24. Maren

Seit einigen Tagen trafen wir uns nachmittags wieder in der Siedlung. Auf Gut Neudorf gab es momentan nicht mehr so viel zu tun. Spargel und Erdbeeren waren geerntet, der Stall ausgemistet, die Gemüsefelder von Unkraut befreit. Zwar mussten sie weiterhin in Schuss gehalten werden, aber das schafften die Gutsleute jetzt allein.
Über drei Wochen hatte ich mitgearbeitet. Mittlerweile waren wir ausbezahlt worden – meine ersten selbstverdienten Mäuse. Viel war es zwar nicht, aber ich spürte trotzdem etwas wie Stolz. Es war immer klar gewesen, dass es bei dem Job nicht ums große Absahnen ging.
Zur Weizenernte würde das ganz anders aussehen, erklärte Bernd. Weizen sei das wichtigste Erzeugnis des Gutes, quasi dessen Existenzgrundlage. Da bräuchten sie dringend Leute, die anpacken könnten, und die würden sie auch entsprechend bezahlen.
„Dann sind Sommerferien“, seufzte Alex.
„Da kannst du ordentlich Schotter machen“, versicherte Bernd und rieb sich die Hände.
„Aber nur, wenn du fit bist!“, rief Jürgen und schaute mich mahnend an. „Säcke schleppen, Strohballen auf die Ladefläche werfen, schuften vom Morgengrauen bis in die Nacht. Staub, Sonne, Hitze – das ist richtig harte Arbeit, kein gemütliches Unkrautrupfen, wie bei uns.“ Er klang, als wollte er mich vor einer Dummheit bewahren.
„Ja, dazu braucht es echte Kerls, solche wie Jürgen“, meinte Kristina und lachte.
Jürgen begann ebenfalls zu schmunzeln. „Okay, ist nicht meine Sache“, gab er zu. „Ich lieg’ lieber gemütlich am Strand.“
„Ich auch“, pflichtete Alex ihm bei. „Mann, wie ich mich auf die Ferien freue!“
Ich hörte das Gerede der anderen, aber es schien aus großer Entfernung zu kommen. Meistens hatte ich den Blick aufs Pflaster geheftet und hing meinen eigenen Gedanken nach. Natürlich kreisten sie bloß um ein einziges Thema: Maren.
Jeden Tag wollte ich so schnell wie möglich raus, wollte sie unbedingt sehen. Wenn ich dann hier war und ihr gegenüberstand, hielt ich ihre Nähe kaum aus.
Essen bekam ich fast gar nicht mehr runter, mein Magen fühlte sich völlig zusammengekrampft an. Und immer wieder fuhr es mir wie mit tausend Stichen durch die Nervenbahnen. Ich fragte mich ernsthaft, ob ich vielleicht krank war.
Das konnte nicht mehr lange so weitergehen, ich musste endlich etwas tun. Aber wie sollte ich es anfangen? Einfach zu ihr gehen und mit ihr quatschen? Unmöglich, ich hätte kein Wort herausgebracht. Und überhaupt: Worüber hätten wir reden sollen? Ich wusste gar nichts von ihr. Sie war mir fremder als jemals zuvor.
Die anderen registrierten wohl auch langsam, dass sich irgendwas tat. Kristina hatte neulich gemeint, dass Maren endlich wieder „die Alte“ sei. Richtig kapiert hatte ich ihre Bemerkung nicht, aber es war ganz sicher irgendeine Anspielung gewesen auf das, was gerade zwischen Maren und mir passierte.
***
Schon wieder lag ich wach im Bett. Momentan pennte ich hundsmiserabel, tat stundenlang kein Auge zu. Meistens fiel ich erst morgens in eine Art Dämmerzustand, den man nicht wirklich Schlaf nennen konnte. Heute Nacht war es besonders schlimm. Ich wälzte mich von einer Seite auf die andere und wurde immer wacher. Irgendwann reichte es: Ich zog mir Klamotten über, stieg leise die Treppe hinab und schlüpfte durch die Haustür ins Freie.
Die Straßenlaternen brannten nicht mehr, Mitternacht musste also durch sein. Ringsherum waren alle Häuser dunkel, auch der Mond schien nirgends. Das einzige verbliebene Licht kam von den Sternen. Aber war, was dort oben vor sich ging, wirklich der Nachthimmel, den ich kannte? Dieses atemberaubende Funkeln und Gleißen unzähliger, stechend heller Nadelköpfe, die ein Gewebe komplett aus Licht bildeten? Alles zitterte und flirrte – und war dennoch vollkommen still, wie eingefroren. Schließlich dieser samtene Schimmer im Hintergrund, der sich einmal quer über die nächtliche Kuppel zog – das musste die Milchstraße sein. Den komischen Namen hatte ich bisher nie verstanden, aber jetzt sah ich sie mit eigenen Augen – und begriff endlich, weshalb sie so hieß: Milchstraße. Die Galaxie, in der sich unser kleiner Planet befand, verloren inmitten endloser Weiten…
Ein Gedanke zuckte mir durch den Kopf. Eigentlich war es eine idiotische Idee – was brachte das? Egal, ich wollte es tun, jetzt oder nie. Beklommen schlich ich durchs Dunkel. Da kam er schon, der schmale Fußweg, der von der Brentanostraße abzweigte. Ich war kürzlich zum ersten Mal hier gewesen, als wir Maren nach Hause begleitet hatten. Konnte man es wirklich wagen? Und wenn jemand mich sah? Aber Kneifen war jetzt nicht mehr drin. Auf dem ersten Wegstück wuchsen noch hohe Hecken an den Seiten, sodass man geschützt war. Leider hörten sie bald auf – ab hier standen die Reihenhausblöcke frei auf dem Rasen, treppenartig gegeneinander versetzt, es gab keinerlei Vorgärten mit Bäumen oder Sträuchern als Sichtschutz. Man lief wie auf dem Präsentierteller.
Als das Haus der Sührings vor mir auftauchte, war alles Unbehagen mit einem Schlag verflogen. Marens Fenster lag hier vorn am Weg, im ersten Stock links. Efeu rankte sich neben dem Fensterrahmen bis unters Dach. Die Vorhänge waren knallbunt, es sah ziemlich verrückt aus, stach regelrecht in die Augen, selbst jetzt, in der Dunkelheit – unwillkürlich musste ich schmunzeln. Dann fing mein Herz plötzlich wie wild zu hämmern an. Der Gedanke, dass sie so nahe war, hatte etwas Elektrisierendes. Vielleicht spürte sie, dass jemand hier unten stand? Vielleicht ging gleich ihr Fenster auf? Dann würde es passieren, ganz sicher…
Im Fensterrahmen hing etwas, das ich im ersten Moment für ein Mobile hielt. Aber bald erkannte ich, was es war: ein Halbmond aus Holz mit einem eingeschnitzten Gesicht an der Innenseite. Aus dem Mund ragte eine Pfeife mit einem Teelicht. Der Mann im Mond – war das nicht etwas für Kinder? Was sollte dieses Teil dort? Hatte Maren vergessen, es abzunehmen? Oder wollte sie aus irgendeinem Grund, dass es blieb, wo es war? Vielleicht, um etwas von früher zu behalten? Wie merkwürdig es aussah, dieses Spielzeug im Fenster. Gestochen scharf stand das Holzgesicht vor mir; ich sah das Lächeln, meinte sogar den Docht des Teelichts in der Pfeife zu erkennen. Wie musste eine Kindheit gewesen sein, wenn man ihr auf diese Weise ein Andenken bewahren wollte? Und weshalb berührte mich der Anblick so sehr? Da war auf einmal eine komische Traurigkeit, fast wie Heimweh. Der heftige, verzweifelte Wunsch, endlich zurückzukehren, wieder nach Hause zu kommen. Zugleich spürte ich Angst. Bohrende, kaum zu ertragende Angst, dass das nicht mehr ging. Weil man längst zu weit weg war, längst zu weit draußen auf See, um jemals wieder rettendes Land zu erreichen…
Ein Schluchzen stieg in mir hoch, ich wollte am liebsten weinen. Je länger ich das Holzgesicht betrachtete, sein mildes Lächeln, desto schlimmer wurde es. Gleichzeitig schämte ich mich total – weshalb brachte mich ein simples Spielzeug zum Flennen? War ich so ein Weichei? Mensch, das konnte doch gar nicht sein! Wütend biss ich mir auf die Unterlippe, ballte die Hände zu Fäusten, drückte die Nägel ins Fleisch.
Der brennende Schmerz holte mich in die Wirklichkeit zurück – rasch drehte ich mich um und ging weg.
***
Ich saß am Küchentisch, versuchte mir ein Wurstbrot reinzuwürgen. Nach ein paar Bissen schob ich den Teller lustlos weg und ging zum Fenster. Der Himmel zeigte eintöniges Grau. Auf der Straße stand der neue Schlitten von Klaus, ein roter Ford Taunus Kombi. Die Motorhaube war hochgeklappt, Henri beugte sich konzentriert über die Innereien des Autos, in der Hand einen Schraubenzieher.
Ich setzte mich wieder, zündete mir eine Zigarette an, obwohl Muttern nicht wollte, dass ich hier unten rauchte. Als ich das nächste Mal rausguckte, stand jemand neben Henri, in einer pinkfarbenen Jacke. Rasch zog ich den Kopf ein, um nicht gesehen zu werden – ich kannte diese Jacke! Im Nu war ich die Treppe hoch- und in Henris Zimmer gestürmt, um einen besseren Überblick zu haben. Die Szene vorm Haus war reichlich seltsam: Henri, völlig in seine Arbeit vertieft, und sie stumm daneben. Die beiden gaben ein sehr ungleiches Paar ab.
Verwirrt stolperte ich rüber in mein eigenes Zimmer. Ob es zwischen ihnen immer so lief: Er werkelte an irgendwas herum, während sie ihm Gesellschaft leistete? Das hatte vielleicht alles gar nichts mit mir zu tun.
Aber schon während ich diesen Gedanken spann, wusste ich, dass er nicht stimmte.
Auf einmal bekam ich Schiss, dass sie weg sein könnte. Sprang auf und rannte wieder rüber: Nein, sie war noch da, ein Glück! Und er glotzte nach wie vor nur auf seinen blöden Motor. Konnten die Zeichen eindeutiger sein?
Irgendwas musste unternommen werden, jetzt, sofort – aber leider fiel mir absolut nichts ein, mein Kopf war völlig leer.
Ich saß wieder unten in der Küche, rauchte und konnte mich noch immer zu nichts überwinden. In regelmäßigen Abständen ein schneller, fast schon gewohnheitsmäßiger Blick nach draußen: Sobald ich die pinkfarbene Jacke sah, war ich beruhigt – jedenfalls für ein paar Sekunden.
Schluss jetzt! Man konnte die Sache nicht ewig so weitertreiben. Einen Anlass, ich brauchte irgendeinen Anlass, um vor die Tür zu gehen. Suchend schaute ich mich in der Küche um – und blieb am Mülleimer hängen. Das war es: Müll rausbringen – meine Lieblingsbeschäftigung! Hastig griff ich nach dem Eimer, hatte plötzlich ein sehr flaues Gefühl in der Magengegend. Aber ich blieb tapfer, trat heldenhaft den Gang zum Schafott an.
Kaum ging die Haustür auf, starrten Henri und Maren mir mit großen Augen entgegen – spätestens jetzt war klar, dass die beiden nur auf diesen Moment gewartet hatten. Auf einmal kam ich mir völlig dämlich vor mit dem halbleeren Eimer in der Hand: Die Aktion war so durchsichtig, so billig…
„Hey Hauke, hier wartet jemand auf dich“, sagte Henri und schubste Maren leicht in meine Richtung. Er hatte noch nie viele Worte gemacht. Okay, nun gab es kein Zurück mehr.
„Kommste mit rein?“, presste ich hervor. Es klang weniger wie eine Frage als eher wie eine Aufforderung. Kaum war der Satz heraus, überlegte ich, ob das vielleicht ein Fehler gewesen war: Durften Mädchen hier einfach so zu Jungen reingehen? Aber sie nickte.
Der Anblick, wie sie vor mir die Treppe hochstieg – er hatte etwas Unwirkliches. Mir schwindelte, meine Knie waren nur noch Wackelpudding. Als wir mein Zimmer betraten, sah ich den Raum plötzlich so, wie sie ihn vermutlich wahrnahm: die vernebelte Luft, den überlaufenden Aschenbecher, den mit Tabakkrümeln übersäten Rauchtisch. Hastig stellte den Aschenbecher weg, wischte mit dem Ärmel notdürftig über die Tischplatte und klappte das Fenster auf.
Sie setzte sich auf die Bettkante, mir gegenüber. Auf einmal wirkte sie ungewohnt ängstlich.
„Bestimmt hat Frau Rönnfeld gerade gesehen, wie ich mit dir reingegangen bin“, sagte sie leise. „Und in einer Stunde weiß es das halbe Dorf.“
„Nervt dich das?“, fragte ich.
Kurzes Zögern, dann, bestimmt: „Nein.“
„Kriegst du Ärger deswegen?“
„Kann sein… ist mir aber egal.“
Ich fühlte, wie ich etwas ruhiger wurde. Sie saß leicht nach vorn gebeugt, die Arme auf den Oberschenkeln, die Hände ineinander gelegt. Sie trug eine blaue Bluse. Der oberste Knopf war offen, im Ausschnitt glitzerte wieder das silberne Kettchen. Zum ersten Mal war ich so nahe, dass ich den Anhänger erkannte: ein Paar Fische.
„5. März“, meinte sie, als sie sah, wohin ich guckte.
Dann verdunkelte sich ihr Blick, wurde sehr intensiv. Zwischen uns entstand eine Verbindung, eine Art Brücke aus Energie. Eine starke Wärme füllte mich plötzlich aus, und ich wusste, dass es ihr genauso ging. Nichts war mehr zwischen uns, keine Leute, die uns beobachteten, keine Feldarbeit, auf die man sich konzentrieren musste, nichts. Es war, als hätte jemand ein Hindernis weggezogen, eine Trennwand. Auf einmal war der Weg frei.


















































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