41. Abenteuerland

Die anderen waren ins „Abenteuer-Wunderland“ gefahren, einem Vergnügungspark in der Schönhagener Region. Ich hatte mich entschieden, nicht mitzukommen. Mein Heuschnupfen war in den letzten Tagen ziemlich stark geworden, ich fühlte mich, als hätte ich die Grippe.
Aber mittlerweile war klar, dass ich mich hätte aufraffen müssen. Schließlich war ich nicht wirklich krank. Allein diese verdammte Allergie machte mich platt.
Und jetzt saß ich hier wie auf glühenden Kohlen. Die ganze Zeit hatte ich das sichere Gefühl, dass da draußen etwas passierte, das ich eigentlich hätte verhindern müssen. Stattdessen war ich zum Nichtstun verdammt, und zwar durch eigene Blödheit. Ich hatte mich selbst aus dem Spiel genommen, ohne Not schachmatt gesetzt.
Es war die pure Folter.
***
Wieder hatte sich eine große Menschentraube bei Bernd auf der Terrasse gebildet. Aber diesmal war ich schneller gewesen, hatte ein Plätzchen direkt neben Maren ergattert. Bernd war ausgebootet.
Wie gern ich Maren gezeigt hätte, dass ich sie über alles liebte, mir ein Leben ohne sie nicht mehr vorstellen konnte! Aber ich hockte nur verkrampft dort und hielt ihre Hand, streichelte sie wie ein kostbares Stück, das mir gnädigerweise überlassen worden war. Mehr zu tun, sie in den Arm zu nehmen oder gar zu küssen, wagte ich nicht. Ich fühlte mich ihrer unwürdig, mochte ihr nicht mal in die Augen schauen. Wahrscheinlich hatte ich schlicht ein Rad ab.
Die Fahrt ins „Abenteuer-Wunderland“ war wohl ein voller Erfolg gewesen, die vier Ausflügler wurden des Schwärmens nicht müde, berichteten endlos von ihren Erlebnissen: der Achterbahn mit ihren fünf Loopings, der riesigen Schiffsschaukel, dem „Powertower“ und der berühmten Wildwasserbahn. In letztere hatten sich Jürgen und Silke nicht getraut, dafür waren Bernd und Maren gleich dreimal mitgefahren.
Die beiden schienen überhaupt alles zusammen gemacht zu haben. Wie gut, dass ich nicht mitgekommen war – zu fünft hätte immer einer passen müssen…
Sie redeten und redeten und wollten gar nicht wieder aufhören. Fast jeder auf der Terrasse schien das „Abenteuer-Wunderland“ zu kennen und konnte eigene Erlebnisse beisteuern. Unmerklich begann sich die Sitzordnung zu verändern, mehr und mehr Leute drängten heran. Erst versuchte ich noch, in Marens Nähe zu bleiben, aber es wurde immer schwieriger. Bald gab es kein Halten mehr, ich verlor ihre Hand, und schließlich war wieder ein ganzer Pulk Menschen zwischen uns.
Weit entfernt sah ich sie am Boden hocken, mit Heiner und Bernd, so weit es ging eigentlich. Machte sie das extra? War das vielleicht ihre Methode, mir zu signalisieren, dass sie sich umentschieden hatte, dass für mich leider Sense war? Es schien fast so.
Die Abendbrotzeit rückte heran. Maren stand auf und schaute wartend zu mir herüber. Ich blieb stur, rührte mich nicht. Ungeduldig hielt sie mir ihre Hand hin: „Bringst du mich?“ Man spürte, dass sie leicht genervt war.
Schweigend gingen wir das kurze Stück bis zu ihrer Haustür. Als wir ankamen, fragte sie: „Was ist eigentlich los mit dir?“
Ihre direkte Frage überraschte mich. „Was soll los sein?“, wich ich aus.
„Du hast doch irgendwas.“
Ja, das stimmte. Aber was eigentlich? Ich konnte mein komisches Gefühl, diese Mischung aus Eifersucht, Frust und Wut, einfach nicht in Worte fassen. Außer Rumgedruckse und einem gemurmelten „Keine Ahnung“ brachte ich nicht viel heraus.
„Du musst doch wissen, was mit dir los ist.“
Verdammt, sie hatte ja recht: Etwas passte mir nicht. Aber wie sollte ich es erklären?
Sie selbst war natürlich nie unsicher, wusste immer, was sie wollte, hatte die Dinge jederzeit im Griff. Und ich sollte am besten genauso sein.
Je länger ich über die Situation nachdachte, desto unwilliger wurde ich. Bei mir war es eben anders! Bei mir war da halt ständig dieses Wirrwarr aus Gefühlen, dieses Kuddelmuddel. Sollte ich mich deshalb in die Ecke stellen und schämen? Mir die Eselsmütze aufsetzen?
Schließlich machte ich vollends dicht, ging auf Frontalangriff: „Nö, alles okay!“ Ich glotzte ihr direkt in die Augen, ziemlich böse.
Der Schuss hatte offenbar gesessen: Sie runzelte die Stirn, man merkte, dass sie unsicher geworden war. Dann begann ihr Blick mich abzutasten, wie auf der Suche nach einer undichten Stelle, einer Schwäche. Aber ich blieb ganz ruhig, gab mir keine Blöße.
Schließlich ließ sie von mir ab. „Du musst es wissen“, seufzte sie leise.
Beim Zurückgehen fühlte ich mich richtig mies. Nun stand tatsächlich etwas Ungeklärtes zwischen uns – zum ersten Mal.
***
Ich war auf dem Weg ins Dorf, um bei Presse-Söncksen ein bestelltes Buch abzuholen, einen Bildband über die Sahara. Ich hatte den Ziegel in einer Anzeige entdeckt und fand, dass es ein gutes Geburtstagsgeschenk für Klaus war. Henri beteiligte sich.
Immer wieder musste ich an die gestrige Szene mit Maren denken. Mittlerweile ärgerte ich mich total über mich selbst. Warum konnte ich nicht einfach zugeben, dass Bernds Art, sich an sie ranzuschmeißen, mir sauer aufstieß? Dass ich Probleme damit hatte, wie locker sie mit den anderen Jungs umging?
Jedenfalls hatte ich mir fest vorgenommen, nachher offen mit ihr zu quatschen. Und mich für die dämliche Nummer gestern abend zu entschuldigen. In Zukunft wollte ich mich zusammenreißen. Ich sehnte mich so sehr danach, sie wieder in den Armen zu halten, ohne Hintergedanken, ohne Eifersucht oder sonstige schlechte Gefühle, einfach so.
Gerade war ich an der Grünen Insel vorbei und kam in die Fußgängerzone, da begegnete mir Heiner. „Ist ja witzig“, meinte er, „Maren hab ich eben auch schon getroffen.“
„Wo denn?“, fragte ich hastig. Ich wollte sie unbedingt sehen!
„Am Mühlenteich, mit Rusi.“
Als ich diesen Namen hörte, dachte ich im ersten Augenblick: Ach ja, der ist ja aus der Klapse zurück. Ich hatte die anderen bei Bernd auf der Terrasse schon darüber reden hören. Aber auf einmal spürte ich heftiges Herzklopfen, meine Hände fingen an zu zittern.
„Wo sie hin wollten, haben sie nicht zufällig gesagt?“, fragte ich Heiner. Irgendwie schaffte ich es, ganz cool zu bleiben.
„Nö. Dachte eigentlich, zu Rusi in die Strandstraße. Sah jedenfalls danach aus.“
Eigentlich war Heiner ein schlauer Typ. Jedenfalls wenn es um technische Dinge ging, um Maschinen, Motoren, Elektrik und so Zeugs. Für das, was zwischen Menschen lief, hatte er allerdings überhaupt kein Gespür. Sonst hätte er bestimmt nicht so arglos dahergeplaudert, der gutmütige Trottel.
Als ich am Mühlenteich vorbei zur Strandstraße ging, schlotterte alles an mir. Rusi… warum hatte Maren mir nicht erzählt, dass sie sich wieder mit ihm traf? Wie oft mochten die beiden schon zusammengehockt haben, seit er zurück war?
In der Strandstraße konnte ich keine Menschenseele entdecken. Sicher waren sie längst zu Rusi reingegangen. Leider kannte ich die Hausnummer nicht, sonst hätte ich einfach geklingelt. Meine Phantasie ging mit mir durch. Bestimmt hockten sie gerade einträchtig nebeneinander auf dem Sofa und tranken Tee. Oder sie waren bereits im Bett. Womöglich hatte er ihr heimlich was in die Tasse geschüttet, mit Drogen wusste er ja bestens Bescheid. Und nach der langen Zeit im Krankenhaus war er sicher ziemlich ausgehungert…
In meiner Panik rannte ich kreuz und quer durchs Dorf und fand natürlich keine Spur der beiden. Irgendwann sah ich ein, dass es zwecklos war. Und außerdem total lächerlich. Was trieb ich hier eigentlich?
Ich riss mich zusammen. Ging einfach direkt zu ihr und klingelte. Frau Sühring öffnete. „Nein, Maren ist nicht da.“ Sie strahlte übers ganze Gesicht, freute sich offenbar, mich zu sehen. „Aber zum Mittagessen kommt sie zurück.“
Das war zumindest eine Aussicht. Ein wenig beruhigt latschte ich nach Hause, setzte mich in meinen Sessel, wartete. Die Zeit schien zu kriechen.
Endlich ging es auf Mittag zu. Mich hielt es nicht mehr auf dem Allerwertesten – ich sprang hoch, wetzte wieder zu ihr, klingelte. Sie öffnete selbst die Tür. „Lass uns nach oben gehen.“, sagte ich. Mein Tonfall geriet einen Tick zu laut, zu hektisch. Sie merkte sofort, dass etwas nicht stimmte.
Kaum hatte ich die Zimmertür hinter uns geschlossen, sagte sie auch schon: „Also, was ist los?“
Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, die Sache in Ruhe zu klären, keine falschen Verdächtigungen auszusprechen. Aber ich hatte mich nicht mehr im Griff, platzte sofort los: „Hättest mir wenigstens sagen können, dass ihr euch wieder trefft, Rusi und du!“
Sie sah mich einen Augenblick irritiert an. Dann verstand sie, kam auf mich zu. „Hey, das ist rein freundschaftlich“, sagte sie mit leiser Stimme und strich mir vorsichtig über die Schulter. „Er ist vor ein paar Tagen aus der Klinik entlassen worden. Wir sind ein Stück spazieren gegangen.“
„Heiner meint, ihr seid zu ihm gegangen!“ Was für ein Idiot war ich eigentlich, Heiner dermaßen in die Pfanne zu hauen?
Sie seufzte und schaute zur Zimmerdecke. „Ich habe ihn nach Hause gebracht. Und bin noch kurz mit reingegangen, ja.“ Zum ersten Mal klang ihre Stimme leicht gereizt.
Dann ging ihr Blick ins Leere, auf ihrem Gesicht erschien ein gedankenverlorenes Lächeln. Ich kannte es bereits, von unserem Nachmittag am Hünengrab. „Musste Rusis Eltern doch mal ‚Hallo’ sagen. Immerhin bin ich für sie ja so was wie eine Tochter.“
Als ich das hörte, brannten bei mir endgültig die Sicherungen durch. „Ich würd’s eigentlich gut finden, wenn du dich gar nicht mehr mit ihm triffst“, versetzte ich. So deutlich hatte ich das nicht sagen wollen. Aber nun war es halt passiert.
„So, würdest du?“ Plötzlich war ihre Stimme kühl geworden. Ich musste schlucken.
Sie drehte sich weg, hantierte hektisch mit ihrem Nähzeug herum. Unwirsch griff sie sich eine Stoffbahn und begann, ein Muster hineinzuschneiden. Einer der Schnitte ging anscheinend daneben, denn mit einem Mal schmiss sie den ganzen Kram von sich und stieß zischend ein „Scheiße!“ aus. Es versetzte mir einen regelrechten Stich. Sie nahm eine Zeitschrift mit Schnittmustern, blätterte wie wild darin herum.
Irgendwann hielt sie in ihrer Bewegung inne und schaute mich fest an. Ihre Stimme war ganz ruhig und hatte dennoch etwas sehr Bestimmtes, fast Einschüchterndes: „Ich will einfach nicht mehr, dass mir irgendjemand sagt, mit wem ich mich treffen soll und mit wem nicht. Diese Tour hatte ich mit Rusi lange genug.“
Das war deutlich gewesen. Wieder musste ich schlucken. Ich war kurz davor, den Rückzug anzutreten, bedingungslos zu kapitulieren. Aber einen letzten Versuch machte ich noch: „Immerhin ist er dein Ex-Lover.“
Sie seufzte wieder, diesmal sehr laut. „Hauke, das ist nicht einfach nur mein ‚Ex-Lover’. Wir kennen uns von klein auf. Er ist fast wie ein Bruder für mich, auch wenn das blöd klingt.“
„Schöner Bruder, so mies, wie er dich behandelt hat!“
„Ja, stimmt“, gab sie zu. „Aber es tut ihm leid. Er hat sich dafür entschuldigt, und ich glaube, er meint’s ehrlich.“
Nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu: „Ich kann ihn jetzt nicht hängen lassen. Momentan geht’s ihm wirklich mies.“
Ich kam ernstlich ins Grübeln. Konnte ich ermessen, wie wichtig die beiden einander waren? Hatte ich jemals mit einem Menschen ein so intensives Verhältnis gehabt? Was verlangte ich da? Mir wurde flau in der Magengegend, das Thema schien zu groß für mich zu werden, zu mächtig. Ich atmete tief durch. Es wird schon irgendwie gehen mit Rusi, sagte ich mir innerlich, es muss einfach!
Ich wollte schon einlenken, da schoss mir plötzlich eine andere Sache durch den Kopf: „Was will eigentlich Bernd von dir?“
Es dauerte einen Moment, ehe sie verstand: „Och Hauke, das ist alles ewig her“, meinte sie. „Bernd ist damit längst durch, du musst das locker sehen.“ Sie sprach in einem gutmütig aufmunternden Ton, wie bei einem Kind, einem bockigen, kleinen Jungen. „Er denkt sich nichts dabei, das läuft bei ihm immer so. Außerdem ist er mit Kristina zusammen. Und Bernd ist treu – was man von Kristina nicht immer behaupten kann.“
Sie hatte recht. Kristinas Fremdgeherei war geradezu legendär und sorgte im Dorf immer wieder für wildes Getratsche. Bernd hatte deswegen ja sogar Schluss mit ihr gemacht. Aber in den letzten Monaten schien es zwischen den beiden problemlos gelaufen zu sein.
Ich musste unwillkürlich lächeln. Eigentlich hatte ich es selbst nie geglaubt. Maren und Bernd – die beiden passten überhaupt nicht zueinander…
Sie lächelte ebenfalls und strich mir durchs Haar. „Okay?“, fragte sie. Nach kurzem Zögern nickte ich. Der bockige Junge war getröstet. Aber egal, ich war einfach nur froh, dass ich sie endlich wieder in die Arme nehmen und ihre Wärme spüren durfte.





































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