NEUBEGINN REIHE-FATE

Neubeginn – FATE

Genre: MM-Romance · Second Chance

Reihe: Erster Teil der Neubeginn-Reihe Leseempfehlung: ab 16

1.          Kapitel

Wie immer stand ich verbotenerweise hinter dem Hotel am Notausgang, eine Zigarette zwischen den Fingern, die Glut flackerte im Wind. Ich hätte auch irgendwo drinnen rauchen können, im Lager vielleicht, oder im Technikraum. Niemand hätte mich gesehen. Aber ich mochte diesen Platz. Er führte an einem

Personaltreppenhaus zum Innenhof. Hier konnte man mich nicht so leicht finden. Es war mein Lieblingsplatz. Nicht, weil er besonders schön war. Sondern weil hier alles für einen Moment still war. Der Geruch von Tannen lag in der Luft, gemischt mit altem Regen und dem dumpfen Moder, der sich zwischen Beton und Waldrand festgesetzt hatte. Der Eingang lag hinter Hecken, die nie jemand stutzte, gut geschützt. Doch man selbst konnte von hier aus alles erkennen. Das perfekte Versteck. Eine Maus raschelte unter mir und ich grinste unwillkürlich. Da wir auf dem Land waren und außer Wald und Feldern ringsherum nicht viel war, kamen hier Mäuse und Ratten öfter vor, als es uns und den Gästen lieb war. Aber auch Rehe und Hasen. Ein Hotel mitten in der Natur, damit warb auch unsere Homepage. Die Menschen wollten Natur, doch das dazu auch Tiere und Insekten gehörten, das hatten sie nicht auf dem Schirm. Hinter dem Parkplatz begann der Nadelwald, dicht und dunkel, wie ein fremdes Land, das sich nie ganz erschloss. Die Gäste bekamen ihn nur durch die Fenster zu sehen. Ich stand hier fast jeden Abend, wenn es keiner mitbekam.

 

Ich genoss diese gestohlenen Minuten, in denen ich nicht funktionieren musste. Keine Fragen, kein Lächeln, kein Papierkram. Nur ich, der Rauch, der Wald. Ich sog den Qualm tief ein und hielt ihn einen Moment, als würde er irgendwas in mir beruhigen. Wenn man den ganzen Tag mit Menschen zu tun hatte, wollte man einfach mal für einige Minuten seine Ruhe. Und sei es nur eine Zigarette lang. Natürlich hätte ich in den dafür vorgesehenen Raucherraum gehen können, aber da war die Gefahr zu groß, dass einer meiner Kollegen mich finden und zur Rezeption zurückbeordern konnte. Ein Umstand, den ich tunlichst vermeiden wollte. Falls ich später zurückkam und die Gäste warteten, sagte ich ihnen immer: »Wenn die Natur ruft«, dann verstehen die das schon.




 Das Knacken, dass die üblichen Geräusche übertönte, war laut. Lauter als das von einem Tier gewesen wäre. Es sei denn, es handelte sich um einen Keiler, aber die Jahreszeit passte nicht. Wieder dieses laute Knacken, jemand rannte durch das Unterholz. Meine Zigarette hing vergessen im Mundwinkel, während ich zwei Schritte auf das Geräusch zu machte. Nein, ich täuschte mich nicht. Es war ein anderes Knacken. Nicht das harmlose Knacken eines Astes unter einem Vogel oder dem Wind. Es war tiefer. Näher. Schwerer. Und dann kam ein Geräusch dazu, das wie ein Stöhnen klang. Dumpf, unkoordiniert. Ich hob den Kopf, starrte auf das Unterholz. Es war nicht das erste Mal, dass sich ein Wildschwein in die Nähe des Hotels verirrte.

Ein- oder zweimal im Jahr kam das vor, aber ich hatte noch nie eins gesehen. Irgendwer erzählte immer davon. Ich nicht. Das Dämmerlicht machte es mir nicht gerade einfacher, etwas zu erkennen. Kurz blickte ich mich um, sollte wirklich ein Keiler auf mich zu kommen, wie lange bräuchte ich, um mich in Sicherheit zu bringen? Jetzt war ich aus dem Schatten der Sträucher herausgetreten und sicherlich fünf Schritte vom rettenden Eingang entfernt. Doch ich glaubte nicht, dass es ein verdammtes Wildschwein sein würde, was da aus dem Wald kam.

 Immer noch sah ich gebannt auf die Stelle, von wo ich dachte, dass sich etwas tun würde, da bewegte sich das Gestrüpp. Zweige bogen sich zur Seite, als würde etwas hindurchbrechen. Ich konnte nicht sagen, ob ich gespannt war oder einfach nur zu überrascht, um mich zu rühren.

 Dann stolperte er hervor. Ein Junge. Im fahlen Licht konnte ich nur die Silhouette ausmachen. Schmächtig. Als er näher taumelte, meinte ich ihn auf Anfang zwanzig zu schätzen, wenn überhaupt.

 Doch sein Alter hätte mir nicht unwichtiger sein können im Moment. Denn was ich sah, erschreckte mich und irritierte mich gleichermaßen.

 Seine Kleidung war zerrissen, dreckverschmiert, sein Gang schwankend. Er sah mich nicht, vielleicht sah er überhaupt nichts. Zuerst dachte ich wirklich, er sei betrunken. Irgend so ein Typ, der von einer Party über den Waldweg abgekürzt hatte und jetzt die Orientierung verloren hatte. Doch die Kratzer und das blaue Auge zeichneten ein anderes Bild. Denn dann bemerkte ich das Blut. An den Armen. An den Beinen. Dunkle Streifen, die durch den Stoff gesickert waren, vermischt mit Kratzern und offenen Stellen. Seine Hände zitterten. Sein Blick flackerte.




 Ich warf den Rest der Zigarette in den Gully und rannte los. Keine Sekunde zu überlegen. Mein Körper bewegte sich einfach, wie ferngesteuert. Ich hatte in dem Moment keine Gedanken. Nur das Ziel.

 Als ich ihn erreichte, legte ich den Arm um seine Schultern. Er zuckte kaum, ließ sich führen, als hätte er keinen eigenen Willen mehr. Ich wollte ihn gerade stützen, ihn zur Seite bringen, vielleicht setzen, da verdrehte er die Augen.

 Sein Körper wurde schwer.

 Ich konnte ihn gerade noch auffangen. Und in meinem Kopf dieser völlig deplatzierte

Gedanke: ›Gut, dass ich regelmäßig ins Fitnessstudio gehe.‹

 

Ich trug ihn auf meinen Armen durch den hinteren Zugang ins Hotel. Er war leichter, als ich gedacht hatte, oder vielleicht hatte mein Körper einfach noch nicht begriffen, was da gerade passierte. Unten in der Mitarbeiterebene lagen die Zimmer der Saisonkräfte, ein paar davon standen leer, das wusste ich. Doch um eine der Türen zu öffnen, musste ich an den Schlüssel gelangen, der in meiner Anzughose steckte. Ich stützte den Jungen vorsichtig mit meinem Knie und der Wand ab, fummelte in der Hosentasche bis ich gefunden hatte, was ich suchte. Dabei fluchte ich innerlich, dass so viel Zeug in der Tasche war. Schließlich hakte sich mein Finger in den Gegenstand ein, den ich dringend benötigte. Ich hatte den Generalschlüssel, zögerte nicht lange, schloss die erstbeste Tür auf und brachte ihn hinein. Dabei verlagerte ich sein Gewicht so, dass ich seitlich durch die Tür in das finstere Zimmer tragen konnte. Unsere Zimmer waren alle recht klein, die von den Mitarbeitern noch kleiner. Eine Mini-Duschzelle mit Klo und dahinter ein großes Bett mit strahlend weißen Laken.

Das Bett war auseinandergezogen, sodass es zwei Einzelbetten ergab. Ein sogenanntes Twin Zimmer. Ich legte ihn vorsichtig ab, seine Haut fühlte sich kühl an, fast fremd. Als ich mich aufrichten wollte, stieß er ein Stöhnen aus. Kein schmerzverzerrter Laut, sondern etwas, das tiefer saß. Verlorener. Ich sah genauer hin. Seine Hose war an mehreren Stellen durchgeweicht, das Shirt ebenso. Blut. Viel davon. Und ich war ebenfalls besudelt. Arme, Bauch, Knie überall Spuren von ihm. Das weiße Hotel-Uniform-Hemd war nicht mehr zu retten. Das würde nie wieder rausgehen.




 

Ich griff nach dem Telefon an der Wand, aber wie so oft sprang die Leitung nicht an. Stumm. Tot. In diesen Zimmern funktionierte auch nie etwas zuverlässig. Das lag nicht zuletzt daran, dass das gesamte Haus unbedingt renoviert werden musste. Nicht nur die Telefone, auch der Teppichboden und die Möbel waren arg in die Jahre gekommen. Ich knirschte mit den Zähnen. Ich würde zur Rezeption müssen. Mein Handy lag im Spind, genau wie saubere Kleidung. Wenn ich mich beeilte, würde es niemand bemerken. Hoffentlich.

 Ich drehte mich gerade zur Tür, da hörte ich es. Leise. Brüchig. Fast zu schwach, um real zu sein.

 »Nicht gehen.«

 Ich hielt inne. Sah über meine Schulter und erstarrte. Seine Augen waren offen, halb glasig, aber auf mich gerichtet. Er hatte mich gesehen. Nicht klar, aber genug. Die braunen Augen wirkten unruhig und sanft zugleich. Dieser Blick, das Flehen in ihm ging mir durch und durch und ich fühlte, wie eine Gänsehaut meinen Körper überzog.

 »Ich muss nur einen Arzt rufen«, sagte ich ruhig. »Ich habe kein Handy bei mir. Du musst ins Krankenhaus.«

 Er zitterte. Dann kam es plötzlich, ohne Vorwarnung. Ein Heulanfall, der ihn durchschüttelte, der mehr mit sich brachte als nur Schmerz. Etwas in ihm war zu voll, zu offen. Ich stand einen Moment lang einfach nur hilflos da. Beobachtete. Hörte zu. Ich wusste nicht, ob es die Verletzungen waren oder etwas anderes, das ihn so zerbrechen ließ. Es spielte auch keine Rolle. Ich musste Hilfe holen. Jetzt.

 »Ich bin in fünf Minuten wieder da, versprochen.« Ich sagte es ruhig, aber er hörte es nicht. Er schluchzte so sehr, dass sein ganzer Körper bebte. Ich hatte keine Wahl. Ich ließ ihn zurück, verließ das Zimmer und rannte, so schnell es ging, Richtung Umkleide.

 Im Gang kam mir Mike aus dem Restaurant entgegen. Ich nickte nur kurz. »Ich bin in der Pause. Es gibt da was, das ich kurz klären muss. Wenn was ist, ruf mich auf dem Handy an.« Er sagte nichts, schien den Tonfall zu akzeptieren. Ich hetzte weiter.

 

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