Kapitel 12 – Tränen

Kapitel 12 – Tränen

 

Xelus

In der Schenke war es ruhig. Ein Mädchen stellte gerade schwungvoll einen Humpen vor mir ab, sodass der Met über den Rand spritzte und eine kleine Lache auf dem Tisch bildete. Für meinen neuen Schützling hatte ich Wasser geordert, doch da hatte man mich nur kopfschüttelnd angeschaut. Jetzt wurde auch vor ihr ein Humpen Met abgestellt. Dafür hatte sie allerdings keine Augen, denn diese klebten fest an der Halsschlagader unserer Bedienung.

„Essen?“, fragte eben diese unwirsch, woraufhin ich dankend den Kopf schüttelte und das schlecht gelaunte Mädchen sich ohne weiteres Wort verzog.

Nachdenklich betrachtete ich meinen Schützling. Ihren Namen hatte sie mir noch nicht verraten. Aber noch war der Tag jung. Bald dürfte sie auch schon wieder Durst bekommen. Ihre letzte Mahlzeit hatte sie fast in den Blutrausch getrieben. Dieser Zustand kostete einiges an Kraft, was wiederum hungrig machte. Und so verloren sich unzählige Jungvampire in einem unaufhörlichen Kreis der Blutgier.

Sich unter meinen Blicken sichtlich unwohl fühlend, hatte sie die Arme vor der Brust verschränkt. Den Humpen vor sich beachtete sie nicht weiter, hatte ihn vielleicht noch nicht einmal wahrgenommen. Zum Glück, sollte man sagen. Alkohol half nicht zwingend bei der Impulskontrolle. Und eine solche musste sie sich aneignen, ansonsten würde das Leben in der Stadt, oder ganz generell in Genral, schwierig werden.

Unser König, König Kelevan, der älteste und damit stärkste noch lebende Vampir, war ein gerechter König. Stets darum bemüht, sein Volk in Sicherheit zu wissen. Unter seiner Herrschaft lebten wir in Frieden und Harmonie, insofern ein gewisses Nachbarland nicht gerade zum Krieg aufrief.

König Kelevan hatte den Titel vor ungefähr zwei Jahrzehnten für sich beansprucht. Nachdem er seinen Erschaffer im Kampf besiegt hatte, hatte er die Führung des Landes übernommen, die Sklaverei in den Vereinigten Vampirlanden verboten und etliche Neuerungen eingeführt, die zu einem friedlichen Zusammenleben zwischen Menschen und Vampiren geführt hatten.

Oftmals fürchteten sich Menschen noch vor uns. Wir waren schneller und stärker als sie. Unsere Sinne waren feiner und unser Hunger nach Blut für manch einen verstörend. Doch die meisten Vampire hatten sich Kelevans Wort gefügt; nach Blut wurde gefragt, der Mensch wurde bezahlt – es wurde nicht mehr einfach genommen.



Geduldig wartete ich ab. Kein Jungvampir erfuhr, dass er ungewollt zum Vampir gewandelt worden war, ein unendliches Leben vor ihm lag und er sich fortan von Blut ernähren musste und fand sich damit sang- und klanglos ab. Sie würde alle Freunde und Familienangehörigen überdauern und deren Verlust ertragen müssen.

Und doch hatte sie noch keinen Mucks von sich gegeben, was mir ironischerweise sehr viel über sie sagte. Sie war einer der Menschen, die ihre Kämpfe in sich ausfochten, Hilfe tendenziell ablehnten und mit Komplimenten nicht umgehen konnten – vermutlich hatte sie noch nie eines erhalten.

Aber auch ich hatte seit dem Betreten der Schenke nur die nötigsten Worte an sie gerichtet. Zugegeben, ich war neugierig auf meinen Schützling. Nicht nur, weil sie nicht sprach und meine Neugierde damit immer grösser werden liess, sondern auch wegen des Zustands, in dem ich sie gefunden hatte. Allein der Kleidermangel, dem ich mittlerweile mit ein paar Goldstücken entgegengewirkt hatte, liess die Frage aufkommen, in welcher Situation sie verwandelt worden war.

Hatte sie einem Vampir Unterschlupf für die Nacht gewährt und er hatte ihr zum Dank das ewige Leben geschenkt? Zufälligerweise natürlich genau in dem Moment, in dem sie sich am Umkleiden war? Eher unwahrscheinlich. Doch egal wie es abgelaufen war, es würde mich kaum noch überraschen können. In meinem Leben hatte ich schon von den unterschiedlichsten Verwandlungsszenarien gehört, eine unplausibler als die andere.

Mittlerweile lag der Blick meines neuen Schützlings nicht mehr auf der Wand, in die sie den halben Tag schon Löcher hinein gestarrt hatte, sondern heimlich auf mir. Natürlich ganz in dem Glauben, dass ich es nicht bemerkt hätte. Auch sie war neugierig. Das war offensichtlich. Aber sich mit der neuen Realität abzufinden, konnte ganz schön zermürbend sein.

„Können wir gehen?“, fragte sie irgendwann kleinlaut und brach damit das stundenlange Schweigen.

„Nein“, antwortete ich einsilbig und bestimmt, wobei meine Stimme schärfer klang, als beabsichtigt. Nur sollte ich wirklich noch mindestens bis Sonnenuntergang auf meinen Abkömmling und Informanten warten. Und mit jeder Stunde, die ereignislos ins Land zog, wurde mein neuer Schützling ungeduldiger. Aber auch ihretwegen sassen wir hier.



Für ihre Augen dürfte es noch eine regelrechte Qual sein, bei Sonnenlicht hinauszumüssen. Die Augen von Jungvampiren waren länger empfindlich als der Körper. Ihrer hatte offenbar wenig Probleme mit der Sonne, was ihr in der Situation im Wald vermutlich das Leben gerettet hatte. Dem Zustand nach, in dem ich sie gefunden hatte, musste sie in der vorherigen Nacht aus dem Wandlungsschlummer erwacht sein, was bedeutete, dass sie einen ganzen Tag herumgeirrt sein musste. Ihr Geburtstag war demnach der sechste Sexdos.

Und so vergingen noch weitere, wortlose Stunden, bis die letzten Sonnenstrahlen über den Hügelkuppen verschwanden und die Schenke auf einmal mit jeder Minute voller wurde. Seufzend erhob ich mich, bezahlte für die Getränke und führte sie, die Hand vorsichtig an ihren unteren Rücken gelegt, nach draussen.

In der letzten Stunde hatte sie ausnahmslos jeden Menschen mit ihren Augen taxiert, so wie es ein Raubtier mit seiner Beute tat. Ihr Blick hatte stets sofort die Halsschlagader gefunden und an dieser geklebt, wie Harz am Baum. Zugute sprechen musste ich ihr allerdings ihre Selbstbeherrschung. Ein anderer hätte längst die Initiative ergriffen und einen der Menschen angegriffen. Dafür gehörte ihr meine Hochachtung.

 

Wir waren schon ein ganzes Stück gelaufen. Hier könnte ich mein Pferd ungesehen beschwören, doch erst hatten wir noch etwas anderes zu tun. „Sprich schon. Ich merke doch, dass dir etwas auf der Zunge liegt.“

Überrascht sah sie auf und blickte dann ertappt zu Boden. „Habt … Ihr bekommen, worauf wir gewartet haben?“, fragte sie irgendwann leise.

„Nein.“ Sachte legte ich meine Hand unter ihr Kinn, um es anzuheben. Augenblicklich schreckte sie zurück. Nachdenklich liess ich die Hand wieder sinken. „Aber das braucht dich nicht zu sorgen. Es ist nicht weiter schlimm.“ Einen weiteren Moment beobachtete ich sie gedankenverloren. „Hast du Durst?“

Zögerlich hob sie den Kopf. „N…nein.“

Meine Mundwinkel zuckten. „Ich werde dir wahrlich nicht viele Regeln auferlegen, wie du bereits gemerkt haben solltest. Du darfst sprechen, wenn du magst, du darfst so viele Fragen stellen, wie es deine Wissbegier verlangt. Aber lüg mich nicht an. Ich erkenne, wenn du lügst. Immer.“



Hastig den Kopf schüttelnd, wandte sie sich von mir ab. „Ich würde niemals lügen …“ Sagte sie und log … „Aber wenn Ihr sagt, ich dürfe fragen … W…was hat es mit Euren Augen auf sich?“

Ich schmunzelte. „Erst schuldest du mir eine Antwort.“

Trotzig stampfte sie auf. „Ich habe keinen Hunger! O…oder Durst. Das habe ich gesagt und ich bleibe dabei!“

Meine Miene wurde ernst. Sie wollte hungern? Gerne. Aber nicht mit mir. Bestimmt trat ich einen Schritt auf sie zu, woraufhin sie zwei zurückwich. „Es gibt zwei Möglichkeiten, wie es von hier an weitergehen wird.“ Angespannt hatte sie ihre Augen aufgerissen. „Erstens, du trinkst brav das, was ich dir besorge. Oder zweitens, und glaube mir, das wünsche ich dir nicht, aber ich werde es gnadenlos durchziehen, solltest du dich dafür entscheiden; ich besorge etwas zu Trinken und flösse es dir unter Zwang ein, ganz egal wie du dich dabei fühlst. Ich werde nämlich nicht zulassen, dass du mir elendig verdurstest!“

Mit offenem Mund stand sie da. „D…das würdet ihr nicht…“, weiter kam sie nicht.

„Das würde ich sehr wohl, mein kleiner Schützling. Und nun entscheide.“ Es war keine Drohung, aber ich erwartete, dass sie sich meiner Anleitung auch fügte. Auf einen Schützling mit aktivem Todeswunsch aufzupassen, hatte keinen Sinn. Sie musste Trinken, akzeptieren, dass dies ein Teil ihrer neuen Identität war.

Ihre Augen wurden glasig. Schnell drehte sie sich um und lief von mir davon. Zwei Schritte weit liess ich sie kommen. Dann umrundete ich sie in einer für sie kaum wahrnehmbaren Geschwindigkeit und zog sie fest an meine Brust. Augenblicklich versteifte sie sich.

„Ich kann deine Tränen riechen, Kind. Dich abzuwenden bringt dir nichts. Und weglaufen auch nicht“, murmelte ich ruhig und hielt sie fest im Arm.

Mit aller Kraft, die sie aufbringen konnte, stemmte sie sich gegen mich und weigerte sich strickt, mich anzusehen. So ging das einige Minuten weiter, bis sie sich schliesslich völlig verausgabt hatte, sich entkräftet und laut schluchzend in meine Armen fallen liess und mich fest umklammerte, als würde sie sonst von den Gezeiten hinfortgerissen.

Mornems Kultur war eine der grausigsten, die ich kannte. Frauen wurden als Sache gesehen, als Handels- oder Nutzobjekt. Schwäche musste verborgen werden, und Unterwerfung war der Inbegriff eines Weibes Leben. Die Jungen wurden dazu herangezogen, mit ihren eigenen Müttern und Schwestern umzugehen, als hätten sie keinen Wert, als seien sie lediglich austauschbares Hab und Gut des Mannes.



Mein innerer männlicher Vampir mochte es gar nicht, wenn dieses Mädchen weinte. Wenn mein Mädchen weinte. Er hatte sie unumstösslich und zweifelsfrei sofort als seinen Abkömmling akzeptiert, auch wenn sie das der Abstammungslinie nach nicht war. Und wenn ein innerer Vampir sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann konnte man ihm noch so gut zureden, nichts in der Welt würde ihn dazu bringen, seine Meinung zu ändern.

Vielleicht würde er sich in einigen Jahrhunderten etwas von ihr distanzieren können, falls sie einen vertrauenswürdigen Vampir finden sollte, der sich gut um sie kümmerte und sie aufrichtig liebte. Doch solange sie ein Jungvampir war, kam das nicht infrage. Auf keinen Fall!

Immer wieder machte ich Geräusche wie ‚Scht‘ oder gab Floskeln von mir wie ‚Es wird alles wieder gut‘, aber scheinbar half es nicht. Eher im Gegenteil sogar, denn kaum hatte ich Letzteres ausgesprochen, verfiel sie in eine regelrechte Panikattacke und ich konnte nichts tun, um ihr zu helfen.

Ich sollte mich zurückhalten. Zumindest so lange, bis sie sich mir von sich aus öffnete. Ich hatte keine Ahnung, was ihr passiert war, und ich konnte absolut nicht einschätzen, womit ich bei ihr schlechte Erinnerungen hervorrufen könnte.

Schützend nahm ich sie noch fester in den Arm. So bald würde sie dieser Umarmung nicht mehr entkommen. Allerdings änderte das nichts an der Tatsache, dass sie trinken musste. Ich sah mich schon, wie ich sie dazu zwingen musste zu schlucken, und das widerstrebte sowohl mir als auch meinem inneren Vampir zutiefst! Dennoch würde ich es tun, sollte es wirklich nötig sein.

Erst einmal sollte sie sich jetzt aber beruhigen. Leise seufzend entschied ich, dass das Trinken wohl auch noch etwas warten könnte. Dass sie sich gerade schluchzend und wimmernd an meine Brust schmiegte, hatte mit meiner Entscheidung aber selbstverständlich absolut nichts zu tun …

Nach einer ganzen Weile, der Wind pfiff leise sein Lied im Geäst der Bäume neben dem Waldweg, liess sie los. Den Kopf hielt sie gesenkt, einzelne Schluchzer schüttelten ihren Körper weiter durch.

Ich lächelte nachsichtig und beschwor mein Pferd. Als Stork erhaben neben uns stand, mit schwarzem, glänzendem Fell, wieherte er mir erfreut zu.



Bei meinem kleinen Schützling hatte die Faszination über die Scham gesiegt, wodurch sie – an ein Mäuschen erinnernd – zwischen dem offenen, verfilzten, dunklen Haar hervorspähte, welches ihr zu beiden Seiten des Gesichtes hing, und die Augen sich in zwei grosse Untertassen verwandelten. „W…wa…s …?“

„Das ist Stork“, erklärte ich ruhig und tätschelte dem alten Hengst lächelnd den Hals. „Er ist vor vielen Jahren gestorben. Da habe ich seine Seele zu einem kleinen Teil mit meiner verschmolzen. So dient er mir heute als Seelentier.“

Ihr Mund war leicht geöffnet. „Er ist wunderschön“, hauchte sie und streckte nur leicht, und vermutlich unterbewusst, die Hand nach seinem Rücken aus. Ich nickte ihr ermutigend zu, sodass sie ihre Hand schliesslich sachte auf sein Fell legte. Erschrocken zuckte sie zurück. „Er ist kalt!“

„Richtig. Er ist tot. Weder braucht er Schlaf, Nahrung oder Pflege. Ganz ähnlich wie wir Vampire, wenn ich so überlege.“

Erschrocken sah sie mich an. „Vampire sind auch tot?“

Mein Kopf legte sich leicht schief. „Nicht wirklich …“ Es hatte aber auch keinen Sinn, sie anzulügen. „Wir haben keinen Herzschlag, müssen nicht atmen. Aber wir haben das Bedürfnis zu leben, wir ernähren uns und das Wichtigste“, sachte deutete ich auf ihre Brust, dahin, wo ihr Herz lag, „Wir haben eine Seele. Also, wenn du mich fragst: Nein, wir sind nicht tot.“

Nachdem mein Schützling noch ein wenig Zeit damit vertrödelt hatte, Stork zu streicheln und leise mit ihm zu reden, war ich aufgesessen, hatte sie vor mich aufs Pferd gehoben und Stork das Zeichen zum Start gegeben.

Nachdenklich hielt ich die kleine Jungvampirin im Arm fest an mich gedrückt und versuchte ihr in der kalten Nacht zumindest ein wenig Wärme zu spenden. Mir machte die Kälte nicht mehr so viel aus wie früher, doch sie war noch so jung und empfindlich.

Immer wieder plagte mich die Frage nach ihrer Herkunft, nach ihrer Verwandlung und dem Leben, das sie bisher geführt hatte. Hatte sie Familie? Einen Ehemann? Kinder? Wie alt war sie überhaupt? Von der körperlichen Entwicklung her könnte sie fast noch ein Kind sein. Aber sie wirkte nicht wie eins.

Meine Gedanken verstummten erst, als wir die Vampirlande, das Reich von König Kelevan, erreichten. Genral. Wir befanden uns zwar noch um die drei bis vier Tagesritte von der Königsstadt entfernt, jedoch war das Nähren nun um einiges einfacher und unauffälliger. Auf dem Weg bis zur Grenze war uns das Glück wohlgesinnt gewesen. Weder wurden wir von Banditen überfallen noch von feindlichen Truppen erwischt. Gegen ein paar Banditen hätte ich uns zwar gut verteidigen können, aber gegen eine grössere Übermacht, im schlimmsten Fall ausgebildet und bewaffnet, hätte selbst ich keine Chance gehabt. Nicht, wenn ich währenddessen noch auf sie hätte aufpassen müssen.



 

Als wir schliesslich in ein kleines Grenzdorf einritten, kurz nach der offiziellen Grenze der Vampirlande, entdecke ich schnell das Haus des Dorfvorstehers. Es war, so wie eigentlich immer, das ausnahmslos grösste Gebäude im Dorf, auch wenn dieses hier wahrlich meine Erwartungen zu übertreffen wusste.

Vorsichtig stieg ich vom Pferd. Der Kleinen half ich herunter. Sie hatte sich während des Ritts ausgeruht, war sogar für einige Augenblicke eingeschlafen. Ob es die Wärme, die Zeit, die Fürsorge, die Umarmung oder einfach die Ruhe gewesen war, spielte schlussendlich keine Rolle. Hauptsache, es ging ihr wieder besser. Allerdings bereitete mir ihre Körperspannung Sorgen. Sie musste trinken. Aber auch ich sollte langsam wieder menschliches Rot zu mir nehmen und mich stärken.

Langsam ging ich auf die Haustür zu; meinen Schützling nahe bei mir haltend. Normalerweise war es der Dorfvorsteher, welcher die Blutspenden kontrollierte. Er teilte einem einen freiwilligen Spender des Dorfes zu, sorgte aber auch dafür, dass nicht zu oft der gleiche Bewohner zur Ader gelassen wurde.

Bei der Tür angekommen, klopfte ich an. Es war früher Morgen; das Dorf lag in hallender Stille. Im oberen Stock regte sich etwas, kurz darauf ertönten Geräusche. Eine leise Exklamation von Flüchen verkündete die Erregung des Hausherren. Bald darauf erschien diese sichtlich verschlafen an der Tür.

„Guten Morgen …“, brachte er gähnend hervor, in einer Hand eine Öllampe haltend, mit der er mir nun unanständig nahe ans Gesicht kam. „Oh, Vampire. Na dann, kommt nur herein.“

Mit einem leichten Stirnrunzeln betrat ich das Haus. Die leisen Schritte meines Schützlings folgten mir zögerlich. Das Innere des Hauses wies auf eine gut laufende Wirtschaft hin, denn es sah um einiges wohnlicher und … beeindruckender aus, als es normalerweise in solch kleinen Dörfern, die direkt an der Grenze zum Feindesland lagen, der Fall war.

Mein Blick fiel auf den Hausherren. Ein edles Nachtgewand hing ihm vom Körper, das den Gewandungen des Adelsstands Konkurrenz machte. Der Mann war sichtlich korpulent, die Wangen waren ungesund rosig und er trug ein falsches Lächeln auf den Lippen, das einem eine Gänsehaut bescherte.



Der Herr hatte es mir gleichgetan und mich unverhohlen gemustert. Bei meinen roten Augen war er hängen geblieben. „Wie kann ich Euch behilflich sein, werter Herr …?“, setzte der Mensch mit schleimiger Stimme an.

Vorsichtig spähte ich durch den Raum. Ich hatte kein gutes Gefühl hier. Aber sowohl mein Schützling als auch ich brauchten Blut und dies war der Mann, der es uns beschaffen würde. „Ich und mein Abkömmling würden uns gerne des Gesetzes bezüglich der Blutaufnahme Reisender bedienen“, erklärte ich förmlich, nahm aber auch kein Blatt vor den Mund und machte damit meinen Standpunkt klar. Meinen Namen brauchte er nicht zu wissen. Dafür war dieser Mann mir zu elend und sein Lächeln zu falsch. Er hatte keine direkte Gegenleistung zu erwarten, was er aber tat, denn er suchte meinen Körper mit gierigen Augen nach meinem Goldbeutel ab.

Als er nicht fündig wurde, da ich nicht so dumm war, mein Gold offen zur Schau zu stellen, hob er den Kopf und sah mir respektlos in die Augen. „Dafür müsst Ihr aber aufkommen können.“

Wie erwartet. Was ich aber nicht erwartet hatte, war, dass er wirklich so dumm wäre, das bei mir zu versuchen. Er hatte anderen, unwissenden Vampiren mit dieser Masche sicher einiges an Gold aus der Tasche gezogen. Doch das Gesetz dahingehend war klar und das wusste er so gut wie ich. „Ich befürchte, da liegt ihr falsch“, antwortete ich also trocken und behielt meinen ernsten Gesichtsausdruck bei. Ich sah schon vor mir, wie sich seine scheinfreundlichen Gesichtszüge bei meinem nächsten Satz in Luft auflösten. „Das Gesetz sagt klar, dass der Vampirkönig euch in Zeiten der Not hilft und euch beschützt. Dafür zahlt ihr Menschen mit Blut, wenn ein Vampir nach welchem verlangt. Das solltet Ihr eigentlich wissen. Gerade als Dorfvorsteher und damit Verantwortlicher in diesen Belangen.“ Einen Moment gab ich ihm, um die Tatsache sacken zu lassen, dass ich mir sehr wohl über die Gesetzgebung im Klaren war.

Was aber fehlte, ist das Verschwinden des Grinsens in seinem Gesicht. Dieses zierte seine Visage wenig später immer noch und wurde mir keinesfalls sympathischer.

„Ich werde den König über Eure Unzulänglichkeit und Eure mangelnde Gesetzeskenntnis informieren müssen“, ging ich nun gespielt nachdenklich an. Natürlich würde er das zu verhindern versuchen, indem er mir jetzt genau das gab, weswegen ich gekommen war. Dem König würde ich es trotzdem weiterleiten, denn das, was er hier betrieb, war fern jedes Gesetzes oder Rechts.



„Oh, das wird nicht nötig sein, mein Lieber.“

Wie bitte? Mein Lieber? Wäre da nicht gerade ein verängstigter, müder Schützling hinter mir, bekäme der Mann längst keine Luft mehr und hätte eine Hand um seine Kehle liegen.

Eine Berührung am Arm liess meinen Kopf herumdrehen. Mein Mädchen schaute mich an, schluckte und flehte mich mit den Augen förmlich an, wieder zu gehen.

„Ich kümmere mich schnell darum“, erklärte ich ihr leise. Ein Lächeln unterdrückend, wandte ich mich von ihr ab. Ach Götter, war sie süss! Und so völlig verschlafen. Meine Begeisterung verging jedoch schnell, als ich zu dem korpulenten Scheinheiligen hinüberschaute, der jetzt mit einer Armbrust direkt auf mein Herz zielte.

Was zum …? Wie konnte ich nicht mitbekommen, dass er sich bewegt hatte? Das hätte ich hören müssen!

Dann ertönte neben mir ein Schreckensschrei und mit einem Blick zur Seite sah ich, dass die Kleine von einem anderen Mann fest von hinten umschlungen wurde, ein Messer an der Kehle. Leider war sie wegen des Blutmangels und auch durch den Zustand, in dem ich sie gefunden hatte, noch viel zu schwach, um sich wirklich selbst zu wehren. Verdammt! Ich war zwar ein Vampir, und ein relativ alter noch dazu, aber gegen einen Pfeil im Herzen hatte auch ich das Nachsehen!

„Richtig erkannt, du schäbiger Vampir. Du hast keine Chance. Auf einen deiner Sorte haben wir wahrlich schon lange gewartet. Rote Augen. Wie schön! Dein Blut könnten wir zu dem dreifachen Preis verkaufen!“ Ein breites, hässliches Grinsen hatte sich auf das Gesicht des Dorfvorstehers gelegt.

Aber was wollte er mit meinem Blut? Vampirblut hatte keinen Nutzen, ausser bei der Verwandlung neuer Vampire, was ohne den Vampir und dessen Gift aber wiederum nutzlos war.

„Und deine kleine Freundin hier wird einen ausgezeichneten Preis auf dem Sklavenmarkt bringen. Vielleicht haben wir vorher sogar noch etwas Spass mit ihr. Was denkst du, Fredi?“ Letztere Worte gingen an den Mann, der meiner Kleinen das Messer an den Hals hielt. Und die Worte machten mich stinksauer!

Was aber noch weitaus schlimmer war, war der Gesichtsausdruck meines kleinen Mäuschens! Meiner Schutzbefohlenen, die ich gerade nicht beschützen konnte! Wäre da nicht ein Messer an ihrem Hals, wäre ich innert eines Augenniederschlags hinter dem Schleimbolzen und hätte ihn enthauptet. Und den anderen Kerl gleich danach. Aber in dieser Situation konnte ich nicht uns beide gefahrlos retten und ich war weder bereit, sie sterben zu lassen, noch selbst den Löffel abzugeben. Ohne mich käme sie nämlich auch nicht mehr besonders weit. Also hiess es vorerst kooperieren.



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