10. Prüfungen

Anfangs hatten Wirtschaftsinformatiker und BWLer noch viele gemeinsame Lehrveranstaltungen gehabt, aber spätestens seit dem Hauptstudium waren beide Gruppen in verschiedenen Sphären zu Hause. Katja sah ich fast gar nicht mehr. Nur beiläufig bekam ich mit, dass sie inzwischen mit René zusammen war.
René – ausgerechnet er!
Ich hatte seine zurückhaltende, wenig auf Äußerlichkeiten bedachte Art immer gemocht. Irgendwie waren wir uns ähnlich gewesen. Und irgendwie auch nicht. Im Gegensatz zu mir kam bei ihm erst das Leben und dann das Studium.
Plötzlich fielen mir tausend Situationen ein, an denen er, neben Katja, beteiligt gewesen war.
Der fatale Abend im Grünen Hund, als es mir so schlecht ging… damals hatte Katja noch bei mir auf dem Gepäckträger mitfahren wollen und nicht bei ihm.
Das Menuett, das wir Ende des zweiten Semesters getanzt hatten… René war an meine Stelle getreten, als ich dort so schmählich das Weite gesucht hatte.
Katjas Geburtstagsparty, von der ich so früh abgehauen war… René war an jenem Abend sicher lange geblieben.
Er hatte es also geschafft, bei ihr zu landen. Der nette, bescheidene Kerl von nebenan. Wann mochte es zwischen den beiden gefunkt haben? Schon damals oder erst später, als ich nicht mehr dabei gewesen war?
Die ganze Zeit war Katja solo gewesen, und sogar ich hatte mitbekommen, dass zuletzt Gerüchte um ihr Beziehungsleben entstanden waren. Die einen meinten, sie treibe es ziemlich wild und serviere ihre Typen anschließend schnell wieder ab, die andere Gruppe behauptete, sie sei prüde und wolle mit niemandem.
Ein Diskurs, der nun durch René beendet worden war.
Ab diesem Zeitpunkt interessierte ich mich plötzlich wieder für Katja. Ich hielt auf dem Campus nach ihr Ausschau, quatschte sie an, wo immer sie mir über den Weg lief, und verwickelte sie in lange Gespräche. Ich wollte in ihrer Nähe sein, mit ihr reden, war neugierig zu hören, womit sie sich beschäftigte, was sie interessierte. Und Katja ließ sich jedes Mal auf diese Unterhaltungen ein, verwundert, aber freundlich.
Natürlich war manchmal auch René bei diesen Zusammenkünften anwesend. Ich blendete ihn dann immer aus, übersah seine Gegenwart. Und René spielte jedes Mal mit. Vielleicht war er auch bloß zu nett, zu sehr Gentleman, um zu zeigen, dass ihn mein plötzliches Bedürfnis nach Geselligkeit eigentlich nervte.
***
Das siebte Semester war dem obligatorischen Unternehmenspraktikum vorbehalten. Ein Dozent der Hochschule begleitete es, zudem sollte es möglichst als Ausgangspunkt für die Diplomarbeit dienen. Ich hatte mich bei einer Frankfurter Consulting-Gesellschaft beworben und unerwartet schnell eine Zusage erhalten. Die Firma stellt mir sogar ein möbliertes Zimmer und zahlte – unglaublich aber wahr – ein kleines Salär.
Ich begleitete einige Berater bei ihrem Projekt, das in einem der großen Frankfurter Bankhäuser stattfand. Ein Standard-Softwaresystem sollte eingeführt werden, unser Team war mit der Planung und Durchführung betraut.
Zum ersten Mal erlebte ich die Welt des Big Business: Finanzplatz Frankfurt am Main, Stammsitz großer, weltweit agierender Banken. Und das alles in Zeiten des beginnenden Internetbooms. Es war aufregend.
In meinem Praxissemester kam ich erstmals mit dem Thema „Customer Relationship Management“ in Berührung, kurz CRM, einer Methode zur Gestaltung und Optimierung der Kundenbeziehungen eines Unternehmens. Mein Betreuer im Projektteam riet mir vehement, CRM in Verbindung mit IT zum Inhalt meiner Diplomarbeit zu machen. Damit könne man seinen „Marktwert“ deutlich erhöhen, meinte er.
Meine Begeisterung hielt sich anfangs in Grenzen. Beziehungen – etwas derart Unkonkretes, Flüchtiges, Schwammiges ließ sich doch nicht in einem IT-System abbilden. Das war Humbug, Esoterik. Ich hätte mich lieber mit einer handfesten Materie beschäftigt, mit Zahlen und Daten, vielleicht aus dem Controlling.
Widerwillig arbeitete ich mich in das Thema ein, und siehe da: Es zog mich mehr und mehr in seinen Bann. Auch hier ging es um Daten und deren Aufbereitung, allerdings mit einer deutlich anderen Ausrichtung. Kommunikationsprozesse wurden analysiert, um Kunden zielgerichteter ansprechen zu können. Offenbar funktionierte das. Kommunikation zwischen Menschen ließ sich durchdringen und steuern. Schließlich entschied ich mich für eine Diplomarbeit mit dem Titel „Zur Abbildung und Steuerung von Kundenbeziehungen in Softwaresystemen für den Finanzdienstleistungssektor“.
Ich verlor keine Zeit, legte unmittelbar nach Ende des Praktikums los. Meine Begeisterung wuchs noch an. Ich war geradezu elektrisiert, fühlte Hoffnungen und Erwartungen in mir aufsteigen, die weit über den Horizont der Diplomarbeit hinausgingen. Ließ sich das erworbene Wissen möglicherweise auch im privaten Umfeld anwenden? Konnte ich nicht meine eigenen Beziehungen mit Methoden des CRM neu aufbauen und optimieren? Die alte Unsicherheit mithilfe von Algorithmen und Logik in den Griff bekommen?
Natürlich wusste ich, dass es Sciencefiction war, was ich mir da ausmalte. Trotzdem – der Gedanke war aufregend, regelrecht befreiend. Er sollte mich fortan nicht mehr loslassen…
Zum Sommersemester standen die Abschlussprüfungen ins Haus. Überall machte sich Hektik breit, einige Leute wurden geradezu hysterisch. Auch mich ergriff wieder massive Prüfungspanik. Vier Jahre harter Arbeit standen zur Disposition – eine Situation, die man besser verdrängte, wollte man nicht völlig durchdrehen. Ich war in dieser Zeit häufig erkältet und musste mich zu einigen Prüfungen mit Medikamenten aufpäppeln. „Zum Glück gibt es an Hochschulen keine Dopingkontrollen“, sagte ich einmal im Scherz zu Rico, dem Sportler. Aber eigentlich war es mir bitterernst.
Denn alles „Doping“ mit Erkältungsmitteln konnte nicht verhindern, dass es schlecht lief. Ausgerechnet jetzt, wo es darauf ankam, brach meine Leistung ein, machte mir die Gesundheit einen Strich durch die Rechnung. Besonders im für mich so wichtigen Bereich der Mathematik blieb ich deutlich unter meinen Möglichkeiten.
Dann war alles vorbei. Ich wollte nicht weiter darüber nachdenken, ändern konnte ich sowieso nichts mehr. Ich hatte meine Chance gehabt und sie nicht genutzt, Punkt und Schluss. Es blieb mir nur noch, auf die Ergebnisse zu warten. Derweil wollte ich die letzten Absätze meiner Diplomarbeit schreiben und vielleicht noch einige Lehrveranstaltungen belegen, für die bislang nie Zeit gewesen war. Jetzt, da Stress und Panik hinter mir lagen, ließ ich es locker angehen…
Katja und René waren direkt im Anschluss an die letzten Klausuren für vier Wochen nach Australien geflogen. Sie wollten den Kontinent erkunden und in Backpacker-Hotels übernachten. Nach ihrer Rückkehr berichteten sie von Wüsten und tropischen Wäldern, vom Baden an menschenleeren Stränden und vom Tauchen in Korallenriffen. Katjas Schilderungen beeindruckten mich sehr, gleichzeitig spürte ich mehr denn je den Abstand zwischen uns.
Oft blieb ich nun auf dem Campus einfach stehen und sah ihr hinterher. War sie immer so schön gewesen? Hatte sie früher nicht eher blass und etwas kränklich ausgesehen? Sie schien regelrecht aufgeblüht zu sein, strahlte Leben und Frische aus. Lag es möglicherweise an der Bräune, die sie aus Down Under mitgebracht hatte?
Der beginnende Sommer verstärkte den Eindruck noch. Der Bronzeton ihrer Haut blieb und wurde noch intensiver. Sie und René schienen sich oft im Freien aufzuhalten, jeden Sonnenstrahl mitzunehmen. An einem der ersten heißen Tage trug sie ein ärmelloses T-Shirt, und als sie für einen Augenblick im Gegenlicht stand und sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht wischte, konnte ich kurz in ihren Seitenausschnitt schauen. Ihr Brustansatz war eine Augenweide: voll, rund und makellos glatt. Kein Fotograf hätte es perfekter einfangen, kein Bildhauer vollkommener modellieren können.
Immer mehr Details entdeckte ich nun an ihr: die Sommersprossen auf ihrer Stupsnase, die ebenfalls ein Andenken an den Australien-Trip sein mussten, denn sie waren mir bislang nie aufgefallen. Die Grübchen rechts und links der Mundwinkel, wenn sie lächelte. Und immer wieder diese unfassbare Glätte ihrer Haut.



































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