13. Tag Zwo

Am nächsten Tag hockte ich wieder untätig in meiner Bude. Der Himmel war noch immer nervig blau – das verdammte Frühlingswetter wollte sich anscheinend festsetzen. Mist, ich hatte ewig darauf gehofft, dass es wärmer wird, und jetzt, wo es endlich soweit war, konnte ich nichts damit anfangen. Hoffentlich gab es bald wieder Regen!
Stunde um Stunde verging. Ich saß einfach bloß da, rauchte eine nach der anderen und glotzte ständig auf die Armbanduhr, die ich mittlerweile wiedergefunden hatte. Die Zeit schien mir wie Sand zwischen den Fingern zu zerrinnen.
Einmal kam Muttern ins Zimmer. „Falls du es noch nicht gemerkt hast: Wir haben Frühling! Lass mal frische Luft rein.“ Sie ging zum Fenster und stellte es auf Klappe. „Wie kannst du bloß in dieser verqualmten Bude sitzen?“ Kaum war sie draußen, machte ich das Fenster wieder zu. Unten sah ich den Garten im hellsten Sonnenschein leuchten. Insekten schwirrten durch die Gegend, der große Busch neben der Terrasse hatte weiße Blüten bekommen.
Der Aschenbecher wurde immer voller, der Nebel im Raum immer dichter. Die Sonne wanderte langsam ums Haus herum und verschwand schließlich ganz. Es wurde wieder dämmrig und kalt, ähnlich wie gestern, als ich aufgewacht war.
Irgendwas musste jetzt passieren, unbedingt! Fieberhaft suchte ich nach einer Idee, einem Ausweg. Vielleicht Radfahren? Eigentlich hatte ich dazu überhaupt keine Lust. Außerdem musste ich das Rad erst aus der Garage holen. Trotzdem – besser als diese Stubenhockerei war es allemal. Und eine innere Stimme sagte mir, dass ich an Straßenecke vorbeikommen würde, wenn ich zur Garage ging…
In der Küche war Muttern gerade am Putzen, das Radio dudelte irgendwelche Schlager. „Den Garagenschlüssel hat Henri“, rief sie mir über den Lärm zu, während sie mit Topfschwamm und Scheuermilch den Herd bearbeitete, „er wollte irgendwas reparieren. Vielleicht ist er ja noch zugange.“
Ja, vielleicht. Und falls nicht – auch egal. Wenigstens hatte ich jetzt etwas vor, hatte einen Plan. Beim Gang durch den Vorgarten schaute ich stur nach vorn, nicht zur Straßenecke. Aber dann konnte ich mir einen schnellen Blick doch nicht verkneifen.
Da hinten stand niemand.
Ich war enttäuscht. Und zugleich erleichtert. Bestimmt war es besser so. Ich ging auf die Straße hinaus, nahm den Weg zu den Garagen. Ringsherum dasselbe Bild wie gestern: spielende Kinder, schlendernde Leute, Wärme, Helligkeit. Als ich mich der Ecke näherte, hörte man Leute angeregt quatschen und lachen – die Stimmen kamen mir bekannt vor. In meinen Schläfen setzte auf einmal starkes Pochen ein, mir wurde schwindelig. Noch konnte ich umkehren, noch war es nicht zu spät – aber meine Füße bewegten sich wie von allein weiter. Ich erreichte die Ecke, ging herum…
… da waren sie. Maren saß auf dem Telefonkasten am Straßenrand, Kristina und Jürgen standen daneben. Nur Silke, die Prinzessin, fehlte heute.
Irgendwie schaffte ich es, cool zu bleiben. „Hi“, sagte ich, ohne eine Miene zu verziehen. Sie begrüßten mich verhalten, fast schüchtern. Dabei blieb es.
„Tja, wollte gerade ein bisschen Rad fahren.“, sagte ich, eher aus Ratlosigkeit. „Aber jetzt kann ich ebenso gut mit euch hier in der Gegend rumstehen“, lief der Satz bei mir in Gedanken weiter. Mist, das war schon mal ein schlechter Anfang gewesen!
Vor unserer Garage, der letzten in der Reihe, sah ich Henri und den dreckigen Michael an einem Mofa herumschrauben. Es war eine Peugeot, eine absolut peinliche Marke. In der Nordstadt hätte sich keiner freiwillig auf so ein Teil gesetzt.
Jürgen und die Mädchen fingen wieder an zu quatschen. Es ging um die Schule und den Jugendtreff, die „Alte Mühle“, dann um irgendeine Eisdiele, die bald wieder öffnen sollte. Ich konnte nichts beisteuern, war völlig ausgeschlossen.
Ob sie das extra machten? Hatte ich gestern zu doll auf den Putz gehauen? Hielten sie mich jetzt für einen Aufschneider und wollten mich loswerden?
Mann, dann war es eben so! Ich nahm das hier eh alles viel zu wichtig!
„Ist das Bernd da hinten?“, fragte die Blonde, Maren, die noch immer auf ihrem Telefonkasten hockte. Man sah, wie eine langbeinige Gestalt die Kleiststraße herabgelatscht kam. Von weitem hätte der Typ glatt als Nordstädter durchgehen können: Enge Lederhose, lange Haare, Bartstoppeln. Die Motorradjacke stand offen, man sah den Nierengurt. Unter dem Arm trug er einen Helm. Ein Biker. Aber wo war seine Karre?
Als er näherkam, grinste er plötzlich los wie ein Honigkuchenpferd. Von wegen Nordstädter, dachte ich und konnte ein verächtliches Schnauben nicht unterdrücken.
Es gab eine lebhafte Begrüßung mit Umarmungen und Schulterklopfen. Der Typ war, so viel verstand ich, zwei Wochen im Urlaub gewesen und wohl gerade erst zurückgekommen. Und deswegen machten die alle so einen Aufstand? In der Nordstadt hätte es ein knappes Hallo gegeben, wenn überhaupt.
„Wollte Werkzeug aus der Garage holen“, erklärte der Biker. „Mir ist die Maschine verreckt, musste sie hinten an der Tanke stehen lassen.“
Jetzt kam die Unterhaltung der anderen erst richtig in Fahrt. Ich kapierte rein gar nichts mehr von ihrem Gequatsche, war regelrecht abgemeldet. Irgendwann wurde es mir zu bunt. Noch fünf Minuten, sagte ich mir, dann ist finito. Ich warf einen Blick zur Garage, sah mein Rad hinten an der Rückwand stehen, tastete nach dem Fahrradschlüssel in den Hosentasche.
Bald hörte ich kaum noch hin, schweifte mit den Gedanken immer weiter ab. Bis Jürgen mich plötzlich ansprach – es kam so unerwartet, dass ich regelrecht zusammenzuckte. „Äh, wie?“, fragte ich verwirrt.
„Kennt ihr beiden euch eigentlich schon?“ wiederholte er seine Frage und blickte erst den Biker an, dann mich. Wir schüttelten beide den Kopf.
Jürgen wies auf den Typen in Leder. „Darf ich vorstellen: “, sagte er in feierlichem Ton, „Bernd Stützer, unser Schrauber vom Dienst. Bernd, das ist Hauke, dein neuer Nachbar.“
„Hi“, meinte Bernd und grinste mich an. „Dein Bruder ist schon mein bester Kumpel.“ Er zeigte mit dem Daumen hinter sich, zu den Garagen. Ich musste lachen: Klar hatte sich Henri längst eingeschleimt! Wer ein Fahrzeug mit Motor besaß, egal ob Auto oder Karre, war für ihn ein Gott.
Und schon war ich wieder in die Unterhaltung einbezogen. Ich quatschte mit Bernd, fragte ihn dies und das. Insgeheim aber wunderte ich mich noch lange über Jürgens seltsame Vorstellungszeremonie. Das war nun endgültig Fernsehen gewesen, in echt hatte ich so was noch nie erlebt.
Aber es hatte geholfen. Ich war wieder dabei. In der Nordstadt hätte mir niemand unter die Arme gegriffen. Wer dort raus war, blieb auch draußen.
„Ich komm übrigens auch aus der Nordstadt“, meinte Bernd irgendwann.
Ich glotzte ihn an. Glotzte noch mal, um sicherzugehen, dass er mich nicht bloß verarschte. Dann hakte ich nach. Wo in der Nordstadt hatte er gewohnt? War er auch aufs KBZ gegangen? Welche Lehrer hatte er gehabt? Und wie lange war er schon in diesem Kuhdorf?
Bernd hatte im Anklam-Ring gewohnt. Und ja, er war aufs KBZ gegangen. An seine Lehrer konnte er sich nicht mehr erinnern, das war alles schon zu lange her, sechs Jahre oder mehr, genau wusste er es nicht. Er klang ziemlich gelangweilt, als würde ihn die Nordstadt nichts mehr angehen. In meinen Augen war das wie Verrat, Verrat durch Vergessen. Ich würde das niemals tun, schwor ich mir insgeheim.
Trotzdem schien noch ein Rest Nordstadt in Bernd zu stecken: Mit ihm ließ sich viel besser quatschen als mit den anderen. Seine Art war mir vertrauter, es gab deutlich weniger peinliche Situationen. Und wir hatten einen ähnlichen Musikgeschmack. Nach allem, was er erzählte, besaß er einen Riesenberg Platten. Ich müsse unbedingt mal vorbeikommen, meinte er. Dazu fuhr er Krad, also Kleinkraftrad, das war in der Nordstadt das Größte. Vielleicht weil die meisten davon bloß träumen konnten: Allein der Lappen kostete Unsummen, von der Karre ganz zu schweigen. Bernd erzählte, dass er nächstes Jahr sogar den Motorradführerschein machen wolle, um sich dann „was Richtiges“ zu kaufen.
Irgendwann merkte ich, dass wir beide die einzigen waren, die redeten. Jürgen, Kristina und Maren standen bloß da und hörten neugierig zu – es war fast wie gestern, als ich meine Storys zum Besten gegeben hatte. Aber komisch: Heute störte es mich, die ganze Zeit über die Nordstadt zu quatschen und dabei so im Mittelpunkt zu stehen.
Bernd schaute auf seine Armbanduhr. „Die Tanke macht demnächst dicht. Ich muss meine Karre da wegholen. Bin gleich zurück“, rief er und stapfte über die Kleiststraße davon.
Mittlerweile war die Sonne weg, unangenehme Kälte kroch hervor, wie gestern. Außer uns war niemand mehr draußen. Auch Henri und Micha hatten längst die Biege gemacht, das Garagentor war heruntergelassen. Wir fingen an zu frösteln. Lange konnten wir nicht mehr hier stehenbleiben.
Endlich kam Bernd, seine Karre neben sich herschiebend. Ich sah sofort, dass es eine KS50 tt war. In der Nordstadt kannte man die verschiedenen Marken, musste sie einfach kennen, ob man nun Bock auf „Zweiräder“ hatte oder nicht. Er stellte die Maschine in der Nachbargarage unter, schloss das Tor und kam zufrieden angeschlendert. „Wie sieht’s aus?“, fragte er in die Runde. „Gehen wir noch zu mir?“
Jürgen zuckte die Schultern und signalisierte gleichzeitig mit dem Gesicht ein ‘warum nicht?’. „Dürft ihr denn?“ Er schaute die Mädchen an, die ja eigentlich rein mussten.
„Zu Bernd vielleicht“, meinte Kristina. „Ich frag beim Abendbrot mal.“
„Und du?“ Er wandte sich an Maren.
„Ich glaub‘ eher nicht.“ Sie schüttelte den Kopf. „Aber ich werd’s versuchen.“
Wir gingen zurück. Die Mädchen sagten schon mal vorsorglich tschüss, während Bernd, Jürgen und ich den Vorgarten von Nummer 14 betraten. Wie schon ein paarmal musste ich auch jetzt heimlich schmunzeln beim Anblick des akkurat rasierten Efeus an der Häusergrenze. Unter dem Küchenfenster stand bei Stützers eine hölzerne Gartenbank. Im Flur sah es fast wie bei uns aus, nur die Tapeten waren etwas dunkler, wodurch alles enger und niedriger wirkte, außerdem standen hier weniger Schuhe auf dem Boden. Neben der Treppe ragte eine mächtige Topfpflanze auf.
Bernds Zimmer war unterm Dach, wo bei uns Muttern ihr Schlafzimmer hatte. Er bewohnte die komplette Etage, hatte hier oben sogar ein eigenes Bad, das es bei uns im Haus gar nicht gab. Wenn er auszog, wollten seine Eltern das Ganze als Ferienunterkunft vermieten. Im Zimmer selbst fiel mir als erstes die Matratzenecke ins Auge: Sie erinnerte verdammt an den guten, alten Bunker. Die Plattensammlung erstreckte sich meterlang über diverse Regale. Und seine Stereoanlage war einfach der Hammer. Derart teure Geräte hatte ich bisher nur in Hifi-Geschäften gesehen, aber nicht bei irgendwem zu Hause.
Wir setzten uns, Bernd machte Musik an. Ich fragte, ob Rauchen erlaubt sei. „Klar“, meinte er und stellte mir einen Aschenbecher hin – obwohl er selbst Nichtraucher war.
Es klingelte an der Haustür, jemand kam mit polternden Schritten die Treppe hoch. Gespannt wartete ich, aber dann war es bloß Maren, die ins Zimmer trat. „Was für ein Kampf“, stöhnte sie. „Ich musste hoch und heilig schwören, dass ich nur zu Bernd geh. Meine Güte!“
Kurze Zeit später klingelte es wieder. Ein regelrechter Hoffnungsblitz durchfuhr mich. Vielleicht diesmal? Die Tür ging auf – und Kristina stand im Raum.
„Alle wieder fröhlich vereint!“, rief sie und drehte sich zu mir: „Meine Mutter wollte wissen, ob du auch hier bist“, sagte sie und imitierte eine keifende Stimme: „Ich weiß nicht, ob das der richtige Umgang für dich ist, Kristina. Frau Jansen ist ja schon zweimal geschieden und lebt jetzt in wilder Ehe mit diesem tätowierten Kerl.“ Alle mussten lachen, ich auch.
Es war fast wie in der Nordstadt: Wir lümmelten auf Matratzen herum, quatschten, hörten Musik. Ich saß neben Jürgen. Eigentlich hätte ich den Typen bescheuert finden müssen – dieses immer freundliche Lächeln, der Lockenkopf, die sauberen Klamotten. Er war viel zu brav und angepasst, trotzdem unterhielt ich mich fast die ganze Zeit mit ihm.
Mittlerweile war der Raum in geheimnisvolles Licht getaucht: Kristina und Maren hatten überall Teelichter und Kerzen angezündet. Kristinas Haut erschien nun noch dunkler, in ihren fast schwarzen Augen spiegelte sich der Kerzenschein. Von Henri wusste ich, dass sie und Bernd zusammen gewesen waren. Aber Bernd hatte vor kurzem Schluss gemacht…
Ein bisschen kam es mir so vor, als hätte sie ebenfalls Interesse. Schaute sie nicht immer wieder herüber?
Und was wäre, wenn? Wollte ich das überhaupt? Wie hätten die Leute in der Nordstadt wohl auf sie reagiert? Was hätte Hartmann gesagt?



































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