10. Die andere Seite

Jenseits des Kanals ein völlig anderes Bild: Felder, Wiesen und Knicks, so weit das Auge reichte. Ab und zu ein Teich oder ein kleines Wäldchen. Und ganz hinten verschmolz alles miteinander zu einem einzigen, schmalen Band am Horizont, blassgrün und unerreichbar fern…

Die andere Seite. Sie war mir bisher immer egal gewesen. Klar, wie alle in der Nordstadt kannte ich die Abzweigung gleich hinter der Brücke, die zum anderen Ufer runterführte. Einige von uns trieben sich manchmal dort herum, zum Angeln oder Zelten. Aber wussten sie, wie es dahinter weiterging? Hatten sie jemals die Gegend erkundet? Bestimmt nicht!

Hartmann zeigte auf einen gelben Wegweiser an der Straße: „Eckhorst 38 km“ war dort zu lesen.

Sicher hatte das Schild schon immer dort gestanden, aber mir fiel es heute zum ersten Mal auf. In meinem Hirn begannen die Rädchen zu klicken. Nach Eckhorst, hatte Hartmann vorhin gesagt, dann weiter auf der Bundesstraße. Eine Bundesstraße hatte meistens einen Radweg, oder? Dasselbe galt für die Strecke hier oben auf der Brücke. Hieß: Es gab wahrscheinlich eine durchgehende, fahrradtaugliche Verbindung zwischen der Nordstadt und dem Kaff, in das ich bald zog. Ich hätte also lostreten können und wäre irgendwann dort angekommen.

Schönhagen – bisher war das bloß ein Name für mich gewesen, sonst nichts. Aber auf einmal wurde dieser Ort sehr real, er schob sich für einen kurzen Moment ganz nah heran. Unangenehm nah. Die Nordstadt dagegen wirkte plötzlich, als würde sie langsam davonziehen. Sie schien Traurigkeit auszustrahlen, Wehmut. Als würde sie spüren, dass etwas zu Ende ging und nichts mehr den Lauf der Dinge aufhalten konnte.

Auf der Rückfahrt steuerten wir den Imbiss am Einkaufszentrum an, um Bier zu kaufen. Dann machten wir es uns auf einer Bank in der Nähe der Bahnschiene bequem. Manchmal kamen Bekannte vorbei, setzten sich dazu. Einmal sahen wir Ramos, aber er war allein, vom Rest der Solterbeck-Clique keine Spur. Die hockten wahrscheinlich sogar bei diesem Wetter irgendwo drinnen und gossen sich die Schädel zu. Abgesehen davon wären wir mit unseren Rädern eh im Nullkommanichts weg gewesen.

Immer wieder musste ich an das Bild denken, das sich von der Kanalbrücke aus geboten hatte. Den grünen Flickenteppich, das schmale, ferne Band am Horizont. Wie mochte es wohl dort drüben sein, auf der anderen Seite? Ein bisschen schade war’s ja schon, dass wir nicht doch ein Stückchen gefahren waren. Überhaupt fragte ich mich jetzt, weshalb wir in den ganzen Jahren die Räder nicht angerührt hatten.



Ewigkeiten hockten wir auf unserer Bank und laberten. Genossen die Wärme, das Licht, die Leichtigkeit. Erst als es dunkel wurde und langsam die Kälte herankroch, machten wir uns auf den Rückweg. Aber wir schoben die Räder neben uns her und latschten gemütlich, wollten diesen großartigen Tag bis zuletzt auskosten, keine einzige Minute verschwenden. Der Himmel hatte sich rot gefärbt, die Straßen waren inzwischen verwaist und still. Aber in der Luft lag noch immer dieser besondere Geruch nach aufgewärmten Asphalt, der wie eine Verheißung schien, ein Versprechen, dass bald etwas Besonderes geschehen würde…

Am nächsten Tag war es wieder regnerisch und arschkalt – so viel zum Thema Frühling. Der hatte anscheinend nur mal kurz reingegrinst und zeigte uns jetzt die Lange Nase.

In den folgenden Wochen wurde die Wohnung leerer und leerer. Klaus, Hartmann und Henri schleppten alles Mögliche weg und fuhren es ins neue „Haus“. Ich versuchte, das nahende Ende zu verdrängen. Klammerte mich an die wenigen Tage, die mir noch blieben. Saß abends mit Hartmann zusammen, schwärmte von den alten Zeiten. Wie toll früher alles gewesen war, wie perfekt.

Schließlich fuhr der große Möbelwagen vor. Jimmy steuerte ihn, Hausmeister in der Nordstadt-Klinik und bester Kumpel von Klaus. Vor der Abfahrt warf ich einen letzten Blick in die kahlen, auf einmal sehr fremd wirkenden Räume. Dann zog Muttern die Haustür hinter sich zu – es gab keine Wohnung in der Nordstadt mehr.

Hartmann und Henri fuhren bei Jimmy mit, für mich blieb nur ein Plätzchen im Kombi von Klaus, auf der Ladefläche. Als ich dort kauerte, eingeklemmt zwischen Kartons, Stühlen, Wäschebündeln und allem, was nicht mehr in den Möbelwagen gepasst hatte, fühlte ich mich wie ein Sträfling, der ins Lager abtransportiert wird. Im Magen hatte ich einen schweren Klumpen – Angst.

Die Fahrt auf der Autobahn, im Windschatten des Möbelwagens. Durch die Heckscheibe sah ich, wie die Nordstadt langsam hinter uns zurückblieb. Wir überquerten den Kanal, dann ging es über Land. Das Wetter war grau und diesig, man erkannte kaum etwas. Irgendwann fuhren wir von der Autobahn ab auf eine zweispurige Straße. Hier mussten wir prompt überholen – einen Trecker, na klar.



Nach etwas über einer Stunde erreichten wir einen Ort. Nervige Kurverei durch die Straßen, dann wieder freies Feld. Einfahrt in eine weitere Siedlung, die fast nur aus Reihenhäusern bestand. Wir wurden so langsam, dass man die Straßenschilder lesen konnte: „Bahnhofstraße“, „Achterkamp“, „Kleiststraße“. In der Eichendorffstraße hielten wir endlich.

Die Heckklappe wurde geöffnet, ich durfte raus. Mit steifen Knochen kletterte ich von der Ladefläche, reckte und streckte mich, um wieder Blut in die Glieder zu bekommen. Vor uns stand der Möbelwagen mit geöffneter Rücktür; Jimmy, Hartmann und Henri waren schon eifrig am Ausladen. Die Sachen wurden durch einen arg verwilderten Vorgarten geschleppt, die Tür des zugehörigen Hauses stand offen. Wobei man das Haus, das letzte in der Reihe, eigentlich nicht sah: Es verschwand regelrecht unter Bergen von Efeu. Nur um die Fenster und die Tür hatte irgendwer Löcher freigeschnitten, das blaue Schildchen mit der Hausnummer war ebenfalls sichtbar: „16“. Die Wildnis reichte exakt bis zum Nachbarhaus, wo sie in einer schnurgeraden Linie abrasiert war und die Wand hervorkam, ockergelb gestrichen. Das übernächste Haus war braun, dann folgte grün, und so weiter, bis zur anderen Straßenecke. Unser Haus war das einzige weit und breit mit Efeu, sozusagen ein Außenseiter – fast sympathisch.

Im Vorflur roch es nach Putzmitteln und flüchtig nach Essen. Wahrscheinlich hatte sich der Geruch längst festgesetzt, hing wie eine Patina in den Wänden. Aus irgendeinem Grund ahnte ich schon jetzt, dass ich ihn nicht mehr vergessen würde…

Eine Treppe führte nach oben. Der erste Blick in mein neues Zimmer: Die Möbel waren bereits aufgebaut – der Schreibtisch, das Bett, die Schränke, die Sessel und das Rauchtischchen. Ein rascher Blick aus dem Fenster, aber ich erkannte nicht viel.

Danach musste ich mit anpacken. Aber ich half nur so lange, bis meine eigenen Sachen oben waren. Klamotten, Bücher, Anlage und so weiter. Schließlich klappte ich die Zimmertür hinter mir zu – meine Einzelhaft begann…

 

***

 

Mittlerweile war seit dem Umzug eine Woche ins Land gegangen. Und noch immer saß ich hier, umwölkt von blauen Schwaden, und machte rein gar nichts.



Dass ich nicht ewig in Untätigkeit verharren konnte, war klar. Aber was sonst? Wie sollte es jetzt weitergehen?

Ich hatte nicht den Hauch einer Idee.

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