44. Hafenfest

Der Ford Taunus heulte vernehmlich, als Klaus das Gaspedal durchtrat. Gerade hatten wir Eckhorst hinter uns gelassen, fuhren auf die Autobahn. Jetzt ging es schnurstracks in die Nordstadt.
Als vorhin die Türme des Ferienzentrums am Horizont verschwanden, hatte das etwas Endgültiges gehabt. Erst Ende August würde ich zurückkommen, das schien Ewigkeiten in der Zukunft zu liegen. Alles würde dann komplett anders sein als bisher…
Ein letztes Mal hatte sich mein schlechtes Gewissen gemeldet: Ob es wohl doch besser gewesen wäre, den anderen Bescheid zu sagen? Ich hätte beispielsweise kurz bei Bernd durchklingeln können. Nun wusste niemand, dass ich schon weg war. Andererseits – wer würde mich in Schönhagen noch groß vermissen?
Klaus drückte auf die Tube, fuhr ausschließlich auf der linken Spur. Bald erschienen am Horizont die Bögen der Kanalbrücke – und mein Herz begann zu hämmern. Wir erreichten die Rampe, fuhren hoch, und dann tauchte sie endlich auf, die Silhouette der Nordstadt mit ihrer endlosen Front aus Balkonen, Glas, Blendbeton. Die Türme der Weißen Riesen schienen mich freudig zu begrüßen, aber ich konnte ihre Euphorie nicht recht erwidern. Die verwaschene Jeansjacke fühlte sich an meinem Körper merkwürdig fremd und eng an. Seit dem Frühjahr hatte ich das Teil nicht mehr getragen, seit meinem letzten Besuch in der Nordstadt, der so plötzlich geendet hatte. Die Aufschläge rochen nach Rauch und alten Sitzmöbeln.
Eigentlich wollte Klaus mich bis zu Hartmann vor die Tür fahren, wegen meiner schweren Reisetasche. Aber ich stieg lieber am Einkaufszentrum aus, obwohl man von dort noch ein gutes Stück zu laufen hatte. Die Betonfläche vorm Gebäude wirkte gewaltig. Pausenlos öffneten und schlossen sich die automatischen Türen des Hauptportals, Menschen mit prall gefüllten Tüten hasteten an mir vorbei. Eine Bande Knirpse machte auf notdürftig zusammengeflickten Fahrrädern den Parkplatz unsicher. Ich stellte fest, dass ich keinen von ihnen kannte – in der Nordstadt eigentlich nichts Ungewöhnliches, aber mir kam es sehr merkwürdig vor.
Mit dem Mühlstein von Tasche auf dem Rücken schlich ich durchs Viertel. Das Wetter war kühl, der Himmel zeigte sein gewohntes Grau. Die Straßenschluchten erschienen endlos, die senkrecht in die Höhe schießenden Hauswände gaben mir das Gefühl, winzig klein zu sein. Auch die Bürgersteige wirkten viel breiter, als ich es in Erinnerung hatte. Die Rasenflächen zwischen den Blöcken waren zu Schlammwüsten geworden, wohl durch die Regengüsse der letzten Zeit. An den Litfaßsäulen hingen die Plakate halb abgerissen herunter, überall standen leere Einkaufswagen, teils schon verrostet. Komisch, dass mir all diese Sachen früher nie aufgefallen waren…
Aber je länger mein Marsch durch die Nordstadt dauerte, desto mehr wich das Gefühl von Fremdheit. Auch meine Jacke fühlte sich endlich wieder wie eine zweite Haut an, statt zu kneifen und zu drücken, wie vorhin bei Klaus im Auto. Als mir Tappert und Jönck über den Weg liefen, dachte ich erst, sie würden mich nicht mehr erkennen. Aber von wegen: Sie begrüßten mich sofort lautstark, fast euphorisch, wie einen verlorenen Sohn, der nach langer Odyssee endlich wieder nach Hause zurückkehrte. Ich war richtig gerührt, brauchte anschließend eine ganze Weile, ehe ich weitergehen konnte.
Hartmanns Block – endlich! Quasi blind fand ich auf dem riesigen Klingelbrett den richtigen Knopf. Stemmte mich gegen die Tür und wartete auf den Summer. Ließ den Fahrstuhl links liegen, scheiß auf die schwere Reisetasche, ging die Treppe zu Fuß hoch, Etage um Etage. Ich wusste, dass Hartmann bereits auf dem Laubengang stehen und mich erwarten würde. Wenn wir uns sahen, würde ich ganz cool bleiben. Dämlich grinsen – das taten bloß Landeier.
***
Die Bahn in die Innenstadt war proppenvoll. Hartmann und Piet mussten sich gerade das Gezeter zweier Opas anhören, weil sie auf Schwerbehindertenplätzen saßen und nicht aufstehen wollten. Ein paar Mädels ergriffen Partei für uns, riefen Sprüche wie „Rentner raus“ und ähnliches. Sie hatten alle das Haar hochtoupiert und ihre Jacken über und über mit Buttons bepflastert. Die anderen Fahrgäste glotzten weg, als ginge sie das alles nichts an. Schließlich mussten die Opas klein beigeben und im Mittelgang stehenbleiben, wo sie sich mühselig an den Haltestangen festklammerten. Man wartete förmlich, dass sie einen Herzkasper bekamen und zusammenklappten.
Tom und die anderen waren schon auf dem Fest. Wir würden sie nachher am Altstadtmarkt treffen und erst mal vorglühen. Dann sollte es unters Volk gehen, Rabatz machen, vielleicht eine kleine Hauerei. Angeblich waren die Schweden wieder in der Stadt. Letztes Jahr hatten sie rechtzeitig abhauen können, aber wenn wir sie heute erwischten, waren sie dran.
Der Altstadtmarkt erinnerte an eine riesige Badewanne. Alles war mit Kopfsteinen gepflastert, die Wände an den Seiten zeigten grauen, nackten Beton. Diverse Treppen führten nach oben, zu futuristischen Glaspavillons mit Geschäften. Wer das alles schön finden sollte? Niemand wusste es.
Man konnte unsere lärmende Horde schon von weitem ausmachen. Mindestens 30 Mann mussten es sein, die sich in der Mitte des Marktes versammelt hatten, am sogenannten „Nabel“. Damit war ein dickes Rohr gemeint, das wie ein Schiffskamin geformt war und aus dem Wasser in ein steinernes, zugemülltes Becken sprudelte. Der Nabel galt als Ursprung der Stadt – keine Ahnung, ob das stimmte. Ein paar unserer Leute hatten sich richtig rausgeputzt: Benecke stolzierte in einem schwarzen Ledermantel der Waffen-SS herum, Köpke trug einen Helm mit Hörnern, wie ein Wikinger. Wir wurden johlend begrüßt und sofort mit Fassbier versorgt. Tom hatte seine Zapfanlage mitgebracht. Überall lagen leere Becher herum, einige aus unserer Truppe standen breitbeinig am Beckenrand und pissten, was das Zeug hielt.
Befriedigt registrierte ich, dass sämtliche Festbesucher einen Bogen um uns machten. Klar, die sahen, wer hier der Boss war und wollten keinen Ärger bekommen. Zugleich war mir sehr unbehaglich zumute, ähnlich wie schon an Pfingsten mit Hartmann, auf dem Deich. Aber verdammt, was sollte dieses Gefühl noch, hier und jetzt? Wahrscheinlich musste ich erst wieder richtig reinkommen. Ein paar Bier, und alles würde gut werden.
Plötzlich versetzte mir jemand einen saftigen Tritt in den Arsch. Ich stolperte, beinahe hätte ich mich langgemacht. „Die Schweden!“, schoss es mir durch den Kopf. Bevor ich Contra geben konnte, hagelte es weitere Tritte, eine ganze Salve. Ich wurde regelrecht gejagt, wie ein räudiger Hund über den Platz getrieben. Endlich schaffte ich es, mich umzudrehen; ich riss die Fäuste hoch – und traute meinen Augen nicht: Da stand Schwaddi, einer aus unserer eigenen Mannschaft! Sein Blick war glasig, der Unterkiefer hing ihm leicht herab.
„Ey Schwaddi, ich bin’s!“, rief ich. Er schien mich nicht zu hören, holte schwankend aus, wollte mir offenbar eine verplätten. Jetzt explodierte etwas in mir, sämtliche angestaute Wut wollte raus. Ich schlug blitzschnell zu, mit der Rechten, der Linken, ansatzlos, wie ein Boxer, in die Fresse, auf den Zinken, die Augen, immer wieder. Irgendwann kippte er, und ich begann auf ihn einzutreten, wollte ihm das Gesicht endgültig zermatschen, zerkloppen, seine Eier zu Brei verarbeiten… da wurde ich von hinten gepackt und weggezogen.
Ich saß auf der Beckenmauer, Wortfetzen drangen zu mir: „Wie er den zerlegt hat… Notarzt holen… für den ist die Party vorbei…“. Nach und nach kam ich wieder zu mir und sah die Bescherung: Schwaddi lag am Boden, wurde von Tom und ein paar anderen verarztet. Sie richteten ihn vorsichtig auf; sein Gesicht war blutüberströmt, beide Augen zugeschwollen, man hörte ihn stöhnen und jammern… und mir wurde so hundeelend wie nie zuvor. Aber verflucht – warum hatte Schwaddi das gemacht? Konnte man wirklich so besoffen sein, dass man seine eigenen Leute nicht mehr erkannte? Hartmann und Piet redeten mir gut zu: „Musstest dich schließlich wehren“, „Wenn der Kerl so blöd ist“ und so weiter. Jemand drückte mir ein frisches Bier in die Hand.
Ein paar brachten Schwaddi weg, in die Unfallklinik. Langsam beruhigte ich mich wieder. Die anderen hatten völlig recht: Er war selbst schuld, ich durfte mir wegen so etwas nicht den Abend verderben lassen. Aus den Augen, aus dem Sinn – und Punkt.
Irgendwann rief Tom: „Die Schweden sollen sich irgendwo an der City-Arena rumtreiben. Lasst uns mal losziehen.“
Der komplette Tross setzte sich in Bewegung, keiner verlor noch ein Wort über Schwaddi. Es ging durch die Fußgängerzone, vorbei an Fressbuden, Kleinkünstlern, Gauklern. Von diversen Bühnen schallte ohrenbetäubend laute Musik herab. Andauernd gab es Rempeleien zwischen unseren Leuten und Passanten. Einmal sah ich Tappert und jemand anders ineinander verkeilt am Boden liegen. Hartmann und Benecke trennten die beiden. Ich kickte sämtliche Mülleimer weg, die mir in den Weg kamen, Berge von Essensresten, Dosen, Flaschen ergossen sich über die Gehwegplatten der Fußgängerzone.
Ein Stückchen vor uns tauchte in der Menge immer wieder eine Gruppe Typen mit Strickpullis und Latzhosen in der Menge auf. Scheiß Ökos!, dachte ich und wollte prompt weitermachen, wo ich vorhin bei Schwaddi aufgehört hatte. „Los, kommt mit!“, rief Hartmann und Piet zu, aber die beiden lachten bloß. „Vielleicht später“, meinte Hartmann. „Werd erst mal klar im Kopp.“ Ich wollte allein losstürmen, aber sie hielten mich fest, diese Idioten!
An einer Bushaltestelle fing ich an, auf das gläserne Wartehäuschen einzutreten. Einige aus unserer Gruppe machten mit. Irgendwann barsten die Scheiben unter unseren Tritten, das Verbundglas regnete in kleinen Stücken herab. Es war wie eine Befreiung. Endlich stellte sich bei mir die lang erwartete Bierseligkeit ein, mir wurde alles egal.
Wir kamen zur City-Arena, einer Konzert- und Veranstaltungshalle, die mehr als 10.000 Leute fasste. Zum Hafenfest fand hier immer eine Riesen-Disco statt, der Eintritt war frei. Wir sammelten uns am Rand der Tanzfläche, auf der schon heftig abgehottet wurde. Gigantische Spots pflügten mit ihren Lichtfingern durch die brodelnde Menge. Mädchen, die Huckepack auf irgendwelchen Schultern saßen, wurden für Sekundenbruchteile angestrahlt. Auch die Ränge waren schwarz von Menschen, die Luft stand. Von den Schweden nirgends eine Spur.
Mir wurde ein schäumendes Bier in die Hand gedrückt. Tom und die anderen hatten das nächste Fass angestochen. Wie waren sie mit dem Riesending durch die Kontrollen gekommen? Aber für großes Rätselraten war ich längst zu blau. Undeutlich sah ich neben mir Thorun einfach umkippen, mit dem Hinterkopf auf die blanken Steinplatten schlagen und am Boden wirr herumlallen. Keiner beachtete ihn. Hartmann und Piet waren verschwunden, auch die Mädchen konnte ich nirgends sehen. Tanzten die? Irgendwann war ich auf den Rängen. Ich musste eigentlich dringend auf Klo, bekam aber den Weg nicht mehr zusammen. Ganz oben lichteten sich allmählich die Reihen. Erschöpft ließ ich mich auf einen der Plastiksitze fallen. Ich legte die Arme auf die Rückenlehnen der Reihe vor mir, die leer war, bettete meinen Kopf darauf und schloss die Augen.
Wirre Bilder geisterten mir durchs Hirn, vermischten sich mit den Geräuschen ringsherum, der Musik, den Stimmen. Ich sah Bernd und Jürgen, wie sie sich mit Hartmann und Piet kloppten. Erst waren sie auf der Grünen Insel, dann am „Nabel“. Ich haute Thorun mit voller Wucht in die Fresse. Er knallte rückwärts aufs Pflaster und blieb liegen. Langsam wälzte sich eine Blutlache unter seinem Kopf hervor. Köpke mit seinem Wikingerhelm stand daneben und glotzte blöde. Tom sah ihn: „Die Schweden!“, brüllte er und haute ab, floh auf die Ränge. Kristina und Maren liefen dort zwischen den Leuten herum, an der Treppe begegneten sie Gabi und Britta. Alle hielten Plastikbecher in der Hand und prosteten sich zu.
Wahrscheinlich hockte ich ziemlich lange dort oben. Als ich aufwachte, fühlte ich mich besser. Aber ich hatte jetzt ernsthaft Druck auf der Blase – zum Glück wusste ich mittlerweile wieder, wie man zu den Klos kam. Der Weg dorthin war völlig zugemüllt, immer wieder trat man unbeabsichtigt gegen Flaschen und Dosen, kickte sie quer über den Gang. Im Herrenklo war alles vollgekotzt, in der Pissrinne lag ein Typ und und merkte nichts mehr. Ich fand eine freie Kabine, pinkelte im Stehen und sah zu, dass ich wieder rauskam. Auf dem Flur mit den Garderobentheken lagen ebenfalls überall Schnapsleichen verstreut. Eine Tusse saß auf dem Tresen, zwischen den Schenkeln einen verschwitzten Kerl. Er hatte ihren Rock hochgeschoben und arbeitete sich mit seinen Wurstfingern geradewegs in den durchsichtigen Slip.
Zurück in der Halle ließ ich den Blick über die Ränge und das Parkett schweifen, auf der Suche nach Hartmann oder sonst einem bekannten Gesicht. Einmal meinte ich Britta auf der Tanzfläche zu sehen, Huckepack bei jemandem auf der Schulter, aber sie war sofort wieder weg. Gegenüber schlängelten sich die Ökos durch die Feiernden. Aber die Lust auf Prügeln war mir vergangen.
Irgendwann gab ich es auf und beschloss, abzuhauen. Hartmann lag sicher längst im Koma. Er hatte bereits morgens angekündigt, heute mal wieder richtig abstürzen zu wollen. Zum Glück hatte mir seine Mutter einen Zweitschlüssel mitgegeben.
Die Uhr auf dem Hallenvorplatz zeigte eins. Auch hier draußen war noch immer der Bär los. Feuerschlucker und Akrobaten zeigten ihr Können. Weiter hinten gab es eine Puppenbühne, auf der ein Stück gespielt wurde. Eine Horde Punks saß einfach auf dem Boden. Sie hatten den Ghettoblaster aufgerissen und tranken Dosenbier, zwischen ihnen liefen diverse Hunde herum. Am Rand des Vorplatzes übten Skateboarder Sprünge auf die Betonmauer. Überall sah man phosphorgrüne Ohrclips im Dunkel leuchten. Sie wurden von fliegenden Händlern verkauft und waren gerade der Renner. Ein letztes Mal schaute ich mich nach Hartmann um – natürlich vergebens.
Die Haltestelle war vollgestopft mit Menschen, der Nahverkehr fuhr während des Hafenfestes rund um die Uhr. Zum Glück ließ meine Bahn nicht lange auf sich warten. Liebend gern hätte ich mich hingesetzt, aber freie Plätze waren natürlich Fehlanzeige. Nach halbstündiger Fahrt endete die Linie in der Jahn-Siedlung, der Anschlussbus in die Nordstadt war wie üblich weg. Ich beschloss, den restlichen Weg zu Fuß zu laufen, gleich einer Handvoll weiterer Festbesucher, denen ich einfach hinterherdackelte.
Nach und nach verlief sich das Grüppchen, schließlich war ich allein. Ich dachte kurz an die Solterbeck-Gang, aber dieses Thema war in der Nordstadt schon lange durch. Tatsächlich ereignete sich auf dem letzten Wegstück rein gar nichts mehr. Oben in der Wohnung war bereits alles dunkel. Ich schlich zu Hartmanns Zimmertür, öffnete leise: Der Raum war leer, wie schon geahnt. Müde zog ich mir Schlafklamotten an, packte mich auf die altbekannte Gästeliege und schaltete das Licht aus.
Vorhin hatte ich mir sehnlichst ein Bett herbeigewünscht, aber auf einmal war ich hellwach. Durch das aufgeklappte Fenster hörte man permanentes Brausen und Klopfen. Es kam von den Werften und aus dem Containerhafen. Manchmal mischte sich das Heulen der nahen Stadtautobahn darunter. Auf der Straße krakeelten ein paar Besoffene. Sie zerschlugen Flaschen, traten gegen Autos. In der Nachbarschaft wurde lauthals gestritten.
Die Geräusche der Nordstadt. Früher hatten sie zu mir gehört, waren Teil meines Lebens gewesen. Jetzt nicht mehr. Es gab kein Zurück für mich, das wusste ich nun. Auch hier war ich bloß noch ein Fremder, jemand von außerhalb.





















































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