54. Sphärenmusik

Mit Ach und Krach war ich in die Oberstufe versetzt worden. Am Ende hatte es bloß eine einzige Fünf gegeben, in Chemie. Herr Bode hatte mich in seinen Fächern jeweils mit einer Vier davonkommen lassen. Ich wusste, dass es ein Akt der Gnade gewesen war. Mein stilles Flehen bei unserem Gespräch auf der Klassenfahrt hatte anscheinend gewirkt.

Aber konnte man es überhaupt „Flehen“ nennen? War es nicht eher eine verkappte Drohung gewesen? Hatte ich ihm nicht zu verstehen gegeben, dass es in seiner Hand lag, wie es mit mir weiterging? Dass er mich über die Klinge springen ließ, wenn er… auf einmal hatte ich das Gefühl, ihn regelrecht erpresst zu haben.

Dabei wäre ein harter Schnitt, ein schnelles Ende vielleicht sogar besser gewesen. Was sollte das ganze Herumwursteln noch? Wozu sich weiter gegen das Unvermeidliche stemmen? Im nächsten Jahr würde ich die Versetzung doch nicht mehr schaffen. Mein Akku war leer, die gespeicherte Energie verbraucht. Das Rad stand endgültig still. Ich war müde, wollte mich einfach nur fallen lassen.

Gleichzeitig war meine Panik größer als jemals zuvor. Jeden Tag konnten sie merken, was abging, und dann war ich fertig. Verständnis durfte ich mir von niemandem mehr erhoffen, auch nicht von Herrn Bode. Er hatte mir mit seiner milden Benotung eine letzte Chance gegeben, erwartete jetzt aber garantiert eine Gegenleistung in Form von Bemühen, Anstrengen und so weiter, das Übliche halt. Aber damit konnte man bei mir definitiv nicht mehr rechnen. Sobald er das kapierte, würde er reagieren wie jeder andere Pauker auch: Dann fiel das Beil. Sense, aus, vorbei. Bei Bode wäre es doppelt bitter gewesen. Vielleicht hätte er sich sogar von mir hintergangen gefühlt.

Aber vermutlich bekam ich nach den Ferien eh einen neuen Mathelehrer: Man munkelte, dass Bode im nächsten Schuljahr Leistungskurse in seinen beiden Fächern anbieten wollte. Christopher und Timo, unsere Mathe- und Physik-Überflieger, waren schon ganz gierig darauf – diese Bekloppten!

Meine Wanderungen hatten in der Zwischenzeit etwas Rituelles, fast Religiöses bekommen. Sie glichen jetzt Wallfahrten zu heiligen Stätten, zu Orten und Plätzen, mit denen sich ein Mysterium verband. Die Analogie traf es sehr gut: Zum Beispiel dieses besondere Fleckchen am Mühlenbach – hinter ihm begann das Grüne Meer, dessen geheimnisvolle Symbolik mir noch immer ein Rätsel war. Oder das Hünengrab, das ich mittlerweile wiedergefunden hatte – weshalb waren die uralten Inschriften an dessen Bäumen, diese greifbaren Verbindungen zu längst vergangenen Zeiten so merkwürdig elektrisierend? Mit jedem meiner Plätze hatte es eine besondere Bewandtnis, die ich mir nie wirklich erklären konnte. Genau das aber, das Unerklärliche, Mystische, machte die Faszination aus, gab mir Halt und Stärkung.



***

Endlich Sommerferien!

Muttern hatte sich für vier Wochen zur Kur verabschiedet. Sie war „ausgebrannt“, wie Klaus uns erklärte, und angeblich von ihre Chefin zu diesem Schritt genötigt worden. Das konnte ich mir gut vorstellen. Freiwillig wäre sie ihrer geliebten Arbeit niemals so lange ferngeblieben.

Henri würde in dieser Zeit in Neuschönhagen wohnen, bei Klaus. Dessen Frau und Kinder waren mittlerweile ausgezogen, und Henri sollte diverse Sachen am Bungalow auf Vordermann bringen – angeblich. In Wahrheit wollte Muttern ihn während ihrer Abwesenheit aus dem Haus haben. Sie traute Henris neuen Kumpels nicht über den Weg. Die hätten alle was auf dem Kerbholz, meinte sie, solche würde man aus der Nordstadt zur Genüge kennen. Wahrscheinlich lag sie mit dieser Einschätzung gar nicht so falsch: Die Typen sahen wirklich zwielichtig aus.

Henri hatte sich seit dem letzten Jahr stark verändert. Er war regelrecht in die Höhe geschossen, von Pummeligkeit keine Spur mehr. Seine Stimme war dunkel geworden, und auch bei ihm hatte mittlerweile der Bartflaum zu sprießen begonnen. Plötzlich war etwas Unberechenbares, Unkontrollierbares an ihm, das mich ein bisschen an Hartmann erinnerte. Absolut verständlich, dass Muttern ihn nicht zu Hause schalten und walten lassen wollte. Aber immerhin würde er sich mit dem Job bei Klaus ein hübsches Sümmchen verdienen.

Und es war mir nur recht. Vier Wochen leben wie ein Eremit! Weit und breit keine Lehrer, die Leistung einforderten. Keine Mitschüler, vor denen man eine Fassade aufrecht erhalten musste. Nichts, das nervte und das eigene Tun infrage stellte. Ich konnte mich ganz meinen Bildern und Träumen hingeben. Es war fast zu schön um wahr zu sein.

***

In der ersten Zeit war das Wetter feucht und schwül. Regenschauer und Gewitter zogen in endloser Folge über uns hinweg. Ich hatte starken Heuschnupfen und heftige Anfälle von Atemnot. Fast jede Nacht wachte ich auf und musste mir Nasentropfen oder Asthmaspray verabreichen.

Anschließend wollte der Schlaf meist nicht zurückkehren. Dann saß ich im Dunkeln auf der Treppe und lauschte den Naturgewalten. Blitze zerrissen mit ihrem bläulich-kalten Licht für Sekundenbruchteile die Finsternis. Donnerschläge ließen das leere Haus in seinen Grundmauern erbeben. Der Monsun rauschte so laut, dass ich unwillkürlich das Gefühl hatte, auf hoher See zu sein, einsam auf endlosem Wasser dahinzutreiben ins Nirgendwo.



Schließlich verhallte das Donnern, erstarb das Wetterleuchten. Nur der Regen prasselte weiter. Ich saß noch immer auf der Treppe und starrte ins Leere, nichts sehend und nichts suchend. Es war, als hätte ich mich dort vergessen.

***

Aber bald gewann stabiles Hochdruckwetter die Oberhand. Die Sonne schien jetzt endlos, das Thermometer kletterte auf 30 Grad und darüber. Tagsüber, wenn die Hitze flirrte, verließ ich das Haus nun nicht mehr, außer zum Einkaufen im nahen Minimarkt. Lieber blieb ich auf der Terrasse unter der schattigen Markise, hörte Musik, las, rauchte. Ab und zu nahm ich eine kalte Dusche, um wieder klar zu werden.

Erst nach Einbruch der Dunkelheit, wenn es kühler wurde, stahl ich mich hinaus, wanderte auf meiner geliebten Bahnstrecke Richtung Strand. Stille hatte sich über die Felder gesenkt, nur die Grillen zirpten unablässig. Es duftete nach Kornstaub und Heu.

Nach und nach schärfte die Dunkelheit meine Sinne. Das Schwarz des Himmels wurde transparent, verwandelte sich in einen samtigen Teppich aus Lichtpunkten. Sie flimmerten und pulsierten, einige wechselten fortwährend zwischen Rot und Grün. Sterne wie Staub, wie Nebelschwaden – über mir war ein einziges Gleißen und Funkeln. Und immer wieder zogen Sternschnuppen mit langen, silbrigen Schweifen über die nächtliche Kuppel, bis sie schließlich verglühten.

Allmählich ließ sich auch wieder jenes zerbrechliche Singen vernehmen, wie schon im Februar auf dem Eis. All mein Sehnen und Wünschen lag in diesen Klängen, mein Innerstes wollte sich auflösen, zerfließen in dieser geheimnisvollen, mystischen Sphärenmusik.

In einer dieser Nächte wagte ich es, zum Steenbarger Strand zu gehen, erstmals seit bald einem Jahr. Jederzeit rechnete ich damit, dass die Clique auftauchte, unterwegs zu einem ihrer heimlichen Strandbesuche. Aber alles blieb ruhig, keine Menschenseele schien sich hier draußen herumzutreiben. Am Steenbarger Strand war ebenfalls alles leer. Ich setzte mich in die Dünen und schaute über die See, betrachtete das Leuchten der Mitternachtssonne am Horizont. Landeinwärts schien der Mond rund und voll.

Auf dem Rückweg wurde mir plötzlich klar, dass ich zum Geisterhaus gehen musste. Den Grund hätte ich nicht nennen können. Ich wusste einfach, dass es so war. Statt zurück nach Schönhagen lief ich den Bogen hinunter zum Steenbarger Bahnhof. Hier ging es erneut aufs Gleis, nun aber Richtung Schönhagener Strand. Seit Ende März war ich nicht mehr am Geisterhaus gewesen, seit jenem besonderen Tag, an dem sich das Fenster in die Vergangenheit geöffnet hatte. Bald begann der Wald, ich erreichte den Bahnübergang mit dem Weg zum Haus. Letztes Jahr, in der Nacht des Kurparkfestes, hatte an dieser Stelle bereits starkes Wetterleuchten eingesetzt. Aber in einer klaren Nacht wie dieser musste man definitiv kein Gewitter befürchten.



Je näher ich der Lichtung kam, desto klarer wurde die Sphärenmusik. Sie schien von hier auszugehen und wieder hierhin zurückzufließen, wie in einem allumfassenden, kosmischen Kreislauf. Das Geisterhaus war eine Art Kraftzentrum, deutlich konnte man die Macht spüren, die über diesem Ort lag.

Ich geriet in Trance, taumelte fast willenlos durch die Dunkelheit. Endlich stand ich vor dem pechschwarzen Eingangsportal. Die Sphärenmusik war verschwunden, statt ihrer erfüllte nun ein Geräusch die Luft, das mir wohlvertraut war: unablässiges Wispern und Raunen, verschwommen und dennoch schneidend klar, lockend und zugleich sehr unheimlich. Aus dem Innern des Hauses strömte mir der bekannte Eishauch entgegen. Ich wollte weglaufen, aber etwas hielt mich mit eisernem Griff gepackt, gab mich nicht mehr frei.

Hypnotisiert starrte ich in den weit aufgerissenen Schlund vor mir. Wie gern hätte ich mich in dieses Geflüster geworfen, um endgültig zu vergehen, eins zu werden mit dem Nichts. Längst hatte sich die Finsternis in mir ausgebreitet wie Gift, eine Seuche, eine tödliche Wolke.

Es rief, zog mich unaufhaltsam zu sich. Jeder Versuch, Widerstand zu leisten, war zum Scheitern verurteilt…

***

Als ich wieder klar wurde, lag über den Baumwipfeln am Rand der Lichtung bereits die Morgenröte. Gefasst trat ich den Heimweg an. Es war, als kehrte ich von einer Andacht, einer Schwarzen Messe zurück.

Noch immer zeigte sich kein einziges Wölkchen am Himmel. Über den Steenbarger Feldern stieg langsam der Sonnenball in die Höhe – ein neuer lichtdurchfluteter, glühend heißer Tag nahm seinen Anfang.

Ich wusste, dass in der kommenden Nacht alles von vorn beginnen würde. Sobald die Dunkelheit sich herabsenkte und über den Feldern die Sphärenmusik anhob, würde ich wieder losgehen, mein Wandern fortsetzen.

Und irgendwann würde mich die Suche erneut zum Geisterhaus führen.

***

Die großen Ferien waren vorbei, die Schule hatte wieder angefangen. Klassen existierten nicht mehr, ab sofort galt es, sich im Dschungel des Kurssystems zu behaupten. Wie anonym das bislang so übersichtliche Wilhelm-Gymnasium auf einmal wirkte! Woher kamen die vielen fremden Leute? Waren die schon immer hier gewesen? Schlagartig wurde mir bewusst, wie wenig mich früher interessiert hatte, was außerhalb meiner eigenen Klasse passierte.



Viele schöne Mädchen waren unter den neuen Gesichtern. Sie verliehen den Kursen einen besonderen Reiz. Der Unterricht interessierte mich natürlich nicht die Bohne, aber es war ein Fest, all die unbekannten Schönheiten zu betrachten, die den Raum mit mir teilten und manchmal bloß eine Bank entfernt saßen.

Ein Mädchen gefiel mir besonders. Ihr Haar war weizenblond, wie bei Maren. Aber ihre Augen waren nicht grün, sondern meerblau. Groß und rund leuchteten sie, wie der Glücksstein, den Maren mir einst geschenkt hatte. Leider hatten wir nur den Deutsch-Grundkurs zusammen, sodass ich sie an gerade mal drei Stunden in der Woche sah.

Ihr Name war Anna.

***

Derweil wurden meine Wanderungen durch die Natur immer ausgedehnter. Ich hatte inzwischen die gesamte Schönhagener Umgebung lückenlos in meinem Kopf kartographiert. Was mir anfangs endlos weit und geheimnisvoll erschienen war, hatte sich verkleinert, war vertraut und übersichtlich geworden. Das Grüne Meer hatte aufgehört, ein Meer zu sein.

Fast zwangsläufig gingen mir bald die Routen aus. Mir blieb nichts, als die bekannten erneut zu laufen. Aber ähnlich wie zu Beginn des Jahres, als ich immer dieselbe Wanderung gemacht hatte, störten mich die Wiederholungen nicht, im Gegenteil: Gerade sie machten den Reiz aus. Nur so konnte ich die langsamen Veränderungen beobachten, denen das Land unterworfen war, ein Gefühl für den Kreislauf der Natur bekommen.

Die Tage wurden kühler und kürzer, der Herbst hielt Einzug. Morgens lag nun oft Nebel über den Feldern. Nahezu alle waren neu bestellt und zeigten wieder gleichmäßiges Grün. Nur der Mais stand noch mannshoch, auch Kohl und Salat waren bislang nicht geerntet.

In der Schule hatte ich mich jetzt ganz auf Anna fixiert, beobachtete sie heimlich, wo immer ich konnte: während des Unterrichts, im Oberstufenraum, auf den Fluren des Gebäudes. Ich hatte einiges über sie in Erfahrung gebracht, zum Beispiel, dass sie in einem kleinen Dorf zwischen Eckhorst und Schmölln wohnte. Einer ihrer Leistungskurse war Sport – eigentlich mein absolutes Hassfach, aber Anna wurde dadurch für mich nur noch attraktiver. Man sah sofort, wie durchtrainiert und agil sie war. Und vermutlich lag es nicht zuletzt am Sport, dass sie diese Unbeschwertheit ausstrahlte, die sie so anziehend machte. Tennis und Leichtathletik waren angeblich ihre Lieblingsdisziplinen – wahrscheinlich spielte sie einfach ein Match, wenn es ihr schlecht ging.



Mit ihr reden tat ich nie. Sie sollte ein schönes Gemälde für mich bleiben, an dem ich mich erfreuen konnte, sollte mich ablenken von meiner anderen, wahren Liebe, die noch immer in mir brannte wie ein Höllenfeuer und einfach nicht erlöschen wollte. Die mich lähmte, mir jede Kraft nahm, und von der ich doch nicht lassen konnte.

Über ein Jahr war es nun her, da ich Maren zuletzt gesehen hatte, und ich schaffte es kaum noch, mir ihr Gesicht zu vergegenwärtigen. Wirklich ein Unglück, dass ich kein einziges Foto von ihr besaß! Meinen Gefühlen drohte allmählich das Ziel abhanden zu kommen, sie liefen immer mehr ins Leere. Und ich spürte kein Echo mehr, wusste nicht mehr sicher, ob Maren mich noch genauso liebte wie ich sie. Das Band hatte sich unbemerkt gelöst. Das Band zu ihr und auch zum Rest der Clique.

Ich war abgeschnitten.

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