48. Stiller Herbst

Gerade war ich aus der Schule gekommen und wärmte mir Mittagessen auf. Muttern hatte es abends vorgekocht. Seit sie in ihrem Job befördert worden war und wieder massenhaft Überstunden schob, gab es bei uns keine gemeinsamen Mahlzeiten mehr.

Nach dem Essen ging ich in mein Zimmer und rauchte eine Zigarette. Eigentlich wartete ein Berg Schulkrams darauf, erledigt zu werden, aber ich konnte mich wieder mal nicht aufraffen. Draußen riss der Sturm immer neue Stöße vergilbter Blätter von den Bäumen. Manchmal wurden Regentropfen ans Fenster geweht und liefen in nassen Streifen herab. Außer dem Pfeifen des Windes und dem Heizungsrauschen war nichts zu hören.

Immer düsterer, immer unwirtlicher wurden die Tage. Die Ereignisse des Sommers lagen jetzt mehr als zwei Monate zurück, die Erinnerung begann allmählich zu verblassen. Der Schmerz ließ endlich nach.

Hin und wieder kam Bernd rüber und brachte neue Platten mit. Ich fand es rührend, dass er überhaupt noch an mich dachte, und fühlte mich jedes Mal in der Pflicht, ein bisschen mit ihm zu quatschen. Aber uns ging immer schnell der Gesprächsstoff aus. Kein Wunder – er war halt Praktiker, außer Motorrädern interessierte ihn nicht viel. Ich war immer erleichtert, wenn er wieder abhaute.

Auch Heiner besuchte mich manchmal. Mit ihm ließ sich erschöpfend diskutieren, über die Gesellschaft, den Sinn des Lebens und ähnliches. Seine kühle, analytisch-distanzierte Art imponierte mir mehr denn je. Weshalb konnte ich nicht wie er sein? Ein souveräner Einzelgänger, unerreichbar, unverwundbar, ein Steppenwolf. Weshalb konnte ich mich partout nicht mit der Einsamkeit abfinden?

Wenn Jürgen anrief, ging ich nie ran, ließ mich, falls Henri oder Muttern das Gespräch annahmen, immer verleugnen. Ich vermisste ihn total, wollte aber sein Gerede über die Clique und deren Unternehmungen nicht hören, Geburtstagspartys, Ausflüge und dergleichen. Er ließ nichts unversucht, mir das Gemeinschaftsleben wieder schmackhaft zu machen. Aber ich würde nicht zurückkommen. Das war vorbei.

Mittlerweile fühlte ich mich am wohlsten, wenn ich allein war. In der Schule ging ich noch mit Juliane zum Rauchen, ansonsten ließen alle mich in Ruhe. Vielleicht ekelten sie sich auch: Mittlerweile war ich ähnlich verwahrlost wie der dreckige Michael. Ich duschte nicht mehr und zog jeden Tag dieselben Klamotten an, inklusive der Unterwäsche. Statt der obligatorischen Jeansjacke trug ich jetzt immer einen billigen, imitierten Bundeswehrparka. Ich hatte ihn im Dorf von meinen letzten Kröten geschossen. Das Ding war so unauffällig wie nur irgendwas, es machte mich regelrecht unsichtbar. Genau das wollte ich: unsichtbar werden, verschwinden, mich auflösen.



Mein Leben glitt langsam in eine Art Tiefschlaf, und ich wehrte mich nicht. Wollte nur weg aus der Wirklichkeit und in meiner eigenen Welt sein, mich ganz meinen Gedanken und Träumen überlassen. Jede noch so kleine Begebenheit, jede Stimmung, selbst wenn es nur das Licht oder die Stille war, füllte mich jetzt bis in den letzten Winkel aus. Diese plötzliche Feinfühligkeit – sie war untrennbar mit den Ereignissen dieses Jahres verbunden, mit dem Dorf, der Natur, Maren…

Ich schlurfte zum Bett, ließ mich fallen, sah draußen die Wolken unaufhörlich über den herbstlichen Himmel ziehen. Allmählich wurden mir die Lider schwer. Gestern Abend war es mal wieder viel zu spät geworden. Die 22-Uhr-Regel, die mir früher so gut bekommen hatte, gehörte längst der Vergangenheit an; mittlerweile ging ich nie vor zwölf, ein Uhr zu Bett, manchmal gar noch später. Früher hatte ja Muttern mit Argusaugen darüber gewacht, dass Henri und ich genug Schlaf bekamen, aber diese Zeiten waren passé, solche Sachen interessierten sie längst nicht mehr…

Als ich wieder aufwachte, war es bereits dunkel. An der Zimmerdecke, direkt über mir, zeichnete sich ein Rechteck aus Licht ab. Ich wusste, dass es aus der Küche des gegenüberliegenden Hauses kam. Mühsam wuchtete ich mich hoch und wankte zum Fenster: Drüben saßen wieder alle am Abendbrottisch, Vater, Mutter und Tochter. Letztere hieß Gabriele, ich kannte sie von früher aus der Alten Mühle. Sie war zwei, drei Jahre jünger, dick und eher hässlich. Bestimmt ging sie nachher noch zu Jutta, ihrer besten Freundin. Die beiden würden zusammen Tee trinken und endlos quatschen. Vielleicht kamen noch andere Leute dazu.

Bei Jürgen sah man wieder die rote Lampe brennen. „Ich liebe dich“, sagte er Silke damit. Sagte es ihr seit zwei Jahren und würde es ihr in zwei Jahren garantiert noch immer sagen.

Nur für mich gab es nichts, wo ich hätte hingehen können. Vermutlich war ich der einzige im ganzen Dorf, der an einem Abend wie diesem allein blieb. Der im Dunkeln stand und heimlich die erleuchteten Fenster betrachtete.

Würde es jetzt immer so sein?

 

***

 

Die Tage blieben dämmrig und grau. Endlose Wolkenmeere zogen über den Himmel, brachten Regen, Sturm, schließlich Kälte. Die Bäume verloren ihre letzten Blätter.



Einmal trieb es mich nachmittags auf die Bahnstrecke Richtung Strand. Der Regen hatte die Holzbohlen rutschig werden lassen, man kam nur sehr langsam vorwärts. Die Welt jenseits des Gleises schien auf zwei Farben reduziert: das Braun der kahlen Bäume und Sträucher sowie das dunkle Grün der regennassen Felder und Wiesen.

Bereits nach kurzer Strecke machte ich kehrt. Der Wind blies jetzt von vorn, warf mir dicke, kalte Tropfen ins Gesicht. Als ich nach Schönhagen zurückkam, war es bereits dunkel. Auf dem Asphalt der Straßen stand das Wasser, die Lichter der vorbeifahrenden Autos spiegelten sich darin.

Statt die direkte Strecke durchs Dorf lief ich einen weiten Umweg über die Bahnhofstraße und die Tankstelle. Es war besser so. Im Dorfkern wäre man womöglich bekannten Gesichtern begegnet, schlimmstenfalls Leuten aus der Clique, und das wollte ich um jeden Preis vermeiden. Obwohl sie mich vielleicht gar nicht mehr erkannt hätten in meiner billigen Parka-Imitation, diesem Tarnumhang, zumal in der Dunkelheit und bei diesem Regen.

Als ich schließlich in unserer Siedlung ankam, wurde mir wieder einmal bewusst, wie nah Maren eigentlich war. Sie wohnte im Prinzip um die Ecke, nur einen Katzensprung von hier entfernt; fast meinte man nach ihr greifen zu können. Aber dieser Schein trog. In Wahrheit waren sie und alles, was mit ihr zusammenhing, in den Nebeln versunken.

Ich hatte keinen Zugang mehr zu der Welt, in der sie lebte. Sie war für mich unerreichbar.

 

***

 

Dann kamen die ersten Nachtfröste. Morgens hörte man, wie draußen die Leute ihre Autoscheiben freikratzten. Als es hell wurde, enthüllte sich ein gleichmäßig grauer Himmel. Der Wolkenstrom war zur Ruhe gekommen, die Landschaft erstarrt, versiegelt unter weißem Raureif.

Der Herbst hatte Regen und Sturm gebracht, Schwermut und Traurigkeit, innere Wirrnis. Mit dem Winter kehrte endlich Stille ein. Es war eine wohltuende, fast feierliche Stille.

Bald würde es Schnee geben. Weihnachten war ebenfalls nicht mehr fern. Ich freute mich wieder auf Weihnachten, wie früher als Kind. Dabei schenkten wir uns inzwischen nur noch Kleinigkeiten, große Überraschungen waren nicht zu erwarten. Aber das störte mich nicht.



Ich dachte jetzt wieder oft an das unsichtbare Band zwischen Maren, der Clique und mir. Deutlicher als jemals zuvor konnte ich es spüren. Sie hörten mein Rufen. Und würden mir bald antworten.

 

***

 

Weiße Weihnachten.

Bereits seit einem Monat hatten wir Dauerfrost, alles lag unter einer stattlichen Schneeschicht begraben. Die morgendliche Autofahrt nach Eckhorst war zum Schluss kein Vergnügen mehr gewesen. Auf spiegelglatten Straßen hatten wir uns vorankämpfen müssen, waren manchmal bloß noch Schritttempo gefahren, wegen des dichten Eisnebels. Aber nun hatten endlich die Ferien begonnen.

Leider weigerte sich der Himmel seit einigen Tagen, uns mit Nachschub zu versorgen. Der alte Schnee war mittlerweile überall beiseite geräumt, zertreten, mit Streugut verschmutzt – aber immerhin: Es gab ihn. Eigentlich war alles, wie es sein sollte.

Das erste Weihnachten in Schönhagen. Heiligabend verbrachten wir zu dritt. Klaus war bei Frau und Kindern und würde erst am nächsten Tag zu uns kommen. Muttern hatte sich über die Feiertage freigenommen. Zurzeit machte sie mal wieder auf Familie: Sie hatte aufwändig gekocht und sogar gebacken, Kekse und Weihnachtsstollen.

Nach den Feiertagen würde es schnell wieder vorbei sein mit dem Idyll, aber darüber dachte ich jetzt nicht nach. Mit geradezu kindlicher Inbrunst genoss ich den Weihnachtszauber, schuf mir eine eigene, magisch-verwunschene Welt. Sämtliche Hollywood-Schinken, die über die Feiertage gesendet wurden, standen auf meiner Programmliste. Ich hörte stundenlang Musik und hatte sogar mein altes Märchenbuch aus Kinderzeiten wieder ausgebuddelt.

Muttern und Henri gingen oft raus, um im kalten, harschen Schnee eine Runde zu drehen. Mehr als einmal war ich versucht, mich ihnen anzuschließen, kriegte aber immer die Kurve. Da draußen wäre man garantiert Leuten aus aus der Clique begegnet. An Weihnachten, das wusste ich, machten sie gern Spaziergänge mit Eltern und Verwandten durchs Dorf, ähnlich wie an Ostern. Und sie statteten sich gegenseitig Besuche ab.

Schade eigentlich, dass ich nicht dabei sein konnte. Schade auch, dass ich Maren nun nie im Winter sehen würde. Ich kannte sie bloß im Frühjahr und Sommer, leicht bekleidet und sonnengebräunt. Zu gern hätte ich gewusst, wie sie jetzt aussah, in der kalten, dunklen Jahreszeit.



Gerade waren Muttern und Henri wieder mal unterwegs. Ich saß in meinem Zimmer, im Hintergrund lief leise Musik, auf der Fensterbank brannte eine Kerze. Ich stellte mir vor, dass ich Maren einen Weihnachtsbesuch abstattete. Wir überreichten uns gegenseitig Geschenke, sahen uns mit klopfenden Herzen beim Auspacken zu. Dann gingen wir runter zu ihren Eltern. Es gab Kaffee, Kuchen und Süßigkeiten. In der Ecke leuchtete ein riesiger Weihnachtsbaum, es duftete intensiv nach Kerzen und frischen Tannenzweigen. Später kamen Jürgen und Silke dazu, auch Bernd und Kristina. Einträchtig saßen wir zusammen. Maren war ganz dicht bei mir, immer wieder strich ihre weiche, sehr warme Hand über meinen Arm. Ein tiefer Friede lag über allem, ein wunderbares, nie gekanntes Gefühl von Harmonie und Glück.

Je länger ich mir das alles ausmalte, desto mehr schienen meine Phantasiebilder Wirklichkeit zu werden. Wahrscheinlich waren sie schöner und perfekter, als die Realität je hätte sein können. Es gab keine Missverständnisse und Probleme, nichts störte das überbordende, geradezu euphorische Glücksgefühl.

Aber irgendwann wachte ich doch wieder auf. Die Kerze auf der Fensterbank war längst heruntergebrannt und erloschen, die Musik verklungen, auch die Heizung hatte sich ausgeschaltet. Ich saß allein in einem dunklen, stillen, kalten Raum.

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