Ascardia-Kapitel 5

~Ascardia~
Es fiel mir immer schwerer, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Das heiße Wasser hatte meinen Körper zur Ruhe kommen lassen und nun bekam ich ihn nicht wieder wach.
Meine Augen fielen immer wieder zu und ich musste mich richtig zusammenreißen, um nicht im Laufen einzuschlafen. Ich war so unendlich müde und wollte einfach nur meine Ruhe.
Ayden schien das jedoch anders zu sehen, denn er führte mich unerbittlich durch die Flure.
Dann blieb er vor einer großen Tür stehen, die augenblicklich aufschwang.
Ich war zu erschöpft, um meine Umgebung wirklich richtig wahrzunehmen. Mir war die ganze Zeit, als würde jeder Raum mich erneut mit seinen unzähligen Farben und Formen erschlagen wollen.
Doch als der Geruch von Fleisch an meine Nase drang, wurde ich sofort hellwach.
Es dauerte keine Sekunde, bis ich das Essen auf dem langen Tisch sah und ich ließ zu, dass der verführerische Geruch mich nach vorn trieb.
In meinem Mund lief unaufhaltsam das Wasser zusammen, während ich mich schon fragte, ob ich heute doch noch dazu kommen würde, Fleisch zu essen.
Ein leises Lachen ertönte in meinem Rücken, das ich jedoch ignorierte. Stattdessen betrachtete ich die Speisen.
Ich hatte noch nie so viel verschiedene Sachen auf einem Haufen gesehen.
Das war nicht einfach nur Fleisch, das man über einem Lavastrom geröstet hatte. Es zeigte keinerlei verbrannte Stellen und hatte teilweise eine schimmernde Glasur.
Dazu kam ein Geruch, der mich so erschlug, dass ich kaum die einzelnen Komponenten benennen konnte.
Ich roch Süße, Kräuter und etwas, das ein wenig in meiner Nase brannte, aber nicht unangenehm war.
Was war das hier alles?
Das Fleisch verstand ich, aber was waren das für rote und violette Dinge, die daneben lagen? Und das Grünzeug, das eine Schüssel füllte?
»An deinen Manieren werden wir noch arbeiten müssen«, bemerkte Ayden, der mich langsam hinterhergeschlendert kam.
Ich ignorierte ihn und war kurz davor, mich auf das Essen zu stürzen, als mich eine kalte Brise streifte.
Sofort versteifte ich mich und mein Blick ruckte zur Seite.
In einem Stuhl am Ende des Tisches saß er.
Das offene, weiße Haar fiel ihm um die Schulter, während seine kristallinen Augen jede meiner Bewegungen folgten.
Hatte er auf sich aufmerksam gemacht?
Wie hatte ich seine erschlagende Präsenz nicht wahrnehmen können?
Mein Herz, das sich erst wieder beruhigt hatte, begann zu rasen. Wie viel würde mein Körper noch aushalten, bis er vor Erschöpfung zusammenbrach? Bekam ich denn keinen Moment der Ruhe?
Der Fürst hob eine Hand. Daraufhin bewegte sich einer der Stühle mit einem leisen Schaben.
Ein Schauer rann mir über den Rücken, während ich versuchte, die Situation zu begreifen.
War das … eine Einladung? Sollte ich zu diesem Stuhl?
Mein Körper wehrte sich dagegen, doch ich zwang ihn dazu, sich zu bewegen.
Was war es nur, das meine Instinkte gegenüber dieses Mannes so durchdrehen ließ?
Ayden besaß ebenfalls diese seltsame Macht über mich, doch vor ihm sträubte ich mich nicht derart.
»Setz dich«, befahl der Fürst mit einer Stimme, die mir durch Mark und Bein ging. Schneidend kalt und befehlend, wie ich sie noch nie gehört hatte.
Nicht einmal ein Alpha hatte eine derart mächtige, drückende Aura.
Ich zitterte am ganzen Körper, als ich seinem Befehl Folge leistete.
Als ich schließlich saß, glaubte ich, dass ein Lächeln über seine Lippen huschte, doch ich irrte mich sicherlich.
Ich war so nervös unter seinen Blicken, dass der Geruch des Essens meinen Magen umdrehte. Nur mit Mühe schaffte ich es, nicht zu würgen.
Ich hatte unglaublichen Hunger, doch mir war auch so schlecht, dass ich nicht glaubte, auch nur einen Bissen hinunterzubekommen.
Schweigen breiteten sich aus, während ich zitternd auf den Teller starrte.
Ich bekam nicht mit, was passierte, doch irgendwann hörte ich die Tür.
Als ich aufsah, war Ayden verschwunden, was mir nur noch mehr Angst machte.
War ich wirklich mit ihm alleine?
»Wie ist dein Name?«, fragte er, wobei seine Stimme so kalt war, wie ich mir Eis vorstellte.
»A… Asc … Ascardia«, brachte ich stammelnd hervor.
Es war unglaublich wie viel Kraft es mich kostete, ihm zu antworten.
Verflucht nochmal und dabei wollte ich unbedingt essen. Mein Körper brauchte es und noch immer lief mir das Wasser im Mund zusammen. Wenn ich nicht aufpasste, begann ich zu sabbern.
Etwas, was sich nicht gehörte, auch wenn ich es ganz oft machte.
Zuhause war das vielleicht in Ordnung doch hier … Wo Regeln galten, die ich nicht kannte, sollte ich alles nutzen, was ich wusste. Was zugegeben nicht viel war.
»Ascardia. Du bist ab heute mein Gast«, sagte er, wobei das Wort Gast in meinen Ohren seltsam widerhallte.
Was war ein Gast? War das eine Art von Gefangenen?
Ich traute mich nicht, nachzufragen. Nicht nur, weil ich Angst vor der Antwort hatte. Es war mir einfach unangenehm, dass er mit mir sprach.
Seine Augen musterten mich, während erneut Stille einkehrte, als würde er auch irgendeine Reaktion warten, die ich ihm jedoch nicht gab.
Schließlich stieß er den Atem aus.
Vor mir erhob sich ein Stück, das mich an das Bein eines Vogels erinnerte.
Es landete direkt vor mir auf dem leeren Teller.
»Iss«, befahl der Fürst.
Ich schluckte, während ich das Essen betrachtete.
Links und rechts neben dem Teller lagen silberne Gegenstände, die ich nicht kannte. War das Teil vom Geschirr? Ich hatte davon gehört, dass man so etwas nutzte, doch zuhause hatte es nie die Möglichkeit dazu ergeben.
Was also sollte ich tun?
Während ich noch darüber nachdachte, füllte sich mein Teller mit immer mehr verschiedenen Sachen. Darunter auch dieses seltsame rote Gebilde, das ich nicht einordnen konnte.
»Hast du keinen Hunger?«
Seine Stimme durchschnitt die Stille wie eine feine Klinge.
Ich zuckte und streckte dann meine Hand aus, um zu essen.
Hoffentlich hielt mein Magen das aus, doch das Fleisch war einfach zu verlocken. Außerdem hatte ich nichts davon, wenn ich hungerte. Das würde nur dafür sorgen, dass mein Körper schlapp machte.
Ohne mehr darüber nachzudenken, versenkte ich meine Zähne in dem Fleisch, das so verführerisch duftete.
Der Geschmack, der sich daraufhin auf meiner Zunge breit machte, traf mich unerwartet. Kein bisschen verbrannt und so gewürzt, dass es den Geschmack wunderbar zur Geltung brachte.
Es war, als würde auf meiner Zunge ein Fest an Geschmack tanzen.
Was war das? Warum war es so lecker?
Ich versuchte mich zu zügeln, doch ich schlang das Stück hinunter und kaute auf den Knochen herum, um auch wirklich das letzte Stück Fleisch abzuschaben.
Als ich jedoch die Ränder der Knochen knacken und aussaugen wollte, spürte ich einen Ruck und der Knochen wurde mir aus den Händen gerissen.
Ein Knurren verließ meine Lippen und ich sprang ihm halb hinterher, bis auch mein Körper sich nicht mehr bewegte.
»Es gibt keinen Grund, auf den Knochen herumzukauen«, wurde ich getadelt, während ein weiteres Stück Fleisch seinen Weg auf meinen Teller fand. »Außerdem solltest du auch Gemüse dazu essen.«
Gemüse? Was war das?
Ich war so im Geschmack und Hunger gefangen, dass ich seine Worte zwar hörte, mich die Kälte darin aber nicht mehr derart störte.
Als ich mich wieder bewegen konnte, griff ich sofort nach dem nächsten Stück. »Mach langsam«, wurde ich erneut getadelt, doch ich konnte nur mit einem Knurren antworten und schlang das Stück Fleisch hinunter.
Was, wenn er es mir gleich wieder wegnahm? Das durfte ich nicht zulassen. Ich musste so viel essen, wie ich konnte.
»Das reicht«, erklang seine Stimme. So schneidend, dass er für einen Moment meine Aufmerksamkeit bekam.
Ein Fehler.
Im nächsten Augenblick war das gesamte Essen, ja der gesamte Tisch, einfach verschwunden.
Ein Wimmern verließ meine Lippen, als mir klar wurde, dass sich mein Essen gerade einfach in Luft aufgelöst hatte. Aber ich hatte noch Hunger!
»Wenn du weiter so in dich hineinstopfst, muss du …«
Er konnte seinen Satz nicht beenden, da packte mich Schmerzen im Bauch und ohne es zu wollen, übergab ich mich direkt auf den glatten Boden.
Mein Körper protestierte, als ich versuchte, mein Essen im Magen zu behalten.
Ich hatte so lange nichts mehr gegessen, dass ich es definitiv übertrieben hatte.
Das gute Essen.
Tränen traten mir in die Augen. Würde ich überhaupt noch einmal etwas bekommen? Hätte ich mich doch nur besser zusammengerissen!






































Kommentare