49. Rettende Engel

Endlich zurück in Schönhagen! Ich hatte den Jahreswechsel bei Hartmann verbracht, war mit ihm und Piet auf Toms Silvesterparty gegangen.

Eigentlich wollte ich ja nicht mehr in die Nordstadt. Aber die Verabredung abzusagen hätte für ellenlanges Gemotze gesorgt, von wegen, was ich für ein mieser Kumpel wäre und so weiter. Das musste ich auch nicht haben. Stattdessen hatte ich mir bei Tom so schnell wie möglich die Hucke zugesoffen, um das Gelaber der anderen nicht hören zu müssen. Zu allem Unglück war just vor Fahrtantritt das Thermometer auch noch auf Plusgrade geklettert, dabei konnte ich Tauwetter überhaupt nicht ab. Ergebnis: Ich hatte mich die ganze Zeit wie krank gefühlt.

Aber heute Nacht war der Frost zurückgekehrt, und gerade begann es auch wieder zu schneien. Pünktlich mit meinem Eintreffen in Schönhagen schien sich alles zurechtzurücken.

Zu Hause zog ich die dickste Winterkluft an, die mein Schrank hergab, und marschierte gleich wieder los. Die Raiffeisenstraße runter und vorbei an der Tankstelle. Als ich kurz vor der Bundesstraße das Eckhorster Bahngleis betrat, war längst wieder alles in weißes Leinen gehüllt. Unten im Tal erkannte man die schneebedeckten Dächer der Gartenkolonie. Irgendwo dahinter verlief der Mühlenbach, aber inmitten der Winterlandschaft war er nicht mehr auszumachen.

Bald verließ ich das Gleis und ging querfeldein, stolperte über die hartgefrorenen Ackerfurchen talwärts. Ein steter Zug aus kalten Flocken verhüllte den Boden und ließ meine Füße unsichtbar werden, verschluckte sie einfach. War das der Anfang? Löste ich mich gerade auf und verschwand allmählich aus der Welt? Wurde ich endlich eins mit dem ewigen Strom der Teilchen?

Immer stärker und dichter fiel der Schnee. Jenseits der Grenze, wo sonst das Grüne Meer anfing, verlor sich der Blick jetzt in einer diffusen, himmelhohen Wand aus Flocken. Die Landschaft war komplett ausradiert, weggewischt, verschwunden in einem weißen, entfesselten Nichts, das die Sinne betäubte. Und immer noch schüttete der Himmel unermüdlich sein Füllhorn über uns aus, es wollte nicht enden.

Wie in einem Kaleidoskop wirbelten die Schneekristalle herum, bildeten Strudel, wurden jäh in die Höhe gerissen, um sofort wieder abzustürzen. Je länger ich mich in die Drift dieses bleichen, unergründlichen Malstroms versenkte, desto deutlicher traten Muster und Strukturen darin hervor. Oberflächen entstanden, Reliefs formten sich aus, Landschaften… eine tief-verschneite Waldwildnis, durch die ein Tunnel führt, ein enger, gewundener Hohlweg. Ganz an seinem Ende bewegt sich etwas, schwarze Schatten kommen von dort, die man erst spät als einen Pulk von Krähen erkennt. Sie rauschen an mir vorbei ins Freie, stürzen sich mit heiserem Gekrächze in den Sturm.



Hinter ihnen wird eine Gestalt sichtbar: Es ist Maren.

Ich sehe sie deutlich vor mir, so deutlich wie nie: Sie trägt eine dunkle, wattierte Jacke, der Hals liegt unter einer Kaskade von Schals in unterschiedlichen Farben. Ein Stirnband aus Wolle hält das Haar zurück. Der Wind wirbelt die Strähnen auf und nieder. Sie leuchten wie pures Gold, trotz des schwindenden Tageslichts.

Etwas zieht mich wie an einem Band, bis wir einander gegenüberstehen. Ihr Gesicht ist blass, nahezu weiß, ein mildes, verstehendes Lächeln liegt auf ihm. Vorsichtig berühre ich ihre Lippen… sie sind eiskalt, fast wie tot. Streiche sanft über ihre Stirn, wische ein paar Flocken fort. Als ich sie in die Arme nehme, meine Wange auf ihre lege, erstarre ich fast vor Kälte. Ihre Konturen werden wieder undeutlich, beginnen sich aufzulösen, ins Schneegestöber zurückzugleiten. Verzweifelt strecke ich die Hand nach ihr aus, es darf nicht sein, ich will bei ihr bleiben, mit ihr gehen… und dann falle ich, fallen wir. Der Schnee, mittlerweile hoch geschichtet, bettet uns wie auf Daunen. Der Wind hat sich gelegt, auch das Rufen der Krähen ist verstummt. Die Flocken decken uns zu, wir versinken allmählich im Nichts, verschmelzen mit der Welt in Weiß…

Und endlich begriff ich, dass es sinnlos war, sie vergessen, einfach hinter mir lassen zu wollen. Für den Rest meines Lebens würde sie da sein, alles begleiten, was ich tat, es durchdringen und prägen. Ich würde sie immer lieben.

Und weshalb sich dagegen wehren? Weshalb sich abwenden und nach vorn blicken? Welchen Sinn hatte es, zu neuen Ufern aufzubrechen, unbekanntes Land zu entdecken, wenn ich doch einfach nur hier stehenbleiben und mich erinnern wollte?

Und wo keine Erinnerung mehr war, wollte ich träumen, nichts als träumen.

 

***

 

Ich stand am Küchenfenster. Längst war es dunkel geworden, aber das Schneetreiben da draußen hatte keinen Deut abgenommen. Die Straßenlaternen färbten den Schnee rötlich, ließen ihn warm erscheinen, geradezu behaglich.

Im Radio wurde dringend vom Autofahren abgeraten, die Räumdienste hatten inzwischen vorm Wetter kapituliert. „Los Hauke, komm mit raus“, quengelte Henri. Er ließ nicht locker, und am Ende gab ich klein bei, folgte ihm in die Kälte. Es musste Ewigkeiten her sein, da wir zuletzt gemeinsam draußen herumgezogen waren.



Auf der Bahnhofstraße ließen sich Fußweg und Fahrbahn längst nicht mehr unterscheiden, alles lag unter einer einheitlichen, weißen Schicht begraben. Das Motorgeräusch der wenigen Autos, die noch vorbeifuhren, klang gedämpft; auf den Wagendächern lagen immer dicke Polster. An den Straßenecken sah man die ersten Verwehungen.

Gerade erreichten wir den Ortsausgang Richtung Norderby, da kämpfte sich ein eleganter Sportwagen an uns vorbei, der regelrecht unter seiner Schneelast verschwand. Mutig passierte er das halb verwehte Ortsschild und fuhr in die Nacht hinaus. Henri und ich schauten uns an, dachten dasselbe: Der wird nicht weit kommen.

Und tatsächlich: In der langgezogenen Kurve hinter dem Ort brach prompt das Heck aus. Der Wagen geriet immer mehr ins Trudeln, rutschte schließlich von der Fahrbahn und krachte in eine Schneewehe. Abrupt verschwanden die Lichtfinger der Scheinwerfer, man sah nur noch das rote Glimmen der Rückleuchten. Irgendwann gingen auch die aus.

Wir warteten, aber nichts passierte. „Vielleicht sollte man mal gucken“, überlegte ich. Henri nickte und marschierte schnurstracks los; ich kam kaum hinterher. Wobei seine Sorge garantiert nicht möglichen Verletzten galt, sondern bloß dem tollen Wagen. Der Wind hatte inzwischen Sturmstärke erreicht – ein Glück, dass er von hinten kam. Wir mussten in der Mitte laufen, so hoch türmten sich die Verwehungen an den Rändern inzwischen auf. Die Reifenspuren des Sportflitzers waren bereits wieder mit neuem Schnee gefüllt.

An der Unglücksstelle fanden wir den Wagen fast bis zur Windschutzscheibe in einer Wand aus Schnee steckend. Henri ging zur Fahrertür, wischte mit seiner behandschuhten Faust die Scheibe frei und klopfte dagegen – er wirkte auf einmal resolut wie ein Polizeibeamter. Nach einer Weile ging die Scheibe runter. Ein Typ guckte uns an, der im ersten Moment an den Höllenfahrer im schwarzen Golf GTI erinnerte: Schnauzbart, lockige Haare, Stufenschnitt, vorne kurz, hinten lang. Er schien leicht weggetreten, aber verletzt war er offenbar nicht. Etwas Trauriges, Resigniertes ging von ihm aus, seine Augen waren gerötet, als hätte er geweint.

„Können wir helfen?“, fragte Henri. „Sollen wir Sie anschieben?“



Es dauerte eine Weile, ehe die Worte bei dem Typen ankamen. „Würdet ihr das machen?“ Sein Gesicht hellte sich auf, er sah uns an, als wären wir vom Himmel geschickt worden.

Henri übernahm das Kommando – bei Autos war er der Boss. Wir gingen rechts und links in Position und begannen, den Schnee wegzuschaufeln. Bald hatten wir ein gutes Stück des Wagens freigelegt. „Los, jetzt schieben!“, rief er, und wir stemmten uns gegen die Kühlerhaube, so fest wir konnten. Der Motor heulte, die Hinterräder drehten durch, das Blech vibrierte unter unseren Händen. Immer wieder rutschten wir im glatten Schnee aus, ließen uns aber nicht entmutigen. Schließlich konnten wir den Wagen wieder auf die Straße bugsieren.

Der Kopf des Fahrers schob sich aus dem Seitenfenster. „Tausend Dank, Jungs! Ihr seid spitze, einfach spitze!“ Es klang fast wie Jubilieren. Dann gab er Gas und fuhr davon.

Henri und ich grinsten uns an. „Ob er’s schafft?“, fragte er. Ich zuckte die Schultern.

Auf dem Rückweg mussten wir gegen Wind und Schnee ankämpfen. Henri drehte sich bald um und lief rückwärts. Ich versuchte bloß, mein Gesicht so gut es ging vor den prasselnden Flocken zu schützen.

Ich wollte mich nicht umdrehen, denn das hätte geheißen: zurückblicken. Und womöglich sehen, dass der Typ mitsamt seinem Superschlitten schon wieder im Graben lag. Er sollte sein Ziel jetzt wohlbehalten erreichen – dank uns. Wir waren seine rettenden Engel gewesen.

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