Noshiko-Kapitel 10
Bekannter Duft drang an meine Nase und ich kuschelte mich etwas mehr gegen die Wärmequelle. Obwohl ich unglaublich müde war, sog ich tief den Geruch ein, der mich beruhigte. Hatte ich einen Albtraum gehabt?
„Schön, dass du wieder wach bist“, erklang Yuris vertraute Stimme, der mir durch die Haare fuhr.
Ich blinzelte und öffnete meine Augen. Obwohl ich Yuris Duft spürte, bemerkte ich doch, dass er nicht neben mir lag, sondern nur saß. Das überraschte mich, weshalb ich meine Augen ganz öffnete und mich umsah. Es war nicht Yuris Zimmer, sondern ein Raum, der an ein Krankenhaus erinnerte. „Wo sind wir?“, fragte ich mit rauer, belegter Stimme.
„Im Krankenzimmer der Schule“, informierte Yuri mich, während er mich weiter streichelte.
„Was … ist passiert?“, fragte ich und griff an meinen Kopf. Eigentlich wollte ich es gar nicht wissen, denn ich hatte ein ganz schlechtes Gefühl.
„Man hat dich in der Stadt entführt“, sagte Yuri entschuldigend. „Ich hätte dich nicht allein lassen sollen.“
„Es war nicht deine Schuld“, murmelte ich und kuschelte mich weiter an seine Beine. Meine Erinnerungen waren nicht so ganz klar, weshalb ich mich lediglich an eine Szene in einer Gasse erinnern konnte. Aber Genaueres wollte sich mir nicht ergeben.
„Ich konnte dich finden. Allerdings weiß ich nicht, was passiert ist. Du lagst mitten in einem zerstörten, alten Lagerhaus“, erklärte er besorgt. „Wahrscheinlich ist es zusammengebrochen.“
Zusammengebrochen?
Mein Kopf pochte heftig und ich versuchte nicht mehr, mich daran zu erinnern. „Meine Tabletten“, murmelte ich. Ich brauchte eine, denn ich hörte es schon wieder flüstern. Das musste aufhören, bevor noch mehr geschah.
Yuri reichte sie mir, bevor er zu einem Glas griff, das auf dem Nachttisch stand. „Soll ich eine Ärztin rufen?“, wollte er wissen. Ich schüttelte den Kopf.
„Ich bin zwar müde und erschöpft, aber ich denke nicht, dass ich verletzt bin“, sagte ich entschieden. Ich wollte keinen Arzt.
„Sie hat dich schon untersucht und meinte, du hast dich bis zur Erschöpfung verausgabt“, sagte er, weshalb ich davon ausging, dass die Frage lediglich dazu da war, meine mentale Anwesenheit zu testen.
„Ich war gefesselt und habe versucht, mich zu wehren. Sie haben einen ähnlichen Zauber genutzt wie du, nur in einer viel heftigeren Intensität“, erklärte ich zögerlich, denn daran erinnerte ich mich noch.
„Wer war es?“, fragte er. „Leider war niemand mehr da. Wir konnten also niemanden dafür zur Rechenschaft ziehen“, sagte er ernst, wobei er weiterhin durch meine Haare fuhr.
„Ich … weiß nicht“, gestand ich und wollte mich nicht erinnern. Stattdessen nahm ich zwei Tabletten und trank dann das Glas leer.
„Ist die Menge gut?“, fragte Yuri besorgt. Meinte er damit meine Tabletten? Ich betrachtete die kleine Dose.
„Ich kann bis zu sechs Stück pro Tag nehmen“, erklärte ich ihm, wurde aber unsicher. Es waren nicht mehr viele da.
„Du bist die nächsten Tage krankgeschrieben. Willst du die Zeit nutzen, um nach Hause zu gehen?“, wollte Yuri wissen, wobei er besorgt klang.
„Vielleicht keine schlechte Idee“, murmelte ich. So konnte meine Großmutter sich vielleicht gleich darum kümmern, dass ich neue Tabletten bekam.
„Möchtest du, dass ich dich begleite?“, fragte Yuri plötzlich, was mich aufsehen ließ.
„Ich … weiß nicht“, gestand ich. „Großmutter wird das wohl nicht gefallen“, versuchte ich zu erklären, wobei ich mich weiter an ihn schmiegte.
„Unabhängig von deiner Großmutter: Willst du?“, fragte er ernst. Ich kuschelte mich noch weiter an ihn.
„Ja“, hauchte ich. „Ich möchte nicht allein sein, aber … das ist nicht gut. Du kannst nicht mitkommen“, entschied ich schließlich schweren Herzens. Großmutter würde ausflippen.
Er beugte sich hinab und küsste meine Stirn. „Ruf mich bitte regelmäßig an“, bat er, wobei er besorgt klang. „Ich habe Angst, dass dich auch zuhause jemand angreifen könnte.“
Ich schüttelte leicht den Kopf. „Das wird nicht passieren“, versicherte ich. Zuhause war ich sicher. „Ich melde mich“, fügte ich hinzu.
„Wenn du vergisst anzurufen, bestrafe ich dich“, hauchte er mir ins Ohr. Ich musste unweigerlich an seine letzte Bestrafung denken und sofort wurde mir heiß.
Ergeben nickte ich. Es gefiel mir nicht, dass er vorhatte, mich schon wieder auf diese Art zu bestrafen. Ich wollte ihn doch spüren.
Langsam bewegte ich mich und legte meinen Kopf auf seinen Schoß. „Muss ich hierbleiben?“, fragte ich, da es mir hier nicht gefiel. Ich wollte lieber wieder zurück in Yuris Zimmer.
„Ich gehe fragen“, sagte er, bewegte sich aber nicht, sondern streichelte mich weiter.
„Dann muss ich von deinem Schoß runter“, quengelte ich. Ich wollte nicht.
Yuri lachte. „Heute bist du ein kleines, quengelndes Etwas“, bemerkte er belustigt.
„Na und“, antwortete ich quengelnd. „Die letzten Stunden … oder Tage waren grauenhaft, ich darf quengelig sein“, behauptete ich leicht beleidigt.
Erneut lachte Yuri. „Stimmt, darfst du.“
Trotzdem hob er meinen Kopf leicht an und legte ihn von seinen Beinen. „Ich gehe die Ärztin fragen, ob ich dich mitnehmen darf. Dann bekommst du erst einmal ordentlich was zum Essen“, entschied er, wobei es fast so klang, als würde er mich locken wollen.
Ich gab ein Grummeln von mir und setzte mich auf. Dabei bemerkte ich die Kanüle in meinem Arm. Ich folgte dem Schlauch, der zu einem Beutel mit einer durchsichtigen Flüssigkeit führte. War das eine Infusion? Hatte es mich so sehr erwischt?
War das vielleicht sogar Nahrung? Wie lange hatte ich überhaupt geschlafen?
Langsam setzte ich mich richtig auf, was meinen Kopf nur noch mehr zum Pochen brachte. Das gefiel mir gar nicht, aber ich konnte im Moment nichts weiter tun. Daher blieb ich sitzen, während ich mich in dem spärlich eingerichteten Zimmer umsah. Es gab einen Schrank, ein Bett und unter dem Fenster einen kleinen Tisch.
Als ich fertig war, langweilte ich mich. Hoffentlich kam Yuri bald wieder. Ich wollte mich mit ihm ins Bett legen und kuscheln. Nach dieser Sache brauchte ich seine Nähe. Vor allem, wenn ich morgen zu meiner Großmutter fahren musste. Heute war es schon zu spät. Außerdem musste ich noch Satoru anrufen. Hoffentlich machte er sich nicht so viele Sorgen.
Langsam erhob ich mich mit dem Ziel zum Fenster zu gehen. Allerdings war ich sehr langsam und schwächer, als ich erwartet hatte, weshalb ich sehr lange brauchte. So lange, dass die Tür aufging und jemand hereinkam. Eilige Schritte liefen zu mir, bis Yuri mich packte, hochhob und wieder ins Bett legte. „Du sollst dich ausruhen“, tadelte er mich, was mich sogar dazu brachte, den Kopf einzuziehen, da ich es nicht mochte von ihm getadelt zu werden.
„Ich wollte das Fenster öffnen“, versuchte ich mich zu rechtfertigen.
„Musst du nicht, ich nehme dich gleich mit“, sagte er, was mich erleichtert seufzen ließ. „Zuerst muss die Ärztin dir aber die Infusion ab machen.“
Ich nickte, da ich dieses Ding gern loswerden wollte. Im Grunde konnte ich es kaum erwarten, hier weg zu kommen. „Meine Beine tun weh“, gestand ich, denn nach dem kurzen Moment, in dem ich gelaufen war, kribbelte alles unangenehm.
Yuri sah mich überrascht an. „Ich dachte, du kennst so etwas wie Schmerzen nicht“, neckte er mich.
„Meine Großmutter meint immer, dass ich eine ziemlich hohe Schmerzgrenze habe und das eigentlich nicht gut ist“, bemerkte ich, weil ich mich erneut irgendwie gezwungen fühlte, mich zu rechtfertigen.
„Da stimme ich ihr zu“, meinte Yuri nüchtern, der mir durch die Haare strich. „Die Ärztin sollte gleich da sein“, beruhigte er mich, als eine junge Frau den Raum betrat. Sie hatte seltsame, grüne Augen, bei denen ich keine Pupille erkennen konnte. Deshalb schauderte es mich, denn sie wirkte mit den weißen Haaren, die einen grünlichen Schimmer hatte, irgendwie gruselig.
Schnell wandte ich meinen Blick ab, da es sich nicht gehörte, andere so anzustarren und ich wollte auch nicht, dass sie das Gefühl hatte, ich verurteilte sie.
„Hallo“, grüßte sie mich und schenkte mir ein Lächeln. „Wie fühlst du dich?“, wollte sie wissen, bevor sie mir eine Hand an die Stirn legte. „Das Fieber ist runtergegangen, aber noch nicht ganz weg“, sagte sie, wobei sie mir keine Möglichkeit ließ, zu antworten. „Solltet du keine Schmerzen mehr haben, gibt es kein Problem, wenn du zurück in dein Zimmer gehst, solange jemand auf dich aufpasst“, erklärte sie mir, bevor sie begann, die Kanüle aus meinem Arm zu entfernen. Ich wandte meinen Blick ab, denn das musste ich mir nicht ansehen.
„Ich fühlte mich müde, aber gut“, sagte ich schnell, denn ich wollte nicht, dass sie glaubte, ich würde Schmerzen haben. Das stimmte zwar, doch so schlimm empfand ich diese auch nicht. Wahrscheinlich hatte ich einfach zu lange gelegen.
Yuri kam zu mir zurück ans Bett, als sich die Ärztin weit genug entfernt hatte. Er beugte sich vor als wolle er mich küssen, forderte mich aber auf, meine Arme um seinen Nacken zu legen.
Als ich das getan hatte, zog er mich an sich und dann auf seine Arme. „Damit du dich noch ausruhen kannst, trage ich dich“, sagte er entschieden und ließ mir keine Wahl.
Er trug mich zum Zimmer hinaus in den Flur, wo man uns tatsächlich anstarrte. Das hatten die Schüler bereits lange nicht mehr getan und mir war es in meinem momentanen Zustand sogar unangenehm, weshalb ich meinen Kopf an seinem Hals versteckte, damit ich nicht sehen musste, wie die Leute reagierten. Mein Herz klopfte aufgeregt, während er lief.
Ich hörte die Schüler tuscheln, was mir gar nicht gefiel. Sie sprachen über Yuri und mich, ohne meinen Namen zu nennen. Vielleicht kannten sie ihn gar nicht, ich hatte mich immerhin nie vorgestellt.
Im Grunde warfen sie mir, einem namenslosen Weibsbild, vor, Yuri verzaubert zu haben. Am schlimmsten war Melody, die leise Rache schwor und gleichzeitig eine Freundin oder sogar einen Freund fragte, ob Kean sich nicht darum hatte kümmern wollen.
Diese Worte sorgten dafür, dass ich mich verspannte. Kean. Was hatte er mit der Sache zu tun und warum konnte ich mich nicht erinnern? Es waren nur kleine Ausschnitte, an die ich mich erinnerte. Zwischendrin war viel zu viel schwarz.
Irgendwann kamen wir an und Yuri legte mich auf sein Bett. Sofort entspannte ich mich wieder etwas, bevor ich meine Arme bittend öffnete, um Yuri zu symbolisieren, dass er zu mir kommen sollte. Ich brauchte seine Nähe.
Er lachte lediglich leise. „Heute so anhänglich?“, fragte er belustigt, kam aber zu mir.
Yuri setzte sich neben mich auf das Bett und streichelte meine Haare. „Du machst wirklich ganz schön Ärger“, bemerkte er, klang aber eher amüsiert, als verärgert.
Ich schloss meine Augen und genoss seine Berührungen. „Entschuldige. Ich habe wirklich versucht, mich zu wehren“, murmelte ich, damit er wusste, dass ich es nicht einfach so zugelassen hatte.
„Zum Glück ist alles gut gegangen“, sagte er beruhigend. „Jetzt ruh dich aus. Wir müssen klären, ob du in der Lage bist, nach Hause zu gehen.“





















































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