AdD2-Kapitel 19
Müde blickte Rhana aus dem Fenster und beobachtete, wie die Sonne hinter den Bergen verschwand.
Idris hatte nur Bericht erstatten wollen, doch er war immer noch nicht zurück.
Sie hatte zwischenzeitlich sogar eine Weile geschlafen. Rachel hatte ihr ein Lied vorgesungen, das sie aus ihrer Kindheit kannte, doch um sie vor Albträumen zu schützen, hatte es nicht gereicht.
Rhana lag einiges auf den Herzen, doch mit ihrer Mutter konnte sie einfach nicht reden. Noch hatte sie eher das Gefühl mit einer alten Freundin zu reden, die sie aus ihrer Kindheit kannte, statt mit ihrer Mutter.
Würde sich das irgendwann ändern? Könnte sie ihre Sorgen irgendwann Rachel anvertrauen und in ihr eine Mutter sehen?
Rhana dachte daran, wie sehr sich Rachel um sie gesorgt hatte und am Ende hatte sie Recht gehabt. Es war gefährlich gewesen, doch nur durch solche Erlebnisse konnte Rhana wachsen.
Sie stieß die Luft aus und wandte sich vom Fenster ab. Es war selten, dass Idris die Nacht außerhalb verbrachte.
Obwohl er sie die meiste Zeit gemieden hatte, hatte sie dennoch seine Blicke gespürt und gerade heute hatte sie geglaubt, dass er wieder mit ihr reden würde. Immerhin hatte er sogar darauf bestanden, sie zu fliegen.
Es hatte sich fast so angefühlt, als wäre alles wieder in bester Ordnung, doch jetzt … Jetzt fragte sie sich, ob Idris nur aus reinem Pflichtbewusstsein mit ihr geflogen war. Vielleicht hatte er etwas Ähnliches kommen sehen und hatte sie nur beschützen wollen?
Rhana wusste, dass sie ihm etwas bedeutete, doch war es vielleicht nicht mehr so stark wie früher?
Ihr Blick wanderte zu dem Bild, das Idris mit ihrer Mutter Rachel und ihrem Vater Giori zeigte.
Rachel stand in der Mitte, während sie die beiden Männer umarmte.
Als sie das Bild das erste Mal erblickt hatte, hatte sie ihre Mutter nicht erkannt, doch nun war sie sich sicher.
Seitdem sie wusste, dass ihre Eltern vor fünfzehn Jahren versiegelt worden waren, sah sie das Bild mit anderen Augen.
Idris hatte sich kein Stück verändert. Er war nicht gealtert, doch da er ein Drache war, hatte Rhana das auch nicht erwartet.
Dennoch war Idris ihr ein Rätsel. Sie hatte es nie hinterfragt, doch wie konnten Menschen zu Drachen werden oder war er ein Drache mit einer menschlichen Gestalt? Und konnten sich Lir und Nae auch in Drachen verwandeln? Was waren sie für Wesen?
Ähnelten sie vielleicht den Feen? Immerhin gab es viele Götter, vielleicht konnte einer davon auch Drachen erschaffen … Wobei es einen Drachengott gab …
Rhana schüttelte den Kopf.
Das brachte sie doch alles nicht weiter.
Sie liebte Idris und es war ihr egal, ob er nun Mensch, Drache oder sonst etwas war. Ihr war seine Nähe wichtig und sie brauchte ihn.
Vielleicht war es egoistisch, doch sie würde ihn nicht einfach so loslassen. Wenn er sie nicht mehr wollte, würde sie ihr möglichstes tun, um ihn wieder für sich zu begeistern. Erst, wenn sie alles versucht hatte oder Idris es ihr direkt ins Gesicht sagte, würde sie es akzeptieren.
Rhana griff nach den Mantel an ihrem Kleiderständer, warf ihn sich über und trat hinaus in den Flur.
Es gab nur eine Person, die ihr helfen konnte. Eine, die sicherlich wusste, wo Idris gerade war.
Obwohl sie sich der Gefahr, mitten in die Besprechung zu platzen, bewusst war, schritt sie direkt auf Naes Arbeitszimmer zu und klopfte an.
Von drinnen hörte sie keine Stimmen, doch es erklangen Schritte.
Es war schließlich Lir, der ihr die Tür öffnete und sie überrascht musterte.
»Ich suche nach Idris«, sagte sie kleinlaut und schielte an ihm vorbei.
Nae war im Raum und saß auf dem Sofa, während sie eine Tasse Tee genoss.
Lir trat einen Schritt zur Seite und deutete ihr, einzutreten.
Rhana tat es, mit der Hoffnung, dass Idris vielleicht hier war, doch als Lir die Tür schloss, wurde sie sich bewusst, dass dem nicht so war.
»Wir dachten, er wäre bei dir«, sagte Nae, die auf den Sessel vor sich deutete. Auf dem kleinen Tisch erschien wie aus dem Nichts eine Tasse dampfender Tee.
Rhana ließ sich nieder, auch wenn sie sich nicht ganz so wohl damit fühlte. »Nein. Ich habe bis jetzt gewartet, doch er ist nicht gekommen«, sagte sie und blickte in ihren Tee.
Wo war Idris nur? Ging es ihm gut? Er hatte bedrückt gewirkt, als er sie zurückgeflogen hatte.
»In letzter Zeit ist er ziemlich in sich gekehrt. Vermutlich fliegt er, um den Kopf frei zu bekommen«, versuchte Lir beruhigend, doch Rhana spürte sich nur noch unruhiger.
»Das ist meine Schuld«, sagte sie und spielte mit der Teetasse in ihrer Hand.
»Wieso sollte das deine Schuld sein?«, fragte Nae, die mit einer Handbewegung dafür sorgte, dass Schokokekse auf dem Tisch erschienen. Süßes war immer gut, um die Stimmung aufzuheitern.
»Seitdem ich eine Fee bin, wirkt er so distanziert«, murmelte Rhana.
Sie fühlte sich nicht seltsam, ausgerechnet mit Idris Eltern darüber zu sprechen.
Seitdem sie hier auf der Schule war, hatte sie das Gefühl, Nae war für sie wie eine Mutter geworden. Sie vertraute ihr und fühlte sich in ihrer Gegenwart sehr wohl. Rhana glaubte daran, dass Nae ihren Sohn gut genug kannte, um einschätzen zu können, ob etwas dran war. Außerdem war es leichter mit ihr statt mit Idris zu sprechen.
»Er fühlt sich sicher schuldig«, meinte Lir, was selbst Nae überrascht aufsehen ließ.
Rhana musterte den Mann, der auf der Armlehne des Sofas neben Nae saß.
»Wieso sollte er sich schuldig fühlen?«, fragte Rhana überrascht.
»Weil er dich nicht beschützen konnte«, erwiderte Lir, als wäre das ganz offensichtlich.
»Mich nicht beschützen?«, murmelte Rhana, während sie das Gefühl hatte, da wäre eine Erinnerung, die sich an die Oberfläche kämpfen wollte, doch scheiterte.
Rhana schüttelte leicht den Kopf. »Warum ist er dann so distanziert?«, fragte sie, wobei sich bereits Tränen in ihren Augen sammelten.
Sie erinnerte sich sehr gut daran, dass er immer an ihrer Seite gewesen war, wenn sie ihn gebraucht hatte. Aber jetzt …
Nae und Lir tauschten Blicke aus, die Rhana sagten, dass sie definitiv mehr wussten.
Schließlich erhob sich Nae, um vor Rhana auf die Knie zu gehen und ihr sanft die Tränen wegzuwischen. »Ich bin sicher, dass nicht du der Grund dafür bist«, sagte sie zärtlich und streichelte Rhanas Wange.
Diese spürte, wie ihre Gefühle plötzlich Oberhand gewannen und sie die Tränen nicht mehr zurückhalten konnte. »Was ist, wenn er mich nicht mehr liebt?«, brachte sie hervor.
Nae zog sie in eine Umarmung und setzte sich zu ihr, während sie ihren Rücken streichelte. »Das glaubst du doch selbst nicht«, sagte sie sanft.
»So wie Idris dich ansieht, bist du das Zentrum seiner Welt«, erwiderte Lir, der sich jedoch nicht einmischte und sitzen blieb.
Rhana schluchzte leise und schmiegte sich an Nae. Sie wusste selbst nicht, warum sie plötzlich so emotional war und warum sie sich ausgerechnet bei Idris Mutter ausheulte, aber es tat ihr gut. Manchmal mussten Gefühle einfach raus. In letzter Zeit hatte sie sich zu viele Sorgen um zu viele Dinge gemacht.
»Warum ist er dann nicht hier?«, fragte sie und klammerte sich an Nae. »Ich vermisse ihn so.«
Vielleicht war es egoistisch so zu denken, doch sie brauchte ihn.
Nae klopfte ihr leicht den Rücken. »Ich bin sicher, dass er bald wieder da ist«, sagte sie, doch irgendwas in Naes Stimme machte Rhana Sorgen.
War er wirklich nur fliegen, um den Kopf frei zu bekommen oder machte er etwas Dummes?



















































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