52. Auf Klassenfahrt

Wir waren zu unserer Klassenfahrt an den Rhein aufgebrochen. Sie sollte eine letzte gemeinsame Unternehmung sein, bevor nach den Sommerferien die Kursphase begann. Jeden Tag gab es Ausflüge zu Denkmälern, Bauwerken, historischen Plätzen. Vor Ort waren Referate zu halten, die sich mit der jeweiligen Stätte beschäftigten.
Mein Thema hieß „Die Loreley“. In der Schulbibliothek hatten sie mich mit entsprechender Literatur regelrecht zugemüllt. Geschichtsbücher waren darunter gewesen, Lexika, sogar Gedichtbände. Dass die Materialfülle derart gewaltig war, hatte ich mir nicht träumen lassen – wieder mal zeigte sich mein krasser Bildungsmangel. Das Referat baute schlussendlich auf einen Lexikon-Eintrag auf, den ich erweiterte, hier etwas wegließ, dort etwas hinzugefügte. Hoffentlich kam ich damit durch!
Eine Zeitlang hatte ich ernsthaft überlegt, die Fahrt ausfallen zu lassen. Eine Krankheit vorzutäuschen oder mir tatsächlich etwas zuzuziehen, einen Armbruch zum Beispiel. Aber dann war ich doch mitgekommen. Ergebnis: Von morgens bis nachts war ich jetzt den Blicken der anderen ausgesetzt, musste ihnen pausenlos einen normalen, durchschnittlichen Menschen vorspielen. Ein winziger Fehler, ein Sekündchen der Unachtsamkeit – und alles flog auf. Sie würden sehen, was für eine erbärmliche Gestalt ich in Wirklichkeit war, und mich fortan als Irren betrachten, mich quälen und fertigmachen, mir nichts mehr gönnen. Die Schule, bisher ein Ort der Sicherheit und des Rückzugs, würde zur Hölle auf Erden werden. Und wo sollte ich dann hin? Es war eine heftige Situation, das pure Selbstmordkommando eigentlich: Kamikaze, Absturz – und alles vorbei. Mir blieb nichts als zu beten.
Die Jugendherberge, in der wir die nächsten zehn Tage verbringen würden, lag mitten im Wald, an einem Hang über dem Fluss. Erst sollte ich mit Martin und Christopher, die mich mal wieder „einbinden“ wollten, zusammen auf ein Zimmer kommen, aber das konnte ich in letzter Minute verhindern. Diese beiden Politruks mit ihren ständigen Diskussionen und Gesinnungsprüfungen wären mein definitives, vorzeitiges Ende gewesen. Stattdessen teilte ich mir jetzt eine Bude mit Ronald und Kai. Bei ihnen waren keine komplizierten Gespräche über Stamokap und historischen Materialismus zu befürchten: Kai interessierte sich für nichts außer Fußball, Ronald quatschte momentan nur über sein neues Mofa, eine Puch Maxi Zweigang.
Nach der Zimmerverteilung gab es noch eine kurze Besprechung im Gemeinschaftssaal, dann war Freizeit – zum Glück! Juliane und ich unternahmen einen Spaziergang durch den Wald. Die Bäume waren in diesen Breiten bereits dicht belaubt, alles duftete und spross, das Grün war noch jung. Zum ersten Mal in diesem Jahr blieb es auch abends angenehm mild. Manchmal öffnete sich der Blick übers Tal, und man konnte das glitzernde Flussband verfolgen, das sich wie ein riesiger Wurm durch die Landschaft wand.
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Per Bus wurden wir nach Trier an der Mosel gekarrt. Die Innenstadt war eine einzige Fußgängerzone, Autos mussten draußen bleiben, nur Linienbusse hatten freie Fahrt. Wenn sie vorbei wollten, hupten sie nicht etwa, sondern ließen ein Glöckchen ertönen, das über dem Seitenfenster des Fahrers angebracht war. Cafés, Eisdielen und Restaurants säumten die Straßen, überall saßen Leute an Bistrotischen und hatten offenbar alle Zeit der Welt. Diese Gemächlichkeit und Ruhe – es fühlte sich überhaupt nicht wie Stadt an.
Auch die vielen historischen Gebäude erschienen mir unecht, wie Attrappen, vergessene Kulissen einer Filmproduktion. Immer wieder klopfte ich misstrauisch gegen die Mauern der alten Römer-Bauwerke, in der sicheren Erwartung, dass es hohl klang. Römer – das waren doch bloß Phantasiegestalten aus Filmen und Comics. Aber nun ragten deren Relikte vor mir auf und behaupteten: Nein, diese Epoche hat es wirklich gegeben.
Geschichte war also nicht bloß ein Schulfach – sie hatten offenbar tatsächlich stattgefunden, die alten Zeiten.
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Heute sollte es zu einer Burg gehen, die angeblich ebenfalls echt war.
Mitten im tiefsten Wald wurden wir aus dem Bus geworfen und mussten zu Fuß weiterlatschen. In Serpentinen wand sich unser Pfad abwärts, bis irgendwann in der Tiefe etwas Klotziges zwischen den Bäumen auftauchte. Endlich gab der Wald den Blick frei – und ich mochte meinen Augen nicht trauen: Wir schauten allen Ernstes auf die Dächer und Türme einer Burg! Sogar eine Burgmauer mit Zinnen und Wehrgängen gab es. Wieder glaubte ich an etwas Nachgestelltes, eine Kulisse.
Aber je näher wir dem Bauwerk kamen, desto authentischer und burgiger wirkte alles. Wir liefen über eine hölzerne Zugbrücke, durchquerten das Tor und kamen schließlich in einen Burghof, der in keinem Film beeindruckender hätte aussehen können. War vielleicht doch alles echt?
Dann nahmen wir an einer Führung teil; es ging durch Rittersäle, Schlafgemächer, Jagd- und Speisezimmer, vorbei an Schwertern, Hellebarden, klobigen Rüstungen. Mehr und mehr schrumpelten meine Zweifel in sich zusammen, und am Ende war mir regelrecht schwindelig von so viel Vergangenheit. Als wir erfuhren, dass die Burg sogar noch bewohnt und nur teilweise der Öffentlichkeit zugänglich war, ging die Phantasie ultimativ mit mir durch: Ich sah mich durch meine Burg laufen, über lange Flure mit knarzenden Dielen. In der Bibliothek blätterte ich in alten Bänden aus speckigem Leder, ringsherum reichten die Regale bis zur hohen Kassettendecke. Gegessen wurde an einem riesigen Tisch aus schwerem Massivholz. Über einen mit Fackeln ausgeleuchteten Gang erreichte ich mein Schlafgemach, wo bereits das riesige Himmelbett wartete. Als Burgherr konnte ich Türen öffnen, die den Besuchern verschlossen blieben, geheime Pforten zu Verliesen, Gewölben und anderen Orten, die nicht geheuer waren. Hier spukte es, nachts sah man die Geister längst Verstorbener umherwandern…
Mir lief ein wohliger Schauer über den Rücken – Burgbewohner hätte man sein müssen! Wie es wohl war, einem uralten Adelsgeschlecht anzugehören? Ob man dadurch ein anderer, irgendwie vollständigerer Mensch wurde?
Als nächstes fuhren wir in ein Kloster. Es war angeblich noch älter als die Burg, und tatsächlich sah man dort überall waschechte Mönche in den berühmten Kapuzenkutten. Nur die seilartigen Kordeln um den Bauch fehlten. Sie würden von einem anderen Orden verwendet, erklärte der Mönchsbrüder, der uns herumführte. Er sprach in altertümlichen Sätzen und mit einer merkwürdig sanften, gesalbten Stimme, die mir Gänsehaut über den Rücken trieb. Als er einmal dicht neben mir stand, hatte ich das deutliche Gefühl, er wäre aus einer längst vergangenen Epoche zu uns in die Gegenwart übergesprungen – es war direkt ein bisschen unheimlich.
So viel ließ sich jedenfalls sagen: Unsere Klassenfahrt verlief komplett anders als befürchtet. Mit den Leuten kam ich problemlos klar, musste mich null verstellen. Und ich war inzwischen völlig verzaubert, regelrecht berauscht von den vielen historischen Zeugnissen, die wir bereits gesehen hatten.
Die Eindrücke schienen wie eine Bestätigung für das, was ich zu Hause tat, sozusagen der Ritterschlag: Entsprach mein eigenes Schwelgen in Erinnerungen nicht total dem, was hier überall passierte? Bewahrte ich nicht ebenfalls eine wichtige Vergangenheit vor dem Vergessen?
***
Wir schauten von der Loreley hinab in die Tiefe. Der Fluss zog sich in einer engen Schleife um die zerklüfteten Felsen, die Schiffe waren klein wie Spielzeuge, an den Seiten ratterten ständig Modellbahn-Züge entlang. Der Ort, St. Goarshausen, lag ein Stückchen flussabwärts. Über ihm thronte eine Burg mit wuchtigem, rundem Turm und wehender Fahne. Auch diesmal hatte der Anblick etwas Unechtes, Pappmaché-haftes, halt wie bei einer Modelleisenbahn.
Dann war es soweit: Referat Hauke. Während ich laberte, wurde die Menschentraube ringsherum immer größer. Touristen und Ausflügler gesellten sich uns, nutzten die günstige Gelegenheit, etwas über diesen Ort zu erfahren, seine Geschichte und Mythologie. Am Ende gab es offenen Applaus. Im ersten Moment dachte ich, sie machten sich lustig – aber dann fühlte ich mich doch geschmeichelt.
Nach der Besichtigung liefen wir zu Fuß hinab in den Ort. Unterwegs passte mich Herr Bode ab, unser Mathe- und Physiklehrer.
„Guter Vortrag, Hauke“, meinte er anerkennend.
In seinen Fächern galt er als Koryphäe. Neben der Schule arbeitete er an der Uni in einem wichtigen Forschungsprojekt mit. Dabei war er noch so jung, wirkte mit seinem lausbubenhaften Gesicht selbst fast wie ein Schüler.
Erstaunlich auch, dass er trotz der ganzen Verpflichtungen noch Zeit fand, sich mit uns zu beschäftigen. Viele betrachteten ihn als unseren eigentlichen Klassenlehrer, nicht Herrn Wahlstedt, dem unsere Angelegenheiten ziemlich schnurz waren. Auch diese Reise ging auf Bodes Initiative zurück. Trotzdem würde es nicht zuletzt an ihm liegen, ob ich dieses Jahr sitzen blieb oder nicht. Seine Fächer waren für mich der blanke Horror.
„Wie gefällt dir die Klassenfahrt?“, fragte er.
„Bisher ganz interessant.“ Ich wollte jetzt nicht so gern mit ihm quatschen. Seine Klugheit war immer anstrengend.
„Interessierst du dich eigentlich für Kunst?“
Kunst? Ich wusste nicht mal genau, was dieser Begriff eigentlich meinte. Aber er hörte sich gut an, irgendwie cool.
„Ja, teilweise.“ Eine innere Stimme warnte mich, nicht zu sehr auf seine Fragen einzusteigen. Das konnte auch nach hinten losgehen.
„Eher für Malerei, Musik oder Literatur?“
„Äh, Musik.“
„Wenn du ein Musikstück komponieren würdest über einen Ort, den du besonders magst – wie klänge das?“
Oje, jetzt wurde es kompliziert, wie immer bei Herrn Bode. Ich begann rumzuschwallern, mir irgendwelches Zeugs aus der Nase zu ziehen, von schmetternden Orchestern, brausenden Orgeln, schwellenden Chören. Zu Hause hätte ich mir solche Musik niemals angehört, aber das brauchte er ja nicht zu wissen.
Musik, Gefühle – dazu hätte ich eigentlich so viel sagen können. Wie oft glaubte ich Musik zu hören, wenn ich durch die Felder wanderte. Wenn ich Plätze und Orte aufsuchte, mit denen sich eine Erinnerung verknüpfte. Wenn ich die Ereignisse des letzten Jahres heraufbeschwor und sich jenes magische Fenster öffnete, das in die Vergangenheit zurückführte.
Aber mit einem Kopftyp wie Herrn Bode ließ sich über so was ganz sicher nicht reden. Dinge wie Schönheit und Gefühle, die sich nicht zählen und objektiv beschreiben ließen, passten einfach nicht zu ihm. Er hätte mich nicht verstanden.
Unvermittelt wechselte er das Thema: „Und – wird’s bei dir mit der Versetzung klappen?“
Ich hatte längst geahnt, dass es ihm um etwas anderes ging. Und war trotzdem prompt in seine Falle getappt. Denn mein System, so perfekt es auch sein mochte, hatte einen entscheidenden Schwachpunkt: eben die Schule. Wenn ich das Jahr nicht schaffte, brach alles in sich zusammen. Und die Wahrscheinlichkeit dafür war hoch, verdammt hoch!
„Weiß nicht“, sagte ich leise.
Auf einmal fühlte ich mich müde und niedergeschlagen. Ich spürte, dass ich den täglichen Angriffen von außen, durch die Lehrer und überhaupt alle diese praktischen, dem Leben zugewandten Menschen, nicht mehr lange standhalten konnte. Ich war mürbe, sturmreif geschossen. Meine Kapitulation stand unmittelbar bevor.
„Was, wenn du’s nicht schaffst?“
Er hatte den Finger in die Wunde gelegt. Es machte keinen Sinn mehr, ihm oder mir selbst noch länger etwas vorzuspielen. Hier war die Chance, reinen Tisch zu machen, mein Herz auszuschütten, mich endlich jemandem anzuvertrauen. Eigentlich wünschte ich mir das doch schon lange.
Andererseits: Wenn ich jetzt weich wurde, ihn in mein Leben reinließ, war es vorbei. Sie würden alles zerstören, plattmachen, mit Stumpf und Stiel ausreißen. Einfach weil sie nicht ermessen konnten, wie wichtig es für mich war, ganz in meiner eigenen Welt zu leben. Für so etwas fehlte ihnen schlicht der Sinn, die Fähigkeit, es irgendwie wahrzunehmen.
„Keine Ahnung“, murmelte ich. Hoffentlich hörte er das Flehen in meiner Stimme, das verzweifelte Bitten, mich erneut davonkommen zu lassen, wie bereits im Zwischenzeugnis. Und jetzt mit der Fragerei aufzuhören, nicht weiter nachzubohren.
Er schaute mich unverwandt an, als versuche er, etwas zu verstehen. Schließlich ein kurzes Nicken, dann ließ er von mir ab und ging nach vorn zu Herrn Wahlstedt, der wieder mal nicht wusste, welche Abzweigung wir nehmen mussten.
***
Genug all der Busausflüge und Besichtigungen! Heute stand eine Wanderung auf dem Programm, von Martin, Christopher und Timo anstelle eines Referats ausgearbeitet.
Bei strahlendem Sonnenschein setzten wir mit der Fähre auf die andere Rheinseite über, wo uns eine hübsche Berg- und Tallandschaft erwartete. Es ging über bunt gesprenkelte Wiesen, durch entlegene Dörfer und immer wieder in dichten Wald. Mir wurde schnell warm, und schließlich band ich mir Jacke und Pulli um die Hüften, lief kurzärmlig weiter – zum ersten Mal in diesem Jahr. Zu Hause hatte auch nach Frühlingsbeginn permanent eine kühle Brise von der See geweht.
Mein Frust nach dem Gespräch mit Herrn Bode war längst wieder Schnee von gestern. Ich fühlte mich sauwohl, quatschte pausenlos mit Leuten. Hörte mir an, was Ronald übers Mofa-Frisieren wusste und gab selbst ein paar entsprechende Anekdoten aus der Nordstadt zum Besten. Ließ mir von Timo die geplante Route auf der Wanderkarte zeigen. Beteiligte mich sogar kurz an einem Gespräch zwischen Martin, Christopher und ein paar anderen über die Nachrüstungsdebatte, die derzeit mächtig am Hochkochen war.
Weshalb ich solche Panik vor der Klassenfahrt gehabt hatte, konnte ich überhaupt nicht mehr nachvollziehen. Ich verstand mich super mit den Leuten, es war toll, sie täglich um sich zu haben. Fast noch besser als allein zu sein.
Eigentlich hätte man auch zu Hause mal was mit ihnen unternehmen können, nach der Schule. Nicht alle waren so anstrengend wie Martin und Christopher. Ein paar trafen sich abends regelmäßig in einer Eckhorster Kneipe, einer ehemaligen Fischräucherei. Dort schien es ähnlich zu sein wie in der Alten Mühle: Man quatschte, trank, spielte Kicker und Darts, es gab Konzerte, am Wochenende war Disco. Aber dorthin mitzukommen war für mich völlig utopisch: Der letzte Bus fuhr um acht, und fürs Rad war die Strecke schlicht zu lang, im Winter kamen Kälte und schlechtes Wetter dazu. Eigentlich wohnte ich ungünstig in Schönhagen, man war dort draußen ziemlich abgeschnitten vom Geschehen.
Je länger die Wanderung dauerte, desto ausgelassener wurde unsere Stimmung. Juliane tanzte völlig losgelöst über die Wiesen, um die Stirn ein selbstgeflochtenes Blumenband. Manchmal schien es mir, als suchte sie meine Aufmerksamkeit. War sie nicht permanent in meiner Nähe?
Oder täuschte das?
























































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