Unplugged unverhofft

  1. Direkt zum BuchUnplugged und unverhofft

Die Kieselsteine stachen Chris durch die dünne Hose in den Hintern. Eigentlich sollte er jetzt auf dem Fußballfeld sein. Doch Jack hat ihn zum wiederholten Mal überredet zu schwänzen. Wenn Chris ehrlich mit sich selbst war, war es wesentlich lustiger hier an der Mauer zu stehen, als die Mauer vor einem Fußballtor zu machen. Vielleicht, so dachte er, sollte er es mit einer anderen Sportart probieren. Vielleicht schwimmen oder Basketball? Die kalte Wand im Rücken, die mit einem groben Rauputz versehen war, kratzte an seiner Haut. Eine dornige Rosenhecke bot ihnen Schutz nach außen. Der Musiksaal schien wie ein Ort aus einer anderen Welt, weit weg von der chaotischen Energie der Jungs.

»Es ist total lächerlich, was wir hier tun«, schimpfte Nick, und seine Stimme zitterte leicht, als er über seine Schulter zur schweren Holztür des Musiksaals schielte. In seinen gelben Cargohosen und den Hosenträgern mit Häschen drauf sah er wie immer einzigartig aus. Wenn man ihn auslachte, weil er mal wieder in der Kiste mit den Verkleidungen gewühlt zu haben schien, grinste er nur: »Ich lache, weil ihr alle gleich seid.« Nick war schon als Kindergarten-Junge einzigartig gewesen und würde es immer bleiben. Ein Grund, warum Jack ihn zu seinem Freund erklärt hatte.

»Sprich sie doch einfach an, anstatt sie nur heimlich anzuhimmeln«, grummelte Justin, der sich über sein Handy beugte und die Sache wie immer auf den Punkt brachte. Seine ruhige, leise Stimme ging in dem murmelnden Gesang des Chors fast unter. Dennoch sprach er, wie immer aus was er dachte. Logisch und analytisch.

»Psst, sie hat gleich ihr Solo«, wisperte Jack und wagte einen Blick durch das halb geöffnete Fenster. Jack, mit seinen zerzausten braunen Haaren und den lebhaften Augen, strahlte eine natürliche Anziehungskraft aus, die selbst in den kleinsten Momenten durchschimmerte. Trotz seiner jugendlichen Energie lag in seinem Blick schon jetzt ein Funke der Entschlossenheit, der ihn auszeichnete. Im Inneren des Schulgebäudes war Chorprobe, und das hübsche blonde Mädchen, etwa dreizehn Jahre alt, begann mit ihrer sanften, melodischen Stimme zu singen. Jack lächelte verträumt. Ivy, in seinen heimlichen Gedanken, seine Ivy. Dass er vier Jahre jünger war, als sie spielte keine Rolle. Sie war seine absolute Traumfrau. Ivy hatte langes, goldblondes Haar, das ihr sanft über die Schultern fiel, und ihre hellblauen Augen funkelten vor Konzentration, während sie sang. Ihre grazile Ausstrahlung und das selbstbewusste Lächeln machten sie in Jacks Augen zur unangefochtenen Königin des Chors.



Rums. Jack schrie auf, als das Fenster plötzlich mit einem heftigen Schlag direkt vor seine Stirn knallte. »Au!« Benommen taumelte er zurück. Als das Fenster wieder zuschlug, fühlte es sich an, als würde eine dunkle Wolke auf sie hinabsinken.

»Was macht ihr hier?«, ertönte eine tiefe, kalte Stimme. Der Chorleiter – der zugleich auch Direktor der Schule war – stand am Fenster. Seine grauen Augen bohrten sich in sie hinein, als könnten sie ihre Gedanken lesen. Die Falten in seinem Gesicht vertieften sich, als er die Jungs musternd ansah. Es fühlte sich an, als würde die Luft im Raum plötzlich stillstehen. »Wir lauschen den himmlischen Gesängen von Ivy«, grummelte Nick. Seine übliche Frechheit klang schwächer als sonst, und von innen hörten sie höhnisches Kichern.

»Kommt rein, wenn ihr beim Chor dabei sein wollt.« Es war keine Bitte – es war ein Befehl.

Der Direktor trat zurück, und die Jungs erhoben sich widerwillig von ihrem unbequemen Platz. Die kalte Luft des Saals umfing sie wie eine unsichtbare Hand, als sie sich durch das Fenster zwängten. Drinnen verstummte das Kichern, als der Direktor sie mit einem stechenden Blick maß. Der massive Flügel im Hintergrund und die hohen Wände ließen die ganze Situation wie eine Falle wirken.

»Dann zeig mal, ob du das Zeug zum Sänger hast«, sagte der Direktor erneut, seine Stimme war ruhig, aber unerbittlich. Jack fühlte, wie sein Herz einen Schlag aussetzte. Kalter Schweiß bildete sich auf seiner Stirn. Er wusste, dass er knallrot anlief.

Dennoch atmete er tief durch und begann, seinen Lieblingssong zu krächzen – »Highway to Hell« von AC/DC. Schon nach der ersten Zeile fingen einige Chormitglieder an, sich die Ohren zuzuhalten. Ivy war eine der Ersten. Jacks Herz sank, doch der Direktor zeigte keine Gnade und zwang ihn, den ganzen Song zu singen.

Als Jack geendet hatte, war es der Direktor, der als Erster sprach: »Du hast keinerlei musikalisches Talent.« Seine kalten Worte zerschnitten die Stille. Chris trat mutig einen Schritt vor. Der Rest des Chors atmete erleichtert auf und einige kicherten unverhohlen. Kommentare wie: »Grausam«, oder »Da wird die Milch ja schlecht«, begleiteten das höhnische Kichern.



»Das können Sie nicht einfach so behaupten«, sagte er, obwohl seine Stimme leicht zitterte. Er stellte sich vor seinen besten Freund.

Der Direktor hob eine Augenbraue, und seine grauen Augen funkelten. »Dann zeig doch mal, was du kannst.«

Jetzt war es Chris, der mutiger tat, als er sich fühlte. Mit einem tiefen Atemzug startete er einen Rockklassiker von AC/DC. Doch kaum hatte er angefangen, verdrehte Ivy die Augen und schüttelte ihren Kopf.

»Jungs, lasst es lieber bleiben – das hält ja niemand aus«, rief Ivy und ließ ihre goldenen Haare mit einer übertriebenen Geste nach hinten fallen.

Jack starrte sie fassungslos an. Sein Herz, das eben noch von Bewunderung für sie überflutet war, fühlte sich nun an, als würde es in tausend Scherben zerspringen. Ivy, das Mädchen, das wie ein Engel aussah und auch so sang, hatte sie als nicht mehr als Kakerlaken abgestempelt.

»Wir werden euch das Gegenteil beweisen!«, platzte es aus Jack heraus, bevor er es verhindern konnte. »Am Ende des Jahres, beim Talentwettbewerb, stellen wir euch in den Schatten.« Seine Worte schwebten im Raum wie eine unausweichliche Prophezeiung.

»Wie wollt ihr das anstellen?«, spottete Ivy, und das Lachen des Chors schloss sich an.

»Wir gründen eine Band, und der Chor kann dann einpacken mit seinen blöden Volksliedern«, antwortete Jack und spürte die Blicke seiner Freunde auf sich. Nick und Justin sahen ihn entsetzt an, doch Chris nickte entschlossen.

»Feierabend für heute«, sagte der Direktor, der die Szene mit einem kühlen Lächeln beendete. Die Mitglieder des Chors gingen lachend und tuschelnd an den vier Jungs vorbei, doch Jack hielt den Blick starr auf den Boden gerichtet.

»Darf ich eure Band als festen Programmpunkt auf die Liste setzen? Wie heißt sie?«, fragte der Direktor im Vorbeigehen.

»Unplugged«, rief Jack, ohne nachzudenken.

»Sag mal, spinnst du?«, wollte Nick wissen, als sie bei ihren Fahrrädern angekommen waren.

»Ja, das tut er«, stimmte Justin zu.

»Ich finde die Idee voll toll«, grinste Chris und klopfte Jack auf die Schulter.

Jack blickte verwirrt auf, als würde er aus einer Trance erwachen. »Was genau ist da drin passiert?«, fragte er, während seine Freunde ihn verständnislos anstarrten.



»Wir können weder Instrumente spielen noch singen, und du willst wegen dieser Ivy eine Band gründen?«, schimpfte Justin.

»Hey, ich kann Klavier spielen«, widersprach Nick, doch seine Stimme klang nicht sehr überzeugt.

»Die drei Wochen, in denen du Tonleitern geübt hast, zählen nicht als Spielen«, erwiderte Justin.

Chris zuckte mit den Schultern. »Die Ramones und Sex Pistols hatten auch keine Ahnung von Musik, und die sind trotzdem berühmt geworden«, warf er ein.

Jack starrte auf den Boden. »Wir kommen aus der Nummer nicht mehr raus. Wir müssen

jetzt auftreten. Der Direktor wird uns den Kopf abreißen, wenn nicht.«

Zum ersten Mal fühlte sich Jack nicht mehr so vorlaut. Ihm dämmerte langsam, dass er nicht nur sich, sondern auch seine ältesten Freunde in echte Schwierigkeiten gebracht hatte.

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