56. Totengrund

So, auch die elende Mathe-Klausur lag hinter mir. Während der Rückfahrt nach Schönhagen durchdachte ich erneut die Wanderung, die für heute geplant war. Erst sollte es nach Steenbarg gehen, dann Richtung Gutshof und weiter zum Ferienzentrum, von dort schließlich sogar zum Bismarckturm. Wenn alles klappte wie vorgesehen, würde ich heute erstmals die 25-Kilometer-Marke überschreiten. Das letzte Stück musste ich wahrscheinlich im Dunkeln laufen – nicht zu ändern.
Zu Hause nahm ich die Schulsachen aus dem Rucksack und pfefferte alles in die nächstbeste Ecke. Keiner war hier, der sich hätte beschweren können. Ich füllte meine Wasserflasche bis zum Rand und packte sie ein. Die Jacke ließ ich gleich an. Dann mampfte ich hastig eine Stulle. Für warmes Essen hätte ich nach Neuschönhagen fahren müssen, aber darauf konnten sie lange warten!
Im Dorf begegnete mir niemand. Schon seit Tagen war es mild und knochentrocken wie im Spätsommer, kein Lüftchen regte sich. Auch heute stieg der Rauch aus den Schornsteinen wieder kerzengerade in den trüben Himmel. Man mochte kaum glauben, dass wir bereits Mitte November hatten. Die Berge von verwelktem Laub am Straßenrand waren aus schierer Ermattung von den Bäumen gefallen und warteten nun vergebens auf Feuchtigkeit, um endlich zersetzt zu werden. Es schien, als hätte irgendwer dort oben einen Schalter betätigt und die große Maschine kurzerhand gestoppt, den Lauf der Dinge einfach angehalten.
Draußen in den Feldern ließ sich ebenfalls keinerlei Bewegung erkennen, alles wirkte erstarrt, wie unter Glas. Die Salatbeete waren noch immer nicht abgeerntet, aber mittlerweile hatten die Pflanzen sich gelblich verfärbt und verbreiteten einen unangenehmen, fauligen Geruch.
Steenbarg lag wie ausgestorben da. Die zwei, drei Lädchen im Dorfkern hatten längst geschlossen, ihre Scheiben waren dunkel. Rasch hatte ich den Ort durchquert, ohne eine einzige Menschenseele zu entdecken. Eigentlich wollte ich jetzt den Abzweig nehmen, der runter zur Bahnstation und dann weiter zum Gutshof führte. Aber plötzlich hatte ich eine bessere Idee: warum nicht mal zum Steenbarger Strand gehen? Die Badesaison war lange vorbei, keiner würde sich mehr dort draußen herumtreiben.
Statt zur Bahnstrecke lief ich also geradeaus weiter. Das Land wurde nun bretteben. Am Horizont erkannte man das Vogelschutzgebiet, links davon die grüne Linie des Seedeichs. Fortwährend suchte ich die Gegend jetzt nach möglichen Ausflüglern ab. Ich wollte auf Nummer sicher gehen, jedes Risiko ausschließen. Aber niemand tauchte auf.
Immer näher rückte der Deich heran. Er war verdammt hoch, stellte ich plötzlich fest – viel zu hoch, um zu erkennen, was hinter ihm passierte. Waren dort Menschen, womöglich Leute aus der Clique? Ich drosselte das Tempo, versuchte Geräusche zu erkennen, die vielleicht von jenseits des Graswalls kamen, Stimmen, Lachen, irgendwas – doch die Stille schien auf einmal tiefer und profunder denn je.
Am Deichfuß sah man nirgends abgestellte Räder. Eigentlich ein gutes Zeichen – per Drahtesel waren sie schon mal nicht hergekommen. Aber diese dunkle Vorahnung in mir wollte einfach nicht verschwinden. Per Fahrrad nicht, raunte eine innere Stimme, aber vielleicht zu Fuß? Ich ging, nein, schlich den Deichweg hoch. Allmählich tauchte die See hinter der Deichkrone auf. Dann die Quermole. Mir wurde plötzlich schwindelig, Sterne begannen vor meinen Augen zu tanzen. Oben angelangt musste ich mich regelrecht zwingen, zu gucken…
Der Strand war menschenleer.
Wie ein schwerer Brocken fiel jetzt die Panik von mir ab. Euphorie durchströmte mich, auf einmal war ich nur noch glücklich, hergekommen zu sein, es tatsächlich gewagt zu haben. Nur ganz allmählich wurde mir bewusst, dass etwas fehlte: das Wellenrauschen – es schien wie aus der Luft geschnitten. Irritiert schaute ich zum Wasser – und fand nichts. ‘Nebel?’ war mein erster Gedanke. Schließlich erkannte ich es: Die See hatte sich weit zurückgezogen, bis hinter die Quermole. Davor lag alles trocken.
Reichlich perplex ging ich runter zum Strand, kam dorthin, wo normalerweise das Wasser begann. Eine endlose Sandfläche breitete sich vor mir, auf der Muscheln und Seetang allmählich verfaulten. Beißender Verwesungsgeruch zog durch die Luft, manchmal hörte man die klagenden Laute eines einzelnen, verirrten Wasservogels. Ich stand am Rand eines Totengrundes. Der weite, helle Sonnenstrand, an dem wir einst die Ferientage verbracht hatten – er existierte nicht mehr. Hier waren nur noch Moder und Verfall.
Es war soweit: Ich musste zum Geisterhaus gehen. Dort würde ich endlich die Antworten finden, nach denen ich schon so lange suchte. Dort würde sich alles auflösen!
Abrupt drehte ich mich um und ging, ahnend, dass ich wohl nie mehr wiederkommen würde. Hinter dem Deich nahm ich dieselbe Strecke wie in der Nacht der Geisterhaus-Party: nicht zurück nach Steenbarg, sondern nach rechts in den ominösen Weg, den ich auf den Radfahrten mit der Clique immer übersehen hatte. Er lief ein ganzes Stück parallel zum Wasser und machte dann einen Knick, führte direkt auf den Geisterhauswald zu. Mittlerweile dämmerte es, über den Feldern ringsherum begannen sich dicke Kissen aus Nebel zu bilden. Das Land schien allmählich in einen tiefen Schlaf zu sinken, aus dem es kein Erwachen mehr gab.
Konzentriert eilte ich meinem Ziel entgegen, angetrieben vom unbedingten Willen, eine Lösung zu finden, den ganzen Irrsinn möglichst rasch zu beenden. Ich überquerte den Bahnübergang an der Museumseisenbahn, kam zur Bundesstraße Richtung Strand und bog nach kurzem Stück in den Pfad, der von hier abzweigte. Noch immer steckte mir der Schock vom Steenbarger Strand ziemlich in den Knochen.
Im Geisterhauswald angelangt fand ich mich problemlos zurecht, trotz des schwindenden Tageslichts. Der Wegstein zog an mir vorüber; ich beachtete ihn nicht. Schließlich erreichte ich den Tunnel aus Ästen und Gezweig, der zur Lichtung führte. Die Bäume waren kahl, ähnlich wie im letzten Frühling, als das Fenster in die Vergangenheit sich geöffnet hatte. Allerdings lag das Laub, das damals gerade zu sprießen begonnen hatte, nun wieder braun und welk am Boden, Nebelschwaden strichen darüber hinweg. Ich begann zu rennen, schneller, immer schneller. Die Äste über dem Weg griffen wie riesige Knochenhände nach mir.
Dann endete das Baumdickicht. Umgeben von Grabesruhe empfing mich das Geisterhaus. Beim Betreten blieb die erwartete Kälte aus – ob es mit den milden Temperaturen der letzten Tage zusammenhing? In den Fluren klebte eine seltsame Leere. Keine Geräusche, keine merkwürdigen Luftströmungen, nichts.
Ich kam ins Terrassenzimmer. Noch immer lagen dort die alten Matratzen, weiter hinten steckten ausgebrannte Fackeln im rissigen Boden. Mein Blick fiel auf die Gravuren, ich fand Marens Namen und meinen – aber nichts geschah. Dort waren nur Buchstaben, ungelenk und lieblos in den Mörtel gearbeitet.
Die Magie der Zeichen hatte sich verflüchtigt.
Erschöpft sackte ich an der Wand herab in die Knie, vergrub den Kopf in den Armen. Nichts von all dem, was mir so wichtig gewesen war, existierte noch. Meine Erinnerung an Maren – verflogen wie Staub im Wind. Der Strand – eine öde, stinkende Sandfläche. Unser Haus – leergeräumt und vermietet an Fremde. Und auch aus diesem Gemäuer waren die Geister ausgezogen. Dies war einfach nur eine alte, vergessene Ruine.
Ein Gefühl tiefster Einsamkeit überfiel mich. Ich wollte schlafen, für immer und ewig, wollte mich auflösen und verflüchtigen, so wie mein inneres Bild von Maren, wie der Zauber, der früher über diesem Ort gelegen hatte und nun fort war. Unwillkürlich tastete ich nach meinen Rucksack, spürte die Wasserflasche, dann etwas Viereckiges… die Medikamente! Vorm Losgehen hatte ich bloß die Schulsachen ausgepackt, die beiden Schachteln mit den Tabletten aber vergessen!
War das ein Zeichen? Sollte es hier und jetzt passieren? Ich holte einen Riegel Valium hervor, nahm die Kapseln in Augenschein. Und begriff endlich: Ja, es war vorbei. Es hatte keinen Sinn mehr, sich noch länger zu sperren. Meine Kräfte gingen zu Ende, der Lauf der Dinge ließ sich nicht mehr aufhalten.
Ich sank auf eine der vergammelten Matratzen, schaute mich erneut im Terrassenzimmer um, betrachtete alles ganz genau. Hier endete er also, mein Weg. Ein idealer Platz, fernab allen menschlichen Lebens, allen Lebens überhaupt. So schnell würde mich keiner finden.
Als ich die Tabletten aus der ersten Packung drücken wollte, fühlten sich meine Hände wie taub an. Ich versuchte mir vorzustellen, was gleich passieren würde, aber da war bloß ein schwarzes Loch in meinem Kopf. Dann spürte ichein Weinen hochsteigen. Es wurde immer stärker, schüttelte mich regelrecht. Zurückkommen… nach Hause kommen… Warum durfte ich das nicht? Welche geheimnisvolle Macht hinderte mich daran? Warum konnten alle anderen leben, ich aber nicht? Warum war ich es, der gehen musste?
Ich krümmte mich auf der Matratze zusammen wie unter Schmerzen. Auf einmal spürte ich Müdigkeit, unendliche Müdigkeit. Dunkelheit senkte sich herab, meine Seele schien zu verschwinden, eins zu werden mit dem Verfall und der Verwesung ringsumher. Ich fühlte mich warm, wie in Watte gepackt, und leicht wie eine Feder.
Sehr lange schien das so zu gehen. Und schließlich kam das Licht.
***
Die Stimme drang aus weiter Ferne heran, wurde langsam klarer: „Können Sie mich hören?“ Ein Rütteln an der Schulter.
Ich blinzelte, wollte die Augen eigentlich nicht aufmachen. Aber die Gedanken wurden klarer und klarer, stur rannten sie los, diese drögen Gesellen, ließen sich einfach nicht stoppen, holten mich gnadenlos zurück in die Wirklichkeit.
„Der bewegt sich“, sagte die Stimme.
Ich fühlte festen Grund unter mir. Blut, das zaghaft durch Adern rauschte. Einen Körper, Glieder. Aber schwach, nur ganz schwach. Oder fühlte ich es gar nicht wirklich? War das bloß die Erinnerung?
„Kommen Sie mal hoch.“ Die Stimme wurde ungeduldig, schien keine Lust auf Versteckspiel zu haben. Ich spürte einen harten Griff, einen Zug in die Höhe. Ein eisiger Schreck, ein Anflug von Panik – dann saß ich. Schwindel packte meinen Schädel, plötzlich fuhr ich Achterbahn. Ein starkes Rauschen entstand in meinen Ohren, ich hörte mich atmen.
„Sei lieber vorsichtig“, sagte nun eine andere Stimme. Langsam entstanden Umrisse vor meinen Augen, die Schatten zweier Gestalten. Sie redeten miteinander, mit mir oder alles zugleich Ich erkannte Uniformen, Mützen…
Bullen! Wo war ich? Im Knast? Die wildesten Ideen schossen mir durchs Hirn, ich erinnerte mich an Erzählungen aus der Nordstadt von Erlebnissen mit Ordnungshütern, Nächten in Zellen, angeblichen Prügelverhören…
„Sind Sie in Ordnung?“, fragte einer der beiden.
Allmählich begriff ich, dass ich immer noch im Geisterhaus war. Die Nacht war längst vorbei, von draußen schien eine helle Sonne herein. Meine Hände waren bläulich verfärbt und fühlten sich wie abgestorben an. Mir dämmerte, dass ich wohl hier übernachtet hatte. Aber weshalb waren die Bullen hier?
„Haben Sie davon welche genommen?“ Einer der Bullen hielt eine weiße Schachtel in der Hand, fischte einen Riegel Tabletten daraus hervor.
Langsam kam meine Erinnerung in Schwung. Sie hatten die Medikamente gefunden! Und nun dachten sie natürlich, dass ich…
„Nee“, murmelte ich und schüttelte den Kopf.
***
Sie brachten mich trotzdem ins Krankenhaus, oder vielmehr in die Nervenklinik nach Schmölln, auf die Offene Station. Dort konnte ich gerade noch verhindern, dass mir prophylaktisch der Magen leergepumpt wurde. Aber sie machten eine Blutuntersuchung. Natürlich war ich absolut clean. Ich hatte ja nicht mal Alkohol getrunken, war im Geisterhaus einfach bloß eingepennt. Aus Traurigkeit, Verzweiflung, Überdruss – ich konnte es nicht mehr genau sagen.
Der diensthabende Arzt entschied, mich einige Tage dazubehalten, zur Beobachtung und damit ich zur Ruhe kam, wie er zu mir sagte. Ich fühlte mich seltsam erleichtert und fand es dennoch äußerst merkwürdig und schräg, in einer Nervenklinik zu sein, einer „Klapse“.
Fahrradausflügler hatten mich im Geisterhaus entdeckt und die Polizei verständigt. Dass ich mir außer einer leichten Erkältung nichts weggeholt hatte, grenzte fast an ein Wunder. Immerhin war es bereits Mitte November, auch wenn wir zurzeit ungewöhnlich milde Temperaturen hatten. Beim ersten Gespräch mit dem Klapsmühlen-Doc erfuhr ich, dass die Bullen außer der einen Schachtel Valium nichts bei mir gefunden hatten. Ich konnte es kaum fassen: Wo war der Rest meiner Geheimapotheke abgeblieben? Hatte ich vorm Einpennen alles geistesgegenwärtig hinter der Matratze versteckt? Oder hatte irgendjemand die Ware mitgehen lassen? Womöglich die Ausflügler?
Eigentlich hatte ich ja vorgehabt, reinen Tisch zu machen, alles zu erzählen, inklusive meines Plans mit dem Abgang. Aber nach dieser Neuigkeit begannen die grauen Zellen zu rattern: Wenn es keine Tabletten mehr gab, konnten mich die Bullen auch nicht rannehmen wegen unerlaubten Medikamentenbesitzes. Ich disponierte spontan um, hielt jetzt lieber die Klappe, behauptete stattdessen, die Valium-Schachtel zu Hause gefunden und heimlich gebunkert zu haben, um bei Gelegenheit die Pillen mal „auszuprobieren“. Zum Glück kaufte der Doc mir diese Version der Story ab. So ganz aus der Luft gegriffen war sie übrigens nicht: Ich hatte vor einiger Zeit im heimischen Medizinschrank tatsächlich eine Packung Valium entdeckt – wahrscheinlich von Muttern. Durch diesen Fund war ich überhaupt erst auf die Idee gekommen, mithilfe von Tabletten die Reise ins Jenseits anzutreten.
Muttern und Klaus kamen vorbei, brachten Klamotten, Zigaretten und Naschkram. Sie wirkten ratlos und auch ein bisschen geschockt. Muttern hatte ein schlechtes Gewissen wegen des Valiums. Der Doc hatte ihr darüber berichtet, und tatsächlich: Es war ihres gewesen. Klaus verriet mir, dass er früher selbst mit Medikamenten herumexperimentiert hatte.


















































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