Kapitel 11 – Ein neuer Schützling
Kapitel 11 – Ein neuer Schützling
Rjna
„Komm schon. Na komm. Trink! Mund auf, Kleine, mach schon!“, drang es verzweifelt zu mir hin. Wieso? Hatte ich etwas falsch gemacht? In mir war es gerade so leer … Wieso fühlte ich nichts? War ich schon wieder im Nichts? Kurz meinte ich, wirklich wieder in diesem Nichts zu stehen. Ich bildete mir sogar ein, diese geschlechtlose, emotionslose Stimme wieder gehört zu haben. Und sie war wirklich nicht sehr erfreut gewesen, mich wieder dazuhaben.
Aber jetzt war ich nicht mehr da. Da war nicht mehr nur Schwärze. Da war auch ein Schimmer … Licht? Und da ein Geruch, der mich lockte, meine Nasenflügel zum Beben brachte und mich mit meiner Zunge über die Lippen lecken liess.
In einer unkontrollierten Bewegung zuckte ich zu dem Geruch hin und fand mich kurz darauf mit den Lippen an etwas Warmem wieder. Gierig fuhr meine Zunge aus meinem Mund, um das, was auch immer da war, in mich aufzunehmen und auch ja nichts zu verschütten. Mich erfasste eine unfassbare Geschmacksexplosion. Kurz darauf glitt mir die Flüssigkeit auch schon die Kehle hinunter. Das war besser als Suppe. Das war so viel besser als Suppe! Eigentlich, besser als alles, was ich je zuvor zu mir genommen hatte!
Gierig nahm ich Schluck für Schluck in mich auf und genoss das Gefühl meiner benetzten Kehle. Es war schon viel zu lange her, seitdem ich zuletzt etwas getrunken hatte. Es hätte auch dreckiges Wasser aus einem moosbewachsenen Sumpf sein können und ich hätte mich dafür auf Knien bedankt. Aber das hier … Ich vollendete den Gedanken mit einem genussvollen Stöhnen. Wieder schnellte meine Zunge heraus, um mehr davon zu bekommen. War das leicht salzig im Abgang? Dabei war Salz so schwierig zu bekommen!
„Ruhig, meine Kleine.“ Diese Stimme war angenehm beruhigend. Sie hatte etwas Meditatives an sich. Aber eigentlich hatte ich keine Lust, mich zu beruhigen. Stattdessen bemerkte ich, wie wieder Leben in meinen Körper floss. Eine Sekunde später hatte ich meine Arme erhoben und das, woraus ich da auch immer trank, mit festem Griff gepackt und an mich gedrückt. Meine Zähne schlug ich, rein aus Instinkt heraus, in das, was ich hier gerade verköstigte.
„Kleine. Aufhören.“
Knurrend tat ich meinen Widerwillen kund. Ich dachte nicht einmal daran, abzulassen. Meine Augen noch immer fest zusammengepresst, genoss ich die Wärme, die diese Flüssigkeit mir verschaffte. Ausserdem fühlte ich mich seltsam satt und dass, obwohl ich nichts gegessen hatte. Aber ein wenig mehr konnte nicht schaden.
„Sofort aufhören! Du verfällst dem Blutrausch, wenn du jetzt nicht stoppst!“ Diesesmal war die Stimme lauter. Aber die Worte drangen nicht einmal ansatzweise zu mir durch. Ich hatte so lange kein Essen gehabt! Meine ganze Kindheit hatte ich mit Hunger im Bauch und kläglichen Ausreden für Suppen gelebt! Dann wurde ich gefangen genommen, als Blutsklavin gehalten und musste mit noch weniger Essen zurechtkommen! Nein, ich hörte ganz sicher nicht auf.
Unsanft wurde ich von meinem Essen getrennt, sodass ich hart auf meinem Hintern im Dreck landete. Verwirrt sah ich auf. Da stand ein Mann vor mir. Gross, braunes, schulterlanges Haar. Hatte ich ihn schon einmal gesehen? Er kam mir irgendwie vertraut vor. Mein Blick fiel auf seine Stiefel, seinen Gürtel, sein Gesicht, seine Iriden! Plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Der Dolch, das Schwert, die Stiefel! Alles gefertigt wie nur ein Reicher, ein Adeliger es tragen könnte! Und dann die roten Augen!
Töte mich.
Wer hat dir das angetan?
Die Situation prasselte auf mich ein, als stünde ich im strömenden Regen. Atmen war eine Kunst, die ich verlernt hatte. Als ich mir vor Aufregung ans Herz griff und auch dort nichts spüren konnte, geriet ich vollständig in Panik. Mein Herz sollte donnern! Wieso tat es nichts? Mein Atem sollte sich beschleunigen, überschlagen, doch, wo blieben meine schnellen Atemzüge? Wo das flatternde Herz?!
Offenbar gab ich ein lustiges Schauspiel ab, denn der rotäugige Mann vor mir hob eine Augenbraue und sah mich skeptisch an. Mein Blick fiel auf die Stelle neben ihm. Da lag ein Mann, oder eher ein toter Mann, eine Leiche, in zerrissenen Klamotten und mit dreckiger und von Staub beschmutzter Haut! Erschrocken zog ich die Luft ein. Er war vermutlich ein verarmter Bauer. Und er hatte einen scheusslich grausamen Biss, wie ich sie nur zu gut von meinem eigenen Körper kannte, am Hals!
„Verdammt!“, zischte der Mann vor mir und stellte sich selbst blitzartig zwischen mich und die Leiche, sodass mir der Blick darauf verwehrt blieb.
Einen Moment lang blieben meine Augen an Ort und Stelle und starrten durch den Mann hindurch. Dahin, wo der leblose Körper noch immer lag. Dann sah ich wieder zu dem Mann vor mir. Dem Mann mit Augen rot wie Blut. Eins und eins zusammen zählen konnte ich. Ich drehte mich um und rannte. Keine Ahnung wohin, keine Ahnung, was ich dann machen sollte. Aber ich wollte nicht schon wieder als Sklavin eines Vampirs enden! Oder so wie dieser arme Tropf da eben! Nein!
Besonders weit war ich nicht gekommen, als ich schon spürte, wie meine Taille umschlungen und ich zurückgezogen wurde. Angst überrannte meinen Körper und meine Beine fingen zu schlottern an.
„Beruhige dich, Kleine! Du wolltest nicht aufhören, da musste ich ihn dir entreissen.“ Was? „Du darfst dich dem Durst nicht so hingeben. Du musst ihn kontrollieren. Aber keine Sorge, ich werde dir zeigen, wie das geht.“
Starr vor Schreck hatte mein Blick wieder die Leiche gefunden. Jetzt glitt er ganz langsam zu dem fremden Mann. Direkt in seine roten Augen. Seine Augenbrauen schossen hoch und sein Griff wurde ruckartig etwas schwächer, so als ob ich ihm Angst eingejagt hätte. Als ob er etwas wüsste, was ich nicht wusste. Sowohl Fassungslosigkeit als auch Erstaunen lagen in seinem Blick. Wie gebannt blieb er stehen und regte sich nicht. Er starrte nur wie gebannt in meine Augen.
Es dauerte eine Weile, bis ich mich wieder gefasst hatte. Dann bemerkte ich, wie unglaublich wütend ich war. Er hatte einen Menschen getötet! Und mich hielt er fest, als wäre ich die Nächste! „Was willst du von mir? Vampir?“, zischte ich verachtend und versuchte erst gar nicht den Hass, den ich auf ihn und seine Spezies empfand, zu verbergen. Ich spukte das Wort wörtlich aus.
Das entlockte ihm jedoch, anders als erwartet, nur ein herzhaftes Lachen. Sobald er sich beruhigt hatte, erklärte er, noch immer ein Schmunzeln auf den Lippen: „Ich, meine Liebe, versuche dir zu helfen. Ich habe dich aus dem Wald gebracht, dir etwas zu Essen besorgt und … deine Blösse etwas gemindert. Auch wenn ich noch keine Schuhe für dich auftreiben konnte. Also auf was davon bist du genau wütend?“
Mit offenem Mund hielt ich inne. Jetzt war ich es nämlich, die geschockt war. Und jetzt erst fiel mir auch der kuschelige, warme Mantel auf, der um meinen Körper geschlungen war. Irritiert blickte ich zu dem Mann hoch. Er war wirklich gross, sodass ich meinen Kopf in den Nacken legen musste. Immer wieder zuckte mein Blick zu dem Toten hin. Leise fragte ich schliesslich: „Aber … was ist mit dem Mann? Wieso habt Ihr das getan?“
Erkenntnis flackerte in seinen Augen auf und resultierte kurz darauf in betretenem Schweigen. Jetzt schien ihm etwas unangenehm zu sein. Kein Wunder. Er hatte ohne Skrupel gemordet, den armen Kerl ausgetrunken und sich damit gesättigt, während der arme Mann keine Chance gegen ihn gehabt hatte!
„Kleine …“, begann er zögerlich. „Das war nicht ich.“ Er zeigte auf sich und schüttelte leicht den Kopf. „Das warst du.“ Jetzt deutete seine Hand in meine Richtung.
Das liess mich einen Schritt zurückgehen und taumeln. Das … war gelogen. Das … musste es sein! „Lügner!“, schrie ich ihn aus voller Kehle an, woraufhin sich seine Augen weiteten. „Ich könnte sowas nicht tun! Ich habe keine verdammten Fangzähne und …!“ Demonstrativ hatte ich meine Zeigefinger an meine Eckzähne geführt. Ein Schmerz überraschte mich und liess mich zusammenzucken. Kurz darauf starrte ich fassungslos auf meinen blutenden Finger. Was war nur mit mir passiert? Selbst in meinem Kopf klang meine Stimme weinerlich und ängstlich. Was hatte ich getan?
„Du bist ein Vampir, Kleines.“
Nein! Nein, nein, nein! Das war doch wohl ein Scherz! Zu meinem Leidwesen lachte er aber nicht. Und die Verletzung an meinem Finger stammte wohl kaum von normalen Eckzähnen, wie ein Mensch sie hatte. Grinsebacke! Grinse … ahhhhh! Wieso hatte er mich nicht einfach töten können? Oder war er am Ende gar nicht derjenige, der das zu verantworten hatte? Hatte Lord Drego mich in seine Finger bekommen? Stossweise atmend, hatte ich meine Hände an die Seiten meines Kopfes gepresst. Ich verstand das alles nicht!
„Keine Sorge. Ich werde dir helfen, wo ich nur kann. Und allein lassen werde ich dich auch nicht. Ich werde … ich werde den Part deines Vampirmeisters einnehmen, auch wenn du nicht von mir abstammst. Es ist nicht richtig, jemanden zu verwandeln und ihm dann nicht dabei zu helfen, sich zurechtzufinden!“ Beim letzten Teil hatte sich seine Stimme mit ungeheuerlicher Wut gefüllt. Schlagartig wich ich einen Schritt zurück. „Tut mir leid“, murmelte er versöhnlich, beide Hände gehoben, als spreche er mit einem scheuen Tier. „Ich wollte dich nicht erschrecken. Aber es gibt da einige Dinge, die wir besprechen sollten. Das sollten wir jedoch besser an einem ruhigeren Ort machen.“
Ich drehte meinen Kopf herum. Oh. Wir befanden uns nur knapp ausserhalb eines kleinen Dorfes, im Schutze eines kleinen Hügels, der uns vor dem Dorf verborgen hielt. Prüfend wandte ich meinen Blick zu meinem Gegenüber, die Stirn hatte ich in Falten gelegt. „Ihr … wollt mir nicht weh tun?“, fragte ich angestrengt. Fleissig überlegte ich, was ich sonst machen sollte. Wenn ich seine Hilfe ablehnte … Aber konnte ich das überhaupt?
„Nein. Ich will dir nur helfen, dich in deinem neuen Leben zurechtzufinden. Das wird einige Zeit dauern und normalerweise übernimmt derjenige die Aufgabe, der dich auch verwandelt hat …“ In diesem Moment spürte ich erneut diese Wut, die von ihm ausging. „Jedoch hat dich dein Erschaffer allein gelassen. Ich habe dich gefunden und ich fühle mich für dich verantwortlich. Ausserdem bist du ein Mädchen. Es kommt nicht infrage, dich allein und schutzlos hier zurückzulassen.“
Der letzte Teil der Ansprache gefiel mir nicht. Es hörte sich so an, als wolle man mich so schnell wie möglich loswerden. Mich verheiraten, weil ich nur ein Objekt war, welches jedem zur Last fiel. Dennoch entschied ich mich, vorerst mit ihm zu gehen. Was hatte ich denn gross für eine andere Wahl? Allerdings … würde ich zurückkommen und mich rächen. Ich war mir sicher, dass es Grinsebacke war, der mich zu diesem Ding gemacht hatte. Und ausserdem hatten sie Fredis Tod zu verantworten! Die ganze Gruppe! Beim Gedanken an meine kleine Schwester stiegen mir die Tränen in die Augen. Aber ich würde nicht mehr klein beigeben!
Dein Schicksal bleibt nicht ungesühnt, kleine Schwester. Das schwöre ich dir.



























































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