36. Dunkle Vergangenheit

Der Turm, das hügelige Land… der Hof, unsere Wohnung, Henri und das Holzspielzeug. Mama in der Küche, die sich öffnende Haustür, das Schwanken des Bodens, der Fall… schließlich das abrupte Aufwachen.

Mein Albtraum – was bedeutete er? Was wollten mir seine Bilder sagen?

Nachdem zuletzt alles immer schlimmer, immer drängender geworden war, hatte ich die Flucht nach vorn angetreten. Ich hatte den Traum zerlegt und die einzelnen Bruchstücke regelrecht aus mir herausgezerrt. Dass sie alle mit meiner Kindheit zu tun hatten, lag auf der Hand. Aber anscheinend war das Leben vor der Nordstadt gemeint. Obwohl es sich anfühlte, als hätte es das nie gegeben. Vor der Nordstadt – was sollte damit gemeint sein? Diese Worte machten überhaupt keinen Sinn.

Aber beim Umzug war ich immerhin schon sechs gewesen. Und da waren ja auch Erinnerungen, undeutlich und verworren, einzelne Bilder nur, Fetzen. Aber sie existierten…

Der Hof – auf ihm hatten wir immer gespielt. Ein weitläufiges, grünes Gelände. Die Häuser umschlossen es vollständig, niemand konnte es betreten, der nicht hier wohnte. Wir waren von der Straße abgeschirmt, fühlten uns sicher und beschützt.

Unser Hof war schön, voller interessanter Orte. Die hohen Bäume, die im Sommer Schatten spendeten und im Herbst alles mit ihren gelben Blättern übersäten. Die große Wiese, die Sandkiste, der Spielplatz des benachbarten Kindergartens, den man durch ein Loch im Zaun erreichte.

Die großen Jungs waren unsere Freunde. Sie bauten Sandburgen mit uns, manchmal durften wir auch beim Fußball mitmachen. Und wenn einer aus der Nachbarschaft kam und uns verprügeln wollte, jagten sie ihn weg. Nur vor der alten, weißhaarigen Frau in ihrem Lehnstuhl hatten alle ein bisschen Angst. Obwohl sie nichts tat, bloß schaute. Und schwieg.

Unsere Wohnung. Die Fenster waren groß, die Räume hoch und licht. Die Holzdielen federten und knarrten beim Gehen. Mama war zu Hause. Sie kochte Essen, las uns vor, ging mit uns in den Zoo oder auf den Abenteuerspielplatz. Papa war zur Arbeit.

Warum schaffte ich es im Traum nie, zu ihm zu gehen, wenn er abends nach Hause zurückkam? Was war damals geschehen? Warum war unser Vater so urplötzlich weg gewesen?



Eine ganze Welt schien mit seinem Verschwinden einzustürzen. Wir zogen aus der schönen Wohnung aus, kamen in die Nordstadt. Mama musste jetzt den ganzen Tag arbeiten, von morgens bis abends, wir sahen sie kaum noch. Dann kam Vaddern. Erst war er nett, aber später fing er mit seiner Sauferei an und scherte sich um gar nichts mehr.Alles hatte sich komplett verändert, kein Stein war auf dem anderen geblieben.

Immer wieder stellte ich Muttern Fragen, wollte verstehen, was passiert war, mein Leben schien davon abzuhängen. Aber ihre Antworten fielen jedes Mal sehr knapp aus. „Euer Vater ist abgehauen, hat uns hängenlassen“, sagte sie. „Zum Glück hab ich den Job in der Nordstadt-Klinik und die Wohnung gefunden, sonst hätte es zappenduster ausgesehen.“

Mehr war nie aus ihr rauszubringen. Weshalb hatte unser Vater sich davongemacht? Gab es noch Kontakt zu ihm? Und wären wir obdachlos geworden, wenn Muttern nicht rechtzeitig Wohnung und Job gefunden hätte? Wären wir auf der Straße gelandet und hätten in Müllcontainern übernachten müssen, wie die Tippelbrüder in der Nordstadt? Fragen über Fragen, teils vernünftig, teils verrückt, auf die ich nie eine Antwort bekam. Wobei ich oft selbst nicht richtig formulieren konnte, worum es mir eigentlich ging. Früher oder später war immer alles blockiert. Wie in einem Albtraum, wenn man unbedingt irgendwohin wollte, aber plötzlich eine massive Wand im Weg war. Und tatsächlich lief man ja bei Muttern gegen eine Wand, sobald man dieses Thema anschnitt. Jede Pore an ihr strahlte dann Abwehr aus, regelrechten Hass.

Wahrscheinlich resignierte ich irgendwann und fügte mich. Die Vergangenheit – das war etwas Schlimmes, Gefährliches, über das man nicht sprechen durfte. Ich musste sie vergessen, von mir abschneiden, im Klo runterspülen, auf dass sie für immer verschwand, zersetzt wurde, sich auflöste. Nur dann war man wirklich sicher. Die Nordstadt sollte fortan alles sein, was zählte. Dass andere Kinder mir auflauerten und mich verkloppten, wie am Anfang in der Sandkiste, würde mir niemals mehr passieren. Ich war nun jederzeit auf alles vorbereitet, und wenn es sein musste, schlug ich zu, zimmerte drauf, mit Fäusten und allem, was zur Hand war: Steine, Flaschen, Knüppel, Schlagringe – da war ich nicht wählerisch, Hauptsache, es wirkte. Notfalls hätte ich auch einen kaltgemacht, ernsthaft. Ich wäre über Leichen gegangen, ohne mit der Wimper zu zucken.



Lange Zeit hatte diese Strategie gut funktioniert. Bis zum letzten Winter, um genau zu sein. Da war plötzlich alles aus den Fugen geraten, es hatte einen Knall nach dem anderen gegeben: den Ärger mit den Solterbeck-Leuten, mein Zwischenzeugnis, Vadderns Absturz. Wie ein Kartenhaus, das schlagartig in sich zusammenfällt.

Dann war Klaus auf den Plan getreten. Mit seinem Erscheinen fing bei uns eine neue Zeitrechnung an. Etwas wie Gemeinschaft entstand, Zusammenhalt. Wir zogen nach Schönhagen, ich lernte die Leute aus der Clique kennen, kam mit Maren zusammen. Alles schien sich zum Guten zu wenden… und prompt kehrten die alten Bilder und Erinnerungen zurück. Sie waren nicht in ihrem Verlies erstickt, sondern hatten überlebt und wollten ans Licht, trotz aller Scheu und Abwehr.

Leider war Klaus, anders als sonst, bei diesem Thema keine große Hilfe. Er riet mir bloß, Muttern nicht auf die alten Geschichten anzusprechen. Sie wolle das alles hinter sich lassen, am liebsten komplett vergessen, meinte er.

Wie zur Bestätigung hatte ich neulich im Wohnzimmerschrank alte Fotoalben gefunden: Jede Menge Aufnahmen aus der Nordstadt waren darin gewesen – von unserer Wohnung, dem Blick aus dem Küchenfenster, Henri und mir im KBZ, einer Betriebsfeier in der Klinik. Ein Bild zeigte sogar Vaddern in einem seiner seltenen nüchternen Momente. Aber von vorher gab es nichts. Als hätte diese Zeit nie stattgefunden. Man konnte tun, was man wollte, sich noch so abrackern – die Vergangenheit blieb doch unerreichbar.

Und war es nicht besser so? Was, wenn man sonst nicht nur tolle, schöne Wahrheiten erfuhr, sondern auch solche, die man eigentlich nicht hören wollte, die man immer sorgfältig verdrängt hatte?

Was lähmte mich im entscheidenden Moment des Traums? Was zog mir den Boden unter den Füßen weg, gerade wenn unser Vater die Wohnungstür aufschloss? Bei dieser Frage kamen immer die schlimmsten Befürchtungen in mir hoch: Hatte es vielleicht an mir gelegen, dass er heimlich abgehauen war? Fehlte mir irgendwas, das sein Ältester unbedingt hätte haben müssen? War ich nicht gut genug, bloß Mangelware, Ausschuss? Hatte er deshalb enttäuscht das Weite gesucht? War ich schuld an allem?



Oder sah ich ganz einfach Gespenster? Gab es völlig andere Gründe für sein Verschwinden? Aber selbst wenn: Henri und ich waren doch seine Kinder gewesen! Zählten wir so wenig, dass man im Fall des Falles einfach den Abflug machte? Waren wir derart unwichtig und irrelevant? Das sagte im Grunde doch alles. Deshalb musste es so oder so auch an uns gelegen haben.

Es war wirklich paradox: Einerseits wollte ich so gern alles hören, alles wissen, andererseits hatte ich totale Panik vor dem, was dann möglicherweise ans Licht kam. Es war wie in einem Horrorstreifen: Etwas unfassbar Grauenvolles lauerte vielleicht in der Finsternis. Man sah es nie, wusste nicht, ob es überhaupt existierte, aber es konnte da unten sein, ganz tief versteckt. Und ebendiese die Ungewissheit ließ es immer bedrohlicher werden, immer furchterregender.

Trotzdem musste man den Zustand aushalten. Man durfte auf keinen Fall nachforschen und versuchen, die Wahrheit herauszufinden. Gerade dadurch half man dem Monster, sich aus seiner Zwischenwelt zu befreien und in die Wirklichkeit überzutreten, real zu werden.

 

***

 

Eines Abends war große Zusammenkunft im Wohnzimmer. Wir hatten auf der Terrasse gegrillt und waren müde vom Essen, den Fleischbergen, die gerade in unseren Mägen verschwunden waren.

Henri gähnte. Der Film, der im Fernsehen vor sich hin plätscherte, irgendein Problemdrama aus Skandinavien, interessierte ihn nicht besonders – keine Schießereien und Explosionen, keine Auto-Karambolagen, und Blut floss auch nur, wenn der Typ seine Alte vermöbelte. Vorhin beim Grillen war er in seinem Element gewesen. Zündeln, Kokeln, Futtern – das liebte er. Aber jetzt, da das Feuer aus und kein Essen mehr da war, langweilte er sich.

Neulich war er mit einer ganz schrägen Story bei mir angekommen: Er wollte eine Unterhaltung zwischen Muttern und dem Langen Udo belauscht haben. Unser Vater, behauptete er, wäre bei Nacht und Nebel wegen einer anderen Frau verduftet. Sie stammte angeblich aus vermögender Familie, hatte sich aber mit ihrer Sippschaft komplett überworfen. Es hieß, die beiden wären nach Kalifornien durchgebrannt und dort in obskure Kreise geraten. Danach verlor sich ihre Spur.



Das klang einerseits nach Räuberpistole, nach der üblichen Hirngrütze, die Henri sich gern ausdachte. Andererseits hatten Muttern und der Lange Udo einen guten Draht zueinander, die beiden saßen abends gern im Wohnzimmer zusammen und labern endlos. War Muttern bei einer dieser Sitzungen etwas offener gewesen als normalerweise? Später kam mir noch ein anderer Gedanke: Ich wusste, dass Henri ebenfalls mit unserer Familiengeschichte zu kämpfen hatte. Auch er schaffte es nicht, diese Lücke in seiner Biografie zu akzeptieren. Stoppelte er sich gerade eine eigene Welt zusammen, aus Gerüchten, die herumschwirrten, Bemerkungen, die er aufschnappte, und schlichten Wunschvorstellungen? Einfach, weil alles besser war als dieses gähnende Schwarze Loch?

„Ich geh pennen“, sagte er irgendwann und schlurfte hinaus.

„Gute Nacht“, rief Klaus ihm hinterher.

Der war mittlerweile ganz bei uns eingezogen. Zuletzt hatte es wohl ziemlichen Ärger zwischen ihm und seiner Noch-Frau gegeben, und nun machte er sich ernstlich Sorgen, ob er seine Kinder würde regelmäßig sehen können. Das Ganze zog ihn wohl richtig runter: Immer öfter hockte er, wenn Muttern Überstunden machte oder auf Fortbildung war, allein im Wohnzimmer, vor sich Bier und Korn, der Blick glasig.

Vorhin beim Grillen hatte man ihm nichts angemerkt, da war er ganz der Klaus gewesen, den man kannte – zupackend, verlässlich, der Ruhepunkt im Team. Aber anscheinend war das nur ein kurzer, trügerischer Moment gewesen, vielleicht ein letztes Aufbäumen. Jetzt wirkte er wieder völlig mutlos, hing wie ein nasser Sack auf der Couch. Abwesend und stumm glotzte er auf sein Bier, beobachtete eine Fliege, die darin herumpaddelte und nicht herauskam. Komisch: Sein Anblick löste bei mir ein Gefühl von nahendem Unheil aus. Es erinnerte mich – die Idee war absolut gruselig – an Vaddern. Und an die vielen anderen Looser in der Nordstadt, die tatenlos zusahen, wie ihr komplettes Leben allmählich den Bach runterging. Weil sie sich nichts mehr zutrauten, sich aufgegeben hatten…

Muttern dagegen war heute Abend bestens gelaunt. Vielleicht weil sie morgen frei hatte, was derzeit selten genug vorkam. Oder weil ihr das Grillen Spaß gebracht hatte – immerhin unsere erste gemeinsame Aktivität seit langem. Jetzt steckte sie sich sogar eine Zigarette an. Das regelmäßige Rauchen hatte sie aufgegeben, aber bei passender Gelegenheit griff sie gern noch mal zum Glimmstängel.



Ich gab ihr Feuer. Als sie sich lächelnd bedankte, beschloss ich, aufs Ganze zu gehen: „Da liegen ja die ganzen Fotoalben im Wohnzimmerschrank.“ Ich versuchte möglichst gelassen zu klingen, möglichst unverfänglich. „Wieso sind da eigentlich keine alten Bilder drin?“ Noch während des Redens spürte ich, wie Mutterns gute Laune dahinschwand – und plötzlich frostige Kälte von ihr ausging. Aber ich wollte unbedingt am Ball bleiben, nicht zurückstecken: „Aus der Zeit vor der Nordstadt, meine ich?“

Das Lächeln war aus Mutterns Gesicht verschwunden. Ihre Stirn krauste sich, die Pupillen zuckten. „Fang doch nicht wieder damit an“, zischte sie und stieß den Rauch durch die Nase aus.

Eisiges Schweigen. Klaus schaute erst Muttern an, dann mich, dann wieder sie. Traute er sich nicht, seinen Mund aufzumachen? Oder checkte er gar nicht mehr richtig, was vor sich ging, weil er schon zu viel intus hatte?

„Ist ja schon total spät“, rief Muttern mit einem Blick auf ihre Armbanduhr. „Ich geh auch zu Bett.“ Sie drückte ihre gerade angerauchte Zigarette aus und hastete aus dem Raum.

Klaus sah ihr hinterher, blieb aber still. Auch meine eigene Entschlossenheit war mit einem Schlag wieder verschwunden. Auf einmal wusste ich nicht mehr, weshalb ich das Thema überhaupt angeschnitten hatte. Was sollte das noch bringen? Die Vergangenheit war vorbei, sie ließ sich nicht mehr ungeschehen machen.

„Tu mir bitte einen Gefallen“, murmelte Klaus, als vom oberen Flur kein Licht mehr kam. „Versuch nicht länger, mit Mutti über diese Sachen zu quatschen. Das ist wirklich besser, okay?“

„Klar“, meinte ich und nickte schnell.

Er kippte den Korn runter und stellte das Glas mit lautem Knall auf die Tischplatte. „Auch einen?“ Er hielt die Flasche hoch.

Kurz war ich versucht, sein Angebot anzunehmen, schüttelte dann aber den Kopf.

„Auch besser“, grinste er und schenkte sich den nächsten ein. Mir wurde immer unbehaglicher. Ich betrachtete das nach wie vor halbvolle Bierglas auf dem Tisch: Die Fliege darin bewegte sich nicht mehr.

Als ich nach oben ging, fühlte ich mich auf einmal müde. Sehr, sehr müde.

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