42. Familienfeier

Großes Kaffeetrinken bei den Sührings. Marens Vater hatte Geburtstag. Eine Unmenge Verwandter waren zu Besuch gekommen, Omas und Opas, Onkels und Tanten, Cousins und Cousinen.

Alle hatten sich schick gemacht. Die Männer trugen Jacketts, die Frauen, Maren inklusive, waren im Kostüm. Nur ich trug meine normalen Plünnen. Auf die Idee, mich rauszuputzen, war ich überhaupt nicht gekommen, hätte dafür auch gar keine Klamotten gehabt. Und jetzt fühlte ich mich zwischen den ganzen Sonntagsgarderoben völlig fehl am Platz.

Das Kaffeetrinken fand auf der Terrasse statt. Herr Sühring hielt eine Ansprache, bedankte sich bei allen fürs Kommen. Maren saß zwischen ihren Eltern. ‘Die heile, glückliche Familie’, war mein erster Gedanke bei dem Bild.

Auch mit den Tischmanieren hatte ich meine Probleme. Die Servietten, die als Zylinder zusammengerollt auf dem Teller standen, hielt ich erst für Deko. Ich wollte meine einfach zur Seite schmeißen, als es mit dem Futtern losging. Aber dann sah ich, wie meine Sitznachbarn sie sorgfältig auf den Oberschenkeln drapieren. Beim Essen saßen alle kerzengerade, als hätten sie Besen verschluckt. Verglichen damit hing ich über meinem Teller wie ein Kleiderhaken.

Am meisten nervten die dämlichen Fragen, die von allen Seiten auf mich einprasselten: Was meine Studienpläne waren, welchen Beruf ich mir ausgesucht hatte, ob ich mich beim Bund verpflichten wollte und so weiter. Nein, Sport trieb ich leider nicht. Nein, ich hatte kein Instrument gelernt. Ja, wirklich toll, dass Maren jahrelang Klavierunterricht gehabt hatte.

Auf Dauer wurde das geradezu beklemmend. Ich kam mir wie ein kulturloses, völlig verkorkstes Subjekt vor, das nichts drauf hatte und nichts mitbrachte. Am liebsten wäre ich abgehauen.

Maren hatte ihrem Vater ein Blutdruckmessgerät geschenkt. Reihum musste sich nun jeder Gast prüfen lassen. Marens Blutdruck war okay. Dann kam ich dran. Marens Vater pumpte, blickte auf die Anzeige, runzelte die Stirn. „Zu niedrig.“, verkündete er laut.

„Zeig mal, Hermann“, rief eine alte Schachtel und beugte sich über das Gerät an meinem Arm. Dann wandte sie sich zu mir: „Junge, du solltest besser zum Arzt gehen.“

Jetzt wurde Frau Sühring hellhörig: „So schlimm?“, fragte sie und schaute auf die Anzeige. „Na ja, könnte wirklich n bisschen höher sein, Hauke.“



Eine lautstarke Diskussion über die richtigen Blutdruckwerte entbrannte. Vor allem die Älteren redeten sich die Köpfe heiß. Endlich hatte Herr Sühring Erbarmen mit mir und befreite meinen Arm von dem Gerät.

Kein Wunder, dass mein Blutdruck so niedrig war. Ich hatte mich zuletzt völlig in mir selbst verkrochen, hatte versucht, innerlich zu verschwinden. Aber selbst das war danebengegangen, sie hatten mich in meinem Versteck gefunden und erbarmungslos herausgezerrt. Jetzt konnten es alle sehen und hören: Bei Hauke Jansen stimmte gar nichts, nicht mal der Blutdruck!

Später wurde die Tischtennisplatte aufgestellt. Maren war erstaunlich gut. Ihren Vater, der immerhin mal im Verein gespielt hatte, servierte sie glatt ab. Auch mir flogen die Bälle nur so um die Ohren. Sie waren oft angeschnitten, sprangen nach dem Aufprall in völlig unerwartete Richtungen, sodass ich mit meinem Schläger ins Leere schaufelte. Irgendwann erwischte sie mich auf dem falschen Fuß: Ich rutschte aus und lag im Gras. Verstohlenes Gelächter machte sich breit, jemand rief „Üben!“

Nun kochte es endgültig in mir über. Viel hätte nicht gefehlt, und ich wäre einem der properen Cousins an die Gurgel gegangen. Aber dann hatte ich eine bessere Idee. Betont ruhig und gefasst stand ich auf, legte den Schläger auf die Platte, drehte mich um und ließ die feine Gesellschaft einfach stehen. Statt durchs Haus ging ich durch den Garten und von dort direkt auf den Weg zur Brentanostraße. Zum ersten Mal an diesem Nachmittag spürte ich ein Gefühl der Überlegenheit.

Auf der Straße kam die angestaute Wut heraus, eine herumliegende Dose musste dran glauben: Wie ein Berserker kickte ich sie durch die Gegend. Einmal flog sie gegen ein parkendes Auto – egal! Wenn jemand sich daran störte, sollte er rauskommen, dann klärten wir das gleich hier an Ort und Stelle!

Zu Hause rannte ich die Treppe hoch, donnerte die Zimmertür hinter mir zu, dass die Wände wackelten. Ich ließ mich in den Sessel fallen und steckte mir eine Fluppe an – die erste seit Stunden. Bei Sührings war Rauchen natürlich absolut tabu gewesen. Als ich dort saß und mich langsam beruhigte, kam das Bohren und Nagen hoch. Verdammt blöd, dass ich einfach abgehauen war. Wenigstens eine Ausrede hätte ich mir einfallen lassen müssen, um die Form zu wahren. Die Sache würde ein Nachspiel haben, ganz sicher…



Irgendwann ging die Klingel. Jemand machte auf, man hörte polternde Schritte auf der Treppe. Dann klopfte es bei mir, laut, unheilvoll…

„Ja?“, brachte ich kläglich heraus.

Als sie ins Zimmer trat, hatten sich ihre grünen Augen seltsam verdunkelt. Das war mehr als nur Wut – sie war völlig mit den Nerven fertig. Allmählich dämmerte mir, wie wichtig dieser Tag für sie gewesen war. Und ich hatte sie einfach hängen lassen, war kurzerhand abgedampft.

Ich stammelte eine Entschuldigung, aber sie konnte bloß jämmerlich klingen, komplett armselig. Es war mir nicht möglich, ihr zu vermitteln, wie sehr ich meine Aktion bereute. Für derartige Gefühle hatte ich einfach keine Worte. Eine dunkle Ahnung beschlich mich: War es wirklich sicher, dass Menschen, die zueinander gehörten, auch zueinander fanden?

Sie hatte offenbar denselben Gedanken: Erschrocken sahen wir uns an. Dann fielen wir uns in die Arme, küssten uns, immer wieder. Ich hörte ihr leises Weinen an meinem Ohr. „Mach das nie wieder, okay?“, bat sie mich.

„Okay“, flüsterte ich zurück. Würde ich dieses Versprechen je halten können?

Wir drückten uns, pressten uns aneinander, immer fester, bis es wehtat. Ich spürte ihre Rippen an meinem Körper. Warum konnten wir jetzt nicht miteinander verschmelzen, eins werden? Warum ging das bloß nicht?

 

***

 

Kristina war aus der Bretagne zurück. Als ich zu Bernd auf die Terrasse kam, wurde sie gerade von allen Seiten begrüßt. Begeistert erzählte sie von felsigen Küsten, weiten Stränden, einsamen Sandsteinkirchen. Sie hatte uns total vermisst.

Auch heute herrschte wieder dichtes Gewusel, jedes Fleckchen der Terrasse war bedeckt mit Leibern. Maren saß bei mir auf dem Schoß. Ihre Fingerspitzen wühlten sich in meine geschlossene Hand, öffneten sie. Die Berührung war so intensiv, dass ich eine Gänsehaut bekam.

Ich musste an unsere gestrige Versöhnungsszene denken. Wie sehr ich es genossen hatte, sie einfach nur zu halten, sie atmen zu hören, ihre warme Wange an meiner zu spüren. Ich hätte ewig mit ihr dort stehenbleiben können. Aber dann überkam mich ein derartiges Gefühl der Lust. Ihr ging es genauso. Eine Art Welle durchlief uns. Aus unseren Umarmungen wurde rasch ein Kämpfen, ein Ringen. Wir begannen, uns gegenseitig auszuziehen, rissen uns die Klamotten regelrecht vom Leibe.



Diesmal war es soweit. Vor lauter Aufregung bekam ich das Kondom nicht drüber, obwohl ich so oft allein geübt hatte. Sie half mir, hatte offensichtlich Erfahrung mit den Dingern, es ging einfach nur flutsch – und schon war es drauf.

An diesem Tag schlief ich zum ersten Mal mit einem Mädchen. Die Lust war fast wie ein Schmerz. Als es mir kam, wühlte ich mich ins Kissen, um den seltsamen Laut zu unterdrücken, der mir entfuhr.

Hinterher fühlte ich mich erschöpft und eigenartig leer. Maren lächelte. Sie wirkte, als würde sie gerade aus weiter Ferne zurückkehren. Ich lächelte zurück, aber es war nur eine Fassade. Eigentlich lag sie allein dort.

Warum hatte es nicht bei der Umarmung bleiben können? Warum hatten wir diesen besonderen Moment nicht ausgekostet? Wir waren uns ganz, ganz nah gewesen, so nah wie niemals zuvor. Aber plötzlich war diese Geilheit gekommen. Was dann geschehen war, hätte ich mit jedem anderen Mädchen genauso haben können…

Und nun saß Maren auf meinem Schoss, hier bei Bernd, und ahnte nichts von meinen düsteren Gedanken. Das Gespräch kam auf die Geburtstagsparty, die vorgestern im Drachenfliegerverein stattgefunden hatte, in der Nähe des Bismarckturms. Ich war nicht eingeladen gewesen, weil die Leute dort, Freunde von Bernd, mich nicht kannten. Begeistert erzählte Silke von den Geländefahrten auf dem Quad.

„Der Hammer war“, sie wandte sich lachend an Maren, „wie Rusi mit dir kreuz und quer über die Startbahn gerast ist. Du hast so laut geschrien, dass man es übers ganze Gelände hören konnte.“

Maren hielt sich die Augen zu, weil es ihr so peinlich war. „Das war die absolute Höllenfahrt!“ gestand sie. Aber dann musste sie ebenfalls lachen.

„Hab schon gehört, dass Rusi wieder da ist“, meinte Kristina, „und dass ihr euch wieder vertragen habt.“

Maren nickte. „Wir hatten ein längeres Gespräch.“

„Wär auch verflucht schade gewesen. Ihr beiden seid einfach wie Bruder und Schwester.“ Kristina schien richtig glücklich, als sie das sagte.

Auf einmal hatte ich das Gefühl, mir unbedingt Luft verschaffen zu müssen. Ohne Ansage stemmte ich mich hoch. Maren verlor das Gleichgewicht, ruderte mit den Armen und kam nur sehr knapp wieder auf die Füße. In diesem Augenblick riss etwas zwischen uns – glasklar, mit fast brutaler Deutlichkeit sah ich es. Aber anstatt schnellstmöglich gegenzusteuern und mich zu entschuldigen dampfte ich Richtung Klo davon. Ignorierte einfach Marens erschrockenen, vorwurfsvollen Blick, ließ ihn sozusagen an mir abprallen, knallhart.



Im winzigen Toilettenraum stand ich wie gelähmt da. Durchs offene Klappfenster hörte man, dass es zu regnen angefangen hatte, mal wieder. Eine ganze Weile lauschte ich nur dem Platschen der Tropfen. Wie beruhigend das klang, wie traurig schön…

Leider konnte ich mich nicht ewig hier drinnen verbarrikadieren. Schon mehrmals hatten Leute an der Tür gerüttelt, weil sie mal mussten. Ich atmete durch, schloss auf und zwang mich, wieder auf die Terrasse zu gehen.

Dort war es inzwischen noch voller geworden. Ich fand bloß ein letztes, winziges Fleckchen ganz am Rand der Markise, fast schon auf dem Rasen. Hier war man völlig abgemeldet, von der Unterhaltung ließ sich kaum noch etwas verstehen. Andauernd ertappte ich mich dabei, dass ich nicht mehr zuhörte, mit den Gedanken abschweifte.

Maren hockte wieder am Boden, zwischen Bernd und Heiner. Letzterer schien ein Auge auf sie geworfen zu haben. Er rückte so nah an sie heran wie es ging, versuchte ihr zu schmeicheln, nett zu ihr zu sein. Aber seine Anbaggerei wirkte armselig. Steif wie eine Zaunlatte saß er auf seinem Stuhl, mit zusammengeklemmten Oberschenkeln und nach innen gedrehten Füßen. Die süßlichen Worte, die er von sich gab, waren mehr als peinlich. Der Typ konnte einem fast Leid tun. Gegen den war ich ja Casanova persönlich!

Kristina kam und setzte sich auf die Seitenlehne meines Stuhls. „Ist was mit Maren und dir?“, fragte sie.

„Wieso?“ Ich wurde rot.

„Sieht zwischen euch jetzt irgendwie so anders aus.“

Ich war erschrocken. Fiel es schon so sehr ins Auge? Gleichzeitig flammte ein Hoffnungsfunken in mir auf. Vielleicht half es ja, jemanden ins Vertrauen zu ziehen? Vielleicht konnte Kristina zwischen uns vermitteln?

Nein, sie würde sich wohl auf Marens Seite schlagen. Für meine komischen Problemchen hatte sie sicher kein Verständnis. Sie würde mich ein bisschen belabern, mit Standardsprüchen abspeisen von wegen, ich solle das alles nicht so eng sehen und so weiter. Das brauchte ich nun wirklich nicht.

Und so zuckte ich bloß mit den Achseln und starrte ratlos aufs nassglänzende Pflaster des Gartenwegs. Betrachtete die Pfützen, die sich auf dem Rasen gebildet hatten und immer weiter anschwollen. Mit jedem Windstoß bekam ich neue Regenschwaden ab. „Rückt mal zusammen!“, forderte Kristina die Leute auf. „Hauke wird ja total nass.“ Ein lustloses Herumgeschiebe begann. Es brachte nicht viel – hinterher saß ich noch immer im Regen.



Kristina war bald wieder weg. Der Regen verstärkte sich zusehends, meine Hosenbeine waren längst durchnässt. Ich beschloss, zu Hause die Klamotten zu wechseln.

Als ich in mein Zimmer trat, wurde mir klar, dass ich nicht wieder zurückgehen würde. Ich hatte genug von Regen und Nässe, ertrug auch die schwüle, elektrisch aufgeladene Atmosphäre bei Bernd nicht länger. Die Dinge ließen sich wahrscheinlich eh nicht mehr geraderücken – weshalb noch endlos daran herumwursteln? Nein, lieber hier drinnen bleiben, in Trockenheit und Wärme, und Musik anmachen, eine meiner Meditationsplatten.

Ich wollte auf eine Reise gehen und nie mehr zurückkehren ins Draußen, ins Hier…

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