Kapitel 13 – Selbst ist die Frau
Kapitel 13 – Selbst ist die Frau
Xelus
Mein Schützling stand da, paralysiert, erstarrt. Angst spiegelte sich in ihren Augen wider, Furcht vor der Klinge an ihrem Hals, vor dem drohenden Tod an ihrer Kehle. Sie strahlte puren Schock aus, stammelte immer wieder ein Wort vor sich hin: Fredi – der Name des Mannes, der ihr Leben bedrohte. Ihre Arme hingen taten- und willenlos zu ihren Seiten herab.
Die beiden Männer lachten verächtlich, höhnten über die Hoffnungslosigkeit in ihrem Blick, ihre Stagnation und meine Unfähigkeit, sie zu beschützen. Uns beide konnte ich nicht retten. Ich versagte. Sie oder ich? Aber wie lange würde sie ohne mich noch überleben? Käme sie in dieser Welt schon allein zurecht?
Die Antwort auf meine Gedanken gefiel mir nicht. Wütend funkelte ich die beiden Männer an, einer mit der Armbrust in der Hand, der andere mit meinem Mädchen in seiner Gewalt. Wütend knurrte ich auf; meine Fänge verlängerten sich drohend und doch zeigten sich die beiden kein bisschen eingeschüchtert.
Dann aber änderte sich die Atmosphäre abrupt. In einem Moment strahlte mein Schützling noch Angst und Verzweiflung aus, im Nächsten war ihre Ausstrahlung frostig geworden. Keine Regung war mehr in ihren feinen Zügen zu erkennen, kein Gefühl. Für einen kurzen Augenblick nur nahm Traurigkeit den Platz der Kälte ein, ehe sie sich plötzlich in Sekundenschnelle umdrehte und ihre Fänge in ihres Peinigers Hals schlug. Ein unangenehmes Knacken liess einen Schlüsselbeinbruch verlauten. Ein paar Schlucke später ertönte abermals ein Knacken – sein Genick. Offenbar war sie damit aber noch nicht zufrieden, denn statt jetzt von ihm abzulassen, riss sie seinen Kopf – mit einer Kraft, die sie nicht haben sollte – von den Schultern, was für ein schauerliches Geräusch und eine ganz neuartige Dekoration im Raum sorgte.
Fassungslos starrte ich meinen Schützling an. Das gäbe auf jeden Fall einiges an Gesprächsstoff. War sie am Ende doch nicht so unschuldig, wie ich es angenommen hatte? Hatte sie … entsprangen die Narben vielleicht keiner Folter, sondern viel eher hartem Training? War sie am Ende noch eine dieser Frauen Mornems, die der König zur Assassine hatte ausbilden lassen? Ich hatte nur Geschichten davon gehört.
Das war nicht mehr das Mädchen, das ich bewusstlos und halb tot aus dem Wald geschleppt und genährt hatte. Das Mädchen, das sich mit aller Kraft zurückhielt, wenn der Hunger sie überkam, und keinem etwas zu leide tun wollte. Götter, wie?
Dieses Mädchen vor mir, mein … Schützling, der mir einen relativ gnädigen Mord vorgeworfen hatte, als wäre es das Ende der Welt, zerfleischte den Mann auf brutalste Weise. Und das mit einer Inbrunst, die hätte ich ihr nicht im Traum zugestanden!
Das Dickerchen vor mir, dessen Armbrust nun verdächtig stark zu zittern begonnen hatte, versuchte sich tatsächlich an einer Flucht und drehte mir dabei den Rücken zu. Über diese Dummheit konnte ich nur die Augen verdrehen, welche ich nun höchst unfreiwillig von meinem Schützling nahm. Meine Hilfe hatte sie gerade absolut nicht nötig, auch wenn ich mir das nur sehr ungern eingestand. Und zwangsernähren musste ich sie jetzt auch nicht mehr. Problem gelöst …
In einer einzigen Bewegung, leider aus reinem Affekt heraus, lag auch der Kopf des angeblichen Dorfvorstehers, von seinem Körper getrennt, auf dem Boden und schaukelte noch etwas hin und her. Wäre ich nicht so aufgebracht gewesen, hätte ich rational denken und ihn noch befragen können. Jetzt war es dafür aber zweifelsfrei zu spät. Dennoch musste ich dem König zu diesem Vorfall aber irgendetwas sagen können, entsprechend würde ich Nachforschungen anstellen müssen.
Zielsicher suchte mein Blick wieder den meines Abkömmlings. Allerdings stand sie von mir abgewandt und blickte irgendwo ins Nirgendwo. Dann, plötzlich, gaben ihre Knie nach und sie sackte zusammen. Kurz bevor sie auf dem harten, blutbesudelten Boden aufkommen konnte, hob ich sie in meine Arme. Ihre Augen waren geschlossen und ihre Atmung eingestellt.
Einen Moment stand ich da, in diesem blutbesprenkelten Hausflur mit zwei Leichen, und starrte ihr in das junge, aber vor grossem Leid geprägte Gesicht. Ich atmete tief ein – wünschte mir noch im selben Moment, ich hätte es gelassen – und beschloss anschliessend, erst einmal hier, in diesem Haus, unterzukommen. Ein Gasthaus hatte das Dorf nicht, dafür war es zu klein.
An den Leichen vorbeigehend, bahnte ich mir einen Weg in Richtung Treppe. In einem mehrstöckigen Haus befanden sich die Schlafzimmer meist in den oberen Stockwerken, und so sollte es auch dieses Mal sein. Drei Schlafzimmer hatte das obere Geschoss, das, welches ich betrat, verfügte sogar über ein angrenzendes Badezimmer.
Vorsichtig legte ich meinen Schützling auf dem Bett ab. Es dauerte einen Moment, bis ich mich von dem Bild losreissen konnte, mich ins Badezimmer aufmachte und dort die Badewanne grosszügig mit Wasser befüllte. Anschliessend ging ich zurück zu meinem Mädchen, zog sie aus und trug sie in die Wanne. Das frische Blut zu entfernen, war noch das Eine. Die dickte Schmutzschicht, die sich über ihren ganzen Körper zog, das andere.
Am Ende sollte das Wasser in der Badewanne eine tiefschwarze Färbung angenommen haben. Die einst sicher wunderschönen, langen Haare hatte ich schweren Herzens um ein gutes Stück kürzen müssen, sodass sie ihr nur noch bis zum unteren Rücken gingen. Den Rest hatte ich anschliessend aber mit viel Geduld und den richtigen Mittelchen entwirren und waschen können.
Nach dem Waschen trocknete ich meinen Schützling vorsichtig mit einem Handtuch ab und legte sie auf die weiche Matratze. Im Schrank fand ich leichte, zum Schlafen geeignete Kleidung und zog sie ihr an. So sollte sie sich beim Aufwachen wohler fühlen. Mein innerer Vampir brummte zufrieden.
Meine Gedanken schweiften schnell wieder zu den Ereignissen von vorhin ab. Diesen Menschen hier ging es sichtlich zu gut für ihren Stand. Bliebe nur noch herauszufinden, ob das allen Menschen hier so erging, oder ob der Dorfvorsteher der Einzige war.
Murrend setzte ich mich an die Kante des Bettes, auf dem mein kleiner Schützling wieder zu Kräften kommen sollte. Als mein Blick auf sie fiel, hatte ich sogleich wieder das Bild vor Augen, wie sie dem Mann, der sie bedroht hatte, gnadenlos die Schulter mit ihrem Biss aufgerissen, das Schlüsselbein und anschliessend das Genick gebrochen und ihm dann herzlos den Kopf von den Schultern gerissen hatte.
Das Wort ‚herzlos‘ in einem Satz mit meinem neuen, zarten Schützling zu verwenden, war etwas, was weder mich noch meinen inneren Vampir glücklich stimmte. Tatsächlich machte es mich beinahe rasend, dass sie überhaupt erst in eine solche Situation gekommen war. Das hätte nie passieren dürfen. Ich hatte versagt, und das war noch nie passiert! Nicht in solchem Ausmass, und nicht, wenn es darum ging, eine Frau zu beschützen! Sie war ein Mädchen, um der Götter Willen! Niemals sollte sie in eine Situation kommen, in der sie ihr Leben oder ihre Ehre selbst verteidigen musste!
Entnervt erhob ich mich und suchte erst einmal selbst erst einmal das Badezimmer auf, bevor ich das Schlafzimmer mit meinem Schützling darin auf leisen Sohlen hinter mir liess. Ich hatte noch nicht gegessen und langsam spürte ich, wie mich der Durst zu beeinflussen drohte.
Bevor ich jetzt jedoch das Haus verliess, horchte ich aufmerksam, um allenfalls noch andere mögliche Attentäter ausfindig zu machen. Atmen müssten die ja und einen Herzschlag hätten sie auch, insofern es keine Vampire waren. Nicht, dass noch jemand irgendwo versteckt lauerte und meinen schlafenden Schützling meuchelte! Zutrauen würde ich es den Menschen hier!
Doch das Haus war leer, von den Leichen im Eingangsbereich einmal abgesehen, und so ging ich vor die Tür, um mir ein, hoffentlich williges, Opfer zu suchen. Eigentlich entsprach es ja den Gesetzen, sich auf Reisen nähren zu dürfen, doch wie ich heute schon hatte feststellen dürfen, wurden die Gesetze hier an der Grenze etwas … freier interpretiert.
Sie hatten Vampiren Blut abgezapft. Und jenes verkauft. Eigentlich sollte ich mich auf direktem Weg zurück nach Genral begeben, den König über Aurelius’ Fernbleiben informieren und danach weiter meiner Arbeit nachgehen. Jetzt jedoch musste ich hier erst einmal ein paar Ermittlungen durchführen, in Erfahrung bringen und was es mit dem Verkaufen von Vampirblut auf sich hatte. Hinzu kam die kleine Findel-Vampirin. Bei Tag wäre es schwieriger zu reisen. Und wer wusste schon, wie lange sie jetzt erst einmal ruhen würde? Jetzt, wo sie in einem Bett schlafen konnte und wir uns in Genral befanden, könnte ich ihr auch einige Tage gegen, um Energie zu tanken.
Wieder kamen mir unzählige Fragen zu dem Mädchen in den Sinn. Wer hatte sie verwandelt? Wo kam sie her? Es gab so viel zu klären! Ihr verschlossenes Verhalten, welches sie an den Tag legte, könnte in der Königsstadt unter Umständen schlecht aufgenommen werden. Geschweige denn die Information über die Ereignisse gerade eben. Ich wünschte mir wirklich, dass mein Schützling in den Vampirlanden wohlwollend aufgenommen und nicht als Bedrohung angesehen würde. Dennoch war es auch meine Pflicht, dem König von den Geschehnissen zu berichten. Im schlimmsten Fall, dem absoluten Horrorszenario, würde er sie einfordern, um sich selbst ein Bild von ihr zu machen. Damit er das Risiko einschätzen konnte, das mit ihr einherging. Aber das würde nicht passieren. Sie war ein Jungvampir, hatte ein paar Probleme mit dem Bluttrinken und … hatte einem Mann aus einem starken Selbsterhaltungstrieb heraus den Kopf von den Schultern … gelöst. Das war zwar ungewöhnlich, wäre aber nicht Grund genug, dermassen in meine Erziehung einzugreifen …
Vielleicht liess ich aber auch das eine oder andere Detail in meinem Bericht aus. Wer wusste schon, was mich auf dieser Reise noch alles erwartete.
Als ich Stunden später vor die Haustür trat, sah ich mir zuallererst die anderen Häuser an. Auf Anhieb war nicht direkt eine ausgeprägte Armut, aber auch kein offensichtlicher Reichtum, wie beim Haus hinter mir, zu erkennen. Somit hatte ich keinerlei Anhaltspunkte dafür, ob die Bürger Teil dieser Verschwörung waren oder nicht.
Gemächlich schlenderte ich durch die schmalen Gassen. Es war ein wirklich kleines Dorf, aber dem einen oder anderen Menschen lief ich unterwegs über den Weg. Den Menschen schien es so weit gutzugehen. Keiner schien an einem akuten Hungerproblem oder starker Armut zu leiden. Bei einer jungen Frau, die gerade in einem kleinen, offenen Garten die Wäsche aufhing, blieb ich stehen.
„Guten Tag“, grüsste ich freundlich, woraufhin sie den Gruss ebenfalls höflich erwiderte.
„Wie kann ich euch helfen, guter Herr?“, fragte sie, mit leichter Besorgnis in der Stimme, als ihr Blick meine Augen erreichte.
„Ich bräuchte ein paar Informationen und muss mich nähren“, gab ich ruhig zur Antwort. Ich wollte meine Beute nicht erschrecken oder gar in Angst versetzen. Das liess das Blut nur sauer werden. Jedoch stolperte sie erschrocken zurück, fing an zu schluchzen und flehte mich an, ihr nichts zu tun. Ich seufzte leise. Trotz ihrer Aversion brauchte ich Blut. Also näherte ich mich ihr langsam.
„Nein, nein, bitte! Bitte, ich flehe Euch an!“ Panisch zuckten ihre Hände zu ihrem unteren Bauch und krampften dort zusammen.
Die Bewegung war mir nicht entgangen. Sofort stellte ich meinen Gang ein und schaute sie mit grossen Augen an. „Wieso habt Ihr das nicht einfach gesagt? Ich würde doch nie …“
Die Frau liess mich gar nicht erst ausreden. In ihrer Panik gefangen, begann sie einen Aufruhr zu veranstalten, der am Ende noch in einer Hetzjagd gegen Vampire enden würde.
Seufzend liess ich sie stehen und fand mich eine Sekunde später in ihrem Haus wieder. Dort stand ein Mann, bereit, gleich zur Arbeit auf dem Feld aufzubrechen. Kurzerhand schnappte ich ihn mir, in dem ich meine Arme von hinten um ihn schlang, nahm mir, was ich brauchte, und beförderte ihn neben seine aufgelöste Gemahlin nach draussen.
Dann steckte ich ihm, einfach nur des Schreckens wegen, noch ein Goldstück in die Tunika und verschwand, bevor einer der beiden überhaupt realisieren konnte, was gerade geschehen war. Die Wunde würde auch bald schon aufhören zu bluten. Und der Ständer …, nun dagegen musste er sich jetzt selbst Abhilfe schaffen.
Wortlos begab ich mich, nun gesättigt, zurück auf die Strasse und machte mich auf den Weg zurück zu meinem Abkömmling. Ich sah sie nur ungern ungeschützt und allein, und jetzt, da ich mich gestärkt hatte, konnte ich über sie wachen, bis sie erwachte. Danach könnte ich mich immer noch im Dorf umhören, zumal das des Abends, nach Feierabend, auch viel besser funktionieren dürfte.
Kaum betrat ich den Eingangsbereich, schlug mir der unverwechselbare Geruch von Eisen entgegen. Die herumliegenden Gliedmassen liessen mich schwer seufzen. Die sollte ich vielleicht erst einmal beseitigen. Möglichst bevor sie wieder aufwachte






















































Kommentare