirkte alles heimelig und urgemütlich.

Eine gute Zeit begann: Kein Rumgerenne bei Kälte und Dauerregen mehr, stattdessen jeden Nachmittag herkommen, auf die Matratzen fläzen, mit den Leuten quatschen. Es war total lustig. Und immer mollig warm – die Kanonenöfen taten gute Arbeit. Einige in der Clique waren regelrechte Experten in Sachen Heizen. Das Kohlenschleppen ging eigentlich reihum, aber ich schaffte es immer, mich zu drücken.

So ließ es sich aushalten. Dass wir früher die Winter immer draußen verbracht hatten, konnten wir uns bald nur noch schwer vorstellen.



 

***

 

Muttern wollte zum Einkaufen fahren, in einen Nachbarort namens Söderby. Ich musste mit, tragen helfen, sämtliche Proteste verhallten wirkungslos. Es ging also raus, in Feindesland, zum ersten Mal nach sechs Tagen Stubenhocken.

Zum Glück dauerte die Autofahrt nicht lange. Der weitläufige Parkplatz vorm Supermarkt war so gut wie leer. Ich wunderte mich, wozu es in dieser gottverlassenen Gegend so einen Riesenladen gab. „Das ist hier eine Ferienregion“, erklärte Muttern. „Wenn die Saison losgeht, kommen die Urlauber. Die Geschäfte sind dann sogar sonntags offen. Danach fällt alles wieder in den Winterschlaf. Klaus hat erzählt, dass viele Läden dann zwischen eins und drei zu haben.“

Drinnen teilten wir uns auf. Muttern wieselte mit dem Einkaufswagen durch den Markt, ich stand am Fleischtresen an. Der Fleischer war ein uriger Typ mit roter Nase, Händen wie Klosettdeckeln und einem gutmütigen Grinsen. Er kannte alle Kundinnen vor mir mit Namen, redete Platt mit ihnen. Als ich drankam, schaltete er auf Hochdeutsch um, nannte mich „Junger Mann“. Seine plötzliche Förmlichkeit störte mich, weshalb auch immer.

Danach gingen wir noch zum Bäcker nebenan. Eine Kundin vor uns hatte ihr Geld vergessen. Blöde Schnarchtante!, dachte ich genervt. Sie wühlte in ihrem Portemonnaie, kramte in ihrer Handtasche, durchsuchte ihren Mantel – nichts. „Schreib’s auf“, bat sie die Verkäuferin. Die holte zu meiner großen Überraschung ein kleines Heft heraus, ein Oktavheft, wie man es für Vokabeln benutzte, und kritzelte irgendwas rein. Dann durfte die Frau gehen – mit ihren Sachen!

Ich war völlig verdattert: Anschreiben lassen – das gab es wirklich? Ich kannte es bloß aus alten Filmen. Aber wie naiv waren diese Dorftrottel von Verkäufer eigentlich? Glaubten die allen Ernstes, dass sie jemals Geld sehen würden? Das war ja besser als Klauen!

Wieder zu Hause luden wir gerade die Sachen aus dem Auto, als zwei Häuser weiter die Tür aufging. Ein Mädel kam raus, ungefähr mein Alter, ziemlich brav, aber verdammt hübsch: halblanges, dunkelbraunes Haar, fast schwarze Augen, ein bisschen südländisch. Sie latschte in unsere Richtung, ihre stattlichen Möpse waren ordentlich am Wippen. Und die ganze Zeit guckte sie uns an. Als sie mit uns auf einer Höhe war, kam der Hammer: „Hallo“, sagte sie und strahlte übers ganze Gesicht.



„Hallo, Guten Tag“, grüßte Muttern, ebenfalls total freundlich.

Dann war das Mädel vorbeigezogen. Ich stierte ihr hinterher, völlig konfus. Was war das denn gewesen? Einfach „Hallo“ zu sagen, als wären wir schon alte Bekannte. Dazu dieses Grinsen! Und Muttern hatte sofort zurück gegrüßt.

„Kanntest du die?“, fragte ich.

„Nein, aber bei den Nachbarn kann man doch mal höflich sein.“

Ich glotzte sie wohl ziemlich begriffsstutzig an.

„So ist das hier eben“, sagte sie und lud weiter Sachen aus.

Als wir fertig waren, ging ich wieder nach oben, drehte mir eine Zigarette. Die Abendsonne spiegelte sich in den Fenstern des Nachbarblocks. Die Reflexion schien in mein Zimmer, zeichnete über dem Rauchtischchen ein goldgelbes Rechteck an die Wand. Im Lichtstrahl sah man Qualm und Staubteilchen tanzen.

Immer wieder musste ich an die Begegnung von eben zurückdenken, vorm Haus. Die Kleine wollte mir gar nicht mehr aus dem Kopf. Wie sie Muttern und mich angeschaut hatte – ohne jede Scheu oder gar Angst. Und dann dieses Lächeln…

Ich merkte, dass ich richtig durcheinander war.

 

***

 

In Sachen Mädchen war ich ein echter Spätzünder. Alle hatten sich nach und nach eine Freundin zugelegt, nur ich war bis zuletzt allein rumgelaufen. Immer wenn sich mir ein weibliches Wesen näherte, hatte ich mir vor Angst fast in die Hose gemacht.

Diese verfluchte Schüchternheit! Dazu kam, dass ich leider beschissen aussah: Spargel-Tarzan, käsiges Gesicht, Pickeln. Und zu allem Unglück musste ich seit der Siebten eine Brille tragen. Ich setzte sie zwar nur in der Schule auf, während des Unterrichts, aber das blöde Teil gab meinem Selbstvertrauen endgültig den Rest. Welches Mädel wollte schon eine Brillenschlange als Freund?

Der Wind drehte sich erst in der Bunker-Clique. Ich kapierte, dass es vor allem eine Frage der Lautstärke war. Man musste die Klappe aufmachen, voll auf Angriff gehen, dann funktionierte es. Sachen wie Aussehen spielten dann überhaupt keine Rolle. Allerdings waren die Mädchen im Bunker auch anders, nicht so eingebildet und kompliziert wie zum Beispiel in der Schule. Bloß Schwäche durfte man bei ihnen nicht zeigen, das nutzten sie sofort aus. Man musste unbedingt die Oberhand behalten, der Boss bleiben. Aber das war leicht.



Als ich erst mal Blut geleckt hatte, legte ich voll los. Baggerte, knutschte, fummelte, was das Zeug hielt. Ich wollte möglichst schnell alles nachholen, was ich vorher verpasst hatte. Am Ende hatte ich außer Pimpern so ziemlich alles ausprobiert. Und fast sämtliche der zahlreichen Mädchen im Bunker abgearbeitet. Jedenfalls kam es mir so vor. Und ich erzählte es auch überall so.

Wie gut gefällt dir dieses Buch?

Klicke auf einen Stern zum bewerten.

Durchschnitt 0 / 5. Anzahl: 0

Bisher keine Bewertungen

Kommentare