23. Unsichtbares Band

Der nächste Arbeitstag, der sich zog wie Gummi. Es wollte einfach nicht weniger werden, so sehr wir auch rackerten. Und noch geschlagene zwei Stunden bis Feierabend. Dabei konnte ich schon jetzt nicht mehr, schleppte mich nur noch mit allerletzter Kraft voran.

Pausenlos geisterten mir die Stimmen der Kumpels aus der Nordstadt durch den Schädel: Wozu macht der Idiot das? Reißt sich für lau den Arsch auf, sollte lieber gemütlich ein Bierchen zischen, der Hirni. Mehr als einmal war ich versucht, tatsächlich alles hinzuschmeißen und mich vom Acker zu machen. Und doch wusste ich, dass ich bleiben würde, mochte dieser verfluchte Job auch bis Mitternacht dauern.

Sie sollte es mitbekommen! Eigentlich war es absolut dämlich, aber ich wollte, dass sie auf mich aufmerksam wurde. Sie sollte sehen, dass ich nicht schlappmachte, dass ich durchhielt.

 

***

 

Gerade arbeitete sie mal wieder ganz in der Nähe. Emsig griffen ihre Finger in die Pflanzen, drehten und prüften, rissen aus oder ließen stehen. Woher nahm sie nur diese Ruhe und Ausdauer? Von Müdigkeit war bei ihr nichts zu erahnen.

Ich wollte mich bereits wegdrehen und weiterarbeiten, als sie unvermittelt in ihrer Bewegung stoppte. Sekundenlang geschah nichts. Auf einmal hob sie den Kopf und sah mir genau in die Augen. Ihre Pupillen funkelten, in ihrer Miene lag etwas Verwundertes, Fragendes.

Mein Herz stand einen Moment still. Dann schoss mir das Blut in den Kopf, meine Wangen fingen an zu glühen. Hastig beugte ich mich wieder nach unten und nestelte im Gemüse herum.

Ertappt! Wie lange mochte ich sie bereits wieder angeglotzt haben? Langsam wurde es wirklich peinlich, was ich hier trieb. Ich musste damit aufhören, mich endlich zusammenreißen.

Trotzdem – für den Rest des Tages konnte ich nur noch an diese kurze Szene denken: Marens Innehalten, ihr abruptes Aufschauen, die grünen Augen, die endlich, endlich auf mich gerichtet waren, schließlich dieser Blick, verwundert und gleichzeitig fragend.

Und noch etwas anderes ging mir durch den Kopf, immer wieder: Sie hatte nicht erst lange suchen müssen, wer sie beobachtete. Sofort hatte sie in meine Richtung geschaut…

 

***

 



Jeder Tag verlief nach dem gleichen Schema: vormittags Schule, zu Hause einen Happen essen, dann aufs Fahrrad und ab zum Hof. Name und Uhrzeit in die Liste eintragen, wegen der späteren Abrechnung, und los ging es. Samstags und Sonntags fuhren wir sogar schon morgens zum Arbeiten und blieben den ganzen Tag. Mittags aßen wir zusammen mit den Leuten vom Gut im Speisesaal.

Wenn wir abends im großen Pulk nach Schönhagen zurückfuhren, waren wir völlig erledigt. Sämtliche Knochen taten uns weh, wir waren verdreckt und durchgeschwitzt. Trotzdem herrschte immer eine seltsame Ausgelassenheit. Wir flachsten rum, machten dumme Sprüche. Manchmal sangen wir sogar, irgendwelche Trinklieder mit albernen Texten.

Mittlerweile fiel mir die Arbeit deutlich leichter als zu Anfang. Ich schaffte mehr weg, gleichzeitig arbeitete ich ordentlicher, weil ich jetzt wusste, worauf ich achten musste.

Auch meinen Widerstand gegen Strohhüte hatte ich mittlerweile aufgegeben, die rasenden Kopfschmerzen zu Anfang waren mir eine Warnung gewesen. Man riskierte ernsthaft einen Sonnenstich, wenn man sich nicht schützte. Es waren deswegen schon Leute auf dem Acker zusammengeklappt. Das musste ich nicht haben.

 

***

Komisch: Immer öfter hatte ich mittlerweile das Gefühl, als würde auch Maren schauen. Aber genau wusste ich es nicht – nach der peinlichen Nummer neulich mochte ich nicht mehr selbst gucken, hatte Schiss, mich wieder zu blamieren.

Oder wollte ich mir bloß die schöne Illusion erhalten?

„Sie schaut nicht“, flüsterte eine Stimme in mir. „Warum sollte sie?“

Ja, warum? Mir fiel kein Grund ein, und die Ernüchterung traf mich wie ein Schmerz.

„Doch, sie sieht dich“, entgegnete eine andere Stimme. „Sie mustert dich, ist neugierig.“

Und die Hoffnung flammte wieder auf.

 

***

Ein weiterer Arbeitstag lag hinter uns. Wir hatten uns aus der Liste ausgetragen und stiegen gerade auf die Räder, die vor der Hofeinfahrt abgestellt waren. Da sah ich Maren den Weg herabkommen. Ihr Rad stand ein Stück weiter vorn, sie musste also an mir vorbei. Jedenfalls, wenn ich hier stehenblieb. Ich hätte lieber fix in die Pedale treten sollen, um jede weitere Peinlichkeit zu vermeiden.



Ja, hätte ich wohl. Aber komisch: Irgendetwas hielt mich, wo ich war.

Sie kam immer näher. Die ganze Zeit sah sie nach unten, wie in Gedanken versunken. Mein Blick saugte sich bereits wieder an ihr fest, ich spürte es und kam trotzdem nicht dagegen an. Auf einmal war es wie am Abend vor der Eisdiele: Etwas rann mir heiß und brennend die Kehle hinab und lähmte mich komplett. Als Maren mit mir auf einer Höhe war, passierte es: Sie schaute unvermittelt hoch, sah mir genau in die Augen! Verdammt, wieder erwischt – jetzt war das Maß sicher voll! Aber ihr Blick – er drückte etwas Anderes aus, war intensiv wie nie, fast stechend. Das Grün in ihren Pupillen schien regelrecht zu leuchten.

In diesem Moment hätte sie alles mit mir machen können. Ich war bloß noch eine Marionette, deren Fäden sie in den Händen hielt, mein Kopf schwankte, meine Augen rollten hin und her, meine Arme baumelten kraftlos herab… dann war sie vorbei, ich sah nur noch das hochgesteckte, blonde Haar, den schmalen Nacken.

Die ganze Situation konnte höchstens Bruchteile von Sekunden gedauert haben, aber ich blieb danach wie benebelt. Dieser Blick – es hatte ernsthaft so ausgesehen, als ob…

 

***

 

Jetzt wollte ich es wissen. Als ich wieder das Gefühl hatte, Maren würde rüberschauen, nahm ich allen Mut zusammen: Tatsächlich, sie guckte!

Wieder war der automatische Reflex: nach unten sehen, wegschauen. Aber diesmal widerstand ich, wich ihrem Blick nicht aus – und auch sie blieb hartnäckig. Also, wie Zufall wirkte das nicht mehr, kein Stück…

Allmählich wurde mir klar, dass sie öfters herübersah. Beim Arbeiten. Während der Mittagspause. Auf dem Rückweg ins Dorf. Als ob sie sich versichern wollte, dass ich in der Nähe war. Einmal bohrten sich ihre Augen regelrecht in mich hinein, wie neulich an der Hofauffahrt. Es war wie ein Ansprechen ohne Worte, fast eine Aufforderung. Mein Herz schlug nicht mehr, es hämmerte plötzlich wie eine Dampframme. Schließlich wurde es zu viel, und ich beugte mich wieder nach unten. Was ging ab? Was passierte hier gerade?

Und ich hatte immer geglaubt, sie würde mich total verachten. Berechtigt wäre es gewesen. Und jetzt… aber konnte es wirklich stimmen? Eigentlich nicht. Etwas anderes musste dahinterstecken. Nein, es war schlicht unmöglich.



Schließlich glaubte ich es. Wir hatten gerade Feierabend gemacht und fuhren zurück nach Schönhagen, da merkte ich, wie sich etwas in mir löste. Die Freude wurde so stark, so überwältigend, dass ich ernstliche Mühe hatte, mit dem Rad auf dem Weg zu bleiben, nicht zu schlingern und seitwärts in die Büsche zu rauschen.

 

***

 

Manchmal fuhr ich allein zum Arbeiten, manchmal zusammen mit anderen aus dem Dorf. Kaum war ich auf dem Gut angekommen, suchte ich alles mit den Augen ab, bis ich sie gefunden hatte. Ihr Anblick versetzte mir jedes Mal einen Stich. Danach ging alles ganz leicht.

Einmal konnte ich sie nirgends entdecken. Ungeduldig wartete ich, aber sie wollte und wollte nicht auftauchen. Irgendwann war klar, dass sie nicht mehr kommen würde. Vor Enttäuschung verging mir sämtliche Lust. Wo war sie? Ich fragte die anderen in der Clique, aber niemand wusste es.

Welche Erleichterung, als sie am nächsten Tag wieder da war! Ihre Oma hatte einen Schwächeanfall erlitten, als Maren gerade bei ihr gewesen war. Sie hatte den Arzt angerufen, ein Krankenwagen war gekommen. Jetzt lag ihre Oma in der Klinik. Das Ganze hatte Maren so mitgenommen, dass sie nachmittags nicht mehr zum Gut gefahren war.

Ich hatte das Gefühl, als würde auch sie sofort nach mir suchen. Mittlerweile war zwischen uns fast etwas wie Vertrautheit entstanden, obwohl wir nach wie vor nur über die Augen miteinander sprachen.

 

***

 

Erdbeeren ernten – endlich mal was Einfaches. Kein Abbrechen irgendwelcher zarten Triebe, wie beim Spargelstechen, auch kein versehentliches Ausreißen von Nutzpflanzen, wie auf den Gemüse- und Kartoffelfeldern. Man musste bloß die großen, roten Früchte abpflücken und in einen Korb werfen. Oder gleich verdrücken.

Es war ein sommerlich warmer Samstag. Mittags trugen wir die Tische und Bänke aus dem Speisesaal auf die Terrasse, um unter freiem Himmel zu essen. Von überall kamen die Leute: aus den Wirtschaftsgebäuden, der Schlachterei, der Bäckerei, den Ställen. Einige hatten Wäschedienst im Haupthaus gehabt, andere reparierten Maschinen in der Werkstatt. Nur ein kleiner Teil der Gutsbewohner arbeitete mit uns auf den Feldern.





Ich erwischte einen Platz neben Micha und Bernd. Die Mädchen saßen an einem anderen Tisch, ein gutes Stück entfernt. Oft war die Sicht versperrt, aber hin und wieder konnte ich ich doch einen Blick auf Maren werfen. Und sie schaute meistens zurück.

Nachmittags zog sich der Himmel allmählich zu. Irgendwann setzte leichtes Nieseln ein, aber das interessierte uns nicht. Der warme Wind hielt die Kleidung trocken, außerdem lief es gerade so gut. Bloß stärker durfte der Regen nicht werden. Leider passierte genau das, oder vielmehr: Es fing an, wie aus Eimern zu kübeln. Wir flüchteten unter einen großen Baum am Feldrand und waren erst mal ratlos. Was jetzt? Abhauen? Oder warten und hoffen, dass der Regen irgendwann wieder aufhörte?

Wir wollten bereits zusammenpacken und resigniert von dannen ziehen, da erschien am Horizont ein Lichtstreif. Gespannt beobachteten wir ihn – war uns das Glück am Ende doch gewogen? Tatsächlich wurde das Gepladder bald weniger, hörte schließlich ganz auf.

Wir hatten uns wieder an die Arbeit gemacht. Nach dem Schauer war es merklich abgekühlt, auch wehte jetzt ein lebhafter Wind, der die Wolken mehr und mehr auseinandertrieb. Schließlich kam die Abendsonne heraus. Das regennasse Land begann zu schimmern wie unter Glas, und es wurde noch weiter, dehnte sich ins schier Endlose. Auf einmal waren wir nur noch winzige Punkte in einem Meer, einem Ozean von Grün.

Die Arbeit fiel mir leicht wie nie zuvor – noch ewig hätte ich weitermachen können. Viele waren es allerdings nicht mehr, die mit mir zusammen hier draußen ausharrten. Bernd und Kristina arbeiteten direkt am Feldweg. Ein Stückchen vor ihnen sah man Jürgen und Silke emsig pflücken. Und ganz hinten, wo das Gelände schon den Hügel hinaufstieg, leuchtete Marens blonder Haarschopf in der Abendsonne.

Obwohl wir so weit übers Erdbeerfeld verteilt waren, hatte ich nie das Gefühl, allein zu sein. Die anderen waren nahe – als würde ein unsichtbares Band uns alle miteinander verknüpfen. Sämtliche Entfernung schien aufgehoben.

 

***

 

Marens Blick war mittlerweile intensiver denn je. Oft wurden ihre Augen nun eigenartig dunkel, das Auffordernde verwandelte sich in etwas Bittendes, fast Flehendes. Wenn sie mich so ansah, durchlief es mich jedes Mal heiß und kalt.



Bisher war alles ein Spiel gewesen, das jetzt aber zu Ende ging. Ich wusste, dass bald etwas geschehen würde, geschehen musste.

Und plötzlich fragte ich mich wieder, ob ich das wirklich wollte.

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