40. Alles nur ein Traum?

Weshalb hatte ich mich bloß zu dieser verdammten Dänemark-Reise überreden lassen? Familienleben – eine ganze Woche lang. Es gab kein Entrinnen, keine Möglichkeit, sich abzusetzen. Unser Ferienhaus lag völlig ab von allem, irgendwo weit oben in Jütland, an der Nordseeküste.
Alle Arbeiten erledigten wir gemeinsam: kochen, putzen, einkaufen. Fast jeden Tag machten wir Fahrten, zum Strand oder irgendwo in die Umgebung. Und bei gutem Wetter grillten wir im Garten, dann lief Henri zu großer Form auf. Vor kurzem hätte ich das alles noch ziemlich klasse gefunden, aber auf einmal konnte ich mich dafür nicht mehr begeistern. Es erschien mir nun wie eine billige, hohle Fassade, hinter der es bröckelte und gammelte.
Blöd war auch der Startzeitpunkt unserer Reise gewesen, gleich am Morgen nach dem Kurparkfest und der Sache im Geisterhaus. Alles war so rasch gegangen, ich hatte vor der Abfahrt niemanden mehr treffen können, auch Maren nicht.
Es gab hier einen weiten Strand, auf den man mit dem Auto fahren konnte. Die Steilküste zog sich in beiden Richtungen bis zum Horizont. Häufig stürmte es, und wir hatten eine tolle Brandung. Zum Baden war es eigentlich zu kalt, aber Henri und ich sprangen trotzdem ab und zu rein und tobten durch die Wellen. Manchmal unternahm ich auch Spaziergänge durch die Dünen- und Graslandschaft, die hinter unsrer Ferienhaussiedlung begann. Diese Touren waren mir das Liebste, weder Regen noch Sturm konnten mich davon abhalten.
In mir brannte eine fast unerträgliche Sehnsucht nach Maren. Ich wurde das verzweifelte Gefühl nicht los, dass ein Zugang sich wieder verschlossen hatte, der durch die Ereignisse dieses Jahres gerade erst entstanden war. Einmal versuchte ich einen Brief an sie zu schreiben. Aber ich fand nicht die richtigen Worte, brachte nur abgedroschenes Gelaber zustande. Ich konnte diese unbestimmte Angst, sie zu verlieren, einfach nicht ausdrücken. Am Ende zerriss ich den Brief wieder.
Manchmal saß ich abends mit Klaus auf ein Bier zusammen und ließ ich ihn aus seiner Jugend erzählen. Er war in einem üblen Viertel aufgewachsen, hatte sich später einer stadtbekannten Gang angeschlossen. Es gab derbe Auseinandersetzungen mit verfeindeten Gruppen. Einmal wollte er bei einer Jahrmarktsschlägerei einen Typen vor den Autoskooter werfen und wurde erst im letzten Moment von seinen eigenen Leuten gestoppt. Nach seiner Ausbildung zum Krankenpfleger war er als Entwicklungshelfer ins Ausland gegangen. Er hatte sich also um 180 Grad gedreht, war vom Rocker zum Reisenden geworden, der unter Moslems klarkommen musste. Irgendwie beeindruckte mich das.
Trotzdem ließ sich immer weniger wegreden, dass er anders geworden war. Er wirkte geknickt, völlig deprimiert. Sein Scheidungsverfahren zog sich in die Länge, nach wie vor wusste er nicht, wie alles weitergehen würde. Ich hätte ihm gern etwas Aufmunterndes gesagt, hatte aber Schiss, dass er anfangen würde, mir sein Herz auszuschütten. Dieser Gedanke war schlimm. Ich wollte ihn nicht schwach sehen. Er sollte stark sein, überlegen, jemand, an den man sich halten konnte.
***
Endlich zurück in Schönhagen!
Jeden Nachmittag trafen wir uns bei Bernd auf der Terrasse. Seine Eltern waren verreist, er hatte sturmfreie Bude. Ein pausenloses Kommen und Gehen herrschte, manchmal schien das halbe Dorf anwesend zu sein. Alles laberte wild durcheinander, Ferienerlebnisse wurden berichtet, Neuigkeiten ausgetauscht.
Noch immer war das Unwetter nach dem Kurparkfest beherrschendes Thema. Der Sturm hatte überall Bäume entwurzelt, die Feuerwehr war im Dauereinsatz gewesen, um die zahllosen vollgelaufenen Keller leerzupumpen. Bei Engels hatte es angeblich dreimal eingeschlagen, diverse Elektrogräte waren kaputtgegangen. Zum Glück hatte es nicht gebrannt. Die Vorstellung war reichlich skurril: Ausgerechnet dem Feuerwehrhauptmann persönlich fackelte die Bude ab. Alle mussten lachen, Jürgen inklusive.
Aber nicht bloß übers Wetter wurde geredet: Es hatte in derselben Nacht auch einen Toten gegeben, einen Selbstmörder. Er war in der Nähe von Hoheneck gefunden worden, erhängt im Knick des Feldweges nach Schönhagen. Niemand kannte ihn, niemand vermisste ihn. Es musste jemand von außerhalb gewesen sein, vermutlich ein Urlauber. Die Ermittlungen liefen auf Hochtouren.
Der Bericht, von Alex und Micha höchst dramatisch vorgetragen, jagte mir kalte Schauer über den Rücken. Der Feldweg zwischen Schönhagen und Hoheneck? Dort waren wir doch vorbeigekommen, auf der Fahrt zum Steenbarger Strand! Beim Blick ins Dunkel des Abzweigs hatte ich dieses merkwürdige Kraftfeld gespürt – und später ständig Halluzinationen gehabt von Erhängten im Knick. Waren das am Ende gar keine Halluzinationen gewesen? Hatte ich unbewusst im Dunkeln etwas gesehen, das mir anschließend im Kopf herumgeisterte? War so etwas möglich? Es fühlte sich gruselig an, regelrecht gespenstisch – und schien doch zu passen…
Wobei ich den genauen Verlauf der Nacht und vor allem die Ereignisse im Geisterhaus mittlerweile nicht mehr richtig zusammenbekam. Der Cocktail aus Alkohol und Dope vorm Kaminfeuer war übler gewesen als erwartet. Später dann diese Panikattacke – zum Glück hatte das nicht die Runde im Dorf gemacht…
Das Wetter war seit der Sturmnacht komplett außer Rand und Band; es wollte sich gar nicht mehr beruhigen. Zwar begann jeder Tag mit strahlendem Sonnenschein, aber schon in den Morgenstunden stiegen die Temperaturen auf 30 Grad und höher. Mittags türmten sich die Wolken wie Gebirge auf, wenig später brachen Regengüsse und Gewitter los, jagten wie aufgescheuchte Vogelschwärme übers Land. Erst abends ging den Unwettern die Kraft aus, fielen die Blumenkohl-Wolken endlich in sich zusammen und lösten sich rasch auf. Die Nächte waren immer sternenklar. Aber anderntags fing alles von vorn an.
Kürzlich war es über Mittag einigermaßen sonnig geblieben, und wir hatten beschlossen, einen Strandausflug zu riskieren. Ausgestattet mit den üblichen Sachen, Badezeugs, Handtüchern, Proviant, fuhren wir los. In den der Kornfeldern entlang der Wege sah man jetzt überall Stellen, die plattgewalzt waren, sicher durch die vielen Wolkenbrüchen der letzten Zeit. Wo die Halme noch aufrecht standen, waren sie gräulich verfärbt, die Ähren hingen schlaff herab. Auch das Laub der Knicks war oft gelb oder sogar braun geworden. Die Natur wirkte ausgelaugt und erschöpft, nichts war mehr übrig vom frischen, kräftigen Grün des Frühsommers.
Kaum am Strand angekommen, sprang ich sofort ins erfrischende Nass. Ein kurzes Durchspülen und Wachwerden, dann nahm ich meine Wanderungen über die Sandbank wieder auf. Anders als sonst war die See heute eher ruhig. Die Wasserfläche glänzte nahezu einsam im Sonnenlicht, auch am Strand lagen nur wenige Menschen. Ich beobachtete Bernd, Maren und Kristina, die an der Wasserlinie Frisbee spielten. Er brachte vollen Einsatz, hielt die beiden ordentlich auf Trab. Maren hatte ein Seidentuch in ihr Haar geflochten, das beim Laufen wie ein buntes Band hinter ihr her flatterte.
Meine Liebe zu ihr wurde immer stärker, fühlte sich mittlerweile fast wie ein Schmerz an, ein tiefer, brennender Schnitt ins Innere. Warum hörte nur diese Sehnsucht nie auf? Konnte ich Maren nicht jederzeit in die Arme nehmen? Sie küssen, spüren, schmecken? Ja, klar. Trotzdem schien die Person, die dort hinten über den Sand lief, unerreichbar fern zu sein, nur eine Phantasie, ein Wunschtraum…
Am Himmel waren inzwischen dunkle Wolken aufgetaucht. Die Sonne verschwand, das Wasser, eben noch klar wie Kristall, wurde zu einer trüben, braunen Suppe, der Grund war nicht mehr zu sehen. Ich schwamm zurück an Land, trocknete mich ab und wechselte die Badehose. Dann machte ich es mir auf dem Handtuch bequem.
Neben mir schnarchte Jürgen leise vor sich hin, noch immer käsig weiß wie am ersten Sommertag, während Bernd und die Mädchen am Strand unermüdlich Frisbee spielten. Wie hielten sie das bloß durch, bei dieser Schwüle? Eigentlich hätte ich mehr Initiative zeigen, Bernd nicht kampflos das Feld lassen sollen. Stattdessen lag ich hier müde und träge herum. Ich sah das Problem glasklar und konnte mich doch nicht aufraffen.
Landeinwärts ertönte nun tiefes, unheilvolles Donnern, ein kühler Wind strich plötzlich über uns hinweg.
„Kommt das hierher?“, hörte ich Maren besorgt fragen.
„Glaub nicht“, meinte Bernd. „Scheint da hinten längs zu ziehen.“
Er behielt recht. Zwar kam das Donnern noch ein paarmal, aber es wurde leiser, hörte irgendwann ganz auf. Stattdessen zeigte sich die Sonne wieder, brannte stärker denn je. Unwillkürlich fragte man sich, wo während des Donnergrummelns die kühle Brise hergekommen sein mochte.
In den nächsten Tagen hatten wir nicht mehr so viel Glück mit dem Wetter. Ständig gab es Platzregen, oft begleitet von Blitz und Donner. Die Terrasse der Stützers wurde nun unser festes Domizil. Kraftlos saßen wir dort jeden Nachmittag herum, laberten, hörten Musik. Die Markise, zum Schutz vor dem Regen ausgezogen, tauchte die Szenerie in unwirkliches Orange.
Gerade kam Silke auf die Terrasse. Ähnlich wie Bernd führte sie momentan zu Hause ein Einsiedlerdasein – der Rest ihrer Familie, Kristina inklusive, weilte in der Bretagne. Normalerweise hätte auch Silke mitfahren müssen, aber dieses Jahr war sie vom gemeinsamen Urlaub freigestellt worden. Stattdessen plante sie im August mit Jürgen eine Motorroller-Tour durch Dänemark.
Man sah sofort, dass sie mal wieder keinen BH trug. Gierig betrachtete ich ihre großen Brüste, die dicken Nippel, die sich deutlich unter dem dünnen Kleid abzeichneten. Ihre erotische Ausstrahlung haute mich jedes Mal von Neuem um.
Aber merkwürdig: So stark die Faszination im ersten Moment auch sein mochte – sie dauerte nie lang. Eine Explosion der Sinne, die rasch wieder verpuffte. Bei Maren war das anders. Verglichen mit Silke wirkte sie im ersten Moment unscheinbar, wenig aufregend. Aber wenn ich sie erst eine Weile beobachtet hatte, war es um mich geschehen. Mein Blick saugte sich regelrecht an ihr fest, ich war wie in Trance, konnte sie stundenlang einfach bloß anschauen und bewundern.
Was war es nur, das sie für mich so unfassbar, unsagbar anziehend machte? Waren es die schlanken, fast dünnen Arme? Oder die zu stämmigen Oberschenkel mit ihrer atemberaubend glatten Haut? Faszinierte mich der schmale, sonnengebräunte Nacken, auf dem der Badeanzug einen hellen Streifen hinterlassen hatte? Waren es gar die Narben und Schnitte am Oberarm, die sichtbar wurden, sobald der Ärmel ihres T-Shirts ein Stückchen hochrutschte? Maren schien immer schöner zu werden, je länger dieser Sommer dauerte. Und permanent brannte diese Sehnsucht in mir, dieses verzweifelte Gefühl, sie wäre gar nicht wirklich hier, bloß ein Traumbild, das sich auflöste, sobald man es zu berühren versuchte.
Bald würde sie mit ihren Eltern auf Italienreise gehen. Zeitgleich fuhr ich nach Föhr, mit Hartmann und dessen Familie. Beide Tripps waren lange geplant, und doch nervte es mich gründlich, dass wir geschlagene zwei Wochen getrennt sein sollten. Auch dass ich sie gerade jeden Tag mit der Clique teilen musste, stieß mir sauer auf. Warum wollte sie immer hier bei den anderen sein? Warum durfte ich sie nie für mich haben? Es war, als treibe sie unaufhaltsam davon. Mittlerweile hatte ich den leisen Verdacht, sie wolle nicht mehr so gern mit mir allein sein.
Andererseits: Weshalb wollte ich mich plötzlich mit Maren abkapseln? Wir waren immer mal unter uns, mal mit den anderen zusammen gewesen. Genau dieser Wechsel war doch das Interessante, Spannende. Sich einzuigeln wie ein altes Ehepaar – wozu sollte das gut sein?
Bernd rückte ihr gerade wieder ziemlich auf die Pelle. Verdammt, wie der Typ mich nervte! Ständig machte er an ihr herum. Kitzelte sie, pikste ihr in die Seite, kniff sie. Jetzt nestelte zur Abwechslung mal an ihrer Haarspange rum. Und plopp – schon sprang der Verschluss auf, der Knoten über dem Nacken löste sich, das Haar rauschte herab.
„Toll, Bernd! Und nun?“ Marens grüne Augen funkelten ihn an, ihre Miene schwankte zwischen Genervtheit und Belustigung.
„Wollte mal sehen, was passiert“, grinste er.
Silke erzählte, dass Maren vormittags bei ihr vorbeigekommen war, mit einer Ladung Wäsche, weil bei ihr zu Hause gerade die Maschine streikte. Silke hatte sowieso waschen wollen, schmutzige Sachen von Kristina. Sie warfen alles in die Maschine, anschließend frühstückten sie erst einmal ausgiebig. Als Maren gerade draußen war, klingelte es – Bernd stand vor der Tür, er langweilte sich. Silke, die ihn loswerden und lieber in Ruhe mit Maren weiterfrühstücken wollte, schlug vor, dass er schon mal Kristinas Wäsche im Garten aufhängen könne. Dass auch Marens Wäsche in der Maschine war, hatte sie bereits vergessen. Als die beiden dann in den Garten kamen, war Bernd gerade dabei, seelenruhig die Slips von Maren im Gegenlicht zu studieren.
Alle grölten los. „Was kann ich dafür, wenn ich die Wäsche aufhängen soll?“, verteidigte sich Bernd. „Endlich mal gute, interessante Unterwäsche. Definitiv was anderes als die Billigslips von Kristina mit ihren Blümchenmustern. Sogar mit Spitze waren welche dabei. Teilweise durchsichtig und so. Echt geil.“
„Ja, Bernd, erzähl’s doch bitte noch genauer“, rief Maren. Wieder war sie hin und hergerissen zwischen Genervtheit und Mitlachen.
Ich versuchte, ganz ruhig zu bleiben. Sei vernünftig, sagte ich mir immer wieder. Hatte er irgendwas gesehen, das ich noch nicht kannte? Ach verdammt, Marens Unterwäsche ging ihn einfach nichts an! Der Kerl hatte aber auch ein Glück – sogar beim Wäscheaufhängen!
Maren saß inzwischen auf dem Boden, stütze sich mit dem Ellenbogen auf Bernds Oberschenkel ab. Ich wusste, dass der Umgang zwischen den beiden total ungezwungen und vertraut war. Sie kannten sich halt schon ewig. Eigentlich war da nichts, woran ich mich hätte stören sollen. Oder doch?
Nach der Aktion mit der Spange hatte Maren ihr Haar offengelassen. Bernd war das natürlich nicht entgangen: Er hatte sich eine ihrer Strähnen geschnappt und wickelte sie nun fortwährend um seinen Finger. Maren schien es nicht zu merken. Oder es störte sie nicht. Vielleicht machte Bernd das schon immer, und sie hatte sich dran gewöhnt. Aber mir versetzte der Anblick trotzdem einen heftigen Stich ins Herz.
Es war weniger Eifersucht, was ich empfand, als vielmehr Neid. Ich war neidisch auf Bernd, seine Unkompliziertheit und Spontanität. Kristina war verreist und er einsam, also suchte er sich jemanden zum Spielen, in diesem Fall Maren. Mühelos gelang es ihm, ständig um sie zu sein, sie in seine Nähe zu ziehen. Ich selbst war abgeblockt, kam nicht mehr an sie heran. Weshalb konnte ich nicht genauso locker sein wie Bernd, so unverkrampft? Ganz sicher würde Maren dann jetzt bei mir sitzen und nicht bei ihm.
Ich fühlte mich ihm hoffnungslos unterlegen. Ihm und allen anderen hier in Schönhagen. Ich war minderwertig. Wie Säure fraß sich dieser Eindruck in mich hinein, immer tiefer, bis er zur Gewissheit wurde. Und plötzlich hatte ich das starke Gefühl, dass Marens Liebe zu mir längst im Schwinden begriffen war. Hatte Bernd nicht viel mehr Charme und Witz, dazu die eindeutig bessere Optik mit seiner südländischen Bräune und dem unbekümmerten Lächeln? Bestimmt regten sich in ihr längst tiefere Gefühle für ihn. Sie wollte es eigentlich gar nicht, es war einfach über sie gekommen.
Und irgendwann sagte sie mir, dass Schluss war.






































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